Das alte Schloß bei der Stadt Hrodna/Grodno (Belarus) oberhalb des Flusses Nioman/Memel am 21.11.2024. 

In den Frontstaten beiderseits des neuen Eisernen Vorhangs

 

Eindrücke einer Reise nach Belarus

 
 Ein Reiseerlebnisbericht von Manfred Suchan 


1.  Einleitung 

 

Die Berliner Mauer (1) trennte 28 Jahre lang vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 den westlichen Teil der Metropole Berlin vom östlichen Teil (2). Diese Trennung innerhalb Berlins setzte sich fort zum Einen in der Trennung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, zum Anderen in der Spaltung Europas in eine westliche und eine östliche, „real-sozialistische“ Hälfte durch den sogenannten „Eisernen Vorhang“ (3), und des Weiteren in der Bipolarität des internationalen Staatensystems in Zeitalter des Ost-West-Konflikts (4) und der Blockkonfrontation. 

 

Heute besteht auf dem ehemaligen Mauerstreifen der Metropole Berlin ein Grünzug, das „Grüne Band Berlin“ (5), entlang dem der Mauerradweg (6) verläuft. Vom Mauerradweg aus hat man Anschluß an das Radweg-Knotenpunktsystem von Brandenburg sowie an das europäische Radrouten-Netz „Eurovelo“ (7). Der ehemalige Mauerstreifen bildet eine ausgeprägte Siedlungs- und Bebauungsgrenze, die als „Stadtkante“ den urbanen Raum der Metropole Berlin vom umgebenen Ländlichen Raum Brandenburgs trennt. Diese „Stadtkante“ mit dem Mauerstreifen bildet zugleich eine markante klimageografische Grenze, die das wärmere Stadtklima der Metropole Berlin vom kühleren Klima des umgebenden Ländlichen Raumes Brandenburgs trennt. Der Grünzug des ehemaligen Mauerstreifens, das „Grüne Band Berlin“, schafft in einer intensiv genutzten Agrarlandschaft und einer intensiv bebauten Stadtlandschaft einen Biotopverbund (8). In größerem Maßstab werden solche Biotopverbunde durch des „Grüne Band Deutschland“ (9) entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze geschaffen, sowie durch das „Grüne Band Europa“ (10), das entlang dem naturnah belassenen Grenzstreifen des ehemaligen „Eisernen Vorhanges“ durch Europa über eine Gesamtlänge von über 12.500 Kilometern verläuft. 

 

Globalhistorisch betrachtet endete 1989 mit der Öffnung der Berliner Mauer vor 35 Jahren das kurze, extreme 20. Jahrhundert (11), das mit dem Ersten Weltkrieg als der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts begonnen hatte. Der „Mauerfall“ (12) war Folge der Forderung nach Reisefreiheit (13), und diese Reisefreiheit war in Folge des Ersten Weltkriegs weltweit weitgehend verloren gegangen. Dieser weltweite Verlust der Reisefreiheit ist ein Element, das das 20. Jahrhundert zu einem extremen Jahrhundert macht. 

 

Aufgrund des Fortbestandes wesentlicher, für das extreme 20. Jahrhundert typischer Merkmale (14) hält das extreme 20. Jahrhundert jedoch bis heute weiter an, und es erfährt seine technologische Modernisierung. Es mangelt an zukunftsweisenden Alternativen, und ein Wechsel der Agenda (15) steht noch aus, sodaß der Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung (16) in seinem Text: „Geopolitik nach dem Kalten Krieg: ein Essay zur Agendatheorie“ zu der Schlußfolgerung gelangt, „daß die politische Klasse dieser Erde ein momentanes geopolitisches Agendavakuum mit unvollendeten Agenden der Vergangenheit füllt (…). Die politische Klasse hat nicht umgedacht, und das liegt nur teilweise daran, daß sie keine Zeit für kreative Aktivitäten hatte“ (17). Noch erfolgte kein vollständiger historischer Bruch mit dem extremen 20. Jahrhundert und es erfolgte keine vollständige Revision (18) der dieses extreme 20. Jahrhundert ermöglichenden Ideen und Konzepte, da wesentliche, das extreme 20. Jahrhundert prägende und konstituierende Merkmale fortbestehen, sodaß sich das extreme 20. Jahrhundert heute digitaltechnisch modernisiert ins 21. Jahrhundert verlängert und die abschließende Historisierung des extremen 20. Jahrhunderts durch den Historiker Eric Hobsbawm (1917–2012) als „Das Zeitalter der Extreme“ (19) zu früh erfolgt ist. Wie die auch nach der vermeintlichen Epochenwende 1989/90 fortbestehenden Krisen, Konflikte und Kriege zeigen, setzt sich das extreme 20. Jahrhundert als „Zeitalter der Extreme“ vielmehr im 21. Jahrhundert weiter fort, da wesentliche das extreme 20. Jahrhundert prägende Merkmale weiter fortbestehen, diese sich einem historischen Bruch verweigern und ihre Kontinuität ins 21. Jahrhundert verlängern.

 

1989/90 bestand die Hoffnung auf ein neues Zeitalter des Friedens und der Kooperation. Doch heute finden wieder Geopolitik (20) und Machtpolitik statt. Eine kritische Reflektion der seit 1989/90 erfolgten Entwicklungen erfolgt jedoch kaum. Eine Bilanz der seit 1989/90 erfolgten Entwicklungen ist desaströs: Europa hat sich von den Intentionen des KSZE-Prozesses (21) verabschiedet. Ein neuer Kalter Krieg ist entstanden (22). Heute ist Europa wieder gespalten und wird von einem neuen „Eisernen Vorhang“ durchzogen, der entlang der östlichen Außengrenzen der Europäischen Union verläuft. 

 

Während die Mauergesellschaft in der ehemaligen Mauerstadt Berlin aus Anlaß von „35 Jahren Mauerfall“ (23) am 09.11.2024 aufgefordert wird: „Haltet die Freiheit hoch!“, wird hingegen mit der feststellbaren Zunahme globaler Krisen und dem Anwachsen geopolitischer Rivalitäten und Spannungen das Bestreben der Staaten zu zunehmender Überwachung, Kontrolle und sozialtechnischer Zurichtung der Bevölkerung zunehmen (24), sodaß bei realistischer Betrachtung der globalen Entwicklungen wir im digitaltechnischen Zeitalter unsere Freiheit einschließlich der Reisefreiheit möglicherweise vollständig und dauerhaft verlieren werden (25). Die gegenwärtigen Entwicklungen sind allgemein und weltweit und insbesondere auch in Europa von totalitären Tendenzen, zunehmender Repression und der Elimination von Alternativen geprägt. 

 

Die eingeschränkte Sicht und der begrenzte Horizont, der in diesem Jahr 2024 anläßlich von „35 Jahren Mauerfall“ in der Mauerstadt Berlin deutlich wurde, muß eine Herausforderung sein, den beschränkten Blick einer Berliner Mauergesellschaft zu überwinden, um sich selbst ein Bild von den Verhältnissen in Europa zu machen, insbesondere von den Verhältnissen in den Frontstaaten beiderseits des neuen „Eisernen Vorhangs“, der heute erneut Europa spaltet. Eine Reise ist geeignet, sich selbst ein Bild zu machen, jenseits der Propaganda der Massenmedien. Für den Zeitraum vom 19.07.2024 bis zum 31.12.2024 hat die Regierung der Republik Belarus (26) visafreies Reisen nach Belarus für die Bürger von 34 Ländern einschließlich der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht (27). Explizit die Bürger der Bundesrepublik Deutschland werden zu einer Reise nach Belarus eingeladen (28). Der Zeitraum des einseitig gewährten visafreien Reisens für eine Reisedauer von bis zu 30 Tagen nach Belarus wurde bis zum 31.12.2025 verlängert. Zweifellos knüpft die einseitig verkündete Visafreiheit an die Intentionen des KSZE-Prozesses an, und sie ist in Zeiten zunehmender Spannungen in Europa ein Beitrag zur Entspannungspolitik (29). 

 

Diese einseitig gewährte Möglichkeit visafreien Reisens nutzte ich im November 2024 für eine Reise nach Belarus. Dabei besuchte ich in Form einer Rundreise per Reisebus von Berlin aus vier Städte in den Frontstaaten beiderseits des neuen Eisernen Vorhangs: Vilnius, Minsk, Hrodna/Grodno und Bialystok.

 

 

2.  Inhalt

 

  1. Einleitung                                                                                              

  2. Inhalt                                                                                                  

  3. 35 Jahre Mauerfall                                                                                 

  4. Entspannungspolitik und Reisefreiheit                                                   

  5. Auf der „Autobahn der Freiheit“ in die östliche Ostseeregion                 

  6. Vilnius, ein Stadtschicksal im extremen 20. Jahrhundert                       

  7. Das Ende der Reisefreiheit im extremen 20. Jahrhundert                      

  8. Užupis und die Relevanz von Alternativkultur in Europa                        

  9. Geopolitik und die alternativlose Affirmation des Bestehenden             

10. Minsk, eine Heldenstadt des real-existierenden Sozialismus                   

11. Hrodna/Grodno und die Auflösung des Staates Polen-Litauen                

12. Bialystok oder: Sibirien als wahrnehmungsgeographische Kategorie     

13. Anmerkungen                                                                                         

 

 

3.  35 Jahre Mauerfall 

 

Die Öffnung der Berliner Mauer in der Nacht von Donnerstag, dem 9. November 1989, auf Freitag, den 10. November 1989, war die Folge der Forderung nach Reisefreiheit. Dieser „Mauerfall“ am 09.11.1989 in Berlin kann zweifellos als das bedeutendste Ereignis während der friedlichen Revolution in der DDR (30) gelten. In Folge und aus Anlaß des „Mauerfalls“ am 09.11.1989 finden im Zentrum der ehemaligen Mauerstadt Berlin in regelmäßiger Folge und insbesondere alle fünf Jahre in größerem Umfang staatsoffizielle Veranstaltungen und Events statt, und so auch im Jahr 2024 anläßlich von „35 Jahren Mauerfall“. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen war jedoch im Jahr 2024 noch mehr als in den Vorjahren nicht zu erwarten, daß es in diesem Rahmen eine kritische Reflektion der seit 1989/90 erfolgten Entwicklungen geben wird. Eine Bilanz dieser Entwicklungen ist desaströs: Europa hat sich von den Intentionen des KSZE-Prozesses verabschiedet. Heute ist Europa wieder gespalten und wird von einem neuen „Eisernen Vorhang“ durchzogen, der entlang der östlichen Außengrenzen der Europäischen Union verläuft. Ein neuer Kalter Krieg ist in der Ukraine in einen „heißen“ Krieg übergegangen. 1989/90 bestand die Hoffnung auf ein neues Zeitalter des Friedens und der Kooperation. Doch heute finden wieder Geopolitik und Machtpolitik statt. Es ist eine neue Zuspitzung von globalen Gegensätzen zwischen Machtblöcken feststellbar, vergleichbar mit dem Zeitalter des Imperialismus, das in zwei Weltkriegen gipfelte, und es findet gerade ein „Wettlauf“ (scramble) (31) um eine Neuverteilung raumrelevanter Interessen- und Einflußzonen zur zukünftigen Absicherung von Herrschaftsansprüchen statt. Die gegenwärtigen Entwicklungen sind allgemein und weltweit und insbesondere auch in Europa von totalitären Tendenzen, zunehmender Repression und der Elimination von Alternativen geprägt. 

 

Bei den Ereignissen der Jahre 1989/90 sind vier Ebenen zu unterscheiden: Berlin, Deutschland, Europa, Welt. Die Organisatoren des Events „35 Jahren Mauerfall“ im Jahre 2024 beschränkten sich jedoch weitgehend auf die Ebene Berlins als „Mauergesellschaft“ einer „Mauerstadt“, sodaß die Sicht auf die Ereignisse und Entwicklungen in ihrer Gesamtheit beengt und beschränkt, piefig und provinziell bleiben mußte. Die Mauer, die sowohl Berlin (West) als auch die DDR umschloß, bildete ein konzentrisches System von Inklusionen und Exklusionen, und sie begrenzte und beschränkte den Horizont der Weltsicht der jeweils Eingeschlossenen sowohl in Berlin (West) als auch in der DDR. Mit dieser Horizontbegrenzung prägte und präformierte die Berliner Mauer nachhaltig und bis heute das Weltbild und die Weltanschauung der Eingeschlossenen sowohl im Westteil, als auch im Ostteil der Mauerstadt Berlin, und diese Horizontbegrenzung ist das herausragende Merkmal, das die urbane Gesellschaft der Mauerstadt Berlin zur Mauergesellschaft macht (31a). 

 

Dahingegen hatte es vor 10 Jahren anläßlich von „25 Jahren Mauerfall“ im Jahre 2014 noch verschiedene Beiträge und Reden mit einer kritischen Reflektion der seit 1989/90 erfolgten Entwicklungen gegeben, darunter eine Rede von Michail S. Gorbatschow (32). Mit Blick auf den Ukraine-Konflikt sagte Gorbatschow: „Die Welt ist an der Schwelle zu einem neuen Kalten Krieg. Manche sagen, er hat schon begonnen.“ In den vergangenen Monaten habe sich ein „Zusammenbruch des Vertrauens“ vollzogen. Die Ereignisse seien die Konsequenzen aus einer kurzsichtigen Politik. Es sei der Versuch, vollendete Tatsachen zu schaffen und die Interessen des Partners zu ignorieren. Gorbatschow warf dem Westen und insbesondere den USA vor, ihre Versprechen nach der Wende 1989 nicht gehalten zu haben. Stattdessen habe man sich zum Sieger im Kalten Krieg erklärt und Vorteile aus Russlands Schwäche gezogen. Die Vertrauenskrise belaste auch die Beziehungen zu Deutschland. „Hier in Berlin, zum Jahrestag des Mauerfalls, muss ich feststellen, dass all dies auch negative Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland hat“, sagte Gorbatschow. „Lasst uns daran erinnern, dass es ohne deutsch-russische Partnerschaft keine Sicherheit in Europa geben kann.“ Bereits in den neunziger Jahren habe der Westen begonnen, im Verhältnis zu Russland das Vertrauen zu untergraben, das die friedliche Revolution in Deutschland und in Osteuropa möglich gemacht habe. Gorbatschow nennt Beispiele, an denen sich die Geringschätzung Russlands durch den Westen ablesen lasse: Die Jugoslawienkriege (33) und der Weg zur Nato-Erweiterung (34), außerdem Irak, Libyen, Syrien. „Und wer leidet am meisten unter der Entwicklung? Es ist Europa, unser gemeinsames Haus.“

 

Im Programm des Jahres 2024 war Vergleichbares nicht zu finden. Im Zentrum des Events im Jahre 2024 anläßlich von „35 Jahren Mauerfall“ unter dem Motto: „Haltet die Freiheit hoch“ stand eine Open Air Installation mit Plakaten und Transparenten, die über eine Distanz von vier Kilometern dem ehemaligen Verlauf der Mauer im Stadtzentrum folgte. In dieser Open Air Ausstellung machten die historischen Plakate, die im Rahmen der Ereignisse um 1989 entstanden, allerdings nur einen sehr kleinen Teil aus. Die Masse der ausgestellten Plakate wurde von einer Vielzahl von Personen kurz zuvor für diese Ausstellung gestaltet. 

 

Lediglich eine Ausstellung überschritt den begrenzten Blick auf die berliner Ereignisse und sie erweiterte den Horizont. Diese Ausstellung hat den Titel: „China ist nicht fern! – 35 Jahre Tiananmen“ (35). Thema dieser Ausstellung, die von einer „Axel Springer Freedom Fundation“ konzipiert wurde, ist die Demokratiebewegung in der Volksrepublik China und ihre Zerschlagung im Juni 1989 (36). Die Kenntnis dieser Ereignisse in der Volksrepublik China (37) ist in Europa bislang oberflächlich und lückenhaft, sodaß die Ausstellung einen Beitrag zur Aufklärung leistet. Diese Ausstellung ist dreisprachig konzipiert (chinesisch, englisch, deutsch), und anhand von Reportagen, Fotos und Zeitungsartikeln wird der Verlauf der Ereignisse dargestellt. Meines Erachtens kann die gewaltsame Niederschlagung der Demokratiebewegung in der VR China als das Bestreben der Staatsführung der VR China aufgefaßt werden, eine Übertragung der Reformpolitik von Michail S. Gorbatschow auf die VR China zu verhindern. In der DDR bestand im November 1989 kurzzeitig die Befürchtung, daß die Staatsführung der DDR sich zur Niederschlagung der Bürgerrechtsbewegung in der DDR an der gewaltsamen „chinesischen Lösung“ (38) orientieren würde, was dann glücklicherweise nicht erfolgte, und auch die Staatsführung der DDR setzte dann anders als in der VR China die Reformpolitik von Gorbatschow um, und zahlreiche ihrer Vertreter beteiligten sich an der friedlichen Revolution in der DDR (Beispiel: „Runder Tisch“ (39)). Die Ausstellung bietet zudem zahlreiche Beiträge von Zeitzeugen der Ereignisse in der VR China, wobei einige der Zeitzeugen die westlichen Länder kritisieren, da diese kritiklos mit der VR China Geschäfte machen, wobei durch das Wirtschaftswachstum in der VR China die Möglichkeiten der Staatsführung vermehrt würden, ihre Macht nach innen und außen auszuweiten. Mit dieser wachsenden Macht gewänne das „chinesische Modell“ der VR China weltweit zunehmend an Attraktivität. Folge sei, daß eine Demokratiebewegung in der VR China heute sehr viel weniger Chancen habe, als im Jahre 1989. 

 

Heute zeichnet sich ein zukünftiges neues globales Zeitalter der Bipolarität ab mit den Supermächten USA und VR China als Antagonisten. Die globale Attraktivität des „Chinesischen Modells“ besteht darin, daß es verspricht, auf sozialtechnischem Wege (Social Engineering) (40) und mittels der Möglichkeiten der digitalen Technik die vollkommen harmonische und konfliktfreie Gesellschaft zu schaffen, was Ziel des sogenannten „Sozialkredit-Systems“ (41) der VR China ist. Das „Sozialkredit-Systems“ der VR China ist ein „vollkommen neuzeitliches und modernes“ Konzept des Regierens moderner Massengesellschaften. Das „Sozialkredit-System“ teilt den Menschen unterschiedliche Rechte und Lebenschancen zu, und es stellt den Versuch einer totalen Kontrolle der Bevölkerung dar. Diesen Versuch einer totalen Kontrolle der Bevölkerung mittels dieses „Sozialkredit-Systems“ bezeichnet der Sinologe Kai Strittmatter in seinem Buch: „Die Neuerfindung der Diktatur. Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert“ als „die Rückkehr das Totalitarismus in digitalem Gewand“, und er führt weiter aus: „Der neue Totalitarismus wäre ein weit perfekterer als der, den wir von Mao und Stalin kennen, mit Zugriffs- und Steuerungsmöglichkeiten ungeahnten Ausmaßes, da wir alle unsere Hirne ausgelagert haben in Smartphones, da wir unser Leben Schritt für Schritt und Gedanke für Gedanke in digitalen Netzen leben und aufzeichnen. Und das Beste: Anders als der alte Totalitarismus kann der neue darauf verzichten, den Terror zum Alltag zu machen, es genügt, wenn die Gewalt weiter unterschwellig als bedrohliche Möglichkeit präsent ist“ (42). Dies bestätigt die Juristin Yvonne Hofstetter in ihrem Buch: „Der unsichtbare Krieg. Wie die Digitalisierung Sicherheit und Stabilität in der Welt bedroht“: „Wie Kontrolle im Inland aussieht, führt uns das digitale Sozialkreditsystem Chinas vor. Daten gepaart mit den Auswertungskapazitäten künstlicher Intelligenz lassen die Kategorisierung aller Chinesen in ‚guter Bürger‘ und ‚schlechter Bürger‘ zu – und damit eine neototalitäre Herrschaft über das chinesische Volk. (…) Neototalitär ist die chinesische Herrschaft vor allem deshalb, weil die Autorität des Staatsapparats nicht mehr auf eine gewaltsame Erziehung der Bevölkerung zurückgreifen muss. Im 21. Jahrhundert lässt sich Gewalt durch ubiquitäre Überwachungstechnologie ersetzen. An die Stelle physischer Zwangsausübung tritt ein System von Belohnung und Bestrafung, von gesellschaftlichen und finanziellen Privilegien und Nachteilen, je nach Wohlverhalten oder Ungehorsam einer Person. Der digitale Fortschritt erlaubt die gewaltlose Unterdrückung von Menschen“ (43). Auf Grundlage der neuen technologischen Möglichkeiten entsteht im Rahmen der derzeit stattfindenden Digitaltechnischen Revolution ein gänzlich neuartiger, technologisch modernisierter Totalitarismus, der die Totalitarismen des extremen 20. Jahrhunderts als rückständige, technologisch unausgereifte Frühformen totalitärer Vergesellschaftung erscheinen lassen wird (44). 

 

Das chinesische Sozialkredit-System zeigt, daß nicht nur in den USA (45) der Totalitarismus im Digitaltechnischen Zeitalter neu erfunden wird, sondern auch in China, und es erscheint nur noch als eine Frage der Zeit, wann dieses Sozialkredit-System auch in Europa und weiteren Ländern als ein „vollkommen neuzeitliches und modernes“ Konzept des Regierens moderner Massengesellschaften übernommen wird. Die VR China ist eins von vielen weiteren Beispielen in der Welt, wo neuzeitliche und moderne Ideen und Konzepte aus Europa erfolgreich übernommen und umgesetzt worden sind, und nach dem Ende der „realsozialistischen“ Variante der industriellen Moderne der Sowjetunion als Systemalternative erhebt nun das chinesische Modell der industriellen Moderne der VR China den Anspruch einer Alternative zur westlichen Variante der industriellen Moderne. Möglicherweise findet in der VR China das Zeitalter der industriellen Moderne seine idealtypische Ausprägung und Vollendung, indem es sich als ein „vollkommen neuzeitliches und modernes“ globales Modell im digitaltechnischen Zeitalter weltweit durchsetzt. 

 

Dieses „chinesische Modell“ wird mit der wachsenden Macht der VR China zunehmend an weltweiter Attraktivität gewinnen, und mit der feststellbaren Zunahme globaler Krisen und Konflikte werden immer mehr Regierungen zur Kontrolle und Überwachung ihrer Bevölkerungen und zur sozialtechnischen Produktion einer harmonischen, konfliktfreien Gesellschaft das „chinesische Modell“ übernehmen wollen, sodaß es eine denkbare Möglichkeit ist, daß die VR China aus dem neuen Zeitalter der Bipolarität und Blockkonfrontation als die neue „einzige Weltmacht“ der Zukunft hervorgehen wird (46). Meines Erachtens befördert die neue Spaltung Europas mit einem neuen „Eisernen Vorhang“ entlang der Außengrenzen der EU und einem neuen Kalten Krieg den hegemonialen Aufstieg der VR China zur möglicherweise einzigen und möglicherweise letzten zukünftigen Weltmacht. 

 

Diese neue Spaltung Europas ist ein Produkt der Geopolitik der USA, und sie dient zum Schaden Europas und entgegen den Interessen Europas den geopolitischen Interessen der USA, die aus dem Zeitalter der Blockkonfrontation und der Bipolarität (47) des Staatensystems in Folge der Ereignisse 1989/90 als „einzige Weltmacht“ (Zbigniew Brzeziński) hervorgegangen sind. In seinem Buch: „Die Einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ (48) gewährt der Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezińsky (1928-2017) (49) Einblick in die geopolitischen Hintergründe der us-amerikanischen Strategie der Vorherrschaft: „Inwieweit die USA ihre globale Vormachtstellung geltend machen können, hängt aber davon ab, wie ein weltweit engagiertes Amerika mit den komplexen Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig wird – und ob es dort das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern kann. (…) Eurasien ist somit das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird“, denn: „Dieses riesige, merkwürdig geformte eurasische Schachbrett - das sich von Lissabon bis Wladiwostok erstreckt – ist der Schauplatz des global play“. Des Weiteren stellt Brzeziński dort fest, der eurasische Kontinent sei „von amerikanischen Vasallen und tributpflichtigen Staaten übersäht, von denen einige allzu gern noch fester an Washington gebunden wären“, und: „Eurasien ist der Ort, auf dem Amerika irgendwann ein potentieller Nebenbuhler um die Weltmacht erwachsen könnte. Eine amerikanische Geostrategie, die die geopolitischen Interessen der USA in Eurasien langfristig sichern soll, wird sich damit als erstes auf die Hauptakteure konzentrieren und eine entsprechende Einschätzung des Terrains vornehmen müssen“, sowie: „Bedient man sich einer Terminologie, die an das brutale Zeitalter der alten Weltreiche gemahnt, so lauten die drei großen Imperative imperialer Geostrategie: Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern und ihre Abhängigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten fügsam zu halten und zu schützen und dafür zu sorgen, daß die ‚Barbaren’völker sich nicht zusammenschließen“ (50). 

 

In seinem Buch „Wir brauchen eine neue Ostpolitik. Russland als Partner“ stellt der ehemalige Umweltminister von Brandenburg, Matthias Platzeck fest: „Die Politik in Europa und in Deutschland hat es nicht für wert erachtet, sich mit den russischen Vorschlägen, mit denen sich - wie 1990 in der Charta von Paris beschworen – eine historische Chance für den Kontinent auftat, überhaupt auseinanderzusetzen, geschweige denn darauf einzugehen. (…) In der Bilanz muß man feststellen, dass Russland nach der Unterzeichnung der Charta von Paris eigentlich nie zu einem gleichberechtigten Gesprächspartner für die westliche Welt geworden ist“ (51). Die aus geopolitischen Interessen der USA betriebene Spaltung Europas führt dazu, daß das von Europa abgewiesene Rußland sich mit China verbündet (52), womit der hegemoniale Aufstieg der VR China zur möglicherweise einzigen und möglicherweise letzten zukünftigen Weltmacht erheblich befördert wird. 

 

Während die Mauergesellschaft mit beengter und beschränkter Sicht in der ehemaligen Mauerstadt Berlin aus Anlaß von „35 Jahren Mauerfall“ aufgefordert wird: „Haltet die Freiheit hoch!“, wird hingegen mit der feststellbaren Zunahme globaler Krisen und Konflikte sowie dem Anwachsen geopolitischer Rivalitäten und Spannungen das Bestreben der Staaten zu zunehmender Überwachung, Kontrolle und sozialtechnischer Zurichtung der Bevölkerung zunehmen, sodaß bei realistischer Betrachtung der globalen Entwicklungen wir im digitaltechnischen Zeitalter unsere Freiheit einschließlich der Reisefreiheit möglicherweise vollständig, dauerhaft und unwiederbringbar verlieren werden. 

 

 

4.  Entspannungspolitik und Reisefreiheit

 

Die eingeschränkte Sicht und der begrenzte Horizont, der in der Mauerstadt Berlin im Jahr 2024 anläßlich von „35 Jahren Mauerfall“ deutlich wurde, muß eine Herausforderung sein, den beschränkten Blick einer Berliner Mauergesellschaft zu überwinden, um sich selbst ein Bild von den Verhältnissen in Europa zu machen, insbesondere von den Verhältnissen in den Frontstaaten beiderseits des neuen „Eisernen Vorhangs“, der heute erneut Europa spaltet. Eine Reise ist geeignet, sich selbst ein Bild zu machen, jenseits der Propaganda der Massenmedien. Bei Recherchen treffe ich auf die Information, daß die Regierung der Republik Belarus für den Zeitraum vom 19.07.2024 bis zum 31.12.2024 visafreies Reisen nach Belarus für die Bürger von 34 Ländern einschließlich der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht. Explizit die Bürger der Bundesrepublik Deutschland werden zu einer Reise nach Belarus eingeladen. Zweifellos knüpft die einseitig verkündete Visafreiheit an die Intentionen des KSZE-Prozesses an, und sie ist in Zeiten zunehmender Spannungen in Europa ein Beitrag zur Entspannungspolitik. Diese einseitig verkündete Visafreiheit sollte im gesamten Europa als Aufforderung verstanden werden, den KSZE-Prozeß wiederzubeleben. 

 

Der KSZE-Prozeß war der zentrale Bestandteil der Entspannungspolitik, und er hatte entscheidend dazu beigetragen, daß der Ost-West-Konflikt (53) und das Zeitalter der Bipolarität und der Blockkonfrontation ein Ende finden konnten. Getragen war die Entspannungspolitik von dem Konzept „Wandel durch Annäherung“ (54), und der gesamte KSZE-Prozeß war von diesem Konzept geprägt und durchdrungen. Wie in der Schlußakte von Helsinki der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) vom 01.08.1975 über die Grenzen des „Eisernen Vorhangs“ hinweg vereinbart wurde, war Ziel des KSZE-Prozesses u.a. „die Stärkung freundschaftlicher Beziehungen und des Vertrauens zwischen den Völkern“, was u.a. erfolgen sollte durch die „Entwicklung von Kontakten“ zwischen den Menschen, dies auch durch Förderung von „Möglichkeiten für umfassendes Reisen“, sodaß „der Tourismus zu einer vollständigen Kenntnis des Lebens, der Kultur und der Geschichte anderer Länder, zu wachsendem Verständnis zwischen den Völkern, zur Verbesserung der Kontakte (…) beiträgt“ wofür „die Entwicklung des Tourismus auf individueller und kollektiver Grundlage zu fördern“ ist. Des Weiteren war Ziel „eine Steigerung des Austausches (...) von Informationen“, und eine „wirksame Ausübung“ von „Menschenrechten und Grundfreiheiten“ zu „fördern und ermutigen“. Mit der Charta von Paris (55) vom 21.11.1990 erklärte die KSZE den Ost-West-Konflikt für beendet, und es bestand die Hoffnung auf ein neues Zeitalter des Friedens und der Kooperation.


 

Zwar hatte die KSZE in ihrer Charta von Paris im November 1990 den Ost-West-Konflikt für beendet erklärt, am 1. Juli 1991 wurde der Warschauer Pakt aufgelöst (56) und das sowjetische Militär wurde aus der östlichen Hälfte Europas abgezogen. Auch aus Deutschland wurde das sowjetische Militär im Jahre 1994 vollständig abgezogen. Dieser Abzug des sowjetischen Militärs war im Rahmen des Zwei-plus-Vier-Vertrages (57) bis zum 31. Dezember 1994 vereinbart worden. Jedoch wurde die Zusage, die Nato nicht nach Osten auszuweiten, nicht eingehalten (58). Im Zuge der seit 1989/90 erfolgenden geopolitischen Neuaufteilung globaler Interessen- und Einflußzonen erweitert sich parallel und nahezu zeitgleich mit der NATO (59) die Europäische Union (60) als imperialer Akteur immer weiter, und ein Beitritt zur NATO ist faktisch die Voraussetzung für eine Aufnahme in die EU. In ihrem Buch: Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde“ stellen die Autoren Thomas Kunze und Thomas Vogel fest: „Das Denken in Blöcken ist noch nicht überwunden“ (61). 

 

Der ehemalige Umweltminister von Brandenburg, Matthias Platzeck stellt in seinem Buch „Wir brauchen eine neue Ostpolitik. Russland als Partner“ rückblickend fest: „Die Euphorie war groß. Der Geist der Zeit spiegelte sich in der Charta von Paris für ein neues Europa wider, die im November 1990 von den USA, der UDSSR und mehr als dreißig europäischen Staaten unterzeichnet wurde. In der Präambel wurde festgehalten: ‚Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen. … Europa befreit sich vom Erbe der Vergangenheit. Durch den Mut von Männern und Frauen … bricht in Europa ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit an.‘ Der Kampf der Ideologien schien ein für alle Mal beendet, die Frage von Krieg und Frieden in Europa endgültig entschieden. Heute müssen wir feststellen, dass sich die an das Ende des Kalten Krieges geknüpften Hoffnungen nicht erfüllt haben, dass vielmehr die Gräben zwischen Ost und West neu aufgeworfen sind und wir uns wieder als Gegner betrachten. Im Rückblick mutet die Verheißung von damals geradezu blauäugig und naiv an“ (62). 

 

In Europa ist man seit dem KSZE-Prozeß bemüht, die Reisefreiheit im gesamten Europa zu fördern, doch dies wurde nie vollständig erreicht, und heute gibt es wieder zunehmende Rückschritte, denn Europa hat sich mittlerweile vom Sicherheitsverständnis des KSZE-Prozesses verabschiedet. In Europa wird seither „Sicherheit“ nicht mehr verstanden als Ergebnis von Völkerverständigung und wechselseitigem Kennenlernen der Menschen und kulturellem Austausch, sondern nunmehr sicherheitstechnisch durch Aufrüstungen von Grenzregimen und flächendeckender Überwachung und Kontrolle der Menschen, was sich heute im gesamten Europa feststellen läßt. Mittlerweile begrenzt ein neuer „Eiserner Vorhang“ die Reisefreiheit in Europa. Dieser neue „Eiserne Vorhang“ verläuft entlang der Außengrenze der EU, und er prägt den Begriff der „Festung Europa“, denn seit 1989/90 wird die in der östlichen Hälfte Europas erlangte Reisefreiheit von der EU als Bedrohung aufgefaßt, und durch Aufrüstung des Grenzregimes wird versucht, diese neue gewonnene Reisefreiheit in der östlichen Hälfte Europas zu kontrollieren und zu unterbinden. 

 

Daß bis heute nicht eine Reisefreiheit im gesamten Europa erreicht werden konnte, ist hauptsächlich im Prinzip der Gegenseitigkeit begründet, das bei Einreise- und Visa-Bestimmungen allgemein zur Anwendung kommt. Das Prinzip der Gegenseitigkeit bedeutet, daß Staaten wechselseitig ihren Bürgern visafreies Reisen gewähren. Wie ich feststellen konnte, ist es tatsächlich im östlichen Europa die EU, die schon seit Längerem ein visafreies Reisen in der gesamten östlichen Hälfte Europas verhindert: Vorschläge der Regierung Rußlands zur beiderseitigen Visafreiheit wurden bislang von der EU abgelehnt. Die Intentionen das KSZE-Prozesses werden damit konterkariert. Die Autoren Thomas Kunze und Thomas Vogel stellen in ihrem Buch: „Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde“ fest: „Trotz jahrelanger Diskussion ist es bis heute nicht gelungen, die Visaschranken zwischen der EU und der Russischen Föderation zu beseitigen“ (63). 

 

Es zeigt sich auch hier, daß sich die westliche Hälfte Europas bequem in ihrer Konsumkultur (64) in der westlichen Hälfte Europas westlich des „Eisernen Vorhangs“ eingerichtet hatte, sie wurde von den Ereignissen der Jahre 1989/90 überrascht, und bis heute zeigt die westliche Hälfte Europas wenig Bereitschaft, die spezifischen Besonderheiten in der östlichen Hälfte Europas verstehen und angemessen berücksichtigen zu wollen. Gleichberechtigte Partnerschaft wird nicht angestrebt, vielmehr erklärte der Westen seinen „Sieg im Kalten Krieg“, und seither soll sich der Osten dem Westen und dessen westlicher Variante der industriellen Moderne anpassen, obwohl die globalen ökologischen Krisen aufzeigen, daß Alternativen jenseits der industriellen Moderne benötigt werden und entwickelt werden müssen. Ergebnis dieser Ignoranz und Arroganz des Westens ist ein neuer „Eiserner Vorhang“, wie wir heute feststellen müssen, und die vom KSZE-Prozeß intendierte Reisefreiheit im gesamten Europa existiert bis heute nicht.

 

Den gewährten Zeitraum vom 19.07.2024 bis zum 31.12.2024 für visafreies Reisen nach Belarus möchte ich nun für eine Reise nach Belarus nutzen, um dieses in der westlichen Hälfte Europas weitgehend unbekannte Land erstmals kennenzulernen. Diese Reise führte ich mit Uli durch. Uli und ich kennen uns seit Beginn unseres Studiums an der Freien Universität Berlin. An der Freien Universität Berlin hatte ich Geografie mit den Nebenfächern Biologie und Geologie studiert. Während unseres Studiums an der Freien Universität hatten Uli und ich im Studentendorf Schlachtensee (65) gewohnt und uns dort kennengelernt. Schon in der 2. Hälfte der 80er Jahre hatten Uli und ich auf gemeinsamen Reisen in der östlichen Hälfte Europas, konkret: der Volksrepublik Polen (66), feststellen können, daß das von der westlichen Propaganda vermittelte Bild über die dortigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu großen Teilen nicht stimmt. Jetzt wollten Uli und ich die Möglichkeit des visafreien Reisens nutzen, um uns selbst ein Bild von Belarus zu machen. Erst wenige Wochen zuvor hatten wir Anfang Oktober 2024 eine gemeinsame Reise nach Estland (67) unternommen, bei der wir die Freie Stadt (68) und Hansestadt (69) Riga (70) besuchten, sowie die alte Universitätsstadt Tartu/Dorpat (71), die im Jahr 2024 Kulturhauptstadt Europas (72) war, des Weiteren die Grenzstadt Narva (73) und die Freie Stadt und Hansestadt Tallinn/Reval (74). 

 

Unsere Reise nach Belarus hatte ich zuerst für einen Umfang von drei Wochen konzipiert, der Reiseplan wurde dann jedoch aus Termingründen auf einen Umfang von zwei Wochen reduziert. Der endgültige Reiseplan sah nun den Besuch von vier Städten vor, die wir in Form einer Rundreise per Bus von Berlin aus besuchten: Vilnius, Minsk, Hrodna/Grodno, Bialystok. Die Bustickets für die Hin- und Rückfahrt buchte ich mehrere Tage vor der Reise, ebenso unsere Unterkünfte in den vier von uns zu besuchenden Städten. Dabei stellte sich heraus, daß die in Belarus durchaus zahlreich vorhandene Hostels und kostengünstigen Unterkünfte über Wochen hinaus ausgebucht sind, und zwar auf allen üblichen Buchungsportalen im Internet einschließlich der belarussischen Buchungsportale (75). Der Grund kann kaum darin liegen, daß etwa die zweite Hälfte des Novembers eine außergewöhnlich attraktive Reisezeit ist. Vielmehr ging ich davon aus, daß derzeit zahlreiche Touristen die gewährte Möglichkeit des visafreien Reisens nach Belarus nutzen, was sich jedoch später vor Ort als unzutreffend herausstellte. Letztlich gelang es mir nach zeitaufwändiger Recherche Unterkünfte in Belarus über das Buchungsportal „ZenHotels.com“ erfolgreich zu buchen. Bei unserer Reise nutzten wir den Reiseführer „Weissrussland“ der Autoren André Böhm und Maryna Rakhlei (2. Auflage 2019, Teschner Verlag), der sich als informativ und nützlich erwies (76). 

 

 

5.  Auf der „Autobahn der Freiheit“ in die östliche Ostseeregion

 

Unsere zweiwöchige Reise starteten wir am 10.11.2024, einen Tag nach dem 09.11.2024, dem 35. Jahrestag des „Mauerfalls“. Die Busfahrt zu unserem ersten Reiseziel, der Stadt Vilnius in Litauen, erfolgt vom Zentralen Busbahnhof (ZOB) in Berlin mit Zwischenstops in den Städten Swiebodzin/Schwiebus, Poznan/Posen, Warschau, Białystok, Augustow, Suwałki, Mariampole und Kaunas. Von Berlin bis Posen verläuft die Busfahrt durch eine nahezu geschlossene Kiefernmonokultur der industriellen Forstwirtschaft. Erst ab Posen ist die durchfahrene Landschaft zu größeren Teilen durch Landwirtschaft geprägt. Dies verweist u.a. darauf, daß die Bevölkerungsdichte in den sogenannten „Wiedergewonnenen Gebieten“ (77) nach den dort erfolgten Ethnischen Säuberungen (78) bis heute noch nicht wieder den Stand vor dem extremen 20. Jahrhundert erreicht hat. Diese Kiefernmonokulturen gleichen den ausgedehnten Kiefernwäldern, die heute nahezu das gesamte West-Karelien bedecken, nachdem die ca. 450.000 dort lebenden Finnen nach dem Frieden von Moskau vom 03.04.1940 (79) West-Karelien verlassen mußten (80). Heute ist West-Karelien weitgehend menschenleer und wird von ausgedehnten Kiefernwäldern bedeckt, wie ich bei meiner Fahrradreise durch das nördliche Europa im Jahre 2017 feststellen konnte. 

 

Ein Schild benennt die Autobahn A 10 östlich von Berlin, die das mittlere Europa mit der östlichen Ostseeregion (81) verbindet, „Autobahn der Freiheit“ (82). Offensichtlich ist dies eine Fortsetzung des „Voie de la Liberté“ (83), dessen Meilensteine im gesamten nordwestlichen Europa anzutreffen sind, und dessen Hauptroute von den Landungsstränden (84) der Alliierten (85) in der Normandie (86) des Jahres 1944 durch das nördliche Frankreich, Belgien, Luxemburg und das nördliche Deutschland nach Berlin verläuft. 

 

Während meiner Fahrradreise durch die südliche Nordseeregion im Sommer 2022 habe ich mich in der Normandie an diesen Landungsstränden der Alliierten gründlich umgesehen. In der Normandie ist ein kleiner Ausschnitt des Zweiten Weltkrieges präsent, dem sich dort eine Vielzahl von Gedenkstätten und Museen widmet: Es ist die Landung der Alliierten in der Normandie ab dem 06.06.1944 (Operation Neptune). Des Weiteren habe ich in Flandern (87), an der Somme (88) und bei Verdun (89) verschiedene Museen und Gedenkstätten zum Thema Erster Weltkrieg besucht. Im Vergleich werden erhebliche Unterschiede der Gedenk- und Erinnerungskultur (90) und der Geschichtskultur (91) zum Ersten Weltkrieg und zum Zweiten Weltkrieg deutlich, was noch näher dargestellt wird. 

 

Während meiner Fahrradreisen suche ich geografische Originalschauplätze historischer Ereignisse auf und besuche dort Museen und Gedenkstätten, um dort historische Forschung an geografischen Originalschauplätzen historischer Ereignisse betreiben zu können. Diese Methode geht auf Herodot von Halikarnassos (ca. 490–425 v. Chr.) (92) zurück, der sie zur Erforschung der Persischen Kriege (93) angewandt hatte. Beim Historiker und Geografen Herodot von Halikarnassos fasziniert mich, daß er seine historischen Forschungen, wie z.B. zu den Persischen Kriegen, auf ein selbst erarbeitetes breites Wissensfundament stellt, das nahezu das gesamte Wissen seines Zeitalters in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen, wie z.B. Geografie, Völkerkunde, Gesellschaftswissenschaften, Politikwissenschaften, Philosophie u.a.m. umfaßt, sodaß er Geschichtswissenschaft in Form einer Integrationswissenschaft betreibt. Zudem ist er an den Originalschauplätzen historischer Ereignisse herumgereist, hat Zeitzeugen befragt und schriftliche Quellen ausgewertet. Auch der Historiker Thukydides (ca. 460–400 v. Chr.) (94) hat eine solche Methodik bei seinen historischen Forschungen zum Peleponnesischen Krieg (95) angewandt, und nach seiner Auffassung macht Geschichte „klug für immer“, denn sie lehrt am Beispiel der Vergangenheit politische Klugheitsregeln für Gegenwart und Zukunft. 

 

In dieser Form gewinnt das Geschichtsbewußtsein (96) einen großen Erfahrungsraum von historischer Tiefe und geografischer Breite, und es überschreitet die engen Grenzen, in denen Geschichte als Tradition (97) lebendig ist. Historisches Denken (98) ist eine eigene Form oder Einstellung des Bewusstseins gegenüber der Welt als Geschichtsbewusstsein. Dem historischen Denken gelten alle gesellschaftlichen Zustände als zufällig-kontingent (99) und veränderbar. Sie haben sich unter mehreren denkbaren Möglichkeiten (100) in der Wirklichkeit (101) so entwickelt (Historizität) (102); die Gründe (Kausalität) (103) dafür zu bestimmen, ist Aufgabe der Geschichtsforschung (104). Aufgrund der verschiedenen denkbaren Möglichkeiten der historischen Entwicklung sind die historischen Entwicklungen und die gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustände auch anders vorstellbar. Vermögen (105) ist ein zentraler Begriff der Philosophie der Antike (106), insbesondere der aristotelischen Philosophie (107). Als Vermögen bezeichnet Aristoteles (384-322 v. Chr.) (108) die Eigenschaft einer Substanz (109), in sich selbst oder in etwas anderem eine bestimmte Art von Veränderung herbeiführen zu können oder zu ermöglichen. Dabei geht es darum, daß durch die Veränderung, falls sie eintritt, etwas Neues erzeugt wird und damit in die Existenz zu treten „vermag“ (daher „Vermögen“). Damit wird etwas zur Wirklichkeit, was zuvor nur potenziell – als bloße Möglichkeit – existiert hat.

 

Die Frage nach in der Geschichte angelegten möglichen alternativen Entwicklungspfaden und deren Herauspräparation, sowie eine Analyse, aus welchen Umständen und Gründen mögliche, im historischen Prozeß angelegte historische Entwicklungspfade zum Zuge gelangten und andere nicht, ist Aufgabe der sogenannten „Kontrafaktischen Geschichte“ (110). „Kontrafaktische Geschichte“ wird vom geschichtswissenschaftlichen Mainstream als angeblich „unwissenschaftlich“ abgelehnt, da es nicht dem herrschenden geschichtsdeterministischen (111) Dogma entspricht, das den gegenwärtigen Zustand als das quasi alternativlose naturgesetzliche Ergebnis geschichtlicher Entwicklung auffaßt, so, wie bei Isaak Newton (1642-1727) (112) der Apfel immer nur nach unten vom Baum fällt. Andere Möglichkeiten sind ausgeschlossen und undenkbar. Geschichte dient dem Zweck der alternativlosen Affirmation des jeweiligen, letztlich beliebigen Bestehenden. Die Gegenwart (113) wird als alternativloses, determiniertes Ergebnis des historischen Prozesses dargestellt und vermittelt, dessen zwangsläufiges, unausweichbares und alternativloses Ergebnis der jeweilige gegenwärtige Zustand ist. Geschichtsschreibung (114) betrachtet Geschichte immer von ihrem Endpunkt her (115). Daher muss Geschichte von jedem neuen Endpunkt her neu geschrieben werden, weil sie für jede neue Epoche einen anderen Sinn bekommt. Der Versuch des Historismus (116), Geschichte ganz aus ihrer Zeit zu verstehen, muß immer unvollkommen bleiben, weil wir das Wissen um den Fortgang der Geschichte nicht ausblenden können.

 

Das Geschichtsbewußtsein ordnet denkend die äußere Welt mithilfe von historischen Kategorien (117). Kategorien sind offene Begriffssysteme zur Strukturierung der erfahrbaren (118) Welt (119). Eine jede Kategorienbildung ist eine notwendige Reduktion (120) der in ihrer unendlichen Komplexität und Interdependenz für die Wahrnehmung (121) über die menschlichen Sinne und den menschlichen Verstand (122) nicht in Gänze erfaßbaren, letztlich unendlichen Wirklichkeit (123) der Welt, um diese begreifen (124) zu können. Begriffsbildung (125) ist eine Form der Kategorienbildung. Die Wörter einer Sprache (126) sind Begriffsbildungen, sodaß jede Sprache den Charakter eines Kategoriensystems zum Zweck der Strukturierung der jeweiligen erfahrbaren Lebenswelt (127) und der Interaktion mit dieser hat (Biokulturelle Diversität) (128). Kategorienbildung ist sowohl Bestandteil als auch Voraussetzung für Erkenntnis (129) durch die menschliche Vernunft (130). Kategorienbildung ist eine Grundlage einer jeden wissenschaftlichen Disziplin. Eine jede wissenschaftlichen Kategorienbildung muß nach signifikanten (131), nachvollziehbaren und überzeugend begründeten Kriterien erfolgen. In der Geschichtswissenschaft erfolgt eine Kategorienbildung insbesondere in Form der Bestimmung und Abgrenzung von historischen Zeitaltern (132), Epochen und Ären (133), und deren Gliederung im Rahmen einer Periodisierung (134), und das muß nach signifikanten, nachvollziehbaren und überzeugend begründeten Kriterien erfolgen, wenn die Geschichtswissenschaft die Legitimität und Geltung als einer Wissenschaft haben will.

 

Für das Geschichtsbewußtsein wichtige historischen Kategorien und grundlegende Begriffe sind Entwicklung (135), Fortschritt (136) und Prozess (137). So werden menschliche Zeiterfahrungen (138) zu Geschichte. Geschichte (139) bezeichnet im weiten Sinne Ablauf und Zusammenhang alles an Zeit und Raum (140) gebundene Geschehen: Erdgeschichte (141), Naturgeschichte (142), Menschheitsgeschichte (143), im engeren Sinne das politisch-soziale Beziehungsgeflecht zwischen den Menschen in allen seinen zeitlichen Bezügen, d.h. in Vergangenheit (144), Gegenwart und Zukunft (145). Damit unterscheidet sich Geschichte von Vergangenheit. Gegenwart ist der Raum, in dem alle Prozesse ablaufen. Nur durch Aufzeichnung (146) der ablaufenden Prozesse in der Gegenwart entsteht eine fiktive (147) Vergangenheit. Die aufgezeichnete Vergangenheit ist eine Reduktion der in ihrer Komplexität und Interdependenz für den menschlichen Verstand (148) nicht in Gänze erfaßbaren Wirklichkeit, und sie gibt nur ungefähr den kausalen Verlauf der Prozesse wieder. Als das einzige real Existente wird nach Platon (ca. 428-347 v. Chr.) (149) lediglich die Gegenwart angesehen. Die Vergangenheit ist demnach ein nicht existentes theoretisches Gebilde, da für ihre Existenz weder Raum noch Materie (150) zur Verfügung steht. Dieselbe Materie, die Bestandteil vergangener Ereignisse (151) war, ist in der Gegenwart bereits Bestandteil neuer Ereignisse und kann deshalb der Vergangenheit keine Existenz mehr bieten. Genau genommen bezeichnet das Wort „Gegenwart“ auch nicht den Ablauf von Ereignissen, sondern es bezeichnet Raum bzw. Entität (152). Der reflektierende Verstand lebt nach Meinung vieler Philosophen nur in der Vergangenheit. Um einen Gedanken hervorzubringen, bedürfe es ebenso einer gewissen Zeit und möge diese auch nur allzu kurz sein. Weiterhin müsse diese Idee zum Ausdruck gebracht werden, was wiederum eine gewisse Zeit dauert. Sobald ein Geschehen reflektiert wird, wäre es somit schon Vergangenheit. Damit lässt sich sagen, dass der denkende Geist nur in der Vergangenheit, in der Erinnerung lebt. Gegenwart kann man somit nur unmittelbar, also ohne die Abstraktion des Verstandes erfahren. 

 

Geschichte ist ihrem Wesen nach zugleich der Prozeß ihrer bewußten Aneignung durch den Menschen, durch den Geschichtsbewußtsein entsteht. Geschichtsbewußtsein bildet sich insbesondere, wenn herausfordernde Zeiterfahrungen, wie z.B. Krisen, im Medium der Erinnerung an die Vergangenheit gedeutet werden. Die Brockhaus Enzyklopädie erklärt: „Das Geschichtsbewußtsein bindet die Erfahrung der Gegenwart zurück an die Erfahrung der Vergangenheit und verschmilzt beide in der Vorstellung eines sinnvollen Zeitverlaufs, der sich in die Zukunft erstreckt. Mit der Deutung der Gegenwart über die Erfahrung der Vergangenheit wird somit zugleich eine handlungsleitende Zukunftsperspektive entworfen. Bewußtsein von Geschichte ist also mehr und anders als Bewußtsein von der Vergangenheit; es ist Bewußtsein eines durch produktive Deutung von Zeiterfahrungen erbrachten Zusammenhangs von Erinnerung an die Vergangenheit, Verstehen der Gegenwart und Erwartung der Zukunft. Es wird geprägt durch Zeitverlaufsvorstellungen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft übergreifen. Geschichtsbewußtsein äußert sich in Geschichten. Durch Geschichten verständigen sich Menschen darüber, wer sie sind. Sie ordnen sich durch Geschichten in den zeitlichen Verlauf der Welt ein (…). Menschen können nur handeln, wenn sie eine tragfähige, d.h. praktisch lebbare Vorstellung von sich selber in zeitlicher Perspektive haben“ (153). Geschichtsperspektive (154) ist die individuelle und kollektive Sicht, aus der Geschichte wahrgenommen wird. Dem liegt die Erkenntnis der Tatsache zugrunde, daß eine beobachterunabhängige Erkenntnis der vergangenen historischen Wirklichkeit („der Vergangenheit“) nicht möglich ist, weil jede Aussage über ein Ereignis, ein Datum oder einen Zusammenhang nur von einer bestimmten sozialen, kulturellen oder anderweitig bestimmten Geschichtsperspektive des Betrachters bzw. des Zeitzeugen aus gemacht wird. Deshalb ist Multiperspektivität (155) ist ein grundlegendes Prinzip von Geschichtsdidaktik (156). Ziel ist Erwerb der Kompetenz zu eigenständigem historischem Denken.

 

Viele Historiker stellen einen Mangel an Geschichtsbewußtsein und historischem Denken fest, so auch der Historiker Eric Hobsbawm in seinem Buch: „Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“: „Die Zerstörung der Vergangenheit, oder vielmehr die jenes sozialen Mechanismus, der die Gegenwartserfahrung mit denjenigen früherer Generationen verknüpft, ist eines der charakteristischen und unheimlichsten Phänomene des späten 20. Jahrhunderts. Die meisten jungen Menschen am Ende dieses Jahrhunderts wachsen in einer Art permanenter Gegenwart auf, der jegliche organische Verbindung zur Vergangenheit ihrer eigenen Lebenszeit fehlt. Das läßt Historiker – deren Aufgabe es ist, in Erinnerung zu rufen, was andere vergessen haben – am Ende des zweiten Jahrtausends noch wichtiger werden als je zuvor“ (157). Hobsbawm hebt hervor, daß die Aufgabe des Historikers „nicht die Beurteilung ist, sondern vielmehr das Verstehen – sogar das Verstehen all dessen, was völlig unverständlich erscheint. (…) Es ist das Verstehen, das uns allen schwerfällt“ (158). 

 

Nach Auffassung des Historikers Theodor Schieder in seinem Text: „Geschichtsinteresse und Geschichtsbewußtsein heute“ meint Geschichtsbewußtsein „die ständige Gegenwärtigkeit des Wissens, daß der Mensch und alle von ihm geschaffenen Einrichtungen und Formen seines Zusammenlebens in der Zeit exisitieren, also eine Herkunft und Zukunft haben, daß sie nichts darstellen, was stabil, unveränderlich und ohne Voraussetzungen ist, mag die Gegenwart durch ihren massiven Anspruch auf Totalität, auf die Voraussetzungslosigkeit ihrer Wert- und Zielvorstellungen für den in ihr lebenden Zeitgenossen oft dieses Bewußtsein verdrängen. Geschichtsbewußtsein beruht auf der einen Seite auf dem Bewußtsein der Endlichkeit des jeweils Gegenwärtigen und auf der anderen Seite auf dem Bewußtsein einer über die Gegenwart hinausreichenden Unendlichkeit. (…) Der Mensch wird primär zum Nachdenken über Geschichte angeregt oder in seinem Geschichtsbewußtsein bestimmt durch die Erfahrung, daß alles Geschehen dem Wandel in der Zeit unterworfen ist“, und Schieder verweist darauf, daß sich unser Geschichtsbewußtsein an unserem besonderen Lebenskreis orientiert und wir ihm einen bestimmten Träger zuordnen: „Allerdings: Träger kann auch die Menschheit werden, wenn sie auch für viele heute noch eine abstrakte Allgemeinheit darstellt. Aber je deutlicher es zum Bewußtsein kommen wird, daß die Weltgeschichte der Menschheit für uns nicht ein spekulatives Ziel darstellt, auf das die geschehene Geschichte ausgerichtet wird, sondern daß sie eine gegenwärtige Erfahrung ist, die nach Bestätigung durch Geschichte ruft, wird die Menschheit zum Träger eines menschheitlichen Geschichtsbewußtseins werden können“ (159). 

 

Das individuelle Geschichtsbewußtsein findet somit in der kollektiven Geschichtskultur als Bestandteil eines kollektiven Gedächtnisses (160) seine Entsprechung. Das Ergebnis von Geschichtsbewußtsein ist ein Geschichtsbild (161). Das Geschichtsbild umfaßt, wie die Brockhaus Enzyklopädie erklärt, „die Gesamtheit vorwissenschaftlich oder wissenschaftlich begründeter Vorstellungen, die das Geschichtsbewußtsein eines Menschen, einer Gruppe, eines Volkes oder einer Nation bestimmen; im Wechselspiel mit dem Gegenwartsbewußtsein entstanden, ist es selbst Ergebnis eines geschichtlichen Prozesses. Das Geschichtsbild des Einzelnen erweist den historischen Standort seines Urteilens und Handelns, das Geschichtsbild von Gruppen, Völkern oder Nationen die Motivation ihrer Zielsetzungen“ (162). Das Geschichtsbild ist Bestandteil des Weltbildes eines Menschen. Weltbilder bieten ein Erklärungsmodell, wie die Welt als Ganzes aufgebaut ist. Weltbilder bilden in Verbindung mit Menschenbildern (163) sowie mit Wert-, Lebens- und Moralauffassungen eine Weltanschauung (164). Die Biologin Lynn Margulis weist in ihrem Buch: „Der symbiotische Planet oder wie die Evolution wirklich verlief“ auf die Bedeutung unseres Weltbildes hin: „Unser Weltbild prägt das, was wir sehen, und die Art und Weise, wie wir etwas lernen. Jede Idee, die wir als Tatsache oder Wahrheit akzeptieren, ist in ein umfassendes Denkgebäude eingebettet, dessen wir uns in der Regel nicht bewusst sind“ (165). Aufklärung hat ihr Ziel erreicht, wenn eine jede Person nichts glaubt, selbst denkt, alles in Frage stellt und überprüft und auf Grundlage eigener Anschauung der Welt und eigener Welterfahrung eine reflektierte Kontrolle über ihre Weltanschauung und deren Zusammensetzung erlangt hat und diese selbst gestaltet. 

 

Verglichen mit der Forschungsmethodik von Herodot und Thukydides ist die Arbeitsweise heutiger Historiker beschränkter und weniger geeignet, bei den behandelten Themen einen Überblick und Durchblick zu erlangen und die historischen Realitäten in ihrer gesamten Komplexität und Interdependenz zu erfassen. Zudem sollte historische Forschung mehr als Feldforschung an den Originalschauplätzen historischer Ereignisse betrieben werden, wie es schon Herodot als Methode historischer Forschung eingeführt hatte, und wie es bei Ethnologen und Archäologen sowie Bio- und Geowissenschaftlern üblich ist. Tatsächlich verbringen Historiker heute sie meiste Zeit in Archiven und Bibliotheken, und sie verlassen nur selten die bequemen Komfortzonen des sprichwörtlichen „Elfenbeinturms“.

 

Doch aus diesen Komfortzonen müssen Historiker hinaus, wenn sie einen größeren und bedeutenderen Beitrag zu gesellschaftlicher Aufklärung leisten wollen. Dieser Beitrag zu gesellschaftlicher Aufklärung ist erforderlich, wenn man den allgemeinen Zustand der real-existierenden Gedenk- und Erinnerungskultur im gesamten Europa betrachtet. Der allgemeine Zustand der real-existierenden Gedenk- und Erinnerungskultur wird deutlich, wenn man im gesamten Europa systematisch Denkmäler, Gedenkstätten und Museen besucht. Der Befund der im gesamten Europa angetroffenen real-existierenden Gedenk- und Erinnerungskultur zeigt einen erheblichen Mangel an Reflektion, an Begreifen und Verstehen auf, und er ist ein Feld der Manipulation, Instrumentalisierung und Propaganda (166) der unterschiedlichsten Akteure. Dieser Bereich der Gedenk- und Erinnerungskultur wird gänzlich von Geschichtspolitik (167), Interessenpolitik und Identitätspolitik (168) insbesondere von Nationalisten und Nationalstaaten beherrscht. Nahezu überall werden vorgefertigte Geschichtsbilder präsentiert und propagiert, und es fehlt weitgehend der Anspruch einer Aufklärung, das Publikum darin zu unterstützen, sich auch zu historischen Themen und Fragen eine eigenständige und unabhängige Meinung zu bilden. Noch ist Gedenk- und Erinnerungskultur kein Projekt der Aufklärung, und sie dient vielmehr der alternativlosen Affirmation des letztlich beliebigen Bestehenden. Die Gegenwart wird folglich als alternativloses, determiniertes Ergebnis des historischen Prozesses dargestellt und vermittelt, dessen zwangsläufiges, unausweichbares und alternativloses Ergebnis der jeweilige gegenwärtige Zustand ist, und dies ist im Zeitalter des modernen Nationalismus insbesondere die Nation und der Nationalstaat. 

 

Während meiner Fahrradreise durch die südliche Nordseeregion im Sommer 2022 habe ich mich an geografischen Originalschauplätzen historischer Ereignisse des Ersten Weltkrieges und des Zweiten Weltkrieges gründlich umgesehen, um historische Forschung an geografischen Originalschauplätzen historischer Ereignisse betreiben zu können. Zum Thema Erster Weltkrieg habe ich in Flandern, an der Somme und bei Verdun verschiedene Museen und Gedenkstätten besucht. In der Normandie ist ein kleiner Ausschnitt des Zweiten Weltkrieges präsent, dem sich dort eine Vielzahl von Gedenkstätten und Museen widmet: Es ist die Landung der Alliierten in der Normandie ab dem 06.06.1944 (Operation Neptune). In der Normandie habe ich mich an diesen Landungsstränden der Alliierten umgesehen und verschiedene Museen und Gedenkstätten besucht. Im Vergleich werden erhebliche Unterschiede der Gedenk- und Erinnerungskultur und der Geschichtskultur zum (a) Ersten Weltkrieg und zum (b) Zweiten Weltkrieg deutlich, was im Folgenden näher dargestellt wird: 

 

a) Der Erste Weltkrieg als der erste totale industrielle Krieg und als die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts: 

 

Insbesondere in Flandern, an der Somme und bei Verdun habe ich verschiedene Museen und Gedenkstätten zum Thema Erster Weltkrieg besucht. Der Erste Weltkrieg ist der erste totale industrielle Krieg, und er gilt als die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, was sich dort vor Ort an den Originalschauplätzen der Kriegsereignisse bestätigt. Insbesondere Verdun ist für das massenmordende Abschlachten im Ersten Weltkrieg zum Symbol geworden. So besuchte ich vom 06. bis zum 08.08.2022 Museen und Gedenkstätten zum Thema Erster Weltkrieg bei Verdun. Von vergleichbaren Fortifikationen umgeben wie Verdun ist die Stadt Premissel/Przemyśl in Galizien, die ich vom 22. bis zum 24.09.2021 besucht hatte, und aufgrund der vielen Kriegstoten wurde sie das „Verdun der Ostfront“ genannt (169). Die bedeutendsten Massenvernichtungswaffen dieses totalen industriellen Krieges waren Artilleriegranaten, die ca. 70 % der Kriegstoten verursachten, ca. 22 % wurden durch Maschinengewehre verursacht, und sämtliche andere Todesursachen hatten eine vergleichsweise geringe Bedeutung.

 

Bei den von mir besuchten Ausstellungen der Museen und der Gedenkstätten zum Thema Erster Weltkrieg zeigt sich jedoch, daß der Horror und das Grauen des Ersten Weltkriegs nicht darstellbar und nicht vermittelbar ist. Allenfalls die extrem hohen Zahlen der nicht identifizierbaren Kriegstoten und der Vermissten verweisen auf diesen Horror: Gemeinsam mit der umgebenden Landschaft, dem Boden und der Vegetation wurden die an die Front geschickten Soldaten insbesondere durch die Wirkung von Artilleriegranaten zu Partikeln, einem Brei, einem Amalgam, einer Matrix zerfetzt und vermischt, und dieses durch die Wucht der Explosionen in die Luft geschleuderte Gemisch regnete zurück auf den Boden, um dort zu sedimentieren. Auf den zahlreichen, in diesen Museen ausgestellten Fotografien zum Ersten Weltkrieg, und auch in präsentierten Filmdokumenten aus diesem Zeitraum ist dieser den Ersten Weltkrieg prägende Horror und das Grauen nahezu nirgends abgebildet, obwohl dieser Horror und das Grauen der zentrale und wesentliche Aspekt des Ersten Weltkriegs als einem totalen industriellen Krieg ist. Möglicherweise läßt sich dieser Horror und das Grauen auch nicht mit den Medien der Fotografie und des Films darstellen und vermitteln, sodaß andere Darstellungsformen erforderlich sind. Die ausgestellten Fotos zum Thema Erster Weltkrieg vermitteln vielmehr eine Atmosphäre im Stile von „Abenteuern eines braven Soldaten Schwejk“ (170). Es stellt sich die Frage, wie Museumsausstellungen und deren museumspädagogische Konzepte gestaltet werden können, sodaß dieser den Ersten Weltkrieg prägende Horror und das Grauen, das der zentrale und wesentliche Aspekt des Ersten Weltkrieges als einem totalen industriellen Krieg ist, in geeigneter Weise dargestellt und vermittelt wird. Sicherlich gelingt dies nicht, wenn sich Museumsausstellungen zum Thema Erster Weltkrieg auf eine Zurschaustellung von altem Kriegsgerät, Uniformen, Orden sowie Darstellungen von Frontverläufen beschränken, wie es leider in den meisten Museen zum Thema Erster Weltkrieg der Fall ist. Insgesamt sind die Museumsausstellungen und deren museumspädagogische Konzepte dokumentarisch angelegt, doch hingegen kaum analytisch und erklärend. So bleiben die Fragen nach den komplexen Ursachen, warum dieser Krieg entstehen konnte, warum er nicht frühzeitig beendet, sondern von allen Kontrahenten immer weiter geführt wurde und warum anschließend kein dauerhafter Friedenszustand geschaffen wurde, weitgehend unbeantwortet.

 

b) Die Landung der Alliierten in der Normandie ab dem 06.06.1944 als ein kleiner Ausschnitt des Zweiten Weltkrieges:

 

In der Normandie ist ein kleiner Ausschnitt des Zweiten Weltkrieges präsent, dem sich dort eine Vielzahl von Gedenkstätten und Museen widmet: Es ist die Landung der Alliierten in der Normandie ab dem 06.06.1944. Dieses historische Ereignis wird in den zahlreichen Museen jedoch isoliert betrachtet und dargestellt, und zudem wird das Thema ausschließlich aus einer Perspektive der Alliierten präsentiert. Es stellt sich die Frage der Einbettung dieses historischen Ereignisses in einen historisch-geografischen Gesamtzusammenhang, was hier von den meisten Museen zu diesem Thema jedoch nicht versucht wird.

 

Noch mehr als bei den Museen zum Thema Erster Weltkrieg sind hier die Museumsausstellungen und deren museumspädagogische Konzepte ausschließlich deskriptiv und dokumentarisch angelegt, nicht jedoch analytisch und erklärend. Statt dessen werden große Mengen an altem Kriegsgerät, militärischer Ausrüstung und Uniformen präsentiert, und ausführlich werden Frontverläufe dargestellt, was jedoch kaum geeignet ist, zu einem Gesamtverständnis des dargestellten kleinen Ausschnittes des Zweiten Weltkrieges in einem Rahmen des Zeitalters der Weltkriege (171) als einem Bestandteil des Zeitalters des Imperialismus und eines extremen 20. Jahrhunderts beizutragen. In den, den Museen angegliederten Museumsläden werden Kriegsspielzeug und Souvenirs verkauft, Fachliteratur ist kaum vorhanden, statt dessen wird eine unübersehbare Anzahl von Einzelaspekten des Zweiten Weltkrieges in Massen von Comics mit bunten Bildern präsentiert.

 

Unübersehbar ist hier an den Landungsstränden der Alliierten in der Normandie die Gedenk- und Erinnerungskultur noch nicht in einem postheroischen Zeitalter angelangt: Überall in den Gedenkstätten und in den Museen sowie der umgebenden Landschaft wird Heroismus der Kriegsteilnehmer glorifiziert und militärische Siege werden gefeiert. Das geschichtspolitische Ziel ist deutlich erkennbar: Auch in Zukunft sollen aus geopolitischem Kalkül noch Kriege geführt werden können, wie u.a. der Irak-Krieg im Jahre 2003 (172) zeigt, den US-Präsident George W. Bush mit einer „Koalition der Willigen“ (173) führte, und die Gedenk- und Erinnerungskultur soll dafür Grundlagen schaffen: Damit Kriege auch im Zukunft noch weiterhin geführt werden können, müssen diese über die Gedenk- und Erinnerungskultur der Gesellschaft positiv vermittelt werden, und Soldaten müssen durch Internalisierung militärischer Tugenden entsprechend konditioniert werden. Zweifellos ist mit einem größeren zeitlichen Abstand zu den historischen Ereignissen das Reflektionsniveau zum Thema Erster Weltkrieg deutlich größer und distanzierter als aktuell noch zum Thema Zweiter Weltkrieg, wie ein Vergleich der von mir in zahlreichen europäischen Ländern besuchten Museen zu den Themen Erster Weltkrieg und Zweiter Weltkrieg erkennen läßt.

 

Doch der Befund der im gesamten Europa angetroffenen real-existierenden Gedenk- und Erinnerungskultur zeigt diesen Mangel auf an Reflektion, an Begreifen und Verstehen. Bei der Gedenk- und Erinnerungskultur ist der Schritt von Geschichtspolitik zu Geschichtswissenschaft erforderlich und überfällig. Jegliche Geschichtspolitik muß vollständig aufgegeben werden und durch Geschichtswissenschaft ersetzt werden, wobei eine kontroverse Debatte vorausgehen muß, was Geschichtswissenschaft (174) als einer Wissenschaft leisten kann und soll.

 

Diese Mängel der Gedenk- und Erinnerungskultur wurden mir insbesondere beim Besuch der zahlreichen Denkmäler und Museen zum Thema der Landung der Alliierten in der Normandie ab dem 06.06.1944 deutlich. So wird nahezu nirgends versucht, das Thema in einen größeren historisch-geografischen Zusammenhang einzubetten. Statt dessen trifft man dort auf zahlreiche Beispiele von Heldenverehrung, und militärische Siege werden gefeiert, was in einem postheroischen Zeitalter deplatziert sein sollte. Im Vergleich dazu ist der Umgang mit dem Ersten Weltkrieg in Flandern, an der Somme, an der Marne und bei Verdun weit nüchterner und reflektierter, und man trifft dort auch auf mehr Versuche, das Thema Erster Weltkrieg in einen größeren historisch-geografischen Gesamtzusammenhang einzubetten. 

 

Der Vergleich des Umgangs mit dem Thema Erster Weltkrieg und dem Thema Zweiter Weltkrieg in der Gedenk- und Erinnerungskultur zeigt, daß jeweils ein unterschiedlicher Reflektions- und Entwicklungsstand von Gedenk- und Erinnerungskultur erreicht ist. Bezüglich des Zweiten Weltkriegs ist die Gedenk- und Erinnerungskultur und die dieser zugrundeliegende Geschichtspolitik noch nicht in einem post-heroischen Stadium angelangt, es wird weiterhin Heldenverehrung betrieben und militärische Siege werden gefeiert. Derartige Heldenverehrung im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg ist nicht nur in der östlichen Hälfte Europas anzutreffen, sondern gleichfalls in der westlichen Hälfte Europas, wie das Beispiel der Landungsstrände in der Normandie zeigt. Im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg hat die Gedenk- und Erinnerungskultur zum Thema Erster Weltkrieg in Europa mittlerweile einen weiter entwickelten Reflektions- und Entwicklungsstand erreicht unter dem Begriff „Rememberance“, wie er insbesondere in Gedenkstätten zum Thema Erster Weltkrieg in Flandern anzutreffen ist. Bei „Rememberance“ lassen sich zwei Entwicklungsstufen unterscheiden: Eine national-autistische, die sich auf die eigene Nation beschränkt, sowie eine diese nationale Beschränkung überschreitende, wofür das Beispiel „Ring der Erinnerung“ (Anneau de Mémoire) (175) am Mont de Lorette zwischen den Städten Lille und Arras aufgeführt werden kann. 

 

Insbesondere seit dem Zeitalter der Aufklärung (176) gibt es die Institutionen der Literaturkritik (177), der Kunstkritik (178), der Architekturkritik (179), der Theaterkritik (180) und später der Filmkritik (181), des Weiteren der Religionskritik (182), der Kulturkritik (183) und der Gesellschaftskritik (184). Doch es gibt bis heute keine vergleichbare Institution der Kritik der Gedenk- und Erinnerungskulturen und der diesen zugrunde liegenden Geschichtspolitiken. Gegenstand dieses Genres der Kritik der Gedenk- und Erinnerungskultur sind Museen, Gedenkstätten, Denkmäler, und insbesondere der öffentliche Umgang mit Geschichte und ihrer Instrumentalisierung für die unterschiedlichsten Zwecke durch die unterschiedlichsten Akteure. In Anbetracht des Befunds der real-existierenden Gedenk- und Erinnerungskultur in Europa wird m.E. im gesamten Europa eine Institution der Kritik der Gedenk- und Erinnerungskultur dringend benötigt, um nach dem extremen 20. Jahrhundert das Projekt der Aufklärung in Europa fortzusetzen. Damit die Gedenk- und Erinnerungskultur zukünftig ein Projekt der Aufklärung werden kann, bedarf es zuerst und insbesondere einer Institution der Kritik der bestehenden Gedenk- und Erinnerungskultur, die so ein Gegenstand der öffentlichen Reflektion und Diskussion werden kann, und ein so aufgeklärtes Publikum wird einen anderen Umgang mit Gedenk- und Erinnerungskultur sowie Geschichte erwarten und einfordern. Ein anderer Umgang mit Geschichte ist erforderlich, wenn in Europa etwas anders und besser werden soll. So führe ich die derzeitigen Konflikte in der östlichen Hälfte Europas in erheblichem Maße auf Defizite der Gedenk- und Erinnerungskultur im gesamten Europa und mangelnde Reflektion zurück, was ein Wiederaufleben des Nationalismus nach 1989/90 ermöglichte. Überall wird die real-existierende Gedenk- und Erinnerungskultur überwiegend von Nationalisten und Militaristen geprägt und gestaltet, denen dieser Kulturbereich unhinterfragt und kritiklos überlassen wird (185). Die gesamte Gedenk- und Erinnerungskultur ist insbesondere in der östlichen Hälfte Europas dem Ziel der „Entwicklung einer nationalen Identität“ (186) untergeordnet, und dieses Ziel prägt darüber hinaus dort den gesamten Politik- und Kulturbereich. Dieser Nationalismus wird insbesondere in der östlichen Hälfte Europas von Welt- und Supermächten im Zuge der seit 1989/90 erfolgenden Neuaufteilung globaler Interessen- und Einflußzonen geopolitisch instrumentalisiert, und er ist deshalb Ursache von Krisen, Konflikten und Kriegen.

 

 

6.  Vilnius, ein Stadtschicksal im extremen 20. Jahrhundert

 

Nach einer Nachtfahrt von 19:15 Stunden trifft der Reisebus um 13:30 Uhr OEZ am Busbahnhof in Vilnius ein. Vilnius (187) ist die Hauptstadt von Litauen, und mit rd. 550.000 Einwohners ist Vilnius zugleich die größte Stadt des Landes. Die Gründung der Stadt Vilnius wird auf das Jahr 1323 zurückgeführt. Im historischen Stadtzentrum sind zahlreiche historische Gebäude erhalten, und dieses wurde 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe (188) erklärt. 

 

Noch mehr als der Rathausplatz bildet der nördlich gelegene Kathedralenplatz das Zentrum der historischen Altstadt von Vilnius. Dominiert wird der weitläufige Kathedralenplatz von einer gewaltigen Kathedrale mit einem separat stehenden Glockenturm, was bei Kirchen im Baltikum eine verbreitete Bauweise ist. Auffällig ist der ab 1783 bestehende klassizistische Baustil (189) der Kathedrale, sodaß diese nicht wie eine Kirche, sondern wie ein griechischer Tempel (190) wirkt. In diesem Stil ist auch der Innenraum gestaltet. Auch das Gebäude des Hauptbahnhofs im Süden des historischen Stadtzentrums ist in einem klassizistischen Stil erbaut, der Ähnlichkeiten mit der klassizistischen Kathedrale auf dem Kathedralenplatz hat. Dies bringt den Charakter und die Bedeutung der Eisenbahn im Industriezeitalter als Symbol des technisch-industriellen Fortschritts zum Ausdruck, wobei die Bahnhöfe den Charakter von Kathedralen dieses technisch-industriellen Fortschritts erhielten. Bis heute ist der technische Fortschritt (191) das hegemoniale Glaubensbekenntnis des weiterhin fortschreitenden Industriezeitalters, wobei der wissenschaftlich-technologische Fortschritt immer weitere Lebensbereiche durchdringt und transformiert. Bestandteil dieses Fortschrittsglaubens ist der Glaube an die Machbarkeit und die Gestaltbarkeit eines „Neuen Menschen“ (192). Mögliches Endziel des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts ist das Erreichen der „Technologischen Singularität“ (193). In der Antike hingegen wurde Fortschritt noch ganz anders verstanden, nämlich als Zunahme von Weisheit (194) und Tugend (195). 

 

Neben der Kathedrale befindet sich der im 14. Jahrhundert errichtete Palast der Großfürsten (196) des Großfürstentums Litauen (197). Hier ist derzeit das Nationalmuseum angesiedelt, dessen Ausstellungen sich über vier Etagen erstrecken. Da ein Besuch dieses Museums wahrscheinlich einen ganzen Tag beanspruchen wird, stellen wir dessen Besuch aufgrund unseres kurzen Aufenthalts in Vilnius von kaum mehr als zwei Tagen zurück. Neben dem Palast befindet sich der Burgberg (Pilies Kalnas) (142 m), auf dessen Gipfel sich ein „Gediminas-Turm“ befindet, der nach dem litauischen Großfürsten Gediminas (1275-1341) (198) benannt ist. Schon im 10. Jahrhundert soll hier eine Burg gestanden haben. Vom Gipfel des Hügels bietet sich ein Panoramablick über die umgebende Stadtlandschaft. 

 

Zwei Museen, die wir in Vilnius besuchen, haben das extreme 20. Jahrhundert zum Thema. Der Historiker Eric Hobsbawm unterscheidet ein langes 19. Jahrhundert von einem kurzen und extremen 20. Jahrhundert, das mit dem Ersten Weltkrieg als der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts beginnt und das mit den Ereignissen 1989/90 endet (199). Das extreme 20. Jahrhundert ist sowohl Folge, als auch Bestandteil des Zeitalters des Imperialismus, das in zwei Weltkriegen kulminiert. Heute ist das gesamte Zeitalter der Moderne und insbesondere das Industriezeitalter in Verdacht geraten, im extremen 20. Jahrhundert zu kulminieren. Weltweit ist ein großer Teil der Kriege, Ethnischen Säuberungen, Genozide und weiteren Gewaltverbrechen noch unzureichend wissenschaftlich erforscht, sodaß bis heute keine genauen Zahlen bezüglich der Gesamtzahl der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im extremen 20. Jahrhundert vorliegen. Je weiter der Tatort von Europa entfernt ist, umso unzulänglicher ist der Forschungsstand. Eine globale Gesamtzahl von 250 Millionen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft im extremen 20. Jahrhundert halte ich für wahrscheinlich (200). Dies entspricht einem von zehn Menschen der gesamten Weltbevölkerung von 1945. Diese ca. 250 Millionen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im extremen 20. Jahrhundert sind allesamt erklärungsbedürftig, und jedes dieser ca. 250 Millionen Einzelschicksale muß aufgeklärt werden. Dazu merkt der Historiker Habbo Knoch in seinem Buch „Geschichte in Gedenkstätten“ an: „Ein gravierendes Problem jeder historischen Rekonstruktion des Tatgeschehens ist nicht nur die Ermittlung der einzelnen Namen von Verfolgten und Ermordeten, sondern die darauf beruhende Bestimmung von Gesamtzahlen und Zahlenangaben zu bestimmten Zeitpunkten – zumal es sich hier um ein geschichtspolitisch immer wieder umstrittenes Thema handelt. (…) Recherche und Forschung erstrecken sich im Kern auf alle Dimensionen des historischen Gewaltgeschehens und sollen dazu dienen, die Einzelschicksale in möglichst umfassende Kenntnisse über den historischen Ort einzubetten“ (201). 

 

Das erste dieser beiden Museen ist das „Museum der Okkupationen und der Freiheitskämpfe“ (202), das als „KGB-Museum“ bekannt ist (Der Eingang liegt in der Seitenstraße Auku 2a). Vergleichbare KGB-Museen gibt es auch in anderen Städten, darunter in Tartu/Dorpat und in Tallinn. Das hiesige Museum befindet sich in einem ehemaligen Gefängnistrakt mit 22 ca. neun Quadratmeter großen Zellen, der sich in den Kellerräumen eines großen Gebäudes aus dem Jahre 1899 befindet. Die wechselhafte Nutzungsgeschichte dieses Gebäudes spiegelt die Tragödien des extremen 20. Jahrhunderts wider. Im Jahre 1899 begann seine Nutzung als Gerichtsgebäude des Kaiserreiches Rußland. Während des Ersten Weltkrieges war es von 1915 bis 1918 Sitz von Besatzungsbehörden des Kaiserreiches Deutschland. Im Jahre 1919 war es von Januar bis April Sitz des revolutionären Tribunals des bolschewistischen Kommissariats der Litauisch-weißrussischen sozialistischen Sowjetrepublik (203). Danach war es von 1920 bis 1939 Sitz von Besatzungsbehörden der Zweiten Polnischen Republik (204). Von 1940 bis Juni 1941 war das Gebäude Dienstsitz des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten (NKWD) (205) der Sowjetunion (UDSSR) (206), das hier ein Gefängnis unterhielt. 1941 bis 1944 war es Hauptquartier der Gestapo (207) und des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS (SD) (208). Ab 1944 bis 1991 befand sich hier erneut ein Gefängnis des NKWD und ab 1954 des KGB (209). 

 

Gegenstand der Ausstellung des Museums sind die Ereignisse während der Okkupation Litauens durch die Sowjetunion (UDSSR) zum Einen im Zeitraum vom 15.06.1940 bis zum 22.06.1941, und zum Anderen im Zeitraum von 1944 bis 1986. Die umfangreiche und detaillierte Ausstellung des Museums gliedert sich in 11 Themenräume auf zwei Etagen. Sämtliche Informationen werden zweisprachig angeboten (Litauisch, Englisch). Die materialreiche Ausstellung präsentiert eine Vielzahl von Fotos, Zahlen und Fakten. Ein größerer Teil der Ausstellung widmet sich dem Widerstand der Jahre 1944 bis 1953, wobei man u.a. erfährt, daß die Widerstandskämpfer, die meist versteckt in den Wäldern lebten, im statistischen Durchschnitt drei Jahre überlebten. Unterhalb der beiden Ausstellungsetagen befindet sich das eigentliche Gefängnis mit dem Zellentrakt. In diesen Zellen gibt es weitere kleinere Ausstellungen zu verschiedenen weiteren Aspekten des Hauptthemas. Hier gibt es auch eine kleinere Ausstellung zur NS-Okkupationszeit vom 22.06.1941 bis zum Juli 1944. Auch ist ein Raum, in dem Erschießungen stattgefunden haben, weiterhin Bestandteil des Museums. Dort ist auf einem Monitor ein Film zu sehen, wie man sich heute den Vorgang der Erschießungen vorstellt. Seit meinem ersten Besuch dieses Museums am 09.07.2017 ist dieser Raum jedoch umgestaltet worden. Damals war noch der originale Boden mit einem Abfluß zu sehen. Dieser Boden wurde jedoch zwischenzeitlich umfangreich umgestaltet, wodurch dieser historische Ort erheblich an Authentizität verloren hat. Der historische Originalboden ist jetzt von weißem Sand bedeckt, und die Besucher betreten den Raum jetzt auf einem darüber montierten Glas-Fußboden. Im angrenzenden Hof des Gefängnisses gibt es spezielle Zellen für weitere Formen von „Sonderbehandlung“ von Gefangenen: Die winzigen Einzelzellen sind zum freien Himmel offen, ohne Dach, aber vergittert. 

 

Das zweite Museum zum extremen 20. Jahrhundert, das wir besuchen, ist Bestandteil des „Staatlichen Jüdischen Museums“ (210). Dieses besteht aus fünf Teilen. Ein Teil ist das sogenannte „Grüne Haus“, ein traditionelles, regionaltypisches Holzgebäude in der Straße Pamienkalnio 12. Gegenstand der Ausstellung dieses Museums sind die Ereignisse und Vorgänge während der NS-Okkupation vom 22.06.1941 bis zum Juli 1944 insbesondere bezüglich der jüdischen Bevölkerung in Litauen. Thema der Ausstellung ist insbesondere der Holocaust in Litauen (211). In Litauen erfolgte der Holocaust insbesondere durch Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD (212), wobei das Massaker von Ponary (213) mit ca. 100.000 Todesopfern herausragt. Der Großteil der Organisation, der Vorbereitungen der Ermordung sowie der Erschießungen wurde von litauischen willigen Helfern ausgeführt. Zum Umfang dieser Kollaboration (214) liefert die Ausstellung allerdings keine Zahlen. Metapedia nennt Zahlen für die vier Einsatzgruppen zusammen und dem Umfang der Kollaboration mit diesen: „Die Mannschaftsstärke der vier Einsatzgruppen belief sich anfangs auf lediglich 4.000 Mann, wuchs zum Sommer 1942 auf etwa 15.000 Deutsche und 240.000 fremdländische Hilfskräfte an.“ (215). In seinem Buch „Geschichte in Gedenkstätten“ stellt der Historiker Habbo Knoch fest: „Aber auch in anderen europäischen Ländern wurden die vielfältigen Formen der Kollaboration und Mittäterschaft zugunsten selektiver, nationaler Widerstandsmythen nicht thematisiert“ (216). Weitere Themen der Ausstellung des Museums sind die Geschichte der Ghettos (217) in Litauen und der Ghetto-Alltag. Die Ausstellung bietet eine Vielzahl von Informationen, Fotografien, Materialien und Zahlen zu den Ereignissen und Vorgängen. Sämtliche Informationen werden zweisprachig angeboten (Litauisch, Englisch). 

 

Der Holocaust ist ein Genozid (218). Die wissenschaftliche Erforschung von Genoziden leistet die Vergleichende Völkermordforschung (219). In der Geschichtswissenschaft ist der Holocaust Gegenstand der Holocaustforschung (220). Die Holocaustforschung hat historische Entstehungsbedingungen, Entscheidungsprozess, Organisation, Durchführung, Täter, Mittäter, Opfer, Auswirkungen und Besonderheiten des Holocaust zum Gegenstand, und sie ist Bestandteil der NS-Forschung (221). Der Holocaust ist ein herausragender Bestandteil der NS-Verbrechen (222) Der Holocaust wird weltweit erforscht, jedoch besonders in den USA, Großbritannien, Israel, Polen und Deutschland. Die geschichtswissenschaftliche Forschung in den deutschsprachigen Ländern konzentriert sich jedoch stärker als die Forschung in den USA, Israel und Großbritannien auf innenpolitische und außenpolitische Aufstiegsbedingungen der NS-Bewegung einschließlich deren Finanzierung, auf „Machtergreifung“ (223), Machtdurchsetzung, Herrschaftskonsolidierung und Kriegführung des NS-Regimes. Globalhistorisch betrachtet ist der Nationalsozialismus Bestandteil des Zeitalters des Imperialismus, das in zwei Weltkriegen kulminierte, und er ist Bestandteil des extremen 20. Jahrhunderts. 

 

Der Holocaust ist eine Entwicklungsphase und ein Bestandteil der nationalsozialistischen Judenpolitik. Ein wesentlicher Aspekt dieser NS-Judenpolitik ist, daß sie sich über einen vergleichsweise langen Zeitraum ab 1933 zunehmend radikalisierte, wobei sich auch Methoden und Zielsetzungen änderten. Es stellt sich die Frage nach den jeweiligen Umständen, insbesondere den innen- und außenpolitischen Umständen, die dabei eine Rolle spielten. Über mehrere Jahre hinweg war diese NS-Judenpolitik ab 1933 darauf ausgerichtet, Juden zur Emigration bzw. Auswanderung zu drängen und zu nötigen, wobei sich diese NS-Judenpolitik über mehrere Jahre hinweg zum Zweck der Nötigung zur Emigration zunehmend radikalisierte. Juden wurden zunehmend entrechtet und schikaniert. Das Novemberpogrom vom 07.11.1938 (224) stellt in diesem Rahmen einen weiteren Radikalisierungsschritt dar. Von 30.000 im Rahmen dieses Novemberpogroms verhafteten Juden wurden ca. 6.000 in das KZ Sachsenhausen (225) eingeliefert, wo sie in besonderem Maße terroristischen Schikanen ausgesetzt wurden. In der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen (226) hat die Ausstellung „Jüdische Häftlinge im KZ Sachsenhausen 1936 – 1945“ in Baracke 38 die NS-Judenpolitik zum Thema, und es wird dargestellt, daß es Ziel der Maßnahmen im Rahmen des Novemberpogroms 1938 war, die Emigration der Juden zu erzwingen, was in vielen Fällen erreicht worden sei. Bei Betrachtung der NS-Judenpolitik ergibt sich der Befund, daß hier der Fall einer Ethnischen Säuberung vorliegt. Es stellt sich die Frage nach den Umständen, durch die dieser Fall einer Ethnischen Säuberung den Charakter eines Genozids erhielt. 

 

Ein wesentliches Problem bei der NS-Judenpolitik einer Zwangsemigration war, daß sich die Emigrations- und Einreisemöglichkeiten der (Zwangs-) Emigranten weltweit zunehmend verschlechterten. Die insbesondere im Zuge des Ersten Weltkrieges überall eingeführten restriktiven Einreise- und Visabestimmungen wurden weiter verschärft, und es wurden überall immer mehr restriktive Einwanderungsgesetze erlassen, insbesondere auch in den Haupteinwanderungsländern der europäischen Auswanderung im 19. Jahrhundert, allen voran die USA. Symbol der Flüchtlingskrise der zweiten Hälfte der 30er Jahre ist die Konferenz von Évian (06.06. bis 15.06.1938) (227) und deren Scheitern. Dieses Thema wird im nachfolgenden Kapitel ausführlicher behandelt. Nur wenige Ausstellungen zum Themenbereich NS-Judenpolitik und NS-Verbrechen erwähnen die Konferenz von Èvian, die jedoch bei der historischen Analyse berücksichtigt werden muß, wenn man ein Gesamtverständnis der Ereignisse und Vorgänge innerhalb ihres globalhistorischen Zusammenhangs erzielen will. Auch die ansonsten umfangreiche, detaillierte und gut konzipierte Ausstellung in Baracke 38 der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen erwähnt die Konferenz von Èvian nicht, und ebenso im „Grünen Haus“ des „Staatlichen Jüdischen Museums“ in Vilnius ist die Konferenz von Évian kein Thema. 

 

Im Rahmen der Politik der Zwangsemigration wurden vom NS-Regime ab dem Jahre 1937 und insbesondere im Jahre 1940 sogenannte „Territoriallösungen“, darunter der „Madagaskar-Plan“ (228), favoritisiert und geplant. Diese „Territoriallösungen“ scheiterten letztlich an der Entwicklung der Kriegslage. 

 

Ab Kriegsbeginn im September 1939 verschlechterten sich die Auswanderungsmöglichkeiten und Auswanderungschancen dramatisch. Juden werden in Ghettos zusammengepfercht, wobei insbesondere das Generalgouvernement (229) den Charakter eines extralegalen Abschieberaumes erhält. Am 22.06.1941 erfolgte der Angriff auf die Sowjetunion, und der vorrückenden Wehrmacht folgten vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD (230). Diese Einsatzgruppen ermorden in den besetzten Gebieten in der östlichen Hälfte Europas unter dem Vorwand vorbeugender Aufstands- und Verbrechensbekämpfung bis zum Jahreswechsel 1941/42 mehr als 500.000 Personen, überwiegend Juden. Damit hatte die NS-Judenpolitik den Charakter eines Genozids (231) erhalten. Ab dem 23. 10.1941 wurde Juden die Auswanderung aus dem Deutschen Reich verboten. Die Wannseekonferenz am 20.01.1942 (232) beendete sowohl die Politik der Zwangsemigration als auch die sogenannten „Territoriallösungen“. Im Protokoll dieser Wannseekonferenz vom 20.01.1942 ist auf Seite 5 zu lesen: „Anstelle der Auswanderung ist nun als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten“ (233). Es erfolgte nun die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ (234), deren zentraler Bestandteil die „Aktion Reinhard“ (235) war. Schon Mitte Oktober 1941 hatte der Bau des ersten Vernichtungslagers (236) Belzec begonnen. 

 

Bei verschiedenen Reisen in Europa habe ich mittlerweile in zahlreichen Ländern eine größere Anzahl von Museen und Gedenkstätten zum Thema NS-Herrschaft und NS-Verbrechen besuchen können, darunter auch das „Mémorial de la Shoah“ (237) in Paris, das ich am 29.09.2022 besuchte. Es bietet sich ein Vergleich dieses Museums mit der Holocaust-Ausstellung des Staatlichen Jüdischen Museums in Vilnius an. Der Holocaust ist zu einem Symbol der NS-Verbrechen geworden, und er ereignete sich insbesondere in der östlichen Hälfte Europas während des Zweiten Weltkrieges. Bei meinem Besuch bin ich daran interessiert, ob im „Mémorial de la Shoah“ weitere Aspekte und neue Sichtweisen zum Thema präsentiert werden, um die Vorgänge innerhalb des historischen Zusammenhangs besser einordnen und verstehen zu können. 

 

Das „Mémorial de la Shoah“ gilt als das größte Museum zum Thema Holocaust in Europa, wie dort hervorgehoben wird. Dies hat mich stutzig gemacht, wenn bei einem Museum quantitative Aspekte hervorgehoben werden, wohingegen es bei einem Museum auf qualitative Aspekte, also auf Inhalte und deren gelungene Vermittlung im Rahmen eines elaborierten museumspädagogischen Konzeptes ankommen sollte, bei dem dem Publikum auch zu historischen Themen kein vorgefertigtes Geschichtsbild vermittelt wird, sondern viel mehr dieses Publikum angeregt und im Bemühen unterstützt werden soll, sich auch zu komplexen und komplizierten historischen Themen eine eigene, unabhängige Meinung zu bilden, im Sinne von Aufklärung. Es stellt sich die Frage, woran die Größe eines Museums bemessen werden soll: An der Größe der Ausstellungsfläche, der Anzahl der Exponate, dem Umfang der angebotenen Informationen und Interpretationen, oder der Anzahl der Besucher. Zumindest Letztere ist sehr gering, und über einen längeren Zeitraum bin ich der einzige Besucher dieses Museums. 

 

Das Museum „Mémorial de la Shoah“ beeindruckt durch eine große Fülle an kommentiertem Material zum Thema, in der Mehrzahl zweisprachig (Französisch, Englisch), sowie durch eine Vielzahl von Einzelaspekten zum Thema, die Berücksichtigung finden. Schwerpunkt der Darstellungen bilden die Ereignisse in Frankreich. Die Ausstellung des Museums beginnt noch im Außenbereich mit einer „Mur des Nomes“, auf der die Namen der 76.000 Juden eingraviert sind, die von 1942 bis 1944 aus Frankreich „deportiert“ worden sind. Die Ausstellung endet mit mehreren Fotowänden, auf denen Fotos dieser Deportierten – überwiegend Kinder – zu sehen sind. Man hat den Eindruck, daß dies ein beliebiger Ausschnitt aus der damaligen Bevölkerung Frankreichs ist. Damit stellt sich die Frage, was eine Person „jüdisch“ macht (238). Insbesondere mit Blick auf das extreme 20. Jahrhundert stellt sich diese Frage, denn insbesondere im westlichen und mittleren Europa hatten in Folge des Zeitalters der Aufklärung im 19. Jahrhundert alle Personen unabhängig ihrer Konfession gleiche Bürgerrechte erhalten, und Juden waren weitgehend assimiliert. Etwas anders sah die Situation in der östlichen Hälfte Europas aus. Die Juden in Osteuropa (239) waren weitgehend nicht assimiliert, und im Kaiserreich Rußland durfte Juden nur im sogenannten „Ansiedlungsrayon“ (240) in den westlichen Landesteilen leben. Im Zeitalter des Nationalismus (241) wurde der homogene Nationalstaat (242) zum politischen Ideal, und es entstand der Zionismus (243) als eine Nationalbewegung und als eine nationalistische Ideologie, die auf einen jüdischen Nationalstaat im geografischen Palästina (244) abzielte. 

 

Im Museumsgebäude beginnt die Ausstellung zum Einen mit einer Darstellung der Geschichte der Juden in Frankreich, zum Anderen mit einer Darstellung der Geschichte des Antisemitismus (245) in Europa. Diese Darstellung des Antisemitismus beginnt im Imperium Romanum (246), und es stellt sich die Frage, ob es im Imperium Romanum Antisemitismus gegeben hat, und ob sich die Ereignisse im Rahmen des Jüdischen Krieges (66-74 n. Chr.) (247) und der Eroberung von Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. (248) alleine mit Antisemitismus erklären lassen, oder ob auch noch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben, die bei einer Analyse der damaligen Ereignisse Berücksichtigung finden müssen, wenn man ein Gesamtverständnis der historischen Ereignisse innerhalb ihrer historischen Epoche erreichen möchte. Da wir uns beim Thema des Museums „Mémorial de la Shoah“ im extremen 20. Jahrhundert befinden, müssen bei einer historischen Analyse alle Faktoren von Relevanz Berücksichtigung finden, die das extreme 20. Jahrhundert charakterisieren und die die historischen Ereignisse bestimmen und prägen. Das Museum stellt als analytische Kategorie jedoch ausschließlich „Antisemitismus“ vor. 

 

Um die historische Wirklichkeit des extremen 20. Jahrhunderts präziser erfassen und analysieren zu können, ist es erforderlich, charakteristische und prägende Elemente, die das 20. Jahrhundert in seiner gesamten historischen Tiefe und seiner gesamten geografischen Breite als ein extremes Jahrhundert mit Alleinstellungsmerkmal charakterisieren und prägen, ins Zentrum einer jeden Analyse zum extremen 20. Jahrhundert zu stellen, wie die Ethnische Säuberung (249), die Totale Institution (250) des Lagers (251) in ihren verschiedenen Erscheinungsformen, der Ausnahmezustand (252), der Doppelstaat (Dual State) (253), die totale Mobilmachung (254), der totale industrielle Krieg (255), und weitere, denn diese haben als charakteristische und prägende Elemente des extremen 20. Jahrhunderts den Gehalt von analytischen Kategorien, die deshalb im Zentrum einer jeden Analyse zum extremen 20. Jahrhundert stehen müssen. 

 

 

7.  Das Ende der Reisefreiheit im extremen 20. Jahrhundert

 

Zudem unterscheidet sich das extreme 20. Jahrhundert vom vorausgegangenen 19. Jahrhundert bezüglich der Themen „Reisefreiheit“ und „Auswanderung“ (256), sodaß diese und weitere Aspekte bei einer historischen Analyse Berücksichtigung finden müssen. Die auch heute noch bestehenden, die weltweite Reisefreiheit einschränkenden restriktiven Einreise- und Visabestimmungen sind ein historisch junges und neuartiges Phänomen, sie entstanden als eine Folge des Ersten Weltkrieges, der somit auch in diesem Bereich die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts ist. Sie sind ein das extreme 20. Jahrhundert konstituierendes Element, das neben weiteren das 20. Jahrhundert zu einem „extremen“ Jahrhundert macht. Während das 19. Jahrhundert von weitgehender weltweiter Reisefreiheit und einer umfangreichen Auswanderung insbesondere aus Europa nach Übersee geprägt ist, ist das extreme 20. Jahrhundert ab dem Ersten Weltkrieg durch weltweite restriktive Reiseeinschränkungen, die ubiquitäre Ausweitung von Lagern in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen als der Totalen Institution zur zweckrationalen Verwaltung und Kontrolle von Menschenmassen, sowie von Ethnischen Säuberungen geprägt. Dies alles bildet einen untrennbaren und unauflöslichen Gewaltzusammenhang, und der Übergang zu Genoziden ist fließend. Dieser Gewaltzusammenhang macht das 20. Jahrhundert zu einem extremen Jahrhundert. Das Thema Auswanderung aus Europa nach Übersee war ein Thema meiner beiden Fahrradreisen durch die südliche Nordseeregion in den Jahren 2020 und 2022.

 

Das Thema Auswanderung aus Europa nach Übersee im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg begegnete mir während meiner zweiten Fahrradreise durch die südliche Nordseeregion im Jahre 2022 mehrere Male, nachdem ich dieses Thema zuvor schon während meiner ersten Fahrradreise durch die südliche Nordseeregion im Jahre 2020 in Cuxhaven und insbesondere in Bremerhaven angetroffen hatte. Cuxhaven (257) gehörte vom 13. Jahrhundert bis 1937 zur Freien Stadt und Hansestadt Hamburg (258). Vom Amerika-Hafen in Cuxhaven, von dem heute noch der Pier Steubenhöft (259) und die Hapag-Hallen (260) erhalten sind, wanderten im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg ca. fünf Millionen Auswanderer aus Europa nach Übersee, insbesondere nach Amerika aus. Der Amerika-Hafen in Cuxhaven hatte einen eigenen Bahnhof, den Cuxhaven-Amerika-Bahnhof (261), sodaß Auswanderer aus ganz Europa mit der Eisenbahn zum Amerika-Hafen in Cuxhaven gelangen konnten. Zu diesem Thema der europäischen Auswanderung nach Übersee gibt es im Gebäude des Pier Steubenhöft eine umfangreiche, detaillierte und sehenswerte Ausstellung. In Bremerhaven (262) gibt es ein exzellentes Auswanderermuseum mit dem Namen „Deutsches Auswandererhaus“ (263), das sich ausführlich, detailreich und mit einem herausragenden museumspädagogischen Konzept diesem Thema der Auswanderung aus Europa nach Übersee im 19. Jahrhundert widmet und das ich am 18.10.2020 besucht hatte. 

 

Nun traf ich dieses Thema der europäischen Auswanderung nach Übersee während meiner zweiten Fahrradreise durch die südliche Nordseeregion im Jahre 2022 weitere Male in Rotterdam (264), Antwerpen, Southampton und Cherbourg an, alles bedeutende Überseehäfen der europäischen Auswanderung nach Übersee im 19. Jahrhundert, und es hatte sich geradezu eine Auswanderungsindustrie gebildet, die professionell insbesondere mit großen Übersee-Linern das Geschäft mit der Auswanderung betrieb. Von den ca. 60 Millionen Auswanderern aus Europa nach Übersee im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg wanderten aus über Cuxhaven ca. 5 Millionen Personen, Bremerhaven ca. 7 Millionen, Rotterdam ca. 3 Millionen, Antwerpen ca. 2 Millionen, Southampton ca. 5 Millionen und Cherbourg ca. 4 Millionen Personen. In der Stadt Antwerpen (265) hat das „Red Star Line Museum“ (266) die Auswanderung aus Europa nach Übersee zum Thema. In der Stadt Southampton (267) befaßt sich die Ausstellung „Gateway to the World“ im „Seacity-Museum“ mit der europäischen Auswanderung nach Übersee. In der Stadt Cherbourg (268) widmet sich im Museum „La Cité de la Mer“ (269), das sich in den Gebäuden des ehemaligen Transatlantik-Hafens befindet, eine Ausstellung dem Thema Auswanderung aus Europa nach Übersee im 19. Jahrhundert, die ich am 07.09.2022 besuchte, und es wird dargestellt, daß die bedeutendsten Zielländer dieser europäischen Auswanderung nach Übersee mit Abstand die USA (ca. 34 Millionen) waren, des weiteren Kanada (ca. 9 Millionen), Sibirien und Turkestan (ca. 7 Millionen), Argentinien (ca. 6 Millionen), Brasilien (ca. 5 Millionen), Australien und Neuseeland (ca. 3,5 Millionen) und Süd-Afrika (ca. 1 Millionen). Meines Erachtens ist das Thema Auswanderung ein wesentlicher Aspekt, der das 19. Jahrhundert vom 20. Jahrhundert unterscheidet und der zu einer Erklärung beiträgt, warum das 20. Jahrhundert zu einem extremen Jahrhundert geworden ist.

 

Diese Auswanderung aus Europa nach Übersee endete abrupt mit dem Ersten Weltkrieg und sie erreichte im gesamten 20. Jahrhundert nie mehr die vormalige Bedeutung. Überall wurde weltweit ab dem Ersten Weltkrieg das freie Reisen sowie die Aus- und Einwanderung eingeschränkt und unterbunden. Die wirksamste Drosselung der Auswanderung verursachten die Restriktionen der USA, dem bedeutendsten Einwanderungsland für Auswanderer aus Europa. Mit einem neuen Einwanderungsgesetz, dem National Origin Act von 1924 (270), wurden die jährlich zugelassenen Einwanderungen auf ein Sechstel der Einwanderung der Vorkriegszeit begrenzt, und insbesondere wurde der Zuzug von Süd- und Osteuropäern beschränkt. Auch andere Einwanderungsländer verfügten restriktive Maßnahmen und legten Einwanderungsquoten fest, Südafrika im Jahr 1930, Neuseeland 1931, Australien 1932 und Brasilien 1934. Den Höhepunkt dieser weltweiten restriktiven Entwicklungen in der Zwischenkriegszeit bildet das Scheitern der Konferenz von Évian (271), die vom 06. bis zum 15.07.1938 in der Stadt Évian-les-Bains (272) am Genfer See stattfand. Sehr wahrscheinlich wäre bei einem Erfolg dieser Konferenz in den Folgejahren ein erheblicher Teil der tragischen Entwicklungen nicht eingetreten. Doch in Évian-les-Bains verweist heute nichts auf dieses Ereignis und seine weitreichenden historischen Konsequenzen, wie ich bei meinem Besuch der Stadt Évian am 02.12.2016 während einer Fahrradreise durch Teile der Alpenregion feststellen mußte.

 

Ein Besuch der Stadt Évian-les-Bains wirft Licht auf den Rahmen, in dem internationale Diplomatie traditionell stattfindet und in dem über das Schicksal von Millionen von Menschen verhandelt und bestimmt wird. In der Nachbarstadt Genf scheiterte der Völkerbund, der vom 28.04.1919 bis zum 18.04.1946 existierte. Ebenso wie heute in seiner Nachfolgeorganisation, der UNO, saßen im Völkerbund die Vertreter von Staaten, die dort die Interessen ihrer Staaten vertraten und das gemeinsame Menschheitsinteresse auf Grundlage universeller Humanität kaum jemanden interessierte. In seiner Biografie: „Helmuth James von Moltke. 1907-1945. Eine Biografie“ beschreibt der Historiker Prof. Dr. Günter Brakelmann eine Reise des Experten für Völkerrecht, Helmuth J. von Moltke im März 1935 nach Genf, wo Moltke die Einrichtungen des Völkerbundes besuchte: „Er wollte sich vor Ort ein eigenes Bild von der politischen Lage und den Arbeitsmöglichkeiten machen. Basel, Bern, Genf, Paris, Den Haag und London waren im März und April 1935 die wichtigsten Stationen seiner Erkundungsreise. (…) Wichtig war ihm aufgrund seines Interesses am Völkerrecht der Besuch beim Völkerbund In Genf.“ Von diesem Besuch beim Völkerbund in Genf berichtete Moltke am 31.03.1935: „‘Es wimmelt von Bürokraten, aber es fehlen Menschen von Format völlig.‘ Alle seien nur Interessenvertreter ihrer Länder und würden an ihre eigene Karriere denken. Anders sehe es nur bei denjenigen Beamten aus (Russen, Italiener, Deutsche), die den Bruch mit ihren Heimatländern vollzogen hätten, aber im Sekretariat des Völkerbundes geblieben seien. Moltkes Eindruck: ‚Hier scheint man auch ganz kühl mit einem großen europäischen Krieg zu rechnen.‘ Aber man reagiere ganz passiv und lasse den Dingen ohne Gegenwehr ihren Lauf. Zukunft habe der Völkerbund aber nur, wenn er sich zu einer ‚unabhängigen Macht‘ entwickeln würde“ (273). 

 

Alternativen im Bereich der Diplomatie (274), der internationalen Politik (275) und des Völkerrechts (276) sind erforderlich, zum Einen aufgrund des Versagens traditioneller Diplomatie und der traditionellen internationalen Politik, was insbesondere am Beispiel des extremen 20. Jahrhunderts deutlich wird, und zum Anderen aufgrund fortbestehender Defizite des Völkerrechts, das weiterhin ausschließlich ein Recht souveräner Nationalstaaten ist, die ihre Interessen als Nationalstaaten vertreten. In seinem Text: „Zum Verhältnis von Nation, Rechtsstaat und Demokratie“ stellt der Philosoph Jürgen Habermas fest: Faktisch ist „in der Welt, wie wir sie kennen“, ein Nationalstaat ein Produkt erfolgreicher Machtdurchsetzung nach dem „Effektivitätsprinzip“, das sich durch die „Regierungskriminalität, die sich im Schatten des technologisch entgrenzten und ideologisch enthemmten Zweiten Weltkrieges ausgebreitet hat“ (277) diskreditiert hat. Eine Alternative zum Konzept nationaler Selbstbestimmung ist das Konzept einer „differenzempfindlichen Inklusion“ mit föderalistischer Gewaltenteilung, Dezentralisierung, kultureller Autonomie, gruppenspezifischen Rechten, Gleichstellung und Minderheitenschutz (278) im Rahmen einer „postnationalen Vergesellschaftung“, die in eine gemeinsame politische Kultur eingebettet ist und die von einer Zivilgesellschaft getragen wird (279). 

 

Noch heute ist das Völkerrecht ein Recht von souveränen Nationalstaaten, die ihre Interessen als Nationalstaaten wahrnehmen, und die Transformation des Völkerrechts als einem Recht von Staaten zu einem Weltbürgerrecht als einem Recht der Menschen und der Menschheit auf Grundlage allgemeiner und universeller Menschenrechte (280), sowie zu einem Weltverfassungsrecht, steht noch aus. Hierbei werden die individuellen Bürger als unmittelbare Subjekte des Völkerrechts anerkannt. Das heutige UN-System ist weit von den Idealen der alten Idee eines Völkerbundes entfernt, wie sie z.B. von Immanuel Kant (281) in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (282) im Jahre 1795 vorentworfen worden ist, und seine Reformbedürftigkeit (283) ist geradezu sprichwörtlich. Es wird auch eine Neugründung auf einer anderen Grundlage gefordert. Im Zentrum sollten nicht souveräne Staaten und ihre Interessen, sondern die Menschen und ihre Rechte stehen, und das traditionelle Völkerrecht, das die Verbrechen des extremen 20. Jahrhunderts ganz erheblich begünstigt und gefördert hatte, müßte von einem Recht souveräner Staaten hin zu einem Weltbürgerrecht und einem Recht der Menschen und der Menschheit transformiert werden auf Grundlage der allgemeinen Menschenrechte, sowie zu einem Weltverfassungsrecht. In seinem Buch: „Der gespaltene Westen“ skizziert der Philosoph Jürgen Habermas ein Mehrebenensystem einer „Weltinnenpolitik ohne Weltregierung“: „Im Lichte der Kantschen Idee kann man sich eine politische Verfassung einer dezentrierten Weltgesellschaft, ausgehend von den heute bestehenden Strukturen, als ein Mehrebenensystem vorstellen, dem im Ganzen der staatliche Charakter aus guten Gründen fehlt“ (284). Dabei wird der Weg vom Staatenrecht zum Weltbürgerrecht beschritten, und die individuellen Bürger werden als unmittelbare Subjekte des Völkerrechts anerkannt, womit die Transformation des Völkerrechts in ein Weltverfassungsrecht eingeleitet wird. Auf dieser Grundlage mahnt Habermas Reformen der UNO an. 

 

Es entsteht somit ein völlig neues Modell von Politik, das sich von historisch überholten Politikformen verabschiedet, deren Scheitern in Anbetracht des extremen 20. Jahrhunderts unübersehbar geworden ist. Es entsteht ein Modell eines Mehrebenensystem einer Weltinnenpolitik ohne Weltregierung, ein Modell einer politischen Verfassung einer dezentrierten Weltgesellschaft, einem Mehrebenensystem, dem im Ganzen der staatliche Charakter aus guten Gründen fehlt. Dieses Mehrebenensystem setzt sich zusammen aus einer Vielzahl unterschiedlicher miteinander in Wechselwirkung stehenden politischen Prozessen, Ebenen und Akteuren, wodurch eine Multiebenendiversität des Politischen im Rahmen eines Mehrebenensystems einer dezentrierten Weltgesellschaft entsteht. 

 

Das Versagen traditioneller Diplomatie und internationaler Politik kann exemplarisch am Beispiel der Stadt Évian-les-Bains studiert werden. Die Stadt Évian-les-Bains besuchte ich am 02.12.2016 während einer Fahrradreise durch Teile der Alpenregion. Évian-les-Bains liegt am Ufer des Genfer Sees in der Nähe der Stadt Genf und ist ein mondäner Ort mit den üblichen Hotelpalästen, die viele landschaftlich attraktiv gelegene Orte in den Randbereichen der Alpenseen prägen. Es ist eine Kategorie von Orten, in denen früher die Aristokratie ihre Zeit vertrödelte und in denen heute Leute, die nicht wissen, was sie mit ihrem vielen Geld anfangen wollen, ihr Geld verschwenden. Die entsprechenden Einrichtungen, die ihnen dies vereinfachen, sind zahlreich: Teuerste Hotels, Nobelgeschäfte für teueren Schnickschnack, den niemand braucht, und ein Spielcasino. Ich hingegen gehe dort wieder auf historische Spurensuche an einem Originalschauplatz historischer Ereignisse: Vom 06.06.1938 bis zum 15.06.1938 fand in Évian-les-Bains die internationale Konferenz von Évian statt, die die damalige Flüchtlingskrise in der Zwischenkriegszeit (285) zum Thema hatte, die aber aufgrund der restriktiven Einwanderungspolitik der meisten Staaten scheiterte. Die historischen Folgen sind bekannt, doch wird dieses historische Ereignis mit seinen schwerwiegenden Folgen von der gängigen Geschichtsschreibung kaum berücksichtigt und ignoriert. Sehr wahrscheinlich wäre bei einem Erfolg dieser Konferenz in den Folgejahren ein erheblicher Teil der tragischen Entwicklungen nicht eingetreten. Ich hatte erwartet, am Ort dieser Konferenz ein Museum zu diesem Thema, eine Gedenkstätte, oder doch zumindest eine Erinnerungs- und Informationstafel zu finden, doch es gibt im gesamten Ort Évian-les-Bains nichts, was auf das historische Ereignis der Konferenz von Évian Bezug nimmt. Dies ist ein Beispiel für eine Dethematisierung bedeutender historischer Ereignisse, die jedoch für ein Gesamtverständnis der historischen Vorgänge und Zusammenhänge Berücksichtigung finden müssen. Dethematisierung ist ein Bestandteil von Geschichtspolitik.

 

Dies ist nicht das erste Mal, daß ich in Frankreich an Originalschauplätzen bedeutsamer historischer Ereignisse nichts antreffe. So mußte ich bei meinem Besuch der Stadt Vichy (286) am 01.08.2018 feststellen, daß es in der gesamten Stadt nichts gibt, das in irgend einer Form an den Zeitraum zwischen dem 22.06.1940 und dem 25.08.1944 erinnert, als die Stadt Vichy unter besonderen historischen Umständen die Hauptstadt Frankreichs gewesen ist. Statt dessen wird mit großem Aufwand hervorgehoben, daß Vichy die Sommerhauptstadt von Kaiser Napoleon III. gewesen ist, und seine Regierungszeit wird als Bestandteil der „Belle Époque“ (287) präsentiert. Louis-Napoléon Bonaparte (1808-1873) (288) hatte mit einem Staatsstreich am 02.12.1851 die Macht ergriffen, eine Diktatur errichtet und sich am 02.12.1852 zum Kaiser Napoleon III. ernannt. Er verfolgte politische Gegner und errichtete zu diesem Zweck ein System von Strafkolonien (289), darunter die Teufelsinsel (290). Die Umstände des Endes der Herrschaft von Napoleon III. stellt das Bourbaki-Panorama (291) in der Stadt Luzern dar, das ich am 15.11.2016 besucht habe. 

 

Die Konferenz von Évian wird auch von der Geschichtsforschung konsequent ignoriert, und selbst die 19. Auflage der 24-bändigen Brockhaus-Enzyklopädie erwähnt diese Konferenz nicht. Dieser Umstand verweist darauf, daß das durch die bestehende Gedenk- und Erinnerungskultur vermittelte Geschichtsbild unzulänglich und defizitär ist. Tatsächlich ist überall, und insbesondere in Europa die real-existierende Gedenk- und Erinnerungskultur geprägt von nationalstaatlicher Geschichtspolitik, und die konkurrierenden Geschichtskulturen der Nationalstaaten arbeiten sich antagonistisch aneinander ab (292). Der Historiker Lutz Raphael analysiert in seinem Buch „Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation. Europa 1914-1945“ den historischen Kontext: „erst die Vertreibungen und Völkermorde des Zweiten Weltkrieges schufen jene Homogenisierungen, welche die europäischen Gesellschaften (…) zu sprachlich und kulturell homogenen Nationalgesellschaften machten. (…) Die europäischen Gesellschaften waren um 1900 sehr viel weniger homogen als in der Zeit nach 1945. Soziale Gruppen, Netzwerke und Milieus waren noch nicht zu jenem ‚Container‘ einer nationalen Gesellschaft verklammert, den Umfragedaten und Sozialstatistiken seit 1945 als quasi ‚natürliches‘ Objekt von Sozialpolitik und Sozialgeschichte präsentieren“ (293). 

 

Eine um gesellschaftliche Aufklärung bemühte historische Forschung und Geschichtswissenschaft müßte anders aussehen. Es stellt sich die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Geschichte und historischer Forschung als einer Wissenschaft und wie sich diese begründen läßt. Nach Auffassung des Historikers Jürgen Kocka in seinem Text: „Geschichte als Aufklärung?“ zeichnet sich „der wissenschaftliche Umgang mit Geschichte (…) gegenüber anderen Umgängen mit Geschichte (etwa in Form von Mythen, Legenden, fiktionaler Literatur, Denkmälern, Mahnmalen, historisierenden Festen usw.) dadurch aus, daß er selbst ein Produkt der Aufklärung ist. (…) Die der Geschichte als Wissenschaft eigene Rationalität ist im Prinzip geeignet, (wenn auch nicht immer mächtig genug), der Instrumentalisierung der Geschichte zu anti-aufklärerischen Zwecken enge Grenzen zu ziehen. Am sogenannten ‚Historikerstreit‘ läßt sich das zeigen“ (294). Um in diesem Sinne einen Beitrag zu gesellschaftlicher Aufklärung zu leisten, müssen Historiker ihr Selbstverständnis als Wissenschaftler und die gesellschaftliche Relevanz von Geschichtswissenschaft überprüfen. Nach Auffassung des Historikers Theodor Schieder in seinem Text: „Geschichtsinteresse und Geschichtsbewußtsein heute“ macht sich „der Wissenschaftscharakter der Geschichte“ dadurch geltend, daß sie „das Ganze ihres Gegenstandes zu erfassen strebt, Erinnerungen nur dann als möglich ansieht, wenn der geschichtliche Gang der Menschheit in seiner Gesamtheit offen dargelegt werden kann“, und es besteht die „Aufgabe, das Erinnerungsvermögen des Menschen auf die Herkunft und die Entwicklung seiner Art auszudehnen. (…) Eine vergleichbare Aufgabe kann heute wohl die historische Begründung einer menschheitlichen Weltgeschichte darstellen, die den gewiß schwierigen Versuch unternimmt, für die Völker der Welt mit ihren weit auseinanderliegenden Traditionen einen gemeinsamen Rahmen geschichtlichen Selbstverständnisses zu schaffen“ (295). Meines Erachtens läßt sich eine wissenschaftlich fundierte Geschichtswissenschaft nur im Rahmen von Global- und Weltgeschichte betreiben, wie dies schon im Zeitalter der Aufklärung der Fall gewesen ist, und zudem im Rahmen einer Menschheitsgeschichte (296), die Bestandteil der Geschichte des Lebens auf diesem Planeten ist (297). 

 

 

8.  Užupis und die Relevanz von Alternativkultur in Europa

 

Die Unterkunft, in der Uli und ich während unseres Aufenthaltes in der Stadt Vilnius logierten, liegt im Stadtteil Užupis (298). Der Stadtteil Užupis befindet sich im Osten des historischen Stadtzentrums von Vinius, und er wird an drei Seiten vom kleinen Fluß Vilnia umflossen, der ein kurzes Stück weiter nördlich in den Fluß Neris einmündet. Im Sommer 2017 war ich während meiner Fahrradreise durch das nördliche Europa erstmals hier gewesen. Der Stadtteil Užupis gilt als ein Zentrum von Alternativkultur, und man hat hier sogar eine eigene Republik, die „Užupio Res Publica“ gegründet, ein „Freistaat“ mit eigener Verfassung, Parlament, Regierungssitz und Universität. Im Rahmen unserer Stadtexkursionen möchten wir diese „Užupio Res Publica“ näher kennenlernen. Das Zentrum des Stadtteils Užupis wird von einem Platz gebildet, auf dem eine Säule mit einem Trompetenengel steht. Diese gilt als das Wahrzeichen der „Užupio Res Publica“. In der benachbarten Straße Panpio ist die Verfassung der „Užupio Res Publica“ mit 38 Artikeln in insgesamt 45 Sprachen auf 45 spiegelnden Tafeln an einer straßenbegleitenden Mauer angebracht. Diese Verfassung kann dem Genre des Dadaismus (299) zugeordnet werden. Es stellt sich die Frage, welche dieser 38 Artikel den Verfassungskern mit unaufhebbaren Grundrechten bilden, der eine „Ewigkeitsgarantie“ hat. In der „Freistadt Christiania“ bei Kopenhagen unterhält die Republik Užupis eine Botschaft, wie ich bei meinem Besuch der „Freistadt Christiania“ am 13.09.2020 im Rahmen einer Fahrradreise feststellen konnte.

 

Mehrere Brücken über den kleinen Fluß Vilnia verbinden den Stadtteil Užupis mit der Stadt Vilnius. Dort gibt es Grenzpfosten und einen Grenzübergang mit einer Grenzkontrollstation. Auch hier sind die Brückengeländer der Brücken über den kleinen Fluß Vilnia mit zahlreichen Vorhängeschlössern behangen, wie man es allerorts an sehr vielen Brückengeländern antreffen kann. Die vielen Vorhängeschlösser, die man allerorts an Brückengeländern oft in großer Zahl findet, sodaß man um die Statik der jeweiligen Brücke besorgt sein muß, sind zweifellos ein Ausdruck und Indikator der sich permanent verkürzenden „Halbwertzeiten“ von Beziehungen, wobei die montierten Vorhängeschlösser mit dem Versprechen ewiger Haltbarkeit einen potentiellen Zerfall der Beziehung beschwörend aufzuhalten versuchen sollen. Diese Vorhängeschlösser vermitteln allerdings m.E. mehr den Charakter einer Zwangsveranstaltung. Zweifellos sind die sich permanent verkürzenden „Halbwertzeiten“ von Beziehungen ein Resultat einer sich permanent beschleunigenden Gesellschaft, und damit sind die allerorts anzutreffenden mit Vorhängeschlössern behangen Brückengeländer ein gesellschaftspolitisches Phänomen der fortgeschrittenen Industriegesellschaft und ein Indikator gesellschaftlichen Wandels. 

 

Am Beispiel des Stadtteils Užupis stellt sich die Frage, welchen Kriterien Alternativprojekte genügen müssen, um als Bestandteilen von Alternativkultur Legitimität und Geltung beanspruchen zu können. Die Brockhaus-Enzyklopädie definiert „Alternativkultur“ und „Alternativbewegung“ folgendermaßen: „Die Alternativbewegung, deren primäres Ziel die Durchsetzung der Ziele der Alternativkultur ist, aktualisiert sich in der Entwicklung von neuen Lebensformen und Wertorientierungen oder Wertgewichtungen. Grundanliegen ist, der ‚Kolonisierung der Lebenswelt‘ (Jürgen Habermas), d.h. dem weiteren Übergreifen der technisch-wissenschaftlichen Rationalität auf alle nur denkbaren Lebensbereiche, entgegenzuwirken. Zentrale Bedeutung wird den kleinen sozialen Einheiten beigemessen“ (300). Als Bestandteil der Alternativbewegung werden die neuen sozialen Bewegungen (301) angesehen. Die Begriffe Alternativbewegung und Alternativkultur sind jedoch weiter, so umfassen sie z.B. auch die Lebensreformbewegung (302), die im Zeitraum um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert bestand, wobei eins der bekanntesten Projekte im Rahmen der Lebensreformbewegung das Projekt „Monte Verità“ (303) bei Ascona im Tessin gewesen ist. Bestandteile von Alternativkultur und Alternativbewegung sind Alternativprojekte. Alternativprojekte stellen eine Form von versuchter Utopie neuer Gesellschaftlichkeit dar, und ihre gesellschaftliche Relevanz bemißt sich in der kreativen Fähigkeit der Projekte, transformativ in die Gesellschaft zu wirken, sodaß wir von ihnen lernen können (304). 

 

Da Alternativprojekte vom Mainstream abweichen, werden sie kontrovers diskutiert, und die Meinungen zu Alternativprojekten und zu Alternativkultur gehen weit auseinander. Eine Studie zur Alternativkultur aus dem Jahre 1980 der Autoren Christian Krause, Detlef Lehnert, Klaus-Jürgen Scherer mit dem Titel: „Zwischen Revolution und Resignation? Alternativkultur, politische Grundströmungen und Hochschulaktivitäten der Studentenschaft. Eine empirische Untersuchung über die politischen Einstellungen von Studenten“ stellt fest: „Je nach dem Standpunkt des Betrachters werden höchst gegensätzliche Urteile über entstehende Ansätze alternativer Lebenspraxis und Politikformen geäußert; sie reichen von der feindseligen Behauptung, dort bilde sich ein umfangreiches Potential militanter Systemgegner heraus, bis hin zu der euphorischen These, es handle sich um Keimformen eines historisch richtungsweisenden Zivilisationsentwurfes einer humanen und solidarischen Gesellschaft“ (305). Die Autoren dieser Studie zur Alternativkultur aus dem Jahre 1980 führen weiter auf: „Eine wichtige Tendenz bei den aktiven Gruppen einer neuen Studentengeneration ist deren Integration in außeruniversitäre politische Initiativen“, (…) doch „finden die von den Werten und der Realität unserer Gesellschaft enttäuschten Studenten keinen Rückhalt in den dominierenden Denktraditionen an unseren Hochschulen und versuchen sich so eigene Räume zu schaffen, in denen sie mit neuen Lebensformen experimentieren können. Häufigste Reaktion der Öffentlichkeit und der staatlichen Institutionen darauf war ein von Verständnislosigkeit geprägtes Abwehren dieser Experimente und der Versuch, die Studenten in unserer Gesellschaft zu marginalisieren“ (306).

 

Um wider diese Verständnislosigkeit zu einem Verständnis beizutragen, stellt sich die Frage, was die gesellschaftliche Relevanz von Alternativprojekten als Bestandteil einer Alternativkultur begründet. Nach dem Konzept des „Demokratischen Experimentalismus“ des Philosophen und Pädagogen John Dewey (1859-1952) (307) hat die moderne Demokratie experimentellen Charakter. Demokratie ist keine Frage der Regierungsform, sondern als gelebte Demokratie eine selbstbestimmte Lebensform (308). Dieses Konzept des „Demokratischen Experimentalismus“ von John Dewey erklärt der Erziehungswissenschaftler und Soziologe Hauke Brunkhorst in seinem Buch: „Demokratischer Experimentalismus“: „Unter radikaler Demokratie verstand er kein bloß politisches Herrschaftsprinzip, sondern die Idee umfassender gesellschaftlicher Selbstorganisation – Demokratie nicht nur ‚for‘, sondern ‚by the people‘. (…) Sie erschöpft sich nicht in der Selbstorganisation freier und gleicher Bürger im politischen Diskurs, sondern zielt gleichermaßen auf die Selbstorganisation aller jeweils Betroffenen (…). Der normative Sinn Deweyscher radikaler Demokratie geht deshalb weit über die republikanische Kritik an der Herrschaft von Bürgern über Bürger hinaus und impliziert eine emanzipatorische Kritik aller Herrschaft von Menschen über Menschen“ (309). Das Modell einer gelebten Demokratie als Lebensform „sprengt das Paradigma des liberalen Konstitutionalismus. Sie betont mit der aktivbürgerlichen Komponente von Politik zugleich das Engagement der Einzelnen oder auch von Gruppen“, worauf der Rechtswissenschaftler Günter Frankenberg in seinem Buch: „Autoritarismus. Verfassungstheoretische Perspektiven“ hinweist (310).

 

Das Konzept des Demokratischen Experimentalismus ist eine Antwort auf das Paradox der Steuerung moderner, komplexer Gesellschaften, das in der Debatte um Unregierbarkeit zum Ausdruck gelangt. Regieren verkommt zur Krisenbewältigung, denn die Politik kann den Zusammenhang nicht herstellen, weil ihr die Expertise für die Steuerung und die Mittel für die Implementation ihrer Programme fehlen, sodaß die Gesellschaft ihre Kohärenz verliert. Diese Entwicklung findet in der Dewey-Lippmann-Debatte über die Stellung der öffentlichen Meinung im Zeitalter der Massenmedien und der Massengesellschaften ihren Ausdruck (311). In Reaktion auf die Krise des repräsentativen demokratischen Regierungssystems und die Enttäuschungen der Massendemokratie und der Massengesellschaften sieht Dewey in Abgrenzung zur demokratieskeptischen Elitentheorie (312) des Journalisten und Publizisten Walter Lippmann (1889-1974) (313) eine Alternative im behutsamen Experimentieren mit immer wieder neuen Modellen gesellschaftlicher Partizipation. Der Philosoph Matthias Kettner erklärt dazu in seinem Text „John Deweys demokratische Experimentiergesellschaft“: „Die demokratische Experimentiergemeinschaft experimentiert im allgemeinen Interesse mit dem Reichtum ihrer latenten und manifesten, unterschiedlichen und gegensätzlichen Perspektiven“ (314). Dies macht die gesellschaftliche Relevanz von Alternativprojekten als Bestandteil einer Alternativkultur aus. Zudem entwirft Dewey das Konzept eines zivilgesellschaftlichen Umbaus der Wissenschaft in Abgrenzung zur Sozialtechnologie, bei der die Verwendung wissenschaftlich erzeugten Wissens in einem zweckrationalen Kontext auf das soziale Leben erfolgt, sodaß weder die Ziele, noch die Mittel von denjenigen mitbestimmt werden, für die diese Verwendung wissenschaftlich erzeugten Wissens beträchtliche Folgen birgt. Der Anwendungskontext von ziviler Forschung hingegen wird durch verständigungsorientiertes Handeln hergestellt, worauf der Philosoph Matthias Kettner hinweist: „Ihr Experimentalcharakter bezieht sich vielmehr auf die aktive, gesuchte und gewollte produktive Erweiterung der gemachten Erfahrung sowie auf einen gewaltlosen und undogmatischen Umgang mit Meinungsverschiedenheiten über die Dinge, die man untersucht“ (315).

 

Eine besondere Form von Alternativprojekten sind die Projektwerkstätten (316), die an der Technischen Universität Berlin seit 1985 bestehen, und die Projekttutorien, die aus dem UNiMUT-Studentenprotest des Wintersemesters 1988/89 (317) hervorgegangen sind. Das Motto dieses UNiMUT-Studentenprotest war: „Wir machen unsere Uni selbst“, und es entstanden rd. 400 selbstorganisierte Arbeitsgruppen zu den unterschiedlichsten Themen, aus denen die Projekttutorien hervorgingen. Die Projekttutorien bestanden an der Freien Universität Berlin bis zum Jahre 2002, und sie bestehen noch heute an der Humboldt Universität Berlin. Projektwerkstätten und Projekttutorien beruhen u.a. auf dem vom Zukunftsforscher Robert Jungk (1913-1994) (318) entwickelten Konzept der Zukunftswerkstatt (319). Robert Jungk stellt fest: „Unsere Gesellschaft bräuchte immer mehr Generalisten, die den Überblick über das Ganze erhalten, von allem etwas wissen und das zusammenführen können. (…) Es fehlen uns Institutionen, in denen interdisziplinär und antizipatorisch über den weiteren Gang der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung nachgedacht wird“ und „die die verschiedenen Fachdisziplinen zusammenführen und die wechselseitigen Wirkungen und Folgen der Forschungsgebiete untersuchen“. Nach Auffassung von Robert Jungk muß die Öffentlichkeit an der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung teilhaben, und dafür muß die Wissenschaftssprache so verfaßt sein, daß die Menschen verstehen, worum es geht. Robert Jungk ist davon überzeugt, daß Mut zum Vorauswurf erforderlich ist, denn „wenn man sich das Andere, das Neue und Bessere nicht vorstellen kann, dann hat es überhaupt keine Chance, je durchgesetzt zu werden“ und daher „muß der Versuch, zu anderen Modellen zu gelangen, gewagt werden.“ Wir brauchen einen neuen Entwurf einer sanften oder alternativen Technik, und um solche neuen Entwürfe zu denken, „bedarf es nicht nur der angesprochenen interdisziplinären Kenntnisse, sondern in erster Linie konkreter Phantasie und Gestaltungskraft“ (320). Zu diesem Zweck hat Robert Jungk das Konzept der Zukunftswerkstätten entwickelt. Alternativen müssen also kreativ vorausgedacht, modellhaft entwickelt und im Rahmen von Alternativprojekten experimentell erprobt werden, um einerseits auswertbare Erfahrungen und Erkenntnisse gewinnen zu können, und damit andererseits diese modellhaft entwickelten Alternativen in der Gesellschaft als potentielle Alternativen sichtbar und wahrnehmbar in Erscheinung treten können, sodaß sie das Wahrnehmen und Denken der Menschen affizieren können, um so einen Beitrag zum öffentlichen Diskurs über mögliche und wünschenswerte zukünftige Entwicklungspfade leisten zu können. Über die Projektwerkstätten und Projekttutorien erfährt die Alternativkultur und die Alternativbewegung eine Einbindung in einen alternativen Wissenschaftsbereich, und dieser wirkt auf die Alternativkultur und Alternativprojekte zurück.

 

Auf dieser Grundlage kann ein Vergleich verschiedener Alternativprojekte und Zentren von Alternativkultur erfolgen. Hierbei stellt sich die Frage nach dem Zustand der Alternativkultur in ihren diversen Erscheinungsformen und Projekten, deren Aufgabe es sein sollte, jenseits des etablierten Mainstreams undogmatische, ergebnisoffene Möglichkeitsräume für experimentelles Erfahrungslernen zu bieten, auf deren Grundlage gesellschaftliche Lernprozesse und Entwicklungen erfolgen können, die für die gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit relevant und erforderlich sein können. Der Bereich der Alternativkultur ist in der Tat sehr vielfältig und weit, und man trifft auf zahlreiche originelle Konzepte, doch es gibt auch andere, deren Sinnhaftigkeit man aus verschiedenen Gründen anzweifeln kann. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Bereich, um dieses Erfahrungswissen nutzbar zu machen, um daraus lernen zu können, ist ein unterentwickeltes Gebiet. Gibt es die Gelegenheit, Alternativprojekte kennenzulernen, nutze ich diese. Vier Beispiele verschiedener Alternativprojekte und Zentren von Alternativkultur führe ich nachfolgend auf:

 

a) Das Projekt „Monte Verità“ (321) auf dem gleichnamigen Berg „Monte Verità“ (322 m) bei Ascona im Tessin gilt als ein Klassiker eines Alternativprojekts, das im Rahmen der Lebensreformbewegung (322) entstanden war, doch verblieben und erhalten ist dort heute nichts mehr, wie ich im Rahmen einer Fahrradreise durch Teile der Alpenregion feststellen mußte. Die Lebensreformbewegung um die Jahrhundertwende 1900 war keinesfalls eine „Fin de Siècle“-Zeitgeistströmung (323), sondern eine Alternativbewegung, die alternative Lebensformen zur Industriegesellschaft experimentell erprobt hat, und eins der bedeutendsten Projekte der Lebensreformbewegung war „Monte Verità“ im Tessin in der Nähe der Stadt Ascona. Ein bedeutender Bestandteil der Lebensreformbewegung war die Naturheilbewegung, sodaß auch am „Monte Verità“ Naturheilkunde einen thematischen Schwerpunkt bildete. Zu naturheilkundlichen Heilmitteln gehören die Sonne, das Licht, die Luft, die Bewegung, die Ruhe, die Nahrung, das Wasser, und das gesamte Projekt „Monte Verità“ war in allen seinen Bestandteilen auf diese Aspekte ausgerichtet. Auf einer Fahrradreise im Jahre 2016, die durch Teile der Alpen-Region führte, wollte ich feststellen, was dort heute an das Projekt „Monte Verità“ noch erinnert. Entgegen dem durch die Tourismusindustrie verbreiteten Mythos vom „Sonnigen Tessin“ ist dieses jedoch tatsächlich eine der regenreichsten Regionen Europas (Jahresgesamtniederschlag Locarno: 1900 mm), und so erreichte ich am 25. November 2016 den Monte Verità (322m) während meiner Fahrradreise durch tagelangen Dauerregen. Doch zu meiner Enttäuschung erinnert auf dem Hügel nichts mehr an das einstige Alternativprojekt im Rahmen der Lebensreformbewegung, und ich traf dort nur auf eine Einrichtung der Universität Zürich. Mittlerweile ist dort im Jahre 2017 ein Museum zum Thema „Monte Verità“ eröffnet worden, das Museo Casa Anatta (324). 

 

b) Der Stadtteil Užupis stellt in Vilnius eine bedeutende Touristenattraktion dar, und er präsentiert sich dem Besucher mit Gastronomie und Kleingewerbe. Die Randbereiche des Stadtteils Užupis erwecken den Eindruck eines Versuchs, ländliche Idylle und Beschaulichkeit in die Großstadt zu verpflanzen, doch welche alternativen Konzepte, Inhalte und Impulse von diesem Projekt ausgehen sollen, wurde mir bei meinem Besuch nicht deutlich. 

 

c) Das Projekt „Freistadt Christiania“ (325) bei Kopenhagen, das ich im Sommer 2020 besuchte, befindet sich auf einem ca. 34 Hektar großen Gelände im Stadtteil Christianshavn von Kopenhagen. Es ist umgeben von Hafenanlagen sowie von frühneuzeitlichen Befestigungsanlagen, die im Jahre 1617 von König Christian IV (1588-1648) angelegt wurden und deren Bastionen zu großen Teilen erhalten sind. Auf dem brachliegenden Gelände entstand im Jahre 1971 das heutige Projekt „Freistadt Christiania“, dessen Entwicklung und Besonderheiten im Rahmen geführter Touren kennengelernt werden kann. An einer solchen Tour habe ich teilgenommen. Zu der Tour hatte sich eine kleine Gruppe Interessierter aus unterschiedlichen Ländern eingefunden, und die Tour wurde von einem langjährigen Gründungsmitglied des Projekts, daß heute ca. 1000 Teilnehmer umfaßt, durch den zentralen Südwestteil des Projektgeländes durchgeführt, und auf der ca. 1:30 Stunden Tour bleiben keine Fragen unbeantwortet. Im Anschluß an diese geführte Tour setzte ich meine Exkursion in die bewaldeten Außenbereiche des Projektgeländes fort, das sich auf zwei Reihen der historischen Bastionen nach Norden erstreckt. Dort kann man zu noch weiteren und anderen Eindrücken vom vielfältigen Projekt Christiania gelangen, als es der alleinige Besuch des Zentralbereichs im Südwesten vermittelt. Obwohl diese bewaldeten Außenbereiche des Projektgeländes bezüglich ihrer räumlichen Lage noch Teil des Stadtzentrums von Kopenhagen sind, präsentiert sich dieser Teil des Projektgeländes als eine Oase sich ungestört entfaltender Stadtwildnis, als eine Oase der Ruhe innerhalb der sie umgebenden lärmenden Hektik des pausenlosen Herumhastens der permanent mobilisierten und beschleunigten fortgeschrittenen Industriegesellschaft. 

 

Auch heute noch sind die meisten Stadtzentren vom städtebaulichen Planungsleitbild der „autogerechten Stadt“ geprägt, das die permanente Mobilisierung, Mobilmachung und Beschleunigung aller Bereiche der Gesellschaft zum Ziel hat, die hierbei als eine große, zweckrational zu optimierende Maschine verstanden wird, einem Anspruch, dem auch die Stadt-, Verkehrs- und Bauplanung zu genügen hat. In geradezu idealtypischer Weise sind derartige Konzepte theoretisch ausgearbeitet und praktisch umgesetzt worden von Vertretern der „Charta von Athen“ (326), insbesondere von Le Corbusier und Oscar Niemeyer. Individuelle Lebensäußerungen, die nicht den funktionalen Vorgaben dieser am Modell einer Maschine orientierten Planungskonzepte entsprechen, müssen als zu behebende Störgröße und als zu sanktionierende Ordnungswidrigkeit erscheinen. 

 

Dieser nördliche Teil des Projektgeländes ist zugleich eine Freiluftausstellung für originelles, einfaches und naturnahes Bauen überwiegend mithilfe wiederverwendbarer gebrauchter Baumaterialien, mit dem Ergebnis einer Architektur, die sich harmonisch in die bestehende Landschaft und Natur einfügt, ohne diese nennenswert zu verändern oder diese gar beseitigt, um sie durch künstliche, technische, zweckrational optimierte, sterile Planungs- und Baulandschaften zu ersetzen. An einem dieser Gebäude verweist ein Schild darauf, daß sich hier eine „Embassy of the Republic of Užupis“ befindet. Das Projekt „Freistadt Christiania“ bietet offensichtlich weit mehr beachtenswerte Aspekte und Konzepte, als die reduzierte Berichterstattung in den Mainstream-Medien suggeriert, wo das Projekt meist nur auf Konflikte und Drogenprobleme verkürzt dargestellt wird. Doch das ist nicht nur hier der Fall, sodaß es offensichtlich eine allgemeine Strategie und entsprechende Konzepte gibt, alles vom Mainstream Abweichende zu diskreditieren und zu kriminalisieren, damit die Alternativlosigkeit des Bestehenden nicht in Frage gestellt werden kann. 

 

d) In Berlin galt der Bezirk Kreuzberg (327) als ein Zentrum der Alternativkultur, doch davon ist heute nahezu nichts mehr übrig geblieben. Die Entwicklungen in Folge des „Mauerfalls“ 1989 haben dazu beigetragen, denn der vor 1989 in einer Nische der Berliner Mauer gelegene Bezirk Kreuzberg gelangte damit in kürzester Zeit von Rand ins Zentrum der Metropole Berlin, und heute wälzen sich permanent gewaltige Verkehrsströme durch Kreuzberg. Der Niedergang der Alternativkultur und der Alternativbewegung wurden durch die technokratische Bolognareform erheblich beschleunigt. Geblieben ist heute in Kreuzberg nicht mehr als ein Mythos, der sich bis in die Gegenwart hält, und der im Rahmen des Berlin-Tourismus vermarktet wird. Nach dem Niedergang der Alternativkultur, der selbstorganisierten Projekte und der Basisinitiativen als Bestandteilen des Konzepts eines „Demokratischen Experimentalismus“ sind in Berlin diverse Subkulturen übrig geblieben, die sich gegeneinander abgrenzen und die miteinander um Raum und Ressourcen konkurrieren. Diese Subkulturen pflegen einen oft destruktiven Aktionismus, der weitgehend ohne Analyse auskommt, ihre Akteure sind bildungsfeindlich, sie neigen zu wahllosen und beliebigen „Feinderklärungen“, und m.E. wird die Agenda dieser diversen und nicht überblickbaren Subkulturen von im Verborgenen wirkenden Akteuren, darunter in- und ausländischen Geheimdiensten, produziert und gesteuert, was jedoch von den Aktivisten dieser Subkulturen nicht reflektiert wird. Der Niedergang von Alternativkultur und die Zunahme von Subkultur bedingen sich wechselseitig. Im Gegensatz zu Alternativkultur hat Subkultur keinen gesellschaftsgestaltenden Anspruch, was nicht ohne Folgen bleibt: Nach dem Niedergang der Alternativbewegung wird die öffentliche Meinung jetzt weitestgehend nur noch „Top Down“ von oben durch großangelegte Kampagnen bestimmt, im Rahmen derer Lobbyisten die Bereiche der Massenmedien, der Politik, des Wissenschaftsbetriebs und der großen NGO für ihre Ziele gleichschalten. Bestandteil dieser Entwicklungen ist eine zunehmende Politikverdrossenheit (328). 

 

Eine Unterscheidung und Abgrenzung von Alternativkultur und Subkultur ist somit erforderlich. Alternativkultur ist in Berlin mittlerweile nahezu vollständig verschwunden und stattdessen gibt es dort heute Subkulturen. Erscheinungen und Entwicklungen, die regelmäßig im Zusammenhang mit Protestbewegungen, Alternativkultur und Alternativprojekten für negative Schlagzeilen sorgen, wie Gewalt, Krawalle, Ausschreitungen, Drogen u.a.m. werden gezielt gefördert, um diese zu diskreditieren, damit diese keinen erfolgreichen Beitrag dazu leisten können, die herrschende Ideologie der Alternativlosigkeit des Bestehenden in Frage zu stellen. Der Begriff „Subkultur“ (329) ist in den Gesellschaftswissenschaften nicht einheitlich definiert. Zum Einen wird er synonym mit „Alternativkultur“ gebraucht, oder er wird zum Anderen verwendet für die sozio-kulturellen Teilbereiche, über die sich die Pluralität einer Gesellschaft ausdrückt. Nach us-amerikanischem Begriffsgebrauch hingegen ist „Subkultur“ durch schichten- und altersspezifische Kriminalität und abweichendes Verhalten geprägt, und „Subkultur“ wird somit Gegenstand der Kriminalsoziologie und polizeilicher Maßnahmen vorbeugender und präventiver Verbrechensbekämpfung und Strategien gesellschaftlicher „Normalisierung“. 

 

Globalhistorisch betrachtet wurden Alternativkultur und Alternativbewegung durch die Systemkonfrontation, den Ost-West-Gegensatz und die globale Bipolarität des Staatensystems im Zeitraum von der Nachkriegszeit bis zu den Ereignissen 1989/90 begünstigt, aufgrund der tatsächlichen Alternativlosigkeit der beiden Systemalternativen der industriellen Moderne, und entgegen deren Propaganda, in der sich wechselseitig beide unisono als die einzigen möglichen Alternativen darstellten. Dies bringt die These der alternativlosen Konvergenz der westlichen und der östlichen, „realsozialistischen“ Variante der industriellen Moderne zum Ausdruck. Diese These besagt, daß beide Varianten der industriellen Moderne alternativlos bestrebt waren, die technisch-wissenschaftliche Rationalität auf alle nur denkbaren Lebensbereiche auszuweiten, um die Industrialisierung der Gesellschaft voranzutreiben. Seit 1989/90 ist ein Niedergang von Alternativkultur und Alternativbewegung feststellbar, und die Gesellschaft differenziert sich seither zunehmend durch eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensstile, zu denen auch die verschiedenen Lebensstile der diversen Subkulturen zählen. Diese diversen Lebensstile sind Bestandteil der sich weltweit ausweitenden Konsumkultur als der hegemonialen globalen Lebensweise in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Der Konsum von Konsumprodukten wird werbewirksam als „Lifestyle“ vermarktet, und um an den propagierten „Lifestylen“ partizipieren zu können, ist der Erwerb darauf abgestimmter Konsumprodukte erforderlich. 

 

 

9.  Geopolitik und die alternativlose Affirmation des Bestehenden 

 

In der Europäischen Union wurde der Niedergang der Alternativkultur und der Alternativbewegung durch die technokratische Bolognareform (330) erheblich beschleunigt. Auch wurde im Zuge der Umsetzung der technokratischen Bologna-Reform in der Europäischen Union an der Freien Universität Berlin das Projekttutorienprogramm eingestellt. Die technokratische Bologna-Reform wurde in der gesamten Europäischen Union in kurzer Zeit durchgesetzt, ohne daß es irgendwelche Proteste (331) gegeben hat. Damit die technokratische Bologna-Reform verständlich wird, muß sie im Rahmen gegenwärtiger geopolitischer Entwicklungen analysiert werden: In den Medien wird heute das Thema Europa auf „EU“ und „Euro“ reduziert, und es gerät aus dem Blick, daß Europa, wie der Soziologe Ulrich Beck und der Politologe Edgar Grande in ihrem Buch: „Das kosmopolitische Europa“ hervorheben, ein „hochkomplexes und äußerst differenziertes, politisch bewegtes und bewegliches politisches Projekt“ ist, das sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher miteinander in Wechselwirkung stehenden politischen Prozessen, Ebenen und Akteuren zusammensetzt, die in ihrer interdependenten Gesamtheit das europäische Projekt ausmachen (332). Dies läuft auf eine Förderung einer Multiebenendiversität des Politischen im Rahmen eines Mehrebenensystems einer dezentrierten Weltgesellschaft hinaus. Es entsteht somit in Europa ein völlig neues Modell von Politik, das sich von historisch überholten Politikformen verabschiedet, deren Scheitern in Anbetracht des extremen 20. Jahrhunderts unübersehbar geworden ist. 

 

In der Europäischen Union hingegen ist heute seit der technokratischen Bologna-Reform der gesamte Bildungs- und Wissenschaftsbereich ein gleichgeschaltetes (333) Anhängsel des Wirtschaftsprozesses im europäischen Großwirtschaftsraum, der von der Europäischen Union verwaltet wird. Diese technokratische Bologna-Reform ist mit Abstand das herausragendste Beispiel der Regulierungs- und Gleichschaltungswut, von der die Technokraten (334) der Europäischen Union angetrieben werden (335). So hat sich die EU zu einem technokratischen Imperium (336) entwickelt, in dem es an innovativen und zukunftsweisenden Konzepten sowie an Partizipation und Demokratie mangelt. Der Politologe Dirk Jörke zeigt in seinem Buch: „Die Größe der Demokratie. Über die räumliche Dimension von Herrschaft und Partizipation“ auf, daß „ab einer bestimmten Größe der Bevölkerung oder des Staatsgebietes sich die Qualität der Demokratie verschlechtert und in sehr großen Herrschaftsverbänden nur in einem schwachen Sinne von der Existenz demokratischer Institutionen und Praktiken ausgegangen werden kann“ (337). Je mehr sich die Europäische Union als ein technokratisches Imperium erweitert, umso mehr nehmen Partizipation und Demokratie ab und umso mehr wird der Mangel an innovativen und zukunftsweisenden Konzepten größer. Doch innovative und zukunftsweisende Konzepte sowie Partizipation und Demokratie sind heute in EUropa kein relevantes Thema mehr, denn die EU will sich heute als handlungs-, leistungs- und interventionsfähiger sowie durchsetzungsstarker globaler Akteur im Rahmen der erwarteten zukünftigen geopolitischen (338) Krisen und Konflikte im Weltsystem präsentieren, um erfolgreich mit anderen Welt- und Supermächten geopolitisch konkurrieren zu können, und diese neuen Krisen und Konflikte im Weltsystem haben schon begonnen, wie wir in mehrfacher Weise feststellen müssen. 

 

Nach dem Ende des Zeitalters der Bipolarität und der Blockkonfrontation 1989/90 erfolgt eine Neuaufteilung globaler Interessen- und Einflußzonen. Es ist eine neue Zuspitzung von globalen Gegensätzen zwischen Großmächten (339), Weltmächten (340) und Supermächten (341), zwischen imperialen Machtblöcken feststellbar, vergleichbar mit dem Zeitalter des Imperialismus (342), das in zwei Weltkriegen gipfelte, und es findet gerade ein geopolitischer „Wettlauf“ (scramble) (343) um eine Neuverteilung raumrelevanter Interessen- und Einflußzonen zur zukünftigen Absicherung von Herrschaftsansprüchen statt. Im diesem neuen Zeitalter imperialer Geopolitik und Machtpolitik ist wissenschaftlich-technischer Fortschritt, die auf Hochtouren laufenden und effizienzmaximierte Industriegesellschaft, permanentes Wirtschaftswachstum und eine pausenlose Mobilisierung und Mobilmachung der Bevölkerung alternativlos, denn nur diese sind die Grundlage für erfolgreiche geoimperiale Machtpolitik, wie das Zeitalter des Imperialismus zeigt, das in zwei Weltkriegen kulminierte. Erfolgreiche geoimperiale Machtpolitik kann nur betrieben werden, wenn Alternativen erfolgreich unterdrückt werden, und der geoimperiale Akteur, der erfolgreicher und effizienter Alternativen unterdrückt, ist im Rahmen der geoimperialen Konkurrenz im Vorteil. Alternativen sind erst wieder möglich, wenn ein vollständiger Bruch mit dem extremen 20. Jahrhundert und eine vollständige Revision der dieses extreme 20. Jahrhundert ermöglichenden Ideen und Konzepte erfolgt ist und auch tatsächlich grundsätzlich anders und auf anderen Grundlagen Politik gemacht wird. 

 

Aufgrund des Fortbestandes wesentlicher, für das extreme 20. Jahrhundert typischer Merkmale (344) hält das extreme 20. Jahrhundert jedoch bis heute weiter an, und es erfährt seine technologische Modernisierung. Es mangelt an zukunftsweisenden Alternativen, und ein Wechsel der Agenda (345) steht noch aus, sodaß der Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung (346) in seinem Text: „Geopolitik nach dem Kalten Krieg: ein Essay zur Agendatheorie“ zu der Schlußfolgerung gelangt, „daß die politische Klasse dieser Erde ein momentanes geopolitisches Agendavakuum mit unvollendeten Agenden der Vergangenheit füllt (…). Die politische Klasse hat nicht umgedacht, und das liegt nur teilweise daran, daß sie keine Zeit für kreative Aktivitäten hatte“ (347). Noch erfolgte kein vollständiger historischer Bruch mit dem extremen 20. Jahrhundert und es erfolgte keine vollständige Revision der dieses extreme 20. Jahrhundert ermöglichenden Ideen und Konzepte, da wesentliche, das extreme 20. Jahrhundert prägende und konstituierende Merkmale fortbestehen, sodaß sich das extreme 20. Jahrhundert heute digitaltechnisch modernisiert ins 21. Jahrhundert verlängert und die abschließende Historisierung des extremen 20. Jahrhunderts durch den Historiker Eric Hobsbawm (1917–2012) als „Das Zeitalter der Extreme“ (348) zu früh erfolgt ist. Wie die auch nach der vermeintlichen Epochenwende 1989/90 fortbestehenden Krisen, Konflikte und Kriege zeigen, setzt sich das extreme 20. Jahrhundert als „Zeitalter der Extreme“ vielmehr im 21. Jahrhundert weiter fort, da wesentliche das extreme 20. Jahrhundert prägende Merkmale weiter fortbestehen, diese sich einem historischen Bruch verweigern und ihre Kontinuität ins 21. Jahrhundert verlängern. Nach dem Zeitalter der Bipolarität und der Blockkonfrontation bestand zu Beginn der 90er Jahre tatsächlich die Hoffnung, daß ein neues globales Zeitalter des Friedens, der Kooperation und der Entwicklung anbrechen würde, was sich jedoch als Illusion erwies, wie wir heute feststellen müssen. Warum dieses nicht gelang, werden zukünftige Historiker ergründen, erforschen und analysieren müssen. 

 

Die Verlängerung der Vergangenheit bedeutet sowohl ein Ende der Zukunft, als auch potentiell ein Ende der Menschheitsgeschichte. In seinem Buch: „Der unterlegene Mensch“ zeigt der Physiker und Philosoph Armin Grunwald auf: „Wir verspielen das Neue, das Kreative, das Unerwartete – all das, was Zukunft eben sein kann jenseits der bloßen Verlängerung der Vergangenheit. (…) Zukunft als ein Raum unbekannter und vor allem neuer Möglichkeiten hingegen kann nicht datenbasiert erzeugt werden, sondern durch Visionen und Ideen, durch Pläne und Utopien, durch Kreativität und Phantasie und durch Vorstellungen, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte. Diese Art von Überlegungen ist (…), wie die Philosophen sagen, kontrafaktisch, das Gegenteil von Fakten und Daten (…) im Sinne des Gedankens, dass die Welt nicht so sein muß, wie sie jetzt ist, sondern wir bewußt an Veränderungen arbeiten können“ (349). Grunwald hebt hervor: „Entgegen der Rhetorik des Optimierens kommt es darauf an, den Blick dahingehend offenzuhalten, dass es meist auch anders ginge und dass es Alternativen gäbe. Souveränität und Mündigkeit bedeuten, das Denken in Alternativen zu pflegen, sich um die jeweils angemessene Lösung zu streiten und sich zu guter Letzt zu entscheiden“ (350). Mit der Frage nach zukunftsfähigen Alternativen befinden wir uns im Zentrum von Zukunftsforschung (351). Doch der Bereich der Zukunftsforschung oder Futurologie wird heute von den Protagonisten und Apologeten eines Posthumanismus (352) und Transhumanismus (353) und einer Technologischen Singularität (354) dominiert, die sowohl eine Alternativlosigkeit des von ihnen definierten wissenschaftlich-technischen Fortschritts (355), als auch eine Alternativlosigkeit des gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Zustands propagieren, sodaß es an zukunftsweisenden Alternativen mangelt, das extreme 20. Jahrhundert digitaltechnisch modernisiert weiter anhält und ein Wechsel der Agenda weiterhin aussteht (356). In seinem Text: „Der Neue Mensch – ein (technik)utopisches Upgrade“ analysiert der Mediensoziologe Sascha Dickel diese Entwicklungen „in einer Epoche des ‚rasenden Stillstands‘, in der die Gesellschaft eher Sachzwängen hinterher eilt, als sich kollektiv zu gestalten“: „Die transhumanistischen Utopien werden in einer Gesellschaft artikuliert, die in sachlicher Hinsicht so komplex geworden ist, dass die Idee einer Transformation der Sozialordnung hin zu einem gesellschaftlichen Alternativmodell kaum mehr plausibel erscheint. In einer vernetzten, globalisierten Welt, die kein Außen mehr kennt, scheint selbst die Realisierung lokal begrenzter Gegenmodelle fraglich“ (357). 

 

Nach dem extremen 20. Jahrhundert müßte grundsätzlich anders Politik gemacht werden, und alle bisherige Politik und deren Grundlagen müssen einer Revision unterworfen werden. Insbesondere muß jegliche Geopolitik und Machtpolitik ein Ende finden, und die derzeit entstehende Weltgesellschaft muß so strukturiert und organisiert sein, daß jegliche Geopolitik und Machtpolitik strukturell dauerhaft unmöglich ist. Im weltweiten Vergleich läßt sich feststellen, daß meist in kleinen Ländern beachtenswerte Alternativen entwickelt werden, die aber kaum wahrgenommen und beachtet werden, wohingegen die großen Länder, die überwiegend Machtpolitik und Geopolitik betreiben, im Zentrum der öffentlichen Medien-Aufmerksamkeit stehen, was ein Beispiel für das Wirken von "Soft Power" (358) ist.

 

 

10.  Minsk, eine Heldenstadt des real-existierenden Sozialismus

 

Der Fernbusbahnhof der Stadt Vilnius liegt neben dem Hauptbahnhof. Hier verkehren in großer Zahl Reisebusse zu den unterschiedlichsten Zielen im In- und Ausland, darunter auch 35 tägliche Busverbindungen nach Minsk in Belarus. Diese Fahrstrecke wird überwiegend, aber nicht ausschließlich von „Eurolines“ befahren. „Eurolines“ unterhält im Busbahnhof von Vilnius ein Ticketbüro, wo Uli und ich schon am Vortag Bustickets für unsere Weiterreise nach Minsk gekauft haben Dafür ist die Vorlage des Reisepasses erforderlich, denn die Tickets werden auf den Namen der Reisenden ausgestellt. 

 

Am Donnerstag dem 14.11.2024 setzen Uli und ich per Reisebus unsere Reise von Vilnius zur Metropole Minsk in Belarus fort. Die Gesamtdistanz der Fahrtstrecke von Vilnius nach Minsk beträgt ca. 180 Kilometer. Nach kurzer Fahrtzeit erreicht der Reisebus die Grenze zwischen Litauen und Belarus. Diese Grenze ist zugleich Teil der östlichen Außengrenze der EU. Die Grenzstation von Litauen passiert der Reisebus ohne jegliche Kontrollen. An der Grenzstation von Belarus gibt es insgesamt zwei Paßkontrollen, wobei die zweite zugleich eine Zollkontrolle beinhaltet, und die Passierenden erhalten einen Einreisestempel in den Reisepaß. Auch werden biometrische Daten erfaßt. Einen weiteren längeren Aufenthalt gibt es, bis der Reisebus den Grenzraum verlassen und die Fahrt fortsetzen kann. Insgesamt hat das Passieren der Grenze ca. 3:30 Stunden gedauert. 

 

Die Weiterfahrt verläuft durch eine Agrarlandschaft, in der sich Waldgebiete und Landnutzungsflächen abwechseln. Kurzzeitig gibt es leichten Schneefall. Schon bald setzt Abenddämmerung ein. Abrupt erheben sich die Hochbauten der Metropole Minsk (359), die mit heute rd. 2 Millionen Einwohnern die zehntgrößte Stadt in Europa ist, mit ausgeprägter Siedlungs- und Bebauungsgrenze aus dem umgebenden ländlichen Raum. Mit dem ländlichen Raum kontrastieren die gewaltigen Dimensionen und Proportionen der Metropole Minsk sowie der Monumentalismus der die gewaltigen Verkehrsachsen einrahmenden Hochbauten. In vielen sowjetischen Großstädten, besonders in Moskau (360), aber auch in Minsk wurden Monumentalgebäude errichtet. Der Baustiel der repräsentativen Bauten in der Sowjetunion in der Zeit des Machthabers Josef W. Stalin (1878–1953) (361) wird als „Sozialistischer Klassizismus“ (362) bezeichnet. Der „Sozialistischer Klassizismus“ ist Bestandteil des „Sozialistischen Realismus“ (363), der etwa ab Anfang der 1930er Jahre der offiziell propagierte Kunststil in der Sowjetunion war. Geprägt ist der Stil durch palastartige Gebäude, die zahlreiche Verzierungen an den Fassaden, Säulen, Säulenhallen und Turmaufbauten enthalten.

 

Minsk ist eine der Städte, deren historisches Stadtbild (364) nach immensen Kriegszerstörungen im Zweiten Weltkrieg nicht rekonstruiert wurde, sondern als Planstadt (365) nach dem Konzept der „sozialistischen Stadt“ (366) völlig neu gestaltet worden ist. Auch das Konzept der „sozialistischen Stadt“ hat die „Charta von Athen“ (367) zur Grundlage, deren Bestandteil das Planungsleitbild der „autogerechten Stadt“ (368) ist. Der Bereich der Stadtplanung ist somit ein Beispiel für die These der alternativlosen Konvergenz der westlichen und der östlichen, „realsozialistischen“ Variante der industriellen Moderne (369). Die These besagt, daß beide Varianten der industriellen Moderne alternativlos bestrebt waren, die technisch-wissenschaftliche Rationalität auf alle nur denkbaren Lebensbereiche auszuweiten, um die Industrialisierung der Gesellschaft voranzutreiben. Die Kritik von Stadtplanung und den dieser zugrundeliegenden Konzepte und Planungsleitbilder ist Bestandteil von Architekturkritik (370). Gegenstand von Architekturkritik ist insbesondere Herrschaftsarchitektur (371). 

 

Der Fernbusbahnhof der Metropole Minsk liegt neben dem Hauptbahnhof im Süden des Stadtzentrums. Die bedeutendste Straße im Stadtzentrum ist der Unabhängigkeitsprospekt (Praspekt Niezalieznasci) (372), und dieser erstreckt sich vom Hauptbahnhof Richtung Nordosten durch das gesamte Stadtzentrum. Diese Verkehrsachse hieß in den 50er Jahren Stalin-Prospekt, von 1961 bis 1991 hieß sie Lenin-Prospekt, und im Jahre 2005 erhielt sie den heutigen Namen Unabhängigkeitsprospekt. Viele bedeutende Gebäude und Einrichtungen befinden sich an dieser Straße und in ihrer Umgebung, sodaß Uli und ich bei unseren Stadtexkursionen wiederholt den Unabhängigkeitsprospekt passieren. Dabei gelangt man zum weitläufigen Unabhängigkeitsplatz (373), um den sich Verwaltungs- und Regierungsgebäude gruppieren, und ein kurzes Stück weiter befindet sich das Hauptpostamt. Neben dem ehemaligen Gebäude des KGB gibt es eine zentrale Buchhandlung, wo man Stadtpläne von Minsk kaufen kann (Vulitca Niezalieznasci 19). In der Nachbarstraße Vulitca Marksa 12 besuchen wir das Nationale Historische Museum. Die Ausstellung des Museums hat die Vorgeschichte und Geschichte auf dem Territorium des heutigen Belarus zum Gegenstand. Im Keller des Gebäudes gibt es zudem ein kleines Museum für Natur und Ökologie, dessen Besuch im Eintrittspreis eingeschlossen ist. Auf dem Oktoberplatz (374), dem früheren Neuen Markt, befindet sich der Palast der Republik und ein Kulturpalast der Gewerkschaften. Folgt man dem Unabhängigkeitsprospekt weiter, gelangt man vorbei am Belarussischen Staatszirkus und über den Fluß Swislatsch zum Siegesplatz. 

 

Nordwestlich des Oktoberplatzes liegt am Ufer des Flusses Swislatsch das historische Stadtzentrum von Minsk. Die Anfänge der Stadt lassen sich auf das 9. Jahrhundert zurückführen, und die erste bekannte urkundliche Erwähnung von Minsk stammt aus dem Jahre 1067. Im Jahre 1242 war die Stadt Minsk freiwillig dem Großfürstentum Litauen beigetreten. Aufgrund der immensen Kriegszerstörungen im Zweiten Weltkrieg und des nachfolgenden Umbaus von Minsk zur Planstadt der „real-sozialistischen“ Moderne nach dem Konzept der „Sozialistischen Stadt“, war jedoch vom historischen Gebäudebestand der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt Minsk kaum mehr etwas erhalten. Doch am Rathausplatz, der heute „Platz der Freiheit“ heißt, sind die wenigen verbliebenen Gebäude in den wenigen zurückliegenden Jahrzehnten instand gesetzt worden. Hier gibt es einige Touristen, die man ansonsten in Minsk nicht antrifft. Ebenfalls gibt es hier eine Touristeninformation. 

 

Auch das Rathaus aus dem Jahre 1598 ist im Jahre 2003 wieder aufgebaut worden (375). Infotafeln verweisen auch in englischer Sprache darauf, daß die Stadt Minsk im Jahre 1499 das Magdeburger Stadtrecht (376) erhalten hat. Im Mittelalter gewährten Stadtrechte (377) den Städten Selbstverwaltung und Autonomie, und im Rahmen der mittelalterlichen Stadtgründungsphase (378) weitete sich das Modell der Freien Stadt (379) über weite Teile Europas aus, insbesondere des mittleren Europas. Die Stadtrechte einzelner Städte, wie z.B. Magdeburg, Lübeck (Lübisches Recht) (380), Köln (381), Nürnberg (382) bildeten Stadtrechtsmodelle, die von zahlreichen weiteren Städten, auch in der östlichen Hälfte Europas übernommen wurden. Als Institution der Selbstverwaltung wurde in den Städten ein Rathaus (383) gebaut. Im Jahre 1795 wurde der Stadt Minsk das Stadtrecht entzogen, als die Stadt Minsk nach der Auflösung des Polnisch-Litauischen Staates im Jahre 1795 (384) nun vom Kaiserreich Rußland (385) verwaltet wurde, und im Jahre 1851 ließ Kaiser Nikolaus I. (386) das Rathaus der Stadt Minsk als Symbol der Selbstverwaltung zerstören. Heute erinnert auf dem Rathausplatz ein Denkmal mit einer Marktszene an die durch das Magdeburger Recht im Jahre 1499 erlangte Selbstverwaltung der Stadt Minsk. Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ist vom Niedergang der freien und selbstverwalteten Städte geprägt und vom Aufstieg des zentralistischen absolutistischen Staates, und bis heute haben die Städte ihre frühere Unabhängigkeit und Selbstverwaltung nicht wieder erlangt. 

 

Das historische Stadtzentrum von Minsk setzt sich nördlich vom Rathausplatz auf der linken Uferseite des Flusses Swislatsch mit der sogenannten „Dreifaltigkeitsvorstadt“ fort, die im 12. Jahrhundert entstanden ist und die auf dem „Dreifaltigkeitshügel“ liegt. Der Name stammt von einer Dreifaltigkeitskirche, die der Großfürst von Litauen Jogaila (1362-1434) (387), der ab dem 14.03.1384 als Władysław II. Jagiełło zudem König von Polen war, hier einst gestiftet hat. Beim Wiederaufbau der Stadt Minsk nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hier ein großer Teil der noch vorhandenen historischen Bausubstenz zerstört und durch moderne Hochbauten ersetzt. In den 80er Jahren wurde dieser Vorort wieder aufgebaut, wofür teilweise Bauten aus dem 17. Und 18. Jahrhundert abgerissen wurden. Was man heute in der „Dreifaltigkeitsvorstadt“ sieht, ist eine Nachbildung historischer Gebäude. Vor der „Dreifaltigkeitsvorstadt“ wurde auf der „Träneninsel“ im Fluß Swislatsch im Jahre 1996 eine Gedenkstätte eingerichtet, die an die Kriegstoten im Afghanistan-Krieg von 1979 bis 1989 (388) erinnert. 

 

Schon Mitte 1979, sechs Monate vor der Invasion der Sowjetunion in Afghanistan (389) am 25.12.1979, begann die CIA-Operation „Cyclone“ (390) mit dem Ziel der Destabilisierung der Sowjetunion durch die Verbreitung des militanten Islams in Zentral-Asien (391) und der Ausbildung von Guerilla-Kämpfern. Nach Aussage des Politikwissenschaftlers Zbigniew Brzeziński hatte diese Geheimoperation „den Zweck, die Russen in die afghanische Falle (392) zu locken“ um „der UDSSR ihren Vietnamkrieg zu bescheren“, worauf der Historiker Alfred W. McCoy hinweist (393). Der Afghanistan-Krieg in den 1980ern wird als Beginn der heutigen transnationalen Dschihadisten-Bewegungen (394) angesehen, in denen viele der ehemaligen Afghanistan-Kämpfer Schlüsselstellungen einnahmen. Dieser Konflikt markierte für die arabische Welt den Übergang vom Arabischen Nationalismus (395) zum Islamismus (396). Die ausländischen Freiwilligen kehrten radikalisiert in ihre Heimatländer zurück, um den „nahen Feind“, die säkularen Regime z.B. in Ägypten und Algerien (397) zu stürzen oder schlossen sich Guerillakämpfen z.B. in Bosnien (398) oder Tschetschenien (399) an.

 

Folgt man dem Unabhängigkeitsprospekt über den Fluß Swislatsch nach Nordosten Richtung Siegesplatz, gelangt man zu einem in der Nähe des Fußufers am Rande eines Parks gelegenen kleinen Museum, das sich dort in einem kleinen traditionellen, regionaltypischen Holzhaus befindet (Vulitca Niezalieznasci 31a). Es ist das „Museum der Ersten Tagung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands“. Die Ausstellung dieses Museums ist offensichtlich erst kürzlich neu bearbeitet und neu gestaltet worden, und sämtliche Informationen werden jetzt dreisprachig angeboten (Belarussisch, Russisch, Englisch). Nach Angaben meines Reiseführers soll dies vor wenigen Jahren noch nicht der Fall gewesen sein, als die Ausstellung nur in russischer Sprache konzipiert war. Gegenstand der Ausstellung ist die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (400), die hier in diesem Haus in Minsk auf deren ersten Tagung vom 01. bis zum 03.03.1898 erfolgte, sowie die damaligen historischen Umstände. Dargestellt wird die damalige Stadt Minsk zum Zeitpunkt der Parteigründung. Kurzbiografien beteiligter Personen werden präsentiert, und es wird die gesellschaftliche und politische Situation im damaligen Kaiserreich Rußland dargestellt. Die diesem historischen Ereignis der Parteigründung nachfolgenden und weiteren Entwicklungen, wie z.B. die Februarrevolution (401) und die Oktoberrevolution (402) des Jahres 1917 sind nicht Gegenstand der Ausstellung. So erfahren wir auch nichts zur Finanzierung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands und deren Nachfolgeorganisationen sowie zur Finanzierung der Oktoberrevolution 1917, ohne die die historischen Ereignisse nicht hätten erfolgen können (403). Die Oktoberrevolution hatte mehr den Charakter eines aus dem Ausland finanzierten Putsches oder Staatsstreiches, und erst nachträglich wurde der Mythos einer Revolution geschaffen. 

 

Auf dem Unabhängigkeitsprospekt erreicht man nordöstlich des Flusses Swislatsch den Siegesplatz (404). Dieser Platz ist ein Relikt aus der Zeit der Sowjetunion, und er hat den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, dem sogenannten „Großen Vaterländischen Krieg“ (405) zum Gegenstand. In dieser Hinsicht hat die Stadt Minsk und ganz Belarus den Charakter eines großen Freilichtmuseums, da anders als in anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und des ehemaligen Warschauer Paktes eine große Anzahl an Gebäuden und Monumenten aus der Ära der Sowjetunion auch heute noch erhalten ist. Dazu zählt auch der Siegesplatz. In dessen Zentrum steht ein 40 Meter hoher Obelisk aus Granit aus dem Jahre 1954. Unter diesem Monument befindet sich in einem Tiefgeschoß eine Ring-Galerie mit einer „Ewigen Flamme“ in deren Zentrum sowie einem Memorial mit 566 „Helden der Sowjetunion“ (406). Der Siegesplatz bildet mit den umgebenden Gebäuden und den umgebenden Parkanlagen einen monumentalen baulichen Komplex. Auf den den Platz umgebenden Gebäuden befindet sich die Aufschrift: „Die Heldentat des Volkes ist unsterblich“. Obwohl in der Stadt Minsk und in Belarus eine große Anzahl an Gebäuden und Monumenten aus der Ära der Sowjetunion wie z.B. der Siegesplatz auch heute noch erhalten sind, unterscheidet sich hingegen das Leben der Menschen in Minsk und Belarus nicht wesentlich von den Nachbarländern, wie z.B. den Baltischen Ländern. Diesen Eindruck hatte ich auch schon zuvor bei meiner Reise durch den Nordwesten von Rußland im Jahre 2017 gehabt. 

 

Das Thema Sieg im Zweiten Weltkrieg des Siegesplatzes ist in Minsk noch ein weiteres Mal präsent, denn es ist Gegenstand des „Belarussischen staatlichen Museums des Großen Vaterländischen Krieges“ (407). Dieses Museum befindet sich ca. 2,5 Kilometer nordwestlich des Oktoberplatzes, und man erreicht es von dort entlang der Vulitca Lenina und des Pieramožcou Prospekts. Das auf einem Hügel liegende Museumsgebäude bildet mit der umgebenden Stadtlandschaft eine monumentale Einheit, und diese kann als ein Beispiel für Herrschaftsarchitektur angesehen werden. Vom Museumshügel bietet sich ein Panoramablick über die umgebende Stadtlandschaft. Auf einem großen Gebäude steht dort in großer Schrift: „Minsk – Heldenstadt“. In der Ära des Stalinismus (408) wurde der Titel „Heldenstadt“ (409) in der Sowjetunion im Jahre 1945 vier Städten verliehen (Leningrad, Odessa, Sewastopol, Stalingrad) „für das massenhafte Heldentum ihrer Verteidiger im Großen Vaterländischen Krieg“. Die Ära des Stalinismus endete mit dem Tod von Josef W. Stalin (410) am 5. März 1953 und der Wahl von Nikita S. Chruschtschow (411) am 7. September 1953 zum neuen Ersten Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Chruschtschow leitete eine Entstalinisierung (412) ein. Nach der Absetzung von Nikita S. Chruschtschow am 14.10.1064 hat man im Zeitraum von 1965 bis 1985 erneut begonnen, weitere, insgesamt neun Städte zu „Heldenstädten“ zu ernennen, so auch die Stadt Minsk am 26.06.1974. Dies kann als Folge und Ausdruck des Endes der Entstalinisierung in der Sowjetunion und als Erscheinungsform einer Restalinisierung bzw. eines Neostalinismus (413) angesehen werden. Die Ära des Neostalinismus endet in der Sowjetunion mit der Reformpolitik von Michail S. Gorbatschow. Überraschend ist, daß das aktuelle „Belarussische staatliche Museum des Großen Vaterländischen Krieges“ nicht ein Relikt aus der Epoche des Neostalinismus ist, wie etwa das Stalinmuseum (414) in der Stadt Gori in Georgien, das ich am 03.06.2012 besucht hatte, sondern daß es in seiner heutigen Gestalt erst vor zehn Jahren dort errichtet worden ist. 

 

Das „Belarussische staatliche Museum des Großen Vaterländischen Krieges“ hat die militärischen Kriegsereignisse im Zweiten Weltkrieg mit Schwerpunkt der Ereignisse in Belarus zum Gegenstand. Diese militärischen Kriegsereignisse im Zweiten Weltkrieg werden monoperspektivisch aus der Perspektive der Sowjetunion (UDSSR) als der siegreichen Macht im Großen Vaterländischen Krieg dargestellt. Es gibt größere Ausstellungshallen, in denen Kriegsgerät ausgestellt ist, sowie mehrere Ausstellungsräume, die sich am chronologischen Ablauf der Ereignisse orientieren. Diese Ausstellungen sind sehr materialreich, insbesondere werden zahlreiche Fotografien gezeigt, und es werden zahlreiche Zahlen und Fakten aufgeführt. Die Informationen zu den Exponaten und weitere Informationen zu den jeweiligen Ereignissen werden dreisprachig (Belarussisch, Russisch, Englisch) präsentiert. Auf die Umstände des Beginns des Zweiten Weltkriegs wird zu Beginn der Ausstellung nur kurz eingegangen. Erwähnt werden dabei u.a. die Folgen des Versailler Vertrags (415), die Etablierung autoritärer und faschistischer Regime in der Zwischenkriegszeit, der Anti-Komintern-Pakt 1936 (416), die Appeasement-Politik (417), des Weiteren die Mandschurei-Krise ab 1931 (418), der Abessinien-Krieg 1935-36 (419), der Spanische Bürgerkrieg 1936-39 (420) und der Sowjetisch-Japanische Grenzkrieg 1938/39 (421). Der Beginn des Zweiten Weltkriegs wird auch hier wie in den meisten Museen zum Thema Zweiter Weltkrieg am 01.09.1039 verortet. Es stellt sich die Frage, wo man mit welcher Begründung den Beginn und das Ende des Zweiten Weltkrieges als einer historischen Epoche verortet. Wie jede Kategorienbildung in der Wissenschaft, muß auch die Kategorienbildung in der Geschichtswissenschaft, d.h. die Abgrenzung von historischen Zeitaltern und Epochen, nach signifikanten, nachvollziehbaren und gut begründeten Kriterien erfolgen. Für die damaligen Zeitgenossen begann am 01.09.1939 lediglich ein Krieg zwischen Deutschland und Polen (422), keinesfalls aber ein Weltkrieg (423). In Europa neigen wir dazu, beim Thema Zweiter Weltkrieg lediglich den europäischen Kriegsschauplatz zu betrachten, sodaß der Zweite Weltkrieg mehr als ein europäischer Krieg und weniger als ein Weltkrieg erscheint. Doch im historischen Gesamtgeschehen des Zweiten Weltkriegs haben die beiden Kriegsschauplätze Europa und Ostasien annähernd eine gleiche Bedeutung und Relevanz (424). So gelingt z.B. dem Museum „Mémorial de la Bataille de Normandie“ (425) in der Stadt Caen eine historisch und geografisch erweiterte Perspektive zum Thema Zweiter Weltkrieg, indem man dort den Zweiten Weltkrieg am Kriegsschauplatz in Ostasien beginnen läßt mit dem Beginn des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges am 07.07.1939 (426). 

 

Es stellt sich die Frage, wo man den Beginn und das Ende des Zweiten Weltkrieges als einer historischen Epoche eines Weltkrieges verortet in Abgrenzung zum Ereignis (427) des Kriegsgeschehens. In der Geschichtswissenschaft erfolgt eine Kategorienbildung insbesondere in Form der Bestimmung und Abgrenzung von historischen Zeitaltern, Epochen und Ären und deren Gliederung im Rahmen einer Periodisierung, und das muß nach signifikanten, nachvollziehbaren und überzeugend begründeten Kriterien erfolgen, wenn die Geschichtswissenschaft die Legitimität und Geltung als einer Wissenschaft haben will. Kategorien sind offene Begriffssysteme zur Strukturierung der erfahrbaren Welt. Eine jede Kategorienbildung ist eine notwendige Reduktion der in ihrer unendlichen Komplexität und Interdependenz für die Wahrnehmung über die menschlichen Sinne und den menschlichen Verstand nicht in Gänze erfaßbaren, letztlich unendlichen Wirklichkeit der Welt, um diese begreifen zu können. Begriffsbildung ist eine Form der Kategorienbildung. Kategorienbildung ist sowohl Bestandteil als auch Voraussetzung für Erkenntnis durch die menschliche Vernunft.

 

Bei einer Beantwortung der Frage, wo man den Beginn und das Ende des Zweiten Weltkrieges als einer historischen Epoche in Abgrenzung zum Ereignis des Kriegsgeschehens verortet, gehe ich von zwei Voraussetzungen aus, 1. einer zeitlichen Voraussetzung: Der Zweite Weltkrieg ist Bestandteil des Zeitalters des Imperialismus, das in zwei Weltkriegen kulminiert, und 2. einer räumlichen Voraussetzung: Der Zweite Weltkrieg besteht aus zwei Schauplätzen, Europa und Ost-Asien, die im Gesamtgeschehen annähernd die gleiche Bedeutung und Relevanz haben. Auf Grundlage dieser beiden Voraussetzungen lasse ich den Zweiten Weltkrieges als einer historischen Epoche in Ost-Asien beginnen mit der Mandschurei-Krise von 1931, und in Europa mit dem Abessinienkrieg 1935. Das Ende des Zweiten Weltkrieges als einer historischen Epoche beinhaltet die gesamte unmittelbare Nachkriegszeit bis etwa 1950, sodaß die historische Epoche des Zweiten Weltkrieges die geopolitische und ethnografische Neuordnung Europas in der Nachkriegszeit mit Ethnischen Säuberungen umfaßt, von denen in der Nachkriegszeit in Europa ca. 30 Millionen Personen betroffen waren, etwa doppelt so viele, wie bei den Ethnischen Säuberungen, die während des Zweiten Weltkrieges stattfanden. Zahlen zu den Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen der Jahre 1939 bis 1943 im Vergleich zum Zeitraum der Jahre 1944 bis 1948 nennt der Historiker Karl Schlögel in seinem Text: „Bugwelle des Krieges“: So „wurden zwischen 1939 und 1943 rund 15,1 Millionen und zwischen 1944 und 1948 rund 31 Millionen Menschen zeitweise oder für immer zwangsweise umgesiedelt oder vertrieben. (…) Insgesamt sind in den ersten fünf Jahren des Zweiten Weltkriegs an die 16 Millionen Menschen ‚verschoben‘ worden, eine Zahl, die von den Umsiedlungen und Vertreibungen zwischen 1944 und 1948 noch weit übertroffen wurde.“ (428). Diese Ethnischen Säuberungen sind kein Thema des „Belarussischen staatlichen Museums des Großen Vaterländischen Krieges“.

 

In der Ausstellung des „Belarussischen staatlichen Museums des Großen Vaterländischen Krieges“ nur kurz erwähnt wird der Hitler-Stalin-Pakt 1939 (429). Die Existenz des Hitler-Stalin-Paktes und des geheimen Zusatzprotokolls ist von der Sowjetunion bis 1989/90 geleugnet worden und wurde erst Anfang der 90er Jahre offiziell zugegeben. Der größte Teil der Ausstellungen dient der Darstellung und Glorifizierung der heldenhaften Siege der Sowjetunion im „Großen Vaterländischen Krieg“. Zahlreiche „Helden der Sowjetunion“ werden in den Ausstellungen vorgestellt. Kriegsentscheidend waren jedoch nicht die heldenhaften Heldentaten dieser glorreichen „Helden der Sowjetunion“, sondern die umfangreichen Lieferungen von Rohstoffen, sowie zivilen und militärischen Industrieprodukten durch die westlichen Alliierten, insbesondere der USA an die Sowjetunion gewesen, ohne die die Sowjetunion den „Großen Vaterländischen Krieg“ als einem totalen industriellen Krieg militärisch nicht hätte gewinnen können (430). Im totalen industriellen Krieg siegen nicht glorreiche Helden und ihre heldenhaften Heldentaten, sondern es siegt alleine die überlegene industrielle Produktion und die überlegene Technik und ihr rücksichtsloser Gebrauch. Schon im Zuge der gewaltsam vorangetriebenen forcierten Industrialisierung (431) und Modernisierung hatte die Sowjetunion in der Zwischenkriegszeit mit dem Ziel, eine überlegene Weltmachtgeltung zu erlangen, ein gewaltiges militärisches Aufrüstungsprogramm betrieben, und sie hatte am Beginn des Zweiten Weltkriegs das damals weltgrößte Arsenal an industriellen militärischen Rüstungsgütern angehäuft (432). Insbesondere übertraf die Anzahl der Panzer der Sowjetunion die damalige Anzahl der Panzer sämtlicher anderer Staaten zusammen. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war die Wehrmacht nur sehr unzureichend über diesen tatsächlichen Rüstungsstand der Sowjetunion informiert und sie hatte diesen erheblich unterschätzt. Im Rahmen der Frage, ob die Sowjetunion mit ihrem immensen angehäuften Rüstungsarsenal einen Angriffskrieg plante, wird die „Präventivkriegsthese“ (433) kontrovers diskutiert. Zum Thema der Angriffskriegsabsichten Stalins haben die Bücher von Viktor Suworow in Rußland einen Historikerstreit ausgelöst (434).

 

Kein Thema ist im „Belarussischen staatlichen Museums des Großen Vaterländischen Krieges“ hingegen die durch Stalin als militärischem Führer im deutsch-sowjetischen Krieg bewirkte Brutalisierung der Kriegsführung, die erheblich zu den extrem hohen Zahlen an Kriegstoten im östlichen Europa beigetragen hat. Da weder Hitler noch Stalin sich an das Kriegsvölkerrecht (435) gebunden fühlten, wurde der Konflikt zu einer historisch beispiellosen Gewaltorgie. Der von Stalin initiierte Terror führte zum Einsatz von Menschenwellen (436) gegen die angreifende Wehrmacht, die dadurch entstehenden exorbitant hohen Verluste der Roten Armee interessierten weder Stalin, noch die Generäle der Roten Armee (437). Institutionalisiert wurde dieses Vorgehen am 16. August 1941 durch Stalins berüchtigten Befehl Nr. 270 (“Feiglinge und Deserteure müssen vernichtet werden”) (438) und am 28. Juli 1942 durch den Befehl Nr. 227 (“Keinen Schritt zurück”) (439). Diesen Befehlen Stalins lag das Konzept „Mehr Angst von hinten als von vorn“ zugrunde. Hinter der Front erschossen Sperrabteilungen zurückweichende Soldaten. 

 

Zweifellos wäre der Krieg gegen die Sowjetunion anders verlaufen, wenn er nicht als Eroberungskrieg, sondern von Beginn an als Krieg zur Befreiung der Menschen im östlichen Europa von der Herrschaft Stalins und mit deren Beteiligung geführt worden wäre, doch dies ließ die Weltanschauung Hitlers (440) nicht zu. Die noch kurz vor der Kriegsniederlage der Achsenmächte aufgestellte Russische Befreiungsarmee (441) konnte folglich nichts mehr erreichen. 

 

Auf der Konferenz von Jalta (442) vom 04. bis 11.02.1945 wurde ein Abkommen mit der Sowjetunion unterzeichnet, das eine Repatriierung sowjetischer Displaced Persons (443) vorsah, die in der Obhut der Westalliierten waren. Dies betraf nicht nur die sowjetischen Zwangsarbeiter in Deutschland und kriegsgefangene Soldaten der Roten Armee, sondern auch ehemalige Soldaten der Roten Armee, die in deutschen Uniformen gefangen genommen worden waren, wie z.B. Angehörige der Russischen Befreiungsarmee. Folge war, daß in großem Umfang Personen im Zuge einer Zwangsrepatriierung (444) gegen ihren erklärten Willen in die Sowjetunion deportiert worden, wo sie oft erschossen oder zu langen Lagerhaftstrafen verurteilt wurden. Im Rahmen der Operation Keelhaul (445) wurden zwischen 1943 und 1947 rund zweieinhalb Millionen Personen, die aus dem Gebiet der Sowjetunion stammten, von den britischen und amerikanischen Streitkräften in die Sowjetunion zwangsrepatriiert. Derartige Zwangsrepatriierungen müssen als Kriegsverbrechen bewertet werden. 

 

Eine Glorifizierung erfahren auch die sowjetischen Partisanen (446), die während des Zweiten Weltkrieges insbesondere in Belarus in großer Zahl aktiv waren. Auch diese Partisanen haben erheblich zur Brutalisierung der Kriegsführung und den extrem hohen Zahlen an Kriegstoten im östlichen Europa beigetragen. Zur Bekämpfung der Partisanenaktivitäten wandte das Besatzungsregime in exzessiver Form Repressalien (447) auch gegen unbeteiligte Zivilisten an. Vergleichbare Partisanen- und Widerstandsaktivitäten gab es in nahezu allen besetzten Ländern (448), und diese waren Bestandteil der Kriegsführung der Alliierten. Schon während des Ersten Weltkriegs und danach waren dem Besatzungsregime des Kaiserreiches Deutschland in Belgien Besatzungsverbrechen vorgeworfen worden, die auf Grundlage von Repressalien erfolgt waren. Repressalien waren ein Bestandteil des Kriegsvölkerrechtes (449). Im Rahmen von Repressalien sollte die Festnahme von Geiseln und die Androhung ihrer Tötung das Wohlverhalten der Bevölkerung insbesondere in besetzten Gebieten erzwingen. „Sühnegefangene“ dagegen wurden erst nach einer Widerstandshandlung der Bevölkerung festgenommen und getötet, um die Bevölkerung von weiteren Widerstandshandlungen abzuschrecken. Aufgrund dieser Vorwürfe und Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges stellt sich die Frage, warum die Zwischenkriegszeit nicht dafür genutzt wurde, Repressalien im Kriegsvölkerrecht zu verbieten und abzuschaffen. Aufgrund der Erfahrungen im Ersten Weltkrieg wurden lediglich im Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen (450) von 1929 Repressalien gegen Kriegsgefangene ausdrücklich verboten. Es ist naheliegend, daß das generelle Verbot von Repressalien in der Zwischenkriegszeit nicht erfolgte, weil die Kolonialmächte (451) dieses Instrument zur Repression der von ihnen beherrschten Kolonialbevölkerungen weiterhin nutzen wollten. Im Zweiten Weltkrieg wurden Repressalien insbesondere vom NS-Besatzungsregime exzessiv angewandt. Dies stützt die These des Politikers Jawaharlal Nehru (1889-1964) (452), die besagt, daß der Nationalsozialismus die Anwendung des Kolonialismus und kolonialer Unterdrückungsmethoden auf Europa selbst ist. 

 

Doch schon mit dem Ersten Weltkrieg hatte die Anwendung kolonialer Unterdrückungsmethoden in Europa selber begonnen, und Europäer wurden Gegenstand kolonialer Unterdrückungsmethoden, was erheblich dazu beitrug, daß der Erste Weltkrieg zur „Urkatastrophe“ des extremen 20. Jahrhunderts werden konnte. „Der Erste Weltkrieg war ein wichtiges Laboratorium für das, was kommen sollte“, erklärt der Historiker Karl Schlögel in seinem Text:“ Bugwelle des Krieges“: „Hier wurden die Methoden und Praktiken des totalen Krieges erstmals in großem Stil erprobt. (…) Hier wurden Praktiken vervollkommnet, die man zuvor schon an der Peripherie des Imperialismus, in den Kolonien, erprobt hatte – vom Konzentrationslager über Grenzziehung mit dem Rasiermesser bis zur lässigen Routine der Massenexekution; der Rassismus wanderte, wie Hannah Arendt gezeigt hatte, von der Peripherie ins Mutterland zurück“ (453). Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf Initiative des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) (454) in Folge der Erfahrungen mit den verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Zivilbevölkerung im Genfer Abkommen IV „über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten“ (455) von 1949 Geiselnahme generell untersagt. 

 

Die Partisanen werden als Bestandteil des Widerstandes gegen die NS-Herrschaft angesehen. Hierbei stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen „Widerstand“ sowie Terrorismus und Kriminalität zu verorten ist. Zweifellos ist diese Grenze überschritten, wenn das Leben von Soldaten gefährdet wird, die als Wehrpflichtige unter Todesandrohung gezwungen werden, als Soldaten in einen verbrecherischen Krieg zu ziehen, und die Hitler zudem seit 1934 nötigte, nicht mehr wie zuvor einen Eid auf die Verfassung, sondern auf seine Person und deren bedingungslose Gefolgschaft zu leisten. Insbesondere um diese fatale Eidbindung auf die Person Hitlers aufzuheben und Widerstand zu ermöglichen, gab es ca. 50 Attentatsversuche auf Hitler (456), darunter das Attentat bei Rastenburg im Rahmen des versuchten Staatsstreiches am 20. Juli 1944 (Unternehmen Walküre) (457). Daher wäre der Umsturzversuch am 20.07.1944 insbesondere aus diesem Grund erfolgreich gewesen, wenn das Attentat in Rastenburg gelungen wäre. 

 

Tatsächlich wäre ein gelungener 20. Juli 1944 (Unternehmen Walküre) der denkbar erfolgreichste Widerstand gewesen, denn der Zweite Weltkrieg wäre sofort beendet worden und es hätte keine weiteren Kriegstoten und Zerstörungen mehr gegeben. Unter dem Aspekt der Schadensbegrenzung des durch den Zweiten Weltkrieg bislang eingetretenen Gesamtschadens waren die Beteiligten am 20. Juli 1944 die einzigen der insgesamt am Zweiten Weltkrieg beteiligten Akteure, die eine sofortige Kriegsbeendigung und sofortige Schadensbegrenzung und Schadensbeendigung zum Ziel hatten, während sämtliche anderen Akteure den Zweiten Weltkrieg weiter führen und weiter radikalisieren wollten. Ein sehr erheblicher Teil der Kriegstoten und der Kriegszerstörungen entstand erst in der radikalisierten Endphase des Zweiten Weltkriegs nach dem 20. Juli 1944. Kriegsziel der Alliierten war nicht das Ende der NS-Herrschaft, sondern die bedingungslose Kapitulation Deutschlands, worauf sich diese auf der Konferenz von Casablanca (14.-28.01.1943) (458) geeinigt hatten. Jede Verhandlung, auch mit einer „Nach-Hitler-Regierung“ wurde ausgeschlossen. Erst diese Forderung der bedingungslosen Kapitulation (459) schweißte die Bevölkerung und das NS-Regime zu der Schicksalsgemeinschaft zusammen, die das NS-Regime als „Volksgemeinschaft“ gefordert hatte, und was die Planung und Durchführung eines Staatsstreiches zum Sturz der NS-Herrschaft erheblich erschwerte. 

 

Die Frage, wie die weitere Geschichte bei einem erfolgreichen 20. Juli 1944 und insbesondere bei der beabsichtigten Umsetzung des sogenannten „Herman-Planes“ (460) verlaufen wäre, ist eine Frage „Kontrafaktischer Geschichte“ (461). Die Frage nach in der Geschichte angelegten alternativen Entwicklungspfaden und deren Herauspräparation, sowie eine Analyse, aus welchen Umständen und Gründen mögliche, im historischen Prozeß angelegte historische Entwicklungspfade zum Zuge gelangten und andere nicht, wird als „Kontrafaktische Geschichte“ denunziert und vom Mainstream als angeblich „unwissenschaftlich“ abgelehnt, da es nicht dem herrschenden geschichtsdeterministischen (462) Dogma entspricht, das den gegenwärtigen Zustand als das quasi alternativlose naturgesetzliche Ergebnis geschichtlicher Entwicklung auffaßt, so, wie bei Isaak Newton (1642-1727) der Apfel immer nur nach unten vom Baum fällt. Andere Möglichkeiten sind ausgeschlossen und undenkbar. Geschichte dient dem Zweck der alternativlosen Affirmation des jeweiligen, letztlich beliebigen Bestehenden. Die Gegenwart wird als alternativloses, determiniertes Ergebnis des historischen Prozesses dargestellt und vermittelt, dessen zwangsläufiges, unausweichbares und alternativloses Ergebnis der jeweilige gegenwärtige Zustand ist. 

 

Bezüglich der Partisanenaktivitäten ist im „Belarussischen staatlichen Museum des Großen Vaterländischen Krieges“ nicht zu erkennen, ob in Belarus jemals eine Debatte über Sinnhaftigkeit, Angemessenheit und Methoden von „Widerstand“ stattgefunden hat. In anderen europäischen Ländern, darunter Frankreich und Polen, ist der Befund ähnlich. Im Gegensatz dazu hat es in Deutschland eine intensive und gehaltvolle Debatte zu diesem Themenkomplex gegeben. Jeglicher Widerstand begründet sich auf dem Widerstandsrecht (463). Hierbei hat der Jurist Fritz Bauer eine abschließende und möglicherweise zeitlos endgültige Definition des Begriffes „Widerstand“ formuliert: „Widerstand meint Verwirklichung eigener oder fremder Menschenrechte. Widerstand ist ein Spezialfall der Notwehr oder - wenn Widerstand zugunsten Dritter ausgeübt wird – der Nothilfe. Er setzt einen Angriff oder Eingriff in Grundrechte oder ihre Vorenthaltung voraus“ (464). 

 

 

11.  Hrodna/Grodno und die Auflösung des Staates Polen-Litauen

 

Von Minsk aus reisten Uli und ich am 20.11.2024 per Reisebus zur Stadt Hrodna/Grodno weiter. Die Distanz zwischen Minsk und Hrodna/Grodno beträgt ca. 280 km, und die Busfahrt erfolgte zügig auf der autobahnähnlich ausgebauten Straße M6. Die Stadt Hrodna/Grodno (465) hat heute ca. 330.000 Einwohner, sie liegt am Fluß Nioman/Memel (466) und im Dreiländereck von Belarus, Litauen und Polen, nur 20 bis 30 Kilometer entfernt von den EU-Außengrenzen. Hrodna/Grodno gilt als eine der historisch bedeutsamsten und gemessen an den erhaltenen Baudenkmälern und der historischen Altstadt als eine der interessantesten und schönsten Städte in Belarus, weswegen Uli und ich diese Stadt in unser Reiseprogramm aufgenommen hatten. 

 

Die Stadt Hrodna/Grodno wurde im Jahre 1128 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, und sie war im Mittelalter ein bedeutendes Kultur- und Handelszentrum. Ab dem 13. Jahrhundert gehörte die Stadt zum Großfürstentum Litauen. 1376 machte der Großfürst von Litauen, Vytautas (Vitaŭt) (1354-1430) (467) die Stadt zu seiner Residenz. Ende des 14. Jahrhunderts baute Vitautas am Ufer des Flusses Nioman/Memel ein gotisches oberes Schloß, die Fürstenresidenz, die wir heute als Altes Schloß (468) kennen. Die baulichen Anfänge des Alten Schlosses stammen aus dem 11. Jahrhundert. Im Jahre 1386 wurde das Großfürstentum Litauen und das Königreich Polen (469) in einer Personalunion (470) zusammengeführt, der Union von Krevo (471), und es entstand der Staat Polen-Litauen (472), der als eine Adelsrepublik (473) bezeichnet wird. In diese Union von Krevo brachte das Großfürstentum Litauen ca. zwei Drittel des Territoriums ein, und diese Union von Litauen und Polen war damals der flächengrößte Staat in Europa. Später konnte das Zarentum Rußland (474) zum flächengrößten Staat in Europa expandieren, da es als östlichster Anrainer in Europa das mit dem Ende der mongolischen Herrschaft (475) entstandene Machtvakuum im nördlichen Eurasien ausfüllen konnte. Die Gesellschaft des Staates Polen-Litauen war eine Ständegesellschaft (476), eine hierarchisch geordnete Gesellschaft mit voneinander abgegrenzten sozialen Gruppierungen – den Ständen. Zudem war diese Gesellschaft eine Feudalgesellschaft (477), wobei das Land Eigentum der Grundherrn (478), den Adeligen war, und die Bauern befanden sich im Zustand der Hörigkeit (479), sie waren also persönlich abhängig vom Grundherrn und unfreie Leibeigene (480). 

 

Im Jahre 1569 wurde diese Personalunion in eine Realunion (481), die Union von Lublin (482) umgewandelt, die „Rzeczpospolita“ (483) genannt wurde. Diese Realunion war eine Wahlmonarchie (484) mit gemeinsamem Monarchen und gemeinsamem Parlament, dem Sejm (485), sowie mit gemeinsamer Währung, die den Charakter einer parlamentarischen Monarchie (486) hatte. Zum Kompetenzbereich des Sejms gehörte u. a. die Wahl des Königs und die Steuerpolitik. In seiner heutigen Form ist das Alte Schloß in den Jahren 1580 bis 1588 von Stephan Báthory (1533-1586) (487), Fürst von Siebenbürgen und ab 1576 König von Polen und Großfürst von Litauen, auf den Ruinen des alten Vitautas-Schlosses errichtet worden.

 

Eine Stadtexkursion in Hrodna/Grodno beginnt man am besten im Südwesten des historischen Stadtzentrums beim Alten Schloß und beim Neuen Schloß, die nebeneinander am Ufer des Flusses Nioman/Memel liegen und nur durch eine Brücke voneinander getrennt sind. Das Gelände fällt dort zum Fluß Nioman/Memel hin steil ab, und es bietet sich ein Panoramablick über die Flußlandschaft. Das Alte Schloß ist offensichtlich erst kürzlich umfangreich baulich instandgesetzt worden. Da unser zeitlich begrenzter Reiseplan einen Aufenthalt von nur einem ganzen Tag in Hrodna/Grodno vorsah, besuchten Uli und ich aus Zeitgründen nicht das Historisch-Archäologische Museum (488) im Alten Schloß. 

 

Das Neue Schloss (489), das sich in direkter Nachbarschaft zum Alten Schloß befindet, wurde in den Jahren 1734 bis 1751 durch August III. (1696-1763) (490), Herzog von Sachsen und ab 1734 König von Polen und Großfürst von Litauen errichtet. Es ist der Königspalast, in dem jeder dritte Sejm der Adelsrepublik Polen-Litauen stattfand. Stanislav II. August Poniatowski (1732-1798) (491), der am 07.09.1764 gewählte König von Polen und Großfürst von Litauen, unterzeichnete hier die dritte Teilung des Polnisch-Litauischen Staates, der damit aufgelöst wurde, und dankte hier am 25. November 1795 ab. Stanislav II. August Poniatowski war der letzte König von Polen und der letzte Großfürst von Litauen. Verschiedene innenpolitische und außenpolitische Aspekte bilden bei dieser Auflösung des Staates Polen-Litauen einen komplexen und komplizierten Zusammenhang, der nicht leicht zu verstehen ist. Die Auflösung des Staates Polen-Litauen ist von Geschichtsmythen (492) umgeben, wie zahlreiche weitere Themen der Geschichte Polens, sodaß historische Aufklärung erforderlich ist. 

 

Hrodna/Grodno war neben Krakau (493) und Vilnius die dritte Hauptstadt des Staates Polen-Litauen, und hier fand ab 1678 jeder dritte Sejm, der polnisch-litauische Reichstag statt. In der Adelsrepublik Polen-Litauen war an den Wahlen zum Parlament, dem Sejm, der Adel (494) beteiligt, der zeitweilig ungefähr 10 % der Bevölkerung ausmachte, deutlich mehr als in den meisten übrigen europäischen Staaten, sowie des Weiteren das Bürgertum der Städte. Der gesamte Adel des Staates Polen-Litauen, die sogenannte Szlachta (495), umfaßte Mitte des 16. Jahrhunderts etwa 500.000 Angehörige. Die Mehrheit der Bevölkerung waren hingegen leibeigene Bauern. Das System der „Goldenen Freiheit“ (496) sicherte jedem Adeligen außerordentliche Rechte und Privilegien zu. Eine Besonderheit des Sejms war das „Liberum Veto“ (497), das es jedem Abgeordneten erlaubte, sein Veto einzulegen und die Sitzung des Sejms abzubrechen bzw. zu vertagen. Im Rahmen der „Goldenen Freiheit“ war es ein Recht des Adels, Konföderationen (498) zu bilden. Diese Konföderationen waren militärische Organisationen, die gebildet wurden, um ein politisches Ziel zu erzielen. Faktisch handelte es sich dabei fast immer um einen Aufstand gegen den gewählten König von Polen und Großfürsten von Litauen. Diese innenpolitischen Verhältnisse führten dazu, daß in zunehmendem Maße Akteure aus dem Ausland auf die innenpolitischen Verhältnisse in Polen-Litauen Einfluß nehmen konnten, darunter auf die Abstimmungen und Entscheidungen des Sejms und die Wahl des Königs von Polen und Großfürsten von Litauen. 

 

Stanislav II. August Poniatowski (1732-1798) war von den Ideen des Zeitalters der Aufklärung inspiriert, und im Jahre 1764 war er als König von Polen und Großfürst von Litauen mit einem ambitionierten Reformprogramm angetreten, insbesondere, um die oben dargestellten problematischen innenpolitischen Verhältnisse zu verändern, die den Staat Polen-Litauen zunehmend innen- und außenpolitisch handlungsunfähig gemacht hatten. U.a. beauftragte er die Erstellung der Verfassung vom 03.05.1791 (499), die als eine der ersten modernen Verfassungen in Europa gilt. Allerdings sah die Verfassungswirklichkeit, d.h. die real-existierenden gesellschaftspolitischen Verhältnisse, anders aus, es fand keine Bauernbefreiung (500) statt, die Bauern blieben weiterhin Leibeigene und waren im Parlament nicht vertreten, was ein Zugeständnis an die Privilegien des Adels war. Dennoch sahen die Adeligen durch die Reformen ihre Privilegien der „Goldenen Freiheit“ bedroht. Es bildete sich die Konföderation von Bar (501), die einen fünfjährigen Bürgerkrieg mit 60.000 Toten gegen den König führte. Stanislav II. August Poniatowski konnte sich in diesem Bürgerkrieg nur mithilfe der militärischen Unterstützung des durch Kaiserin Katharina II. (1729-1796) (502) regierten Kaiserreichs Rußland behaupten. Ca. 6000 Vertreter der Konföderation von Bar wurden nach Sibirien verbannt, was Thema des nachfolgenden Kapitels ist.

 

Die Auflösung des Polnisch-Litauischen Staates findet nach dem gescheiterten Kościuszko-Aufstand (503) ihren Abschluß in der Unterzeichnung der dritten Teilung des Polnisch-Litauischen Staates durch Stanislaus II. August Poniatowski, was sich in Hrodna/Grodno ereignete, und seiner Abdankung bzw. seinem Rücktritt am 25.11.1795 als nunmehr letztem König von Polen und letztem Großfürsten von Litauen, insbesondere aufgrund der Unreformierbarkeit und der Unregierbarkeit des Landes, dessen Territorium nun von den Nachbarstaaten, dem Kaiserreich Rußland (504), dem Kaiserreich Österreich Ungarn (505) und dem Königreich Preußen (506) verwaltet wurde. 

 

Katharina II. regierte das Kaiserreich Rußland mit einer Politik des aufgeklärten Absolutismus (507). Diese Politik des aufgeklärten Absolutismus wurde ebenfalls im Kaiserreich Österreich-Ungarn und im Königreich Preußen praktiziert. Diese drei Nachbarstaaten Polen-Litauens bildeten die Teilungsmächte der drei Teilungen des Staates Polen-Litauen (508). Diese Teilungen erfolgten unter dem Vorwand, die sogenannte „Polnische Anarchie“ zu beseitigen, die die Monarchen der Teilungsmächte insbesondere in Anbetracht der Vorgänge im revolutionären Frankreich (509) als Bedrohung ihrer Herrschaft, als auch als Bedrohung des Mächtegleichgewichts (510) in Europa ansahen. Mit ihren Befürchtungen müssen sie Recht gehabt haben, denn 125 Jahren später existierten diese drei Monarchien des aufgeklärten Absolutismus und ihre Vielvölkerimperien nicht mehr. 

 

Die drei Teilungsmächte, das Kaiserreich Rußland, das Kaiserreich Österreich-Ungarn und das Königreich Preußen bildeten nach dem Sieg über Napoleon Bonaparte (511) im Anschluß an den Wiener Kongress (512) auf Initiative von Kaiser Alexander I. (1777-1825) (513) die „Heilige Allianz“ (514). Alexander I. war von den Ideen des Zeitalters der Aufklärung inspiriert, und im Jahre 1801 war er nach der Ermordung seines Vaters, dem Kaiser Paul I. (1754-1801) (515) als Kaiser des Kaiserreiches Rußland mit einem ambitionierten Reformprogramm angetreten. Zudem entstand auf Initiative von Kaiser Alexander I. auf Grundlage des Herzogtums Warschau (516) das Königreich Polen (517) mit Kaiser Alexander I. als Staatsoberhaupt. Kaiser Alexander I. war Staatsoberhaupt von insgesamt drei autonomen und selbstständigen Staaten: Dem Kaiserreich Rußland, dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Finnland (518), ein für die damalige Zeit beachtenswertes Regierungsmodell. Anders als im Großfürstentum Finnland wurde die Selbstständigkeit und Autonomie im Königreich Polen jedoch durch den Novemberaufstand (519) und den Januaraufstand (520) verspielt. Da es für die Bauernschaft keine Aussichten auf soziale Verbesserungen gab, verfolgte sie das Geschehen weitgehend unbeteiligt. Die Aufstände wurden insbesondere von den Adeligen geführt, denen es um die Widerherstellung ihrer Privilegien der „Goldenen Freiheit“ ging. Polen erwies sich auch nach den Teilungen weiterhin als unreformierbar und unregierbar. 

 

Kerngedanke der auf Initiative von Kaiser Alexander I. entstandenen „Heiligen Allianz“ war die Sicherung eines „Ewigen Friedens“ durch konsequente Selbstverpflichtung aller europäischen Monarchen auf die Grundsätze der christlichen Nächstenliebe. Die „Heilige Allianz“ brach im Krim-Krieg (521) auseinander. Der Krimkrieg in den Jahren 1853 bis 1856 wird im Allgemeinen kaum beachtet, doch seine Bedeutung ist erheblich. Er war der größte Krieg zwischen den Napoleonischen Kriegen (522) und dem Ersten Weltkrieg, und schon der Krimkrieg wäre ein Weltkrieg (523) geworden, wenn das Königreich Preußen und das Kaiserreich Österreich-Ungarn im Krimkrieg nicht neutral geblieben wären. Zuvor hatte schon der Siebenjährige Krieg (524) in den Jahren 1756 bis 1763 den Charakter eines Weltkrieges gehabt, da er unter Beteiligung aller europäischen Großmächte weltweit auf mehreren Kontinenten geführt wurde, sodaß sich mit dem Siebenjährigen Krieg das Zeitalter des Imperialismus ankündigte, das in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts kulminierte. Der Krimkrieg führte zum Ende des Mächtegleichgewichtes der Pentarchie und zum Zerfall der sogenannten „Heiligen Allianz“ was eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, daß später der Erste Weltkrieg entstehen konnte. Während im Krimkrieg das Kaiserreich Rußland isoliert war, sodaß eine Kriegsniederlage unvermeidlich war, waren im Ersten Weltkrieg die Kaiserreiche Deutschland und Österreich-Ungarn isoliert mit den gleichen Folgen. Dies verweist auf die Rolle, die Bedeutung und den Erfolg von Geheimdiplomatie (525).

 

Das „Dreikaiserabkommen“ (526) vom 22.10.1873 knüpfte an die „Heilige Allianz“ an mit dem Ziel, „den gegenwärtig in Europa herrschenden Friedenszustand zu befestigen“, um ihn „gegen alle Erschütterungen, von welcher Seite sie auch kommen mögen, zu sichern, und wenn nötig zu erzwingen“. Der „Dreikaiserbund“ (527) vom 18.06.1881 setzte das „Dreikaiserabkommen“ fort. Das Ende des „Dreikaiserbundes“ ist die wesentliche Voraussetzung, daß der Erste Weltkrieg entstehen konnte, der zum Untergang dieser drei Monarchien führte. Der Erste Weltkrieg ist die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, und auf ein „langes“, vergleichsweise friedliches 19. Jahrhundert folge nun ein „kurzes“ und extremes 20. Jahrhundert. 

 

Vom Alten und Neuen Schloß führt die Schloßstraße (Vulitca Zamkavaja) direkt ins Stadtzentrum zum Platz Savieckaja, dem Sowjetplatz. Auf diesem ehemaligen Marktplatz stand früher ein Holzrathaus aus dem Jahre 1496. Heute befindet sich hier im Norden des langestreckten Platzes die in den Jahren 1678 bis 1703 erbaute barocke Franz-Xaver-Kathedrale (528) sowie der sowjetische Kulturpalast der Textilarbeiter aus den 50er Jahren. Im Süden des Platzes steht das Gebietstheater und auf einem Sockel ein alter Panzer T-34. Die Hauptstraße im Stadtzentrum ist die Vulitca Savieckaja, die Sowjetstraße, die sich vom Sowjetplatz durch das Stadtzentrum nach Norden zum Lenin-Platz erstreckt. Auf dem Lenin-Platz befindet sich noch eins der wenigen, heute noch in Eurasien erhaltenen Lenin-Denkmäler, die im Raum zwischen Magdeburg und Wladiwostok vor 1989/90 beinahe so zahlreich gewesen sind wie Buddha-Statuen im buddhistischen Asien. 

 

Gemäß unserem Reiseplan stand die Weiterreise von Hrodna/Grodno zur Stadt Białystok an. Unsere Recherchen hatten ergeben, daß es aktuell keine Personenbeförderung per Bahn von Hrodna/Grodno nach Białystok gibt, obwohl eine Bahnlinie existiert, die beide Städte auf direktem Wege miteinander verbindet. Am Busbahnhof von Hrodna/Grodno erfuhren wir, daß es aktuell täglich drei Busfahrten nach Białystok gibt mit Abfahrten um 1:00 Uhr, 8:00 Uhr und 14:00 Uhr. Auf dieser Strecke eingesetzt sind kleine Busse mit Sitzen für 16 Personen, und diese haben Autonummernschilder aus Polen. Am Busbahnhof von Hrodna/Grodno verkehren überwiegend solche kleinen Busse. Schon am Vortag unserer Fahrt nach Białystok kauften wir dort Bustickets für die Busfahrt am 22.11.2024 um 14:00 Uhr. Ich war überrascht über die Höhe des Fahrpreises von 130,40 BYN pro Person, zumal die Distanz zwischen Hrodna/Grodno und Białystok lediglich ca. 80 Kilometer beträgt. Das Bezahlen der Bustickets am Busbahnhof per Bankkarte (EC-Karte) funktionierte nicht, sodaß Barzahlung erforderlich ist. In den meisten Fällen hatte das Bezahlen per EC-Bankkarte während unseres achttägigen Aufenthalts in Belarus funktioniert. Allerdings haben Bankautomaten in den meisten Fällen EC-Bankkarten nicht akzeptiert, sodaß an den meisten Bankautomaten in Belarus eine Bargeldauszahlung in Belarussischen Rubeln (BYN) nicht möglich war. Die Touristeninformation am Rathausplatz in Minsk kann Bankautomaten benennen, an denen Bargeldauszahlung per EC-Karte möglich sind. Ansonsten ist in Belarus ein Geldwechsel in Banken möglich. 

 

An der Grenze zwischen Belarus und Polen gibt es mehrere Grenzübergänge (529), darunter den Grenzübergang Bruzhi zwischen den Städten Hrodna/Grodno und Białystok. Da die Distanz von Hrodna/Grodno zur Nachbarstadt Białystok lediglich ca. 80 Kilometer beträgt, erwarteten wir eine kurze Fahrtzeit bis zum Eintreffen in Białystok. Lediglich die Zeit zum Passieren der Grenze zwischen Belarus und Polen ist schwer kalkulierbar. Überraschenderweise mußten wir bei der Busfahrt durch eine leicht verschneite frühwinterliche Agrarlandschaft bald feststellen, daß der Bus offensichtlich nicht die direkte Strecke nach Białystok fährt, die parallel zur Eisenbahnlinie verläuft, die Hrodna/Grodno mit Białystok verbindet. Zu unserer Verwunderung brachten wir in Erfahrung, daß der Bus einen großen Umweg zur Stadt Brest (530) fährt, um dort den Grenzübergang von Belarus nach Polen zu nutzen, und um danach weiter nach Białystok zu fahren. Nun wurde uns bewußt, daß wir anders als geplant erst spät in der Nacht in Białystok eintreffen werden. 

 

Nach ca. vier Stunden Fahrt war der Grenzübergang bei der Stadt Brest erreicht. Auf der Seite von Belarus ging es jetzt schneller voran, als bei der Hinfahrt. Bei der Einfahrt in den Grenzraum erfolgte eine erste kurze Paßkontrolle im Bus. Danach erfolgte eine Paßkontrolle an der belarussischen Grenzstation, wo wir einen Ausreisestempel in den Reisepaß erhielten. Weitere Kontrollen, wie z.B. Zollkontrollen fanden hier nicht statt. Lange Wartezeiten entstanden nun an der Grenzstation von Polen. Die Grenze von Polen zu Belarus ist zugleich die östliche Außengrenze der EU. An der Grenzstation von Polen wurden bei der Paßkontrolle die Reisepässe elektronisch eingelesen, und zudem wurden von zahlreichen Passanten biometrische Daten erhoben (Fingerabdrücke wurden elektronisch eingelesen, zudem erfolgte ein Iris-Scan). Derzeit werden überall weltweit, und auch in Deutschland und in der EU neue elektronische bzw. biometrische Reisepässe (531) eingeführt. Deren weltweite ubiquitäre Verbreitung geht auf die Initiative der USA infolge der Ereignisse des 11.09.2001 zurück. Es ist eine der feststellbaren Entwicklungen hin zur Totalüberwachung und Kontrolle der gesamten Menschheit, die die Grundlage eines technologisch modernisierten Totalitarismus des digitaltechnischen Zeitalters bildet, der die Totalitarismen des extremen 20. Jahrhunderts als rückständige, technologisch unausgereifte Frühformen totalitärer Vergesellschaftung erscheinen lassen wird (532). 

 

Anschließend wurde bei einer Zollkontrolle das Reisegepäck durchleuchtet mit dem Verfahren, wie man es von Flughäfen kennt. Plakate weisen darauf hin, daß aus seuchenpolizeilichen Gründen keine Lebensmittel, insbesondere Fleisch- und Wurstwaren, Milchprodukte u.a. von außerhalb in die EU eingeführt werden dürfen. Ähnlich wie zuvor bei unserer Einreise von Litauen nach Belarus benötigten wir zum Passieren der Grenze von Belarus nach Polen insgesamt etwa 3:30 Stunden. Später erfuhren wir bei Recherchen den Grund für den unerwarteten zeitaufwändigen Umweg über Brest: Aufgrund einer seit Mitte 2021 bestehenden Migrationskrise (533) ist in Polen entlang der Grenze zu Belarus ein 4,5 Meter hoher Grenzzaun (534) errichtet worden, und zudem sind sämtliche Grenzübergänge von Polen nach Belarus bis auf den Grenzübergang Brest-Terespol für den Personenverkehr geschlossen worden. Der so erforderliche lange Umweg erklärt auch die vergleichsweise hohen Fahrtpreise für die Busfahrt von Hrodna/Grodno nach Białystok. 

 

 

12.  Białystok oder: Sibirien als wahrnehmungsgeographische Kategorie

 

Die Stadt Białystok (535) wurde im 16. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, und sie hat heute rd. 300.000 Einwohner. Im Jahre 1692 erhielt Białystok das Stadtrecht. Meine Stadtexkursion in Białystok begann ich an der Kirche „St. Rochus“, in deren Nähe sich der Hauptbahnhof und der Busbahnhof befindet. Von dort folgte ich der Ulica Lipowa nach Osten ins historische Stadtzentrum von Białystok. Ich gelangte zum Rathausplatz und zum Dom. Von dort setzte ich meine Stadtexkursion zum Branicki-Palast im Osten des historischen Stadtzentrums fort. 

 

Hauptanliegen meines Besuchs der Stadt Białystok war der Besuch des Sibirischen Gedenkmuseums/ Muzeum Pamieçi Sybiru (536). Auf die Existenz dieses Museums war ich während meiner Recherchen zur Vorbereitung der Reise aufmerksam geworden. Zuerst gestaltete es sich jedoch als schwierig, dieses Museum aufzufinden, denn die touristischen Informationen verschiedener Infotafeln in Białystok lieferten unterschiedliche und offensichtlich nicht mehr aktuelle Informationen. Letztlich orientierte ich mich an einem Wegweiser, der vom historischen Stadtzentrum in die Straße „Henryka Sienkiewicza“ mit der Entfernungsangabe von 1750 Metern hinein weist. Tatsächlich traf ich dort auf das Sibirische Gedenkmuseum/Muzeum Pamieçi Sybiru. Offensichtlich ist das Museum erst vor kurzem an diesem Standort neu errichtet worden. 

 

Schilder heben hervor, daß das Sibirische Gedenkmuseum/ Muzeum Pamieçi Sybiru vom Europarat (Council of Europe) (537) mit einem Museumspreis des Europarates (538) im Jahre 2024 als das beste Museum („The best Museum“) prämiert worden ist. Es stellt sich die Frage nach den Kriterien einer derartigen Bewertung. Dafür muß eingangs die Frage nach Sinn und Zweck von Museen als Bestandteilen von Gedenk- und Erinnerungskultur gestellt werden. Faktisch ist Gedenk- und Erinnerungskultur nahezu überall ein Bestandteil von Geschichtspolitik, wie in Kapitel 5 dargestellt. Geschichtspolitik dient der nationalen Identitätsbildung und der Legitimation des eigenen Staates und seiner Gesellschaftsordnung, und sie zielt darauf ab, imaginierte Gemeinschaften durch einheitsstiftende historische Narrative (539), Symbole (540) und Praktiken (541) herzustellen. Dahingegen zielt das Konzept eines Museums als Lernort ab auf „die Befähigung zu einem reflektierten Umgang mit Objekten, zu einer kritischen Analyse ihrer Präsentation und zu Multiperspektivität. Bildung in diesem Sinne (ist) nicht als nationale oder kulturelle Identitätsbildung, sondern umfassend als Menschenbildung zu verstehen, die auf Freiheit, Mündigkeit und Autonomie abzielt“, worauf der Historiker Habbo Knoch in seinem Buch „Geschichte in Gedenkstätten“ hinweist (542). Hierbei müssen sich Museumspädagogik (543) und Gedenkstättenpädagogik mit drei Herausforderungen auseinandersetzen: „Die Vermittlung kognitiven Wissens unterliegt erstens beträchtlichen Einschränkungen aufgrund begrenzter Vorkenntnisse, der begrenzten Zeit des Besuchs und der Komplexität des Gegenstands. Zweitens sehen sie sich Erwartungen und Zielen der politischen Bildung (544) gegenüber, die Gedenkstätten als Orte einer politisch-moralischen Wertevermittlung ansehen, was aber im Widerspruch zu reflexiven, ergebnisoffenen und autonomen Lernprozessen stehen kann. Die Bildungsarbeit in Gedenkstätten wird drittes von außen vielfach als Beitrag zu einer nationalen Identitätsbildung gesehen, während die Gedenkstätten wie auch die Geschichtsdidaktik dem Postulat eines individuellen, historisch fundierten und zugleich reflektierten Geschichtsbewusstseins folgen“ (545). Museen müssen sich daher entscheiden, ob sie Geschichtspolitik oder Aufklärung betreiben wollen, d.h. ob sie dem Publikum ein vorgefertigtes Geschichtsbild vorsetzen, oder ob sie das Publikum darin unterstützen möchten, sich auch zu historischen Themen selbstständig eine eigene Meinung zu bilden (546). Diesen Anspruch einer Aufklärung habe ich bislang in ganz Europa explizit nur im Staatlichen Museum für politische Geschichte Rußlands (547) in St. Petersburg (548) angetroffen bei meinem Besuch am 29.07.2017. 

 

Die Ausstellung des Sibirischen Gedenkmuseums erstreckt sich über zwei Etagen, und sie besteht aus neun thematischen Teilen. Sämtliche Informationen werden zweisprachig angeboten (Polnisch, Englisch). Gegenstand der Ausstellung ist die Deportation (549) und Verbannung (550) von Polen (551) nach Sibirien (552) als einem Verbannungsraum und einer Strafkolonie (553). Hierbei werden zwei Zeitabschnitte unterschieden: Zum Einen den Ereignissen im Kaiserreich Rußland im 18. und 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Der zweite Zeitabschnitt hat die Ereignisse in der insbesondere durch Josef W. Stalin (1878-1953) geprägten Sowjetunion (UDSSR) zum Thema, der den größten Teil der Ausstellung einnimmt. 

 

Im Kaiserreich Rußland erfolgte die Verbannung und Deportation nach Sibirien im Rahmen der Verbannungsstrafe „Katorga“ (554), bei der der Sträfling Zwangsarbeit (555) zu leisten hatte. Meist erfolgte eine Deportation in die unwirtlichen Gebiete des Landes, insbesondere nach Sibirien. Ebenfalls verloren die Häftlinge (556) sämtliche Bürgerrechte (Bürgerlicher Tod) (557), und sie durften auch nach Ablaufen der Strafzeit nicht ins europäische Russland zurückkehren, sondern mussten den Rest ihres Lebens in der Verbannung verbringen. Das Jahr 1807 markierte den Beginn statistischer Erhebungen, doch auch schon davor kam es zu solchen Deportationen und Verbannungen. Im Jahresschnitt wurden von 1807 bis 1863 8213 Personen nach Sibirien deportiert. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 336.737 Personen nach Sibirien deportiert (558). 1862 wurden 9570 Personen nach Sibirien deportiert, 1863 waren es 10.108 Personen. Zwischen 1865 und 1881 stieg die durchschnittliche jährliche Rate der Deportierten nach Sibirien auf 15.733 Personen an. Von dieser Verbannung und Deportation nach Sibirien im Rahmen der Verbannungsstrafe „Katorga“ waren betroffen insbesondere Vertreter der Konföderation von Bar, sowie die Beteiligten des Novemberaufstandes 1830/1831 und des Januaraufstandes 1863/1864. Infolgedessen kam es insbesondere zwischen 1863 und 1880 zu Massendeportationen von Polen nach Sibirien als Folge der polnischen Aufstände, die 1863 in dem Januaraufstand gipfelten. Sibirien wurde zu einem Synonym für Verbannung.

 

Der zweite in der Ausstellung des Sibirischen Gedenkmuseums behandelte Zeitabschnitt hat die Ereignisse in der Sowjetunion (UDSSR) (559) während der Herrschaft von Josef W. Stalin (1878-1953) zum Thema. Der sogenannte „Große Terror“ (560) von 1936 bis 1938, der auch als „Große Säuberung“ (561) bezeichnet wird, war eine von Herbst 1936 bis Ende 1938 dauernde umfangreiche Verfolgungskampagne in der Sowjetunion. Die Durchführung dieser von Josef W. Stalin veranlassten und vom Politbüro (562) des Zentralkomitees (563) der KPdSU (564) gebilligten Terrorkampagne (565) lag bei den Organen des Innenministeriums der UdSSR (NKWD) (566) unter der Leitung des Volkskommissars (567) für Inneres, Nikolai I. Jeschow (1885-1940) (468). Der Terror richtete sich vor allem gegen mutmaßliche Gegner der stalinistischen Herrschaft und als unzuverlässig angesehene „Elemente“ oder Gruppen. Plan-Solls zur Liquidierung und Verhaftung von Staatsfeinden wurden festgesetzt, die mit fortschreitender Dauer der Verfolgungen immer weiter erhöht wurden. Die regionalen und lokalen NKWD-Kräfte fürchteten, bei Nichterfüllung der Sollzahlen selbst der Verschwörung verdächtigt zu werden, und trieben durch die Übererfüllung der Forderungen die Anzahl der festgenommenen Personen noch weiter in die Höhe. Als Zeit des Großen Terrors im engeren Sinn werden die Monate von Juli 1937 bis Mitte November 1938 verstanden. Allein in diesem Zeitraum kam es zur Verhaftung von etwa 1,5 Millionen Personen, von denen etwa die Hälfte erschossen, und die anderen, bis auf wenige Ausnahmen, in die Arbeitsager (569) des Gulag (570) gebracht oder in Gefängnissen inhaftiert wurden. Die Massenrepressionen gelten als Höhepunkt einer Kette von Säuberungswellen der Stalin-Ära. Die Gesamtzahl der Opfer der „Großen Säuberung“ und des „Großen Terrors“ ist nicht bekannt und schwer zu verifizieren. Schätzungen von Historikern reichen von einer Million bis 60 Millionen Toten. Um die historische Aufarbeitung der politischen Gewaltherrschaft in der UDSSR während der Herrschaft von Josef W. Stalin bemüht sich die Organisation „Memorial“ (571). 

 

Diese Stalinschen Säuberungen lassen sich unterteilen in Politische Säuberungen (572), die Personen oder Personengruppen aus politischen Organisationen und Institutionen, insbesondere aus Parteien, Regierungen und öffentlicher Verwaltung betrafen, sowie in Ethnische Säuberungen. Bestandteil dieser Ethnischen Säuberungen in der Sowjetunion waren die Ethnischen Deportationen in der UdSSR (573), die zahlreiche ethnische Minderheiten der Sowjetunion betrafen, die in die Lager des Gulag und Verbannungsregionen deportiert wurden. In der UdSSR wurden zehn Völker vollständig deportiert: Russlandkoreaner, Russlanddeutsche, Ingermanland-Finnen, Karatschaier, Kalmücken, Tschetschenen, Inguschen, Balkaren, Krimtataren und kleinere Minderheiten der Krim sowie meskhetische Türken

 

Ein weiterer Bestandteil dieser Ethnischen Säuberungen waren die sogenannten „nationalen Operationen“ (574) des NKWD. Auf Beschluss des Politbüros des Zentralkomitees der KPdSU vom 31. Januar 1938 wurden insgesamt zwölf ethnisch definierte „nationale Operationen“ vom NKWD durchgeführt: Neben Polen, Letten und Deutschen waren auch Esten, Finnen, Griechen, Iraner, Charbiner, Chinesen, Rumänen, Bulgaren und Mazedonier von ethnischen Säuberungen betroffen. Im Zuge dieser „nationalen Operationen“ des NKWD wurden in allen nichtrussischen Unionsrepubliken die gesamten Führungsschichten entmachtet und ermordet. Die Zahl der im Rahmen „nationaler Operationen“ ermordeten Personen wird auf 350.000 bis 365.000 geschätzt. Damit haben die „nationalen Operationen“ des NKWD in ihrer Gesamtheit etwa die Größe und den Umfang der sogenannten „Kulaken-Operation“ des NKWD, die auf Grundlage des NKWD-Befehls Nr. 00447 (575) vom 30. Juli 1937 erfolgte. Von August 1937 bis November 1938 wurden dabei 800.000 bis 820.000 Personen verhaftet, davon mindestens 350.000 – eventuell bis zu 445.000 – erschossen, die übrigen in Straflager des Gulags eingewiesen. Diese „Kulaken-Operation“ des NKWD ist eine Fortsetzung der sogenannten „Entkulakisierung“ (576) von 1929 bis 1933 während der Zwangskollektivierung (577), die im Rahmen des ersten Fünfjahresplans (578) im Zuge der Industrialisierung der Sowjetunion (579) durchgeführt wurde, was eine schwere Hungersnot (580) zur Folge hatte. Die Unterdrückung der Bauern und deren Ausbeutung als einer „Inneren Kolonie“ ermöglichte die forcierte Industrialisierung und Modernisierung der Sowjetunion. Die brutal vorangetriebene Industrialisierung machte die Sowjetunion zu einer Weltmacht, und zeitgleich erfolgte eine umfangreiche militärische Aufrüstung. Im Modernisierungsterror erweist sich der „Große Terror“ Stalins als Bestandteil des Terrors des Zeitalters der industriellen Moderne. 

 

Die Größte dieser „nationalen Operationen“ des NKWD war die 14 Monate andauernde sogenannte „Polnische Operation“ (581) des NKWD auf Grundlage des NKWD-Befehls Nr. 00485 vom 11.08.1937 „Über die Liquidierung polnischer Sabotage- und Spionage-Gruppen und Unterorganisationen der Polnischen Militär-Organisation (POW) (582)“. Im Zuge der „Polnischen Operation“ des NKWD wurden 143.810 Sowjetbürger polnischer Abstammung, mit polnisch klingenden Namen, mit Kontakten nach Polen oder mit Wohnort in Grenznähe verhaftet. Von ihnen wurden 139.885 verurteilt, und von diesen wurden 111.091 erschossen. Weitere bedeutende „nationalen Operationen“ des NKWD waren die „Deutsche Operation“ (583) des NKWD auf Grundlage des NKWD-Befehl Nr. 00439 (584) vom 25.07.1937 und die „Lettische Operation“ (585) des NKWD auf Grundlage des NKWD-Befehls Nr. 49990. 

 

Weitere Repressionen und Deportationen von Polen erfolgten in Folge des „Hitler-Stalin-Paktes“ (586) vom 24.08.1939 und dem geheimen Zusatzprotokoll. Nach der sowjetischen Besetzung Ost-Polens (587), d.h. des östlichen Teils des Territoriums der Zweiten Polnischen Republik (588) ab dem 17.09.1939 wurden durch vom Volkskommissar und Chef des NKWD Lawrenti Beria (1899-1953) (589) geführte Sonderkommandos des NKWD zwischen Februar 1940 und Juni 1941 in vier großen Wellen insgesamt 330.000 Personen aus den östlichen Gebieten des Territoriums der Zweiten Polnischen Republik in Viehwaggons nach Sibirien und Zentralasien in die vom NKWD überwachten Sonderansiedlungsgebiete und in Gulag-Lager deportiert (590). In diesem Zeitraum ereignete sich auch das Massaker von Katyn (591), bei dem vom NKWD vom 03.04.1940 bis zum 11.05.1940 etwa 4400 gefangene Polen, größtenteils Offiziere, in einem Wald bei Katyn, einem Dorf 20 Kilometer westlich von Smolensk, erschossen wurden. Diese Tat gehörte zu einer Reihe von Massenmorden, die im Frühjahr 1940 an mindestens fünf verschiedenen Orten in den Unionsrepubliken Russland, Ukraine und Weißrussland an 22.000 bis 25.000 Berufs- und Reserveoffizieren, Polizisten, Priestern der katholischen Kirche und Intellektuellen verübt wurden. Die Opfer zählten überwiegend zu den Vorkriegseliten der Zweiten Polnischen Republik. Diese und weitere Maßnahmen ähnelten den „nationalen Operationen“ des NKWD während des Großen Terrors (1936–1938), mit denen in allen nichtrussischen Unionsrepubliken die gesamten Führungsschichten entmachtet und ermordet wurden. Eine davon war die „Polnische Operation“ des NKWD. 

 

Aus diesem, auf Grundlage des „Hitler-Stalin-Paktes“ vom 24.08.1939 und dem geheimen Zusatzprotokoll von der Sowjetunion besetzten östlichen Teils des Territoriums der Zweiten Polnischen Republik gab es in den Jahren 1944 bis 1946 weitere Zwangsumsiedlungen von Polen (592). 

 

Die Ausstellung des Sibirischen Gedenkmuseums beginnt im ersten Teil mit einer Vorstellung Sibiriens als einer wahrnehmungsgeographischen (593) Kategorie mit dem Namen “Sybir“ (594). Diese wahrnehmungsgeographische Kategorie „Sybir“ beinhaltet neben der geografischen Region Sibirien zudem das gesamte östlich gelegene Europa, und diese wahrnehmungsgeographische Kategorie „Sybir“ wird mit einem (extralegalen) Raum der Barbarei und der Gewalt assoziiert. Tatsächlich ist diese wahrnehmungsgeographische Vorstellung von Sibirien im gesamten westlichen Europa verbreitet, so beginnt z.B. für viele Bewohner des Rheinlands Sibirien als einer wahrnehmungsgeografischen Kategorie schon östlich der Elbe. In Polen hingegen läßt man dieses wahrnehmungsgeographische Sibirien ein wenig weiter östlich beginnen. 

 

In seinem Buch „Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte“ stellt der Historiker Karl Schlögel den Romanschriftsteller Edwin Erich Dwinger (1898-1981) und dessen wahrnehmungsgeografische Kategorie Sibirien vor (595), die die Grundlage seiner autobiografischen Romane bildet, die Dwinger auf Basis eigenen Erlebens und eigener Zeitzeugenschaft geschrieben hat: „Dwingers Osten ist eine empirische Landschaft mit Namen von Ortschaften und Städten, von Flüssen und Eisenbahnknotenpunkten, die in der Erinnerung von Millionen Kriegsteilnehmern an der Ostfront und dann Hunderttausender von Kriegsgefangenen von zentraler Bedeutung gewesen sein mußten. Dwinger spannt einen Raum auf, der für Hunderttausende zum alles entscheidenden Schauplatz geworden ist: zum Ort einer Lebenserfahrung, deren Intensität aus der Nähe zum jederzeit möglichen Tod herrührte. (…) Dwingers Erfahrungsraum ist nicht der Westen, nicht das Schlachtfeld von Verdun, nicht der Stellungskrieg und die Materialschlacht, sondern die Region, in der der Weltkrieg in den Bürgerkrieg übergegangen war. (…) Der Osten ist so eine Schule der Grausamkeiten, des Verlustes an zivilisatorischen Hemmungen und der Verrohung. Aber diese Ausnahmesituation lehrt auch einen neuen Blick auf die Welt. (…) Die ganze Welt ist ihnen ‚durch diesen Krieg ein einziges Sibirien geworden‘“ (596). Dwinger zeichnet das Panorama eines Weltkrieges, der in den Bürgerkrieg übergeht und des Bürgerkriegs, der zum Weltkrieg wird. Dabei ist die wahrnehmungsgeografische Kategorie Sibirien dramatischer Schauplatz im Zweiten Dreißigjährigen Krieg (597) als einem Weltbürgerkrieg. Dwinger will der Chronist dieser Zeit sein, ihr, wie er sagt, Simplicius Simplicissimus. 

 

Die Ausstellung des Sibirischen Gedenkmuseums beschränkt ihren Focus gänzlich auf Sibirien, doch Sibirien ist lediglich ein, wenn auch herausragendes Beispiel für Verbannungsräume und Strafkolonien, und diese können als eine Form „Totaler Institutionen“ begriffen werden. Eine derartige geographische und zeitliche Erweiterung der Perspektive kann zu einer Erklärung und zur Aufklärung des Phänomens „Sibirien“ beitragen. In der Neuzeit unterhielten die meisten Kolonialmächte (extralegale) Verbannungsräume und Strafkolonien, in die sie die sozial und politisch unerwünschten Bevölkerungsteile abschoben. Im NS-Staat war das „Generalgouvernement“ ein extralegaler Abschieberaum, der dort eine analoge Funktion zum Sibirien der stalinistischen Sowjetunion hatte, jedoch mangelte es diesem Raum an der territorialen Größe und Weite Sibiriens. Die NS-Konzentrationslager können als eine räumlich konzentrierte Form extralegaler Verbannungsräume und Strafkolonien angesehen werden. 

 

Den neun thematischen Teilen der Ausstellung ist ein weiterer abschließender Teil zum Thema „Rememberance/Panieç“ angegliedert. „Rememberance“ ist ein Begriff, der insbesondere an Gedenkstätten zum Thema Erster Weltkrieg in Flandern anzutreffen ist. „Rememberance“ kann als ein Reflektions- und Entwicklungsstand von Gedenk- und Erinnerungskultur aufgefaßt werden. Er überwindet eine „Heldenverehrung“ und löst diese ab. Es läßt sich in Europa feststellen, daß die Gedenk- und Erinnerungskultur zum Ersten Weltkrieg mittlerweile weitgehend das Stadium von „Rememberance“ erreicht hat, nicht jedoch die Gedenk- und Erinnerungskultur zum Thema Zweiter Weltkrieg, die vielerorts noch nicht über das Stadium der Heldenverehrung hinaus gelangt ist, und dies nicht nur in der östlichen Hälfte Europas, sondern gleichfalls in der westlichen Hälfte Europas, wie das Beispiel der „Landungsstrände“ in der Normandie zeigt (Vgl. Kapitel 5). Es gilt, den Schritt von Geschichtspolitik zur Geschichtswissenschaft zu beschreiten. 

 

Die Rückfahrt von Uli und mir von Białystok nach Berlin erfolgte am 24.11.2024 per Reisebus. Diese Fahrt hatte ich schon vor dem Reisebeginn gebucht. Dieser Reisebus kam aus Vilnius und setzte seine Fahrt nach dem Halt in Białystok nach Berlin fort mit weiteren Zwischenhalten in Warschau, Posen und Schwiebus/Swiebodzin. An der Grenze zwischen Polen und Deutschland gab es auf der Autobahn einen langen Rückstau insbesondere von LKW, sodaß der Reisebus über Landstraßen weiterfuhr. Überquert wurde die Grenze dann in der „Doppelstadt“ Frankfurt an der Oder/Słubice. Derartige Teilungen von Städten sind ein weit verbreitetes Phänomen der Neuzeit, und sie ereigneten sich insbesondere im Zeitalter des Nationalismus und der Herausbildung von Nationalstaaten. Immer wieder gelangte ich bei meinen Fahrradreisen in Europa durch zahlreiche dieser eigenartigen „Doppelstädte“ (598), die es im heutigen Europa in großer Zahl gibt. Insbesondere interessiert mich an diesen „Doppelstädten“ die jeweilige Teilungssituation, sodaß ich stets beide Teile einer „Doppelstadt“ besuche. Diese geteilten Städte können auch als Ausdruck des Niedergangs der Städte seit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit angesehen werden, und sie sind somit ein Ausdruck der in der Neuzeit erlangten Dominanz des zentralistischen absolutistischen Staates über die zuvor weitgehend selbstständigen und freien Städte. Bis heute haben die Städte ihre frühere Bedeutung und Selbstständigkeit nicht wieder erlangt, und sie sind weiterhin ein Spielball der von Nationalstaaten zur Machtbehauptung der Nation betriebenen Machtpolitik.  

 

Nach der Überquerung der Oderbrücke erfolgte in Frankfurt/Oder durch die Grenzpolizei der Bundesrepublik Deutschland eine Paßkontrolle im Reisebus. Mit geringer Verspätung traf der Reisebus am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Berlin ein. 

 

 

13.  Anmerkungen:

 

1) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Mauer 

 

2) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin#Geteilte_Stadt 

 

3) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eiserner_Vorhang

 

4) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ost-West-Konflikt

Unzulässigerweise wird der Begriff „Ost-West-Konflikt“ und der Begriff „Kalter Krieg“ bei Wikipedia synonym gebraucht. Dies ist Ausdruck eines weitverbreiteten eingeschränkten Geschichtsbewußtseins 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsbewusstsein

und eines eingeschränkten Geschichtsbildes, 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsbild

das insbesondere eine piefige Berliner Mauergesellschaft prägt, bei der der Horizont des Geschichtsraumes 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsraum

und des Weltbildes 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltbild

an der Berliner Mauer endet, und der es nicht gelingt, den begrenzten Blick und die beschränkte Perspektive über Berlin im „Kalten Krieg“ hinaus zu erweitern. 

 

Während der Begriff „Kalter Krieg“ auf den historischen Zeitabschnitt der Blockkonfrontation und der Bipolarität des Staatensystems zwischen der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs und den Ereignissen 1989/90 beschränkt und begrenzt ist, ist der Begriff „Ost-West- Konflikt“ hingegen weit umfassender: Der „Ost-West-Konflikt“ ist in Form des „Ost-West-Gegensatzes“ ein Narrativ, das die gesamte europäische Geschichte seit ihren Anfängen bestimmt und gestaltet; dieses Narrativ wird immer wieder neu reproduziert, und es erscheint in immer wieder neuer Gestalt. Schon bei den alten Griechen gab es einen Ost-West-Gegensatz zwischen der Welt des antiken Griechenlands 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Antikes_Griechenland

und dem Persischen Imperium 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Perserreich

als der Orientalischen Despotie. Der Ost-West Gegensatz in Europa fand eine Neuauflage mit der Aufteilung des Imperium Romanum 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsteilung_von_395

in einen lateinischen weströmischen Teil und einen von griechischer Kultur dominierten oströmischen Teil, der in der Aufteilung der christlichen Kirche in einen lateinischen römisch-katholischen und einen griechisch-orthodoxen Teil seine Entsprechung fand:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Morgenländisches_Schisma

Aus diesem Gegensatz wurde der Gegensatz zwischen Abendland 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Abendland

und Morgenland. Diese Spaltung wurde durch die Eroberungen der Mongolen und der Osmanen vertieft. Der Historiker Dittmar Dahlmann stellt fest: „Was einst als der Norden Europas verstanden wurde, wandelte sich mit der Aufklärung und verstärkt im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Osten Europas, wobei der Osten mit der Barbarei identifiziert wurde, während der Westen sich im Selbstverständnis als Hort der Zivilisation begriff. Die Grundlage dafür ist in einer Verschiebung des europäischen Zentrums vom Süden zum Westen hin zu sehen. Der Osten löste den bis dahin barbarischen Norden ab.“ Siehe: Dittmar Dahlmann: Osteuropäische Geschichte. S. 211. In: Christoph Cornelißen (Hg.): Geschichtswissenschaften. Eine Einführung. Frankfurt am Main, 2000. S. 206-220. 

 

Dieses Narrativ des „Ost-West-Gegensatzes“ ist offensichtlich mittlerweile durch jahrtausendelange Einübung so mächtig geworden, sodaß seine Überwindung und Ablösung nicht gelingt, was am Beispiel der Entwicklungen seit 1989/90 aufgezeigt werden kann, denn entgegen ersten Hoffnungen auf ein endgültiges Ende des Ost-West-Konflikts und ein neues Zeitalter des Friedens und der Kooperation befindet sich Europa heute faktisch wieder in einem neuen „Kalten Krieg“ und ist durch einen neuen „Eisernen Vorhang“ gespalten, und die Welt ist von neuen geopolitisch motivierten Konflikten und Kriegen geprägt. Die USA und China zeichnen sich als die Hauptakteure eines neuen globalen Ost-West-Konflikts der Zukunft ab. 

 

5) Vgl.: https://www.gruenzuege-fuer-berlin.de/260-2/ 

Sowie: https://www.berlin.de/sen/uvk/natur-und-gruen/landschaftsplanung/gruenes-band-berlin/ 

 

6) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Mauerweg 

 

7) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/EuroVelo 

 

8) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biotopverbund 

 

9) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grünes_Band_Deutschland 

 

10) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grünes_Band_Europa 

 

11) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/19._Jahrhundert

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Langes_19._Jahrhundert 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/20._Jahrhundert 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurzes_20._Jahrhundert

Vgl. des Weiteren: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München, 1995. 

Heute gerät das gesamte Zeitalter der Moderne und insbesondere das Industriezeitalter in Verdacht, im extremen 20. Jahrhundert zu kulminieren.

 

12) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Mauer#Mauerfall 

 

13) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reisefreiheit  

Den aktuellen weltweiten Zustand der Reisefreiheit dokumentiert und kommentiert mein Text: „Ende der ‚Corona-Krise‘ – Aktuelle Reisebedingungen im weltweiten Vergleich“. Zu lesen ist dieser Text auf meiner Internetseite:

https://manfred-suchan.jimdosite.com

 

14) Als charakteristische Elemente, die das 20. Jahrhundert in seiner gesamten historischen Tiefe und geografischen Breite als ein extremes Jahrhundert mit Alleinstellungsmerkmal charakterisieren und prägen können aufgeführt werden: Die Ethnische Säuberung, die Totale Institution des Lagers als die Totale Institution zur zweckrationalen Verwaltung von Menschenmassen in ihren verschiedenen Erscheinungsformen, der Ausnahmezustand, der Doppelstaat, die totale Mobilmachung, der totale industrielle Krieg, und weitere. Als charakteristische und prägende Elemente haben sie den Gehalt von analytischen Kategorien, die deshalb im Zentrum einer jeden Analyse zum extremen 20. Jahrhundert stehen müssen. 

 

15) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Agenda_Setting

 

16) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Johan_Galtung 

 

17) Siehe: Johan Galtung: Geopolitik nach dem Kalten Krieg: ein Essay zur Agendatheorie. S. 143 und 145. In: Derselbe: Die andere Globalisierung. Perspektiven für eine zivilisierte Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert. Münster, 1998. S. 125-145. 

 

18) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Revisionismus

 

19) Vgl.: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München, 1995.

 

20) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geopolitik 

 

21) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/KSZE

Der KSZE-Prozeß ist dokumentiert in: Europäische Menschenrechtsdokumente und der KSZE-Prozeß. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Menschenrechte. Dokumente und Deklarationen. Bonn, 1995. S. 219-457. Wenn man heute die Dokumente des gesamten KSZE-Prozesses noch einmal liest, wird deutlich, wie erheblich die heutige Politik in Europa vom KSZE-Prozeß und dessen Intentionen abgewichen ist. Die Beendigung des KSZE-Prozesses Mitte der 90er Jahre korreliert signifikant mit der Zunahme von Krisen, Konflikten und Kriegen in Europa, die wir seither feststellen müssen. 

 

22) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kalter_Krieg

Zur Entstehung des neuen Kalten Krieges vgl.: Johan Galtung: Die NATO-Osterweiterung oder: Der Beginn des Zweiten Kalten Krieges. In: Derselbe: Die andere Globalisierung. Perspektiven für eine zivilisierte Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert. Münster, 1998. S. 68-80. 

 

23) Vgl.: https://www.mauerfall35.berlin 

 

24) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Überwachungsstaat

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Gläserner_Mensch_(Datenschutz) 

 

25) Vgl. meinen Text: „Herausforderungen der digitaltechnischen Revolution – Ist ein Szenario einer globalen totalitären Vergesellschaftung vermeidbar?“. In dieser herrschaftskritischen historisch-anthropologischen Analyse vertrete ich die These, daß sowohl die Ausprägungsform als auch die Intensität von Herrschaft abhängig ist vom jeweiligen technologischen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung: Demnach ist despotische Herrschaft eine Folge der Neolithischen Revolution, und die totalitäre Herrschaft des 20. Jahrhunderts eine Folge der Industriellen Revolution, sodaß folglich die Digitaltechnische Revolution zu einer neuartigen Herrschaftsform führen wird, die die Totalitarismen des extremen 20. Jahrhunderts als rückständige, technologisch unausgereifte Frühformen totalitärer Vergesellschaftung erscheinen lassen wird. 

Zu lesen ist dieser Text auf meiner Internetseite:

https://manfred-suchan.jimdosite.com/digitaltechnische-revolution/ 

 

26) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Belarus 

 

27) Vgl.: https://germany.mfa.gov.by/de/konsularwesen/visaerteilung/visa_free_35_DE/ 

Sowie: https://deu.belta.by/president/view/auf-schiene-und-strase-lukaschenko-unterstutzt-visafreie-einreise-fur-burger-aus-35-eu-staaten-66281-2024/ 

 

28) Vgl.: https://www.germany.mfa.gov.by/de/embassy/news/a05f207627348264.html

 

29) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Entspannungspolitik 

Sowie: Gottfried Niedhart: Entspannung in Europa. Die Bundesrepublik Deutschland und der Warschauer Pakt 1966 bis 1975. Bonn, 2014.

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Wandel_durch_Annäherung 

 

30) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wende_und_friedliche_Revolution_in_der_DDR 

 

31) Ein bekanntes Beispiel für einen geopolitisch, machtpolitisch und wirtschaftspolitisch motivierten „Wettlauf“ (scramble) von Großmächten 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großmacht

und Weltmächten 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltmacht

ist der sogenannte „Wettlauf um Afrika“ (Scramble for Africa):

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wettlauf_um_Afrika

im Zeitalter des Imperialismus

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Imperialismus#Zeitalter_des_Imperialismus_(ca._1870-1914)

Das Zeitalter des Imperialismus kulminierte in zwei Weltkriegen.

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Dreißigjähriger_Krieg


31a)  In der Mauerstadt Berlin wird eine eigenartige Besonderheit der politischen Kultur 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Kultur 

der berliner Mauergesellschaft deutlich: Insbesondere in Berlin ist es übliche Praxis, jedes Thema in das antagonistische Schema eines eindimensionalen Rechts-Links-Gegensatzes 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rechts-links-Schema 

zu zwängen und jedes gesellschaftspolitische Phänomen und Problem als eine Erscheinung und Ausprägung dieses eindimensionalen Rechts-Links-Gegensatzes darzustellen und zu vermitteln. Dieses ist Ausdruck und Erscheinungsform eines reduzierten, manichäischen und dualistischen Weltbildes und einer durch diesen Dualismus geprägten Weltanschauung. Dieses dualistische Weltbild ist eine bis heute nachwirkende Altlast aus dem Zeitalter der Bipolarität und der Blockkonfrontation während des Ost-West-Konflikts, der in der Mauerstadt Berlin aufgrund der geografischen Lage der Stadt in besonderem Maße präsent war. Daher prägte der Ost-West-Konflikt das Denken der Menschen der berliner Mauergesellschaft in der Mauerstadt Berlin in besonderem Maße, und das daraus resultierende reduzierte, manichäische und dualistische Weltbild bestimmt nachhaltig bis in die Gegenwart das Denken und die Weltsicht der berliner Mauergesellschaft (vgl. Anmerkung 4). Das insbesondere in der Mauerstadt Berlin ausgeprägte dualistische Weltbild spiegelt die beschränkte Weltsicht der Weltanschauung einer piefigen, bornierten und latent bildungsfeindlichen Mauergesellschaft wider, wobei der Horizont der Weltsicht dieser Mauergesellschaft an der Berliner Mauer endete. Heute wird der Rechts-Links-Gegensatz identitätspolitisch 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Identitätspolitik 

instrumentalisiert, was dessen Fortbestand begünstigt. Dieses einfache eindimensionale Schema kommt nahezu ohne Analyse aus, es basiert auf Abgrenzungen und Feinderklärungen, und es hat eine verkürzte und reduktionistische Sichtweise zur Folge. Das dualistische Weltbild und eine durch diesen Dualismus geprägte Weltanschauung verweigern sich jeglicher Aufklärung und sie sind ein durch das extreme 20. Jahrhundert verursachter langfristiger Schaden, der sich in der Mauerstadt Berlin offensichtlich kaum begrenzen läßt. 


32) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Sergejewitsch_Gorbatschow 

 

33) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jugoslawienkriege 

 

34) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Osterweiterung#Kontroversen 

Der erste Generalsekretär der NATO, Hastings L. Ismay, 1. Baron Ismay (1887-1965) prägte die bekannte Kurzcharakteristik für die NATO, deren primäre Aufgabe es sei: „to keep the Soviet Union out, the Americans in, and the Germans down“. 

Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Hastings_Ismay,_1._Baron_Ismay#Über_die_Funktion_der_NATO 

 

35) Vgl.: https://freedom.axelspringer.com/de/2024/ausstellungseroeffnung-china-ist-nicht-fern/ 

Sowie: https://www.mauerfall35.berlin/event/china-ist-nicht-fern/ 

 

36) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tiananmen-Massaker 

 

37) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China 

 

38) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tiananmen-Massaker#Internationale_Reaktionen_und_Rezeptionsgeschichte 

 

39) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zentraler_Runder_Tisch 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Runder_Tisch 

 

40) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Social_Engineering_(Politikwissenschaft) 

 

41) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialkredit-System 

 

42) Siehe: Kai Strittmatter: Die Neuerfindung der Diktatur. Wie China der digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert. München, 2020. S. 215. 

 

43) Siehe: Yvonne Hofstetter: Der unsichtbare Krieg. Wie die Digitalisierung Sicherheit und Stabilität in der Welt bedroht. Bonn, 2020. S. 216-217. 

 

44) Vgl. hierzu meinen Text: „Herausforderungen der digitaltechnischen Revolution – Ist ein Szenario einer globalen totalitären Vergesellschaftung vermeidbar?“. Zu lesen ist dieser Text auf meiner Internetseite:

https://manfred-suchan.jimdosite.com/digitaltechnische-revolution/ 

 

45) In Folge der Ereignisse des 11.09.2001 wurden in den USA Tendenzen eines neuen Totalitarismus im digitaltechnischen 21. Jahrhundert erkennbar. Aus Anlaß der Ereignisse vom 11.09.2001 wurde in den USA unter dem Vorwand eines „War on Terror“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_gegen_den_Terror

ein weltweites Massenüberwachungsprogramm begonnen

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/PRISM 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Echelon 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Tempora 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/ENFOPOL 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/INDECT 

zudem wurde am 14.09.2001 der Ausnahmezustand verhängt, es erfolgte eine vorher nicht dagewesene Ausweitung der präsidentiellen Macht und einer faktischen Aufhebung der Gewaltenteilung, am 26.10.2001 wurden mit dem „USA Patriot Act“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/USA_PATRIOT_Act 

die Bürgerrechte eingeschränkt, erstmals seit ihrem Bestehen rief die NATO den Bündnisfall aus, und am 07.10.2001 begann der Krieg in Afghanistan 

https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_in_Afghanistan_2001-2021

sowie am 20.03.2003 der Irakkrieg 

https://de.wikipedia.org/wiki/Irakkrieg

mit einer „Koalition der Willigen“. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Koalition_der_Willigen

Dies erfolgte auf Grundlage der „Busch-Doktrin“ 

https://de.wikipedia.org/wiki/Bush-Doktrin

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Sicherheitsstrategie_der_Vereinigten_Staaten

und im Zuge einer Politik des Unilateralismus. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Unilateralität

Im „Krieg gegen den Terror“ wurden Geheimgefängnisse 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheimgeängnis 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Verschwindenlassen

und sogenannte „Black Sites“ 

https://de.wikipedia.org/wiki/Black_Site

errichtet, in denen ebenso wie im Gefangenenlager Guantanamo 

https://de.wikipedia.org/wiki/Gefangenenlager_der_Guantanamo_Bay_Naval_Base

Folter angewandt wurde: 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Folter

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Abu-Ghuraib-Folterskandal

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Weiße_Folter 

Vgl. auch: Alfred W. McCoy: Foltern und Foltern lassen. 50 Jahre Folterforschung von CIA und US-Militär. Frankfurt am Main, 2006. 

 

Folge dieser Politik der Bush-Administration war ein „gespaltener Westen“, und der Philosoph Jürgen Habermas 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Habermas 

stellte in seinem Buch „Der gespaltene Westen“ im Jahre 2004 fest: „Nicht die Gefahr des internationalen Terrorismus hat den Westen gespalten, sondern eine Politik der gegenwärtigen US-Regierung, die das Völkerrecht ignoriert, die Vereinten Nationen an den Rand drängt und den Bruch mit Europa in Kauf nimmt.“ Dieser Entwicklung stellt Habermas das „Kantsche Projekt der Abschaffung des Naturzustandes zwischen den Staaten“ entgegen, das der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant 

in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zum_ewigen_Frieden 

im Jahre 1795 vorentworfen hatte, und Habermas führt aus: „Mit dem Entwurf eines ‚weltbürgerlichen Zustands‘ hat Kant den entscheidenden Schritt über das allein auf Staaten bezogene Völkerrecht hinaus getan. Inzwischen hat sich das Völkerrecht nicht nur als juristische Fachdisziplin ausdifferenziert; nach zwei Weltkriegen hat die Konstitutionalisierung des Völkerrechts auf dem von Kant zugewiesenen Wege zum Weltbürgerrecht Fortschritte gemacht und in internationalen Verfassungen, Organisationen, Verfahren institutionelle Gestalt angenommen“. Habermas skizziert ein Mehrebenensystem einer „Weltinnenpolitik ohne Weltregierung“: „Im Lichte der Kantschen Idee kann man sich eine politische Verfassung einer dezentrierten Weltgesellschaft, ausgehend von den heute bestehenden Strukturen, als ein Mehrebenensystem vorstellen, dem im Ganzen der staatliche Charakter aus guten Gründen fehlt“. Dabei wird der Weg vom Staatenrecht zum Weltbürgerrecht beschritten, und die individuellen Bürger werden als unmittelbare Subjekte des Völkerrechts anerkannt, womit die Transformation des Völkerrechts in ein Weltverfassungsrecht eingeleitet wird. Auf dieser Grundlage mahnt Habermas Reformen der UNO an.

Vgl.: Jürgen Habermas: Der gespaltene Westen. Frankfurt am Main, 2004. S. 7, S. 114, S. 134.

 

Diese Spaltung des Westens findet in dem vom US-amerikanischen Kriegsminister Donald Rumsfeld 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Rumsfeld#Verteidigungsminister_unter_Präsident_George_W._Bush 

bezeichneten „Alten Europa“

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_alte_Europa

und dem „Neuen Europa“ ihre Entsprechung. Die Länder des „Neuen Europa“ bildeten die „Koalition der Willigen“, den Vasallen, mit denen die USA im Zentrum Eurasiens in den Krieg gezogen sind, womit die USA unübersehbar der geopolitischen „Heartland-Theorie“ folgen:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heartland-Theorie

 

Die Länder der „Koalition der Willigen“ des „Neuen Europas“ bilden im Wesentlichen die EU-Beitrittsländer der großen EU-Osterweiterung der Jahre 2004 und 2007, doch faktisch sind diese neuen EU-Beitrittsländer in der östlichen Hälfte Europas mehr den USA, als der EU, dem vom US-amerikanischen Kriegsminister Donald Rumsfeld bezeichneten „Alten Europa“ beigetreten. Die EU-Beitrittsländer des „Neuen Europa“ sind seither in der erweiterten Europäischen Union Empfänger von Leistungen, die das „Alte Europa“ leisten muß. Die EU-Osterweiterung erfolgte zeitgleich und parallel zur NATO-Osterweiterung, und faktisch ist eine Mitgliedschaft in der NATO eine Voraussetzung für eine Mitgliedschaft in der EU. 

 

Im Falle des aktuellen Krieges in der Ukraine, der im Wesentlichen ein Produkt der Geopolitik der USA ist, bilden heute allerdings sowohl das „Neue Europa“ als auch das „Alte Europa“ gemeinsam eine „Koalition der Willigen“. 

 

46) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Chinesisches_Jahrhundert 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Sinozentrismus 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Seidenstraße 

 

47) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bipolare_Welt 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Kalter_Krieg#Bipolare_Welt 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Polarität_(Internationale_Beziehungen) 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-Lager-Theorie 

 

48) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_einzige_Weltmacht:_Amerikas_Strategie_der_Vorherrschaft 

Und: Zbigniew Brzeziński: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Frankfurt am Main, 1999.

 

49) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zbigniew_Brzeziński 

 

50) Siehe: Zbigniew Brzeziński: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Frankfurt am Main, 1999. S. 15-16, S. 58, S. 41, S. 64 und S. 65-66. 

 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Amerikanisches_Jahrhundert 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Project_for_the_New_American_Century 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfowitz-Doktrin 

 

51) Siehe: Matthias Platzeck: Wir brauchen eine neue Ostpolitik. Russland als Partner. Berlin, 2020. S. 97 und 99. 

 

52) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Chinesisch-russische_Beziehungen#2021-2023:_Schritte_zur_strategischen_Partnerschaft_China-Russland 

 

53) Vgl.: Anmerkung 4. 

 

54)Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wandel_durch_Annäherung

 

55) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Charta_von_Paris


 

56) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Warschauer_Pakt#Auflösung

 

57) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-plus-Vier-Vertrag

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufenthalts-_und_Abzugsvertrag

 

58) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Osterweiterung#Kontroversen 

 

59) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Erweiterung 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Osterweiterung 

 

60) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erweiterung_der_Europäischen_Union 

 

61) Siehe: Thomas Kunze, Thomas Vogel: Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde. Bonn, 2016. S. 109. 

 

62) Siehe: Matthias Platzeck: Wir brauchen eine neue Ostpolitik. Russland als Partner. Berlin, 2020. S. 46-47. 

 

63) Siehe: Thomas Kunze, Thomas Vogel: Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde. Bonn, 2016. S. 80. 

 

64) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konsumgesellschaft 

 

65) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Studentendorf_Schlachtensee 

 

66) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_Polen 

 

67) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Estland 

 

68) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Stadt 

Vgl. auch Anmerkung 379. 

 

69) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hansestadt 

 

70) vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Riga 

 

71) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tartu 

 

72) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturhauptstadt_Europas 

 

73) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Narva_(Stadt) 

 

74) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tallinn 

 

75) Vgl.: https://www.hotelsinminsk.com/de/ 

Sowie: https://www.minsk-hotels.org/de/ 

 

76) André Böhm, Maryna Rakhlei: Weissrussland. Mit Minsk, Brest, Hrodna, Homiel, Mahiliou und Viciebsk. Berlin, 2. Auflage 2029 (Treschner Verlag). 

Ein weiterer Reiseführer zu Belarus wird vom Verlag „Bradt Travel Guides“ herausgegeben: Nigel Roberts: Belarus. Chesham, Edition 4 2018. 

Vgl.: https://www.bradtguides.com/destinations/europe/belarus/ 

 

77) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wiedergewonnene_Gebiete 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Polnischer_Westgedanke 

 

78) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnische_Säuberung 

Die Idee der Ethnischen Säuberung hat ihre Grundlage im Ideal homogener Nationen und Nationalstaaten, und bei Ethnischen Säuberungen geht es um Minderheiten, die sowohl diesem Ideal, als auch dem Recht der Nation, das eigene Territorium zu beherrschen, im Weg stehen. Auf Grundlage des Ideals homogener Nationen und Nationalstaaten errichtet der Nationalismus ein System der Apartheit, das jeder Nation ein Reservat oder „Homeland“ zuweist. Die Ethnische Säuberung schafft das Faktum einer Terra Nullius, 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Terra_Nullius

die nun in Besitz genommen, kolonisiert und besiedelt werden kann. 

In der internationalen Politik schuf die während der Konferenz von Lausanne am 30.01.1923 vereinbarte Konvention zum Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei,

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bevölkerungsaustausch_zwischen_Griechenland_und_der_Türkei

die Bestandteil des Vertrags von Lausanne

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Lausanne

vom 24.07.1923 war, als „Modell Lausanne“ einen Präzedenzfall für nachfolgende Vertreibungen im extremen 20. Jahrhundert. Das „Modell Lausanne“ diente von 1937 bis 1947 als Referenzpunkt für ca. ein Dutzend internationaler Abkommen, in denen massenhafte Bevölkerungsverschiebungen vereinbart und geregelt wurden. Ethnische Säuberungen wurden zu einem international akzeptablen Mittel, das versprach, innen- und außenpolitische Probleme wirksam und nachhaltig zu lösen, und immer häufiger und in wachsendem Umfang wurde darauf zurückgegriffen.

 

79) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Frieden_von_Moskau 

 

80) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Karelien#Zwischen_Finnland_und_der_Sowjetunion 

 

81) Die Ostseeregion als einer geografischen Region war Gegenstand und Ziel mehrerer meiner Fahrradreisen, darunter meiner Fahrradreise im Sommer 2014 durch die mittlere Ostseeregion. Lesen Sie meinen Reiseerlebnisbericht auf meiner Internetseite: 

https://manfredsuchan.net/fahrradreise-mittlere-ostseeregion

 

82) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bundesautobahn_12#Autobahn_der_Freiheit 

 

83) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Voie_de_la_Liberté  

 

84) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Neptune 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/D-Day 

 

85) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alliierte#Zweiter_Weltkrieg 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Anti-Hitler-Koalition 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegführende_Staaten_im_Zweiten_Weltkrieg 

 

86) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Normandie 

 

87) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Flandernschlachten 

 

88) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_an_der_Somme 

 

89) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_um_Verdun

 

90) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erinnerungskultur

 

91) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtskultur 

 

92) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Herodot 

 

93) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Perserkriege 

 

94) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Thukydides 

 

95) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Peloponnesischer_Krieg 

 

96) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsbewusstsein

 

97) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tradition 

 

98) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Historisches_Denken 

 

99) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kontingenz_(Philosophie) 

 

100) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Möglichkeit 

 

101) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirklichkeit 

 

102) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Historizität 

 

103) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kausalität 

 

104) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsforschung  

 

105) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vermögen_(Fähigkeit) 

 

106) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_der_Antike 

 

107) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aristotelismus 

 

108) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles 

 

109) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Substanz 

 

110) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kontrafaktische_Geschichte 

 

111) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Determinismus#Geschichtsdeterminismus 

 

112) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_Newton 

 

113) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenwart 

 

114) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsschreibung 

 

115) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsperspektive#Sinnstiftung_vom_Endpunkt_aus 

 

116) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Historismus 

 

117) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie_(Philosophie) 

 

118) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erfahrung 

 

119) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Welt 

 

120) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reduktionismus 

 

121) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung 

 

122) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Verstand 

 

123) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirklichkeit 

 

124) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Begriff 

 

125) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Begriff#Begriffsbildung 

 

126) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sprache 

 

127) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lebenswelt 

 

128) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturökologie#Biokulturelle_Diversität 

 

129) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnis 

 

130) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft 

 

131) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Statistische_Signifikanz 

 

132) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitalter 

 

133) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ära 

 

134) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Periodisierung 

 

135) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklung 

 

136) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fortschritt 

 

137) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Prozess 

 

138) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_der_Zeit 

 

139) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte

 

140) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Raum_(Philosophie) 

 

141) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erdgeschichte 

 

142) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Naturgeschichte 

 

143) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Menschheitsgeschichte 

Die Menschheitsgeschichte ist Bestandteil der Erdgeschichte und der Geschichte des Lebens auf dem Planeten Erde. Bedingung des Lebens auf dem Planeten Erde ist der geodynamisch fundierte evolutions-ökologische Prozeß, dessen Bestandteil das Leben auf dem Planeten Erde ist. Die Menschheitsgeschichte kann als die Geschichte der Ausbreitung und Ausdifferenzierung des anatomisch modernen Menschen Homo sapiens vor ca. 70.000 Jahren von seinem beim gegenwärtigen paläoanthropologischen Forschungsstand angenommenen Ursprung im östlichen Afrika über den gesamten Planeten Erde bis zur Gegenwart aufgefaßt werden. Hierbei hatten mehrere technologische Revolutionen weitreichende gesellschaftliche und ökologische Folgewirkungen, insbesondere die Prometheische Revolution, die Neolithische Revolution, die Industrielle Revolution und aktuell die Digitaltechnische Revolution. Die Menschheitsgeschichte endet mit dem Ende der Menschheit:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Menschheit 

Aufgrund des weiteren Verlaufs der Erdgeschichte und der zukünftigen Geschichte des Lebens auf dem Planeten Erde auf Grundlage des geodynamisch fundierten evolutions-ökologischen Prozesses ist das Ende der Menschheit unvermeidbar. Das Einzige, was wir beeinflussen können, ist der Zeitpunkt, an dem das Ende der Menschheit eintritt. Wenn die Menschheit so weiter macht, wie bisher auf Grundlage ihrer technologischen Revolutionen, wird dieses Ende in sehr naher Zukunft eintreten. Auf Grundlage der natürlichen Verhältnisse auf dem Planeten Erde könnte die Menschheit hingegen potentiell noch etwa eine Milliarde Jahre fortexistieren.

 

144) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vergangenheit 

 

145) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zukunft 

 

146) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Protokoll_(Niederschrift) 

 

147) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fiktion 

 

148) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Verstand 

 

149) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Platon 

 

150) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Materie_(Philosophie) 

 

151) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignis#Geschichtswissenschaft 

 

152) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Entität 

 

153) Siehe: Friedrich A. Brockhaus (Hg.): Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden. Achter Band. 19. Auflage, 1989, Mannheim. S. 391.

 

154) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsperspektive 

 

155) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Multiperspektivität_(Geschichtswissenschaft) 

 

156) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsdidaktik 

 

157) Siehe: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. 1995, München. S. 17. 

 

158) Siehe ebenda. S. 19. 

 

159) Siehe: Theodoer Schieder: Ohne Geschichte sein? Geschichtsinteresse, Geschichtsbewußtsein heute. 1973, Köln. S. 13-15. 

Sowie: Theodor Schieder: Geschichtsinteresse und Geschichtsbewußtsein heute. S. 78-81. In: Carl J. Burckhardt: Geschichte zwischen Gestern und Morgen. 1974, München. S. 73-102. 

 

160) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektives_Gedächtnis 

 

161) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsbild 

 

162) Siehe: Friedrich A. Brockhaus (Hg.): Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden. Achter Band. 19. Auflage, 1989, Mannheim. S. 393. 

 

163) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenbild 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Mensch 

 

164) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltanschauung 

 

165) Siehe: Lynn Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief. 2021, Frankfurt am Main. S. 9. 

 

166) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Propaganda 

 

167) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtspolitik 

 

168) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Identitätspolitik 

 

169) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Przemyśl 

 

170) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Abenteuer_des_braven_Soldaten_Schwejk 

 

171) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltkrieg 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Dreißigjähriger_Krieg 

 

172) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Irakkrieg 

 

173) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Koalition_der_Willigen 

Europa ist heute gespalten, und dies insbesondere aufgrund der Politik der USA seit den Ereignissen des 11.09.2001. Diese Ereignisse lieferten den Vorwand, daß die USA mit ihren Vasallen einer „Koalition der Willigen“ im Zentrum Eurasiens in den Krieg gezogen sind. Nicht zufällig erfolgten die großen EU-Osterweiterungen der Jahre 2004 und 2007 im Zuge dieser Ereignisse. Die neuen Beitrittsländer in der östlichen Hälfte Europas, das „Neuen Europa“, sind faktisch mehr den USA, als der EU, dem vom US-amerikanischen Kriegsminister Donald Rumsfeld bezeichneten „Alten Europa“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_alte_Europa

beigetreten. Seit 1989/90 erfolgt eine geopolitisch motivierte Neuaufteilung globaler Interessenzonen, und die verbliebene „Einzige Weltmacht“ (Zbigniew Brzezinski) folgt unübersehbar der geopolitischen "Heartland-Theorie":

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heartland-Theorie

 

Vgl. auch Anmerkung 45.

 

174) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtswissenschaft 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_der_Geschichte 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Geschichtswissenschaft

 

175) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gefallenenmahnmal_Notre-Dame-de-Lorette 

 

176) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufklärung 

Aufklärung kann nach Willi Oelmüller verstanden werden als ein „Prozeß von Traditionskritik und Traditionsbewahrung, der den jeweils geschichtlich erreichten Stand öffentlich anerkannter und teilweise bereits institutionalisierter sittlich-politischer Errungenschaften verteidigt und durchsetzt. Aufklärung sollte so (…) eine Orientierungshilfe bei der Bewältigung ungelöster Lebens- und Handlungsprobleme sein.“ Siehe: Willi Oelmüller: Die unbefriedigte Aufklärung. Beiträge zu einer Theorie der Moderne von Lessing, Kant und Hegel. Frankfurt am Main, 1979. S. I. 

 

177) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Literaturkritik

 

178) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kunstkritik

 

179) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Architekturkritik 

 

180) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Theaterkritik

 

181) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Filmkritik

 

182) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Religionskritik 

 

183) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturkritik 

 

184) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaftskritik 

 

185) Vgl. hierzu meinen Text: „Der moderne Nationalismus als eine politische Religion – Über die Konstruktion der Nation im Zeitalter des modernen Nationalismus“. In dem Text vertrete ich die These, daß nicht nur die radikalisierten Ideologien des extremen 20. Jahrhunderts den Charakter einer Politischen Religion haben, sondern daß darüber hinaus die Idee der Nation, des Nationalismus und des Nationalstaats den Charakter einer Politischen Religion hat, deren Radikalisierung eine wesentliche Grundlage sowohl der totalitären Ideologien, als auch der Verbrechen des extremen 20. Jahrhunderts bildet. Das Aufkommen der Politischen Religion des Nationalismus und deren erlangter kulturellen Hegemonie bedeuten das Ende des Zeitalters der Aufklärung. Das dem Text zugrundeliegende Erkenntnisinteresse ist es, zu einer Überprüfung und Revision von politischen Ideen anzuregen, die sich im historischen Prozeß als problematisch erwiesen haben, und um den Möglichkeitsraum für die Entwicklung von Alternativen für eine zukünftige friedliche Weltgesellschaft jenseits der Idee der Nation und des Nationalstaates zu eröffnen. Nach der Unterbrechung durch das extreme 20. Jahrhundert ist eine Wiederaufnahme und Neubegründung des Projekts der Aufklärung angesagt, und auf einem neuen und erweiterten Wissens- und Erkenntnisfundament kann ein neues, zweites und nun globales Zeitalter der Aufklärung begründet werden. Ebenso wie im Zeitalter der Aufklärung stellt sich auch heute die Frage: „Wie klärt man Menschen so auf, dass sie aufgeklärt sein wollen?“

Zu lesen ist dieser Text auf meiner Internetseite:

https://manfred-suchan.jimdosite.com/geschichtspolitik/ 

 

186) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Identität 

 

187) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vilnius 

 

188) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/UNESCO-Welterbe 

 

189) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Klassizismus 

 

190) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Griechischer_Tempel 

 

191) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Technischer_Fortschritt 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Fortschritt 

Vgl. auch Anmerkung 297.

 

192) Die Utopie vom „Neuen Menschen“ ist Bestandteil des wissenschaftlich-technischen Fortschrittsglaubens des Zeitalters der Moderne und des Glaubens der unbegrenzten Beherrschbarkeit und Gestaltbarkeit der Natur und der Gesellschaft einschließlich der inneren und äußeren Natur des Menschen im Industriezeitalter. Diese haben den Charakter eines Heilserwartungskultes 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heilserwartung

und einer Erlösungsreligion 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erlösung

mit eschatologischer 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eschatologie

Endzeiterwartung und können somit als eine Religion 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Religion

des technischen Zeitalters auf Grundlage technischer Rationalität und Instrumenteller Vernunft angesehen werden. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Instrumentelle_Vernunft

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Horkheimer#Kritik_der_instrumentellen_Vernunft 

Und: Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. 1974, Frankfurt am Main. Die instrumentelle Vernunft und ihre Kritik bildet die analytische Schlüsselkategorie der Kritischen Theorie der vom Sozialphilosophen Max Horkheimer (1895-1973) gegründeten Frankfurter Schule, die auf Grundlage interdisziplinärer geistes- und gesellschaftswissenschaftlicher Analysen eine Synthese von Gesellschaftskritik und Kulturkritik leistet. 

 

Eine Kritik des Zeitalters der Moderne und insbesondere des Industriezeitalters muß daher nicht nur Kulturkritik und Gesellschaftskritik, sondern auch Religionskritik umfassen. 

Vgl. Anmerkung 297.

 

193) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Technologische_Singularität 

Vgl. auch Anmerkung 297.

 

194) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weisheit 

 

195) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tugend 

 

196) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großfürstliches_Schloss_Vilnius 

 

197) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großfürstentum_Litauen 

 

198) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gediminas 

 

199) Vgl. Anmerkung 11. 

 

200) Die Gesamtzahl der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im extremen 20. Jahrhundert schätzt Uwe Friesen auf insgesamt mehr als 150 Millionen Tote.

Vgl.: Uwe Friesen: Der Krieg als Mittel für den Frieden, oder: Mit Gewalt gegen Gewalt? S. 5. In: Der Chacokrieg. Reflexionen zum 80. Jubiläum des Friedensschlusses, 1935 – 2015 (= Jahrbuch für Geschichte und Kultur der Mennoniten in Paraguay, Jahrgang 16, Oktober 2015). S. 5-10. 

Der Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski schätzt die Gesamtzahl der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im extremen 20. Jahrhundert auf 187 Millionen.

Zitiert nach: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München, 1995. S. 26. 

 

201) Siehe: Habbo Knoch: Geschichte in Gedenkstätten. Theorie-Praxis-Berufsfelder. Tübingen, 2020. S. 190 und 196. 

 

202) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_der_Okkupationen_und_Freiheitskämpfe 

 

203) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Litauisch-Weißrussische_Sozialistische_Sowjetrepublik 

 

204) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Polnische_Republik 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Polnisch-Litauischer_Krieg 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Mittellitauen (Staat) 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Litauisch-polnische_Beziehungen#Zwischenkriegszeit 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Polnische_Republik#Litauen_und_Ukraine 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Międzymorze 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwischenkriegszeit#Bewaffnete_Auseinandersetzungen 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Dreißgjähriger_Krieg#Bewaffnete_Auseinandersetzungen_der_Zwischenkriegszeit 

 

205) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NKWD 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Großer_Terror_(Sowjetunion)#Ethnische_Säuberungen 

Auf Wikipedia fehlt ein Artikel zu den sogenannten „nationalen Operationen“ des NKWD.

 

206) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetunion 

 

207) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheime_Staatspolizei 

 

208) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sicherheitsdienst_des_Reichsführers_SS 

 

209) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/KGB 

 

210) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Staatliches_Jüdisches_Museum_Gaon_von_Vilnius 

 

211) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust_in_Litauen 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust 

 

Das Thema „Holocaust“ wird in verschiedenen Ländern, darunter auch der Bundesrepublik Deutschland zum Vorwand genommen, die Meinungsfreiheit 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Meinungsfreiheit 

und die Wissenschaftsfreiheit 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftsfreiheit 

auf juristischem Wege einzuschränken, indem eine sogenannte „Holocaustleugnung“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Holocaustleugnung 

zu einem strafrechtlich relevanten Verbrechen deklariert wird. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetze_gegen_Holocaustleugnung 

Das Thema „Holocaust“ erhält so den Charakter eines geschichtspolitischen Dogmas, bei dem ein bestimmtes, vorgefertigtes Geschichtsbild vorgegeben wird, und ein allgemeiner herrschaftsfreier Diskurs wird erheblich eingeschränkt. Eine geschichtswissenschaftliche Bearbeitung des Themas ist so kaum möglich, denn die Grundlage jeden wissenschaftlichen Vorgehens ist die permanente Infragestellung und Überprüfung des bisherigen, als sicher geglaubten Wissens- und Erkenntnisstandes. Die gilt ausnahmslos auch für die Geschichtswissenschaft. Das bedeutet, daß sämtliche vorgetragenen Argumente sorgfältig geprüft werden müssen und gegebenenfalls mit gut begründeten, nachvollziehbaren und überzeugenden Argumenten widerlegt werden müssen. 

 

Wie ideale Kommunikationsbedingungen und Kommunikationsverhältnisse aussehen können, dazu erteilt der Philosoph Jürgen Habermas Auskunft.

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Habermas 

Im Zentrum der „Theorie des kommunikativen Handelns“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_des_kommunikativen_Handelns 

Sowie: Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt am Main, 1981. 

von Jürgen Habermas steht der allgemeine herrschaftsfreie Diskurs, 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Diskurs 

in dem ausschließlich der zwanglose Zwang des besseren und überzeugenderen Arguments gilt, nicht jedoch die Anpassung an und die Unterordnung unter den Konsens eines Mainstreams. Nach Auffassung des Philosophen Jürgen Habermas unterscheidet sich der wahre gesellschaftliche Konsens vom falschen durch die symmetrische Verteilung der Chancen aller möglichen Beteiligten an dessen Teilnahme und das Fehlen jeglicher Art von Zwängen, sodaß „durch eine Gleichverteilung der Chancen, Deutungen, Behauptungen, Erklärungen und Rechtfertigungen aufzustellen und deren Geltungsansprüche zu begründen oder zu widerlegen, die Grundlage dafür geschaffen werden, daß keine Vormeinung auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt“. 

Siehe: Jürgen Habermas: Zur Konsenstheorie der Wahrheit. Wahrheit von Aussagen, Wahrhaftigkeit von Äußerungen, Richtigkeit von Handlungen. S. 137. In: Jürgen Habermas, Niklas Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung? Frankfurt am Main, 1971. S. 123-141.

Gemäß der von Jürgen Habermas vertretenen deliberativen Demokratietheorie 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Deliberative_Demokratie 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratietheorie 

sind nur solche gesellschaftlichen Entwicklungen zustimmungsfähig und können Geltung beanspruchen, die das Resultat eines Deliberationsprozesses sind, der den Bedingungen der Gleichheit aller Teilnehmer, der Offenheit der Agenda und der Möglichkeit der Infragestellung geltender Diskursregeln unterliegt. 

Vgl.: Hubertus Buchstein: Jürgen Habermas. In: Peter Massing, Gotthard Breit (Hg.): Demokratie-Theorien. Von der Antike bis zur Gegenwart. Bonn, 2005. S. 253-260.

Die deliberative Demokratietheorie postuliert, daß die politischen Überzeugungen von Bürgern zugleich aufklärungsbedürftig als auch aufklärungsfähig sind, was durch die politische Kommunikation der Bürger untereinander erfolgt. Damit gründet sie auf dem diskurstheoretischen Grundsatz der „Theorie des kommunikativen Handelns“ von Jürgen Habermas, nach dem genau die Regelungen Legitimität beanspruchen dürfen, denen alle möglicherweise Betroffenen als Teilnehmer an rationalen Diskursen zustimmen könnten.

 

Ein juristisches Vorgehen schafft hingegen ein Gesinnungsstrafrecht:

https://de.wikipedia.org/wiki/Gesinnungsstrafrecht 

 

Geschichtliche Ereignisse sollten von Historikern und Wissenschaftlern bearbeitet werden, und nicht von Juristen und Gerichten. Zwischen Beiden besteht ein grundsätzlicher Unterschied bezüglich des methodischen Vorgehens und des Erkenntnisinteresses.

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnisinteresse 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnis_und_Interesse 

Aufgabe und Erkenntnisinteresse der Geschichtswissenschaft ist nicht die Beurteilung, sondern das Verstehen, einschließlich des Verstehens all dessen, was völlig unverständlich erscheint. Das Erkenntnisinteresse der Jurisprudenz ist ein gänzlich anderes, aufgrund ihrer Entstehung in den frühen Hochkulturen als Herrschaftstechnik, und ihre Aufgabe liegt in der Zuweisung individueller Schuld mit dem Ziel individueller Bestrafung zum Zweck der Machtdemonstration des Herrschers und der Unterwerfung des Delinquenten unter die cephale und hierarchische Herrschaft des Staates.

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Frühe_Hochkulturen 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Keilschriftrecht#Gesetzgebung 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Halsgerichtsbarkeit 

Die von Gerichten und Tribunalen gewonnenen Informationen sind für die Geschichtswissenschaften unbrauchbar und wertlos. Zudem beseitigen Gerichte und Tribunale in zahlreichen Fällen durch Justizmord 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Justizmord 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Todesstrafe 

Zeitzeugen, die für die geschichtswissenschaftliche Forschung von großem Wert sind. 

 

Im Rahmen der Studentenbewegung ist noch die Abschaffung des Strafrechts und jeglichen Bestrafens gefordert worden, doch heute wird die Herrschaftstechnik das Bestrafen wieder ausgeweitet. 

 

Juristen sind davon überzeugt, eine dogmatische Lehre zu beherrschen, die es ihnen gestattet, sich zu allen nur denkbaren Themen kompetent zu äußern, und auf dieser Grundlage sämtliche Probleme allgemeinverbindlich regeln und lösen zu können, doch tatsächlich haben sie von nichts wirklich eine Ahnung.

 

212) https://de.wikipedia.org/wiki/Einsatzgruppen_der_Sicherheitspolizei_und_des_SD

 

213) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Ponary

 

214) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kollaboration

 

215) Vgl.: https://de.metapedia.org/wiki/Einsatzgruppen_der_Sicherheitspolizei_und_des_SD 

 

216) Siehe: Habbo Knoch: Geschichte in Gedenkstätten. Theorie-Praxis-Berufsfelder. Tübingen, 2020. S. 63. 

 

217) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto#Jüdische_Wohnbezirke/Ghettos_unter_dem_Nationalsozialismus 

 

218) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkermord 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Demozid

 

219) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vergleichende_Völkermordforschung 

 

220) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Holocaustforschung 

 

221) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialismus

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/NS-Forschung 

 

222) Eigenartigerweise existiert auf Wikipedia kein Artikel zum Thema NS-Verbrechen, obwohl es heute gerade die NS-Verbrechen sind, die beim Thema NS-Herrschaft in besonderem Maße wahrgenommen und thematisiert werden. Tatsächlich werden die NS-Verbrechen überwiegend zergliedert in unzusammenhängende Einzelteile dargestellt. Die NS-Verbrechen müssen so unbegreifbar und unverstehbar bleiben. Doch die Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist das Verstehen, insbesondere all dessen, was völlig unverständlich erscheint. Der Geschichtswissenschaftler Eric Hobsbawm definiert die Aufgabe „des Historikers, dessen eigentliche Aufgabe nicht die Beurteilung ist, sondern vielmehr das Verstehen – sogar das Verstehen all dessen, was völlig unverständlich erscheint. (…) Es ist das Verstehen, das uns allen schwerfällt.“ 

Siehe: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München, 1995. S. 19. 

 

Verstehbar werden die NS-Verbrechen in ihrer Gesamtheit, wenn man zu deren Analyse die Kategorie des „Maßnahmenstaates“ des Juristen und Politikwissenschaftlers Ernst Fraenkel (1898-1975) verwendet. 

Vgl.: Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat. Recht und Justiz im „Dritten Reich“. Frankfurt am Main, 1984. 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Fraenkel_(Politikwissenschaftler) 

 

In dieser Analyse der Herrschaft im NS-Staat, die zum Jahreswechsel 1940/1941 erstmals veröffentlicht wurde, unterscheidet Fraenkel die fortexistierenden Institutionen eines legalen „Normenstaates“, dessen Handeln sich an Gesetzen orientiert, von den neu geschaffenen Institutionen eines extralegalen „Maßnahmenstaates“ als Instrument willkürlicher Machtentfaltung und enthemmter Gewaltausübung. Als historische Beispiele für Institutionen des „Maßnahmenstaates“ können aufgeführt werden insbesondere die Konzentrationslager, des Weiteren die SS, die Gestapo, der SD, das RSHA, die „Aktion T4“, die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD. Der „Maßnahmenstaat“ kann als eine radikalisierte Form „Totaler Institutionen“ und der in diesen herrschenden „Besonderen Gewaltverhältnisse“ angesehen werden, die auf Extralegalität und Sonderbehandlung abzielen.

 

Fast nirgendwo wird in der Geschichtswissenschaft dieses Modell von Ernst Fraenkel für die geschichtswissenschaftliche Analyse der NS-Herrschaft und insbesondere der NS-Verbrechen verwendet, was mir unverstehbar erscheint. 

 

223) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Machtergreifung 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Chronologie_der_nationalsozialistischen_Machtergreifung 

Entgegen dem Mythos einer „legalen Revolution“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Legalitästaktik 

hatte der Prozeß der Etablierung der NS-Herrschaft tatsächlich den Charakter einer Folge zahlreicher Staatsstreiche gegen den Text, die Intention und den Geist der Verfassung.

 

224) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberpogrome_1938 

 

225) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Sachsenhausen 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Konzentrationslager 

Das Konzentrationslager Sachsenhausen war Musterlager und Prototyp sämtlicher NS-KZ, und zudem hatte es eine zentrale Funktion und Sonderstellung im gesamten System der NS-KZ, denn es war zugleich Ausbildungs- und Übungslager für das KZ-Personal sämtlicher NS-KZ, sowie Sitz der zentralen Verwaltung sämtlicher NS-KZ. In Gebäude 17, einem im Jahre 1936 errichteten ehemaligen Gestapo- und Lagergefängnis, gibt es eine Ausstellung zur Geschichte des KZ Sachsenhausen und dessen Disziplinar- und Strafregime. Das KZ Sachsenhausen war im Juli 1936 auf Befehl Heinrich Himmlers 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Himmler 

als „vollkommen neuzeitliches und modernes und jederzeit erweiterbares“ Lager errichtet worden. Mit seinem dreieckigen Grundriß wurde das Lager nach dem architektonischen Modell einer panoptischen Anlage entworfen. Trotz des dem KZ Sachsenhausen zugedachten Modellcharakters wurde der dreieckige Grundriß nicht auf weitere KZ übertragen, denn entgegen Himmlers Erwartungen erwies sich das Modell als nicht beliebig erweiterbar. 

 

Das Zentrum der panoptischen Anlage des Konzentrationslagers Sachsenhausen bildet der Turm A über dem Eingangstor. Im Turm A gibt es eine Ausstellung, in der dargestellt wird, daß sich das NS-Regime mit dem KZ Sachsenhausen als „vollkommen neuzeitlichem und modernem und jederzeit erweiterbarem“ Musterlager der gesamten Welt präsentieren und empfehlen wollte, einer Welt, in der das Lager im extremen 20. Jahrhundert als Totaler Institution zur zweckrationalen Verwaltung von Menschenmassen in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen schon längst zum globalen Standard geworden war, und als Bestandteil des extralegalen „Maßnahmenstaates“ erlangt die Totale Institution des Lagers in Gestalt des NS-KZ ihre idealtypische Vollendung, denn wir können in der Ausstellung lesen: „Das Muster-KZ Sachsenhausen sollte auf die vielen Besucher einen gepflegten Eindruck machen. Nicht nur internationale Delegationen von Politikern, Militärs, Journalisten, Wirtschaftsvertretern oder aber auch Forschern suchten das `KZ bei der Reichshauptstadt‘ auf. Entsprechend repräsentativ waren auch die Büroräume des höheren Lagerpersonals gestaltet“. In der Ausstellung werden Fotos gezeigt, auf denen zu sehen ist, wie insbesondere ausländische Delegationen durch das Musterlager geführt werden. Offensichtlich war das NS-Regime davon überzeugt, insgesamt in seinem Herrschaftsbereich ein „vollkommen neuzeitliches und modernes“ Zukunftsmodell des Regierens moderner Massengesellschaften zur Nachahmung für die gesamte Welt zu entwickeln, wobei den KZ eine herausragende Bedeutung zukam. 

 

Daher sollte das KZ-Sachsenhausen bei einer Befassung mit dem Thema NS-KZ-System in besonderem Maße Berücksichtigung finden, und idealerweise beginnt man hier mit einem Einstieg in diesen Themenkomplex. Tatsächlich bietet die Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen eine vergleichsweise große Vielzahl von Ausstellungen zu Teilaspekten des Themenkomplexes, wie man sie in dieser Vielzahl, Umfang und Qualität in den meisten weiteren Gedenkstätten zum Thema NS-KZ in Europa nicht findet. Eine Befassung mit dem Thema NS-KZ ist in mehrfacher Hinsicht aufschlußreich: Wir befinden uns im Zentrum des NS-Maßnahmenstaates, der das Wesen und die Essenz der NS-Herrschaft bildet, und im Wesentlichen fanden hier die NS-Verbrechen statt. 

 

Zudem sind die NS-KZ ein idealtypisches Beispiel für das Lager als einer Totalen Institution zur zweckrationalen Verwaltung, Kontrolle und Zurichtung von Menschenmassen, und die Totale Institution des Lagers in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen ist ein charakteristisches und konstituierendes Element des 20. Jahrhunderts als einem extremen Jahrhundert, ein Alleinstellungsmerkmal neben weiteren (wie die Ethnische Säuberung, der Ausnahmezustand, der „Doppelstaat“, die totale Mobilmachung, der totale industrielle Krieg) die dieses 20. Jahrhundert von anderen Jahrhunderten unterscheiden. Somit ist das NS-KZ ein idealtypisches Beispiel für die Totale Institution als solche, denn durch die bis ins Extrem gesteigerte Radikalisierung der Funktionsprinzipien Totaler Institutionen und des diese charakterisierenden „Besonderen Gewaltverhältnisses“, das generell auf Extralegalität und Sonderbehandlung abzielt, wird die Totale Institution zur Karrikatur zugespitzt, vor der Geschichte bloßgestellt und unrettbar diskreditiert. Aufgabe der Gedenk- und Erinnerungskultur ist jedoch überall die alternativlose Affirmation des jeweiligen, letztlich beliebigen Bestehenden, und dazu gehören Totale Institutionen, die für den „Normalbetrieb“ der Industriegesellschaft als unerläßlich und unverzichtbar angesehen werden. Deswegen muß die Gedenk- und Erinnerungskultur überall so gestaltet sein, daß die Verbrechen des extremen 20. Jahrhunderts, unter denen die NS-Verbrechen herausragen, nicht die Gegenwart affizieren. Die Verbrechen müssen als das grundsätzlich Andere, Erratische, Unerklärliche und Unverstehbare dargestellt und vermittelt werden, das die gesellschaftspolitische Gegenwart nicht affiziert. Meine These ist hingegen, daß das Zeitalter der Moderne und insbesondere die Industriegesellschaft im extremen 20. Jahrhundert kulminieren, diese in den Extremen ihre „vollkommen neuzeitliche und moderne“ idealtypische Ausprägung erlangen und daß deren Geschichte aufgrund deren Funktionslogik darauf hinausläuft. Konsequenz aus dieser Geschichte wäre also, sämtliche bisherigen Grundlagen der Gesellschaft und der Politik einer Revision zu unterziehen, mit dem Ziel, daß ein konsequenter historischer Bruch mit dem extremen 20. Jahrhundert erfolgt und die Gesellschaft und die Politik auf andere, neue Grundlagen gestellt werden. 

 

226) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gedenkstätte_und_Museum_Sachsenhausen 

 

227) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konferenz_von_Évian 

 

228) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Madagaskarplan 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Britisches_Uganda-Programm 

 

229) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Generalgouvernement 

 

230) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Einsatzgruppen_der_Sicherheitspolizei_und_des_SD 

 

231) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkermord 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Demozid

Die wissenschaftliche Erforschung von Genoziden leistet die Vergleichende Völkermordforschung:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vergleichende_Völkermordforschung 

 

232) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wannseekonferenz 

 

233) Siehe: https://www.ghwk.de/fileadmin/Redaktion/PDF/Konferenz/protokoll-januar1942_barrierefrei.pdf 

Auf Grundlage einer geschichtswissenschaftlichen Dokumentenkritik werden ernstzunehmende Zweifel an der Echtheit dieses Dokuments erhoben.

Vgl.: https://de.metapedia.org/wiki/Quelle_/_Das_Wannsee-Protokoll_-_Anatomie_einer_Fälschung 

Sowie: Das „Wannsee-Protokoll“. In: Rolf Kosiek, Olaf Rose (Hg.): Der große Wendig. Richtigstellungen zur Zeitgeschichte. Band 2. (= Wigbert Grabert (Hg.): Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Nachkriegsgeschichte, Band 37). Tübingen, 2. Auflage 2006. S. 102 – 107. 

Im Internet ist dieses Buch als PDF-Datei erhältlich:

https://archive.org/details/kosiek-rolf-u-rose-olaf-der-grosse-wendig-richtigstellungen-zur-zeitgeschichte-band-2 

 

234) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Endlösung_der_Judenfrage 

 

235) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_Reinhardt 

Die „Aktion Reinhard“ kann angesehen werden als die Anwendung der „Aktion T4“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Krankenmorde_in_der_Zeit_des_Nationalsozialismus 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4#Personelle_Kontinuitäten 

auf den Fall einer Ethnischen Säuberung unter besonderen Begleitumständen während des Zweiten Weltkrieges. 

 

236) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungslager 

 

237) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mémorial_de_la_Shoah 

 

238) Wikipedia versucht, auf diese Frage eine Antwort zu finden:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wer_ist_Jude?  

Im Gegensatz zu anderen Religionen verstehen sich Juden nicht nur als Religions- und Glaubensgemeinschaft

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jüdische_Religion 

sondern zudem als ein (von Gott auserwähltes) Volk. Juden werden jedoch nicht geboren, sondern gemacht, und dies ist eine Frage von Identitätspolitik

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Identitätspolitik 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Identität#Politische_und_soziologische_Identitätsbegriffe 

Der Ägyptologe und Religionswissenschaftler Jan Assmann erklärt in seinem Buch: „Totale Religion“ die Besonderheiten der jüdischen Identitätskonstruktion: „so schwankt die jüdische Identität zwischen politischer, religiöser und ethnischer Definition. Das ist, soweit ich sehe, ein ziemlich einzigartiger Fall in der Menschheitsgeschichte. Ethnische Identität ist eine Frage der Abstammung (…), politische Identität ist eine Frage von Assoziation und Dissoziation, des Zusammenschlusses und des Ausschlusses, der Gruppenbildung und der Abgrenzung nach außen, und religiöse Identität ist eine Frage des Kultes und der Sitte (…). Das Besondere der jüdischen Situation ist die Verschmelzung dieser drei Identitätskriterien. Die Symbolfigur Abraham steht für die Verschmelzung von religiöser und ethnischer, die Symbolfigur Mose für die Verschmelzung von religiöser und politischer Identität. Durch die mosaische Verschmelzung wird auch die Religion eine Frage von Assoziation und Dissoziation. Dadurch entsteht eine Religion völlig neuen Typs, die dann zum Modell für die neuen Weltreligionen wird. Das charakteristische Kennzeichen dieser neuen Religionsform ist ihr politischer Charakter.“ Siehe: Jan Assmann: Totale Religion. Wien, 2. Auflage 2017. S. 145. 

 

Somit hat die jüdische Identitätskonstruktion eines jüdischen Volkes als einer imaginierten quasi-natürlichen transhistorischen Einheit Ähnlichkeiten mit dem modernen Nationalismus als einer politischen Religion. Vgl. hierzu meinen Text: „Der moderne Nationalismus als eine politische Religion – Über die Konstruktion der Nation im Zeitalter des modernen Nationalismus“. Zu lesen ist dieser Text auf meiner Internetseite:

https://manfred-suchan.jimdosite.com/geschichtspolitik/ 

 

Religionen berufen sich auf die Religionsfreiheit, die den Rang eines Grund- und Menschenrechtes erlangt hat. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Religionsfreiheit 

Die Religionsfreiheit verstehen die Religionen als einen Freibrief, der ihnen alles erlaube. Unter dem Vorwand der Religionsfreiheit pflegen die Religionen absurde und irrationale Glaubensvorstellungen, Rituale und Kulte, sie halten ihre Anhänger in geistiger Unfreiheit, und insbesondere sind sie zunehmend Ursache von Gewalt. Zudem mißachten Religionen in vielen Fällen Grund- und Menschenrechte, Beispiel Genitalverstümmelung. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zirkumzision#Kontroversen_um_die_Beschneidung_Minderjähriger 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Weibliche_Genitalverstümmelung#Religion 

 

Die Kritik von Religionen ist Aufgabe und Gegenstand der Religionskritik.

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Religionskritik 

 

239) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Juden_in_Osteuropa 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Ostjuden_und_Westjuden 

 

240) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ansiedlungsrayon 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Russland 

 

241) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nation

Sowie: Hans-Ulrich Wehler: Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen. 2001, München. 

 

242) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalstaat

 

243) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zionismus 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Balfour-Deklaration 

 

244) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Palästina_(Region) 

 

245) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismus 

Die Historikerin und Philosophin Hannah Arendt 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hannah_Arendt 

hebt in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Elemente_und_Ursprünge_totaler_Herrschaft 

Antisemitismus als bedeutendsten Aspekt zur Erklärung der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hervor. Zweifellos findet diese Sichtweise und Gewichtung in den persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen Arends als Zeitzeugin und ihrer persönlichen Betroffenheit von den historischen Entwicklungen ihre Begründung. So wurde im Jahre 1937 Arendt die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1940 wurde sie in Frankreich als „Unerwünschte Person“ und als „Feindliche Ausländerin“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Enemy_Alien 

in dem Internierungslager

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Internierungslager 

„Camp de Gurs“

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Camp_de_Gurs 

interniert. In ihrem Essay „Wir Flüchtlinge“ schreibt sie dazu, daß „die Zeitgeschichte eine neue Gattung von Menschen geschaffen hat – Menschen, die von ihren Feinden ins Konzentrationslager und von ihren Freunden ins Internierungslager gesteckt werden“. Nach etwa einem Monat gelang ihr mit wenigen anderen die Flucht aus dem Internierungslager Gurs. 

 

Zweifellos kann man zur Erklärung der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts auch andere Aspekte hervorheben und andere Gewichtungen vornehmen und somit eine andere Sichtweise auf die historischen Ereignisse entwickeln. Bei meiner historischen Analyse der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hebe ich Nationalismus als bedeutendsten Aspekt zur Erklärung der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hervor. Vgl. hierzu meinen Text: „Der moderne Nationalismus als eine politische Religion – Über die Konstruktion der Nation im Zeitalter des modernen Nationalismus“. Zu lesen ist dieser Text auf meiner Internetseite:

https://manfred-suchan.jimdosite.com/geschichtspolitik/

 

Heute ist der Begriff „Antisemitismus“ zu einem populären Modebegriff geworden, der zur Erklärung nahezu sämtlicher gesellschaftspolitischen Phänomene und Entwicklungen herangezogen wird. 

 

246) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Imperium Romanum 

 

247) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jüdischer_Krieg

 

248) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eroberung_von_Jerusalem_(70_n._Chr.) 

 

249) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnische_Säuberung

 

250) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Totale_Institution

Der Begriff der „Totalen Institution“ wurde insbesondere vom Soziologen Erving Goffmann (1922-1982) geprägt, der in seiner Studie: „Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen“ Merkmale totaler Institutionen aufführt. Vgl.: Erving Goffmann: Über die Merkmale totaler Institutionen. In: Derselbe: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt am Main, 1972. S. 13-23. 

 

Beispiele Totaler Institutionen sind: das Gefängnis, das Lager in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen, die Kaserne, die Wehrpflicht, die Fabrik, die Krankenanstalt, die Schule. Totale Institutionen schaffen einen Raum der Inklusion und der Exklusion und sie sind insbesondere charakterisiert durch die in ihnen herrschenden „Besonderen Gewaltverhältnisse“, die auf Extralegalität und Sonderbehandlung abzielen. Der „Maßnahmenstaat“ nach Ernst Fraenkel kann als eine radikalisierte Form Totaler Institutionen und der in diesen herrschenden „Besonderen Gewaltverhältnisse“, die auf Extralegalität und Sonderbehandlung abzielen, angesehen werden. 

 

In ihren verschiedenen Varianten sind „Totale Institutionen“ überall anzutreffen, und sie werden als selbstverständliche Grundlage der Gesellschaft und als Bestandteil gesellschaftlicher und staatlicher Herrschaft akzeptiert und hingenommen, wobei im Rahmen der totalitären Gesellschafts- und Staatsidee das Funktionsprinzip der Totalen Institutionen aus diesen heraus auf potentiell sämtliche Bereiche der Gesellschaft übertragen und angewendet wird. Ein Ende des Zeitalters des Totalitären und des Totalitarismus ist somit ohne die Überwindung und Abschaffung des Konzepts der Totalen Institutionen nicht zu haben, denn sie sind die Quellen, aus denen sich die Idee des Totalitären und die Praxis des Totalitarismus immer wieder neu über die gesamte Gesellschaft ausbreiten und die Menschen entsprechend zurichten kann. Die Abschaffung Totaler Institutionen bedeutet nichts anderes als aus dem extremen 20. Jahrhundert Konsequenzen zu ziehen und dessen Grundlagen einer Revision zu unterziehen. Totale Institutionen werden auch heute noch als selbstverständlich, als erforderlich und alternativlos für den „Normalbetrieb“ der Industriegesellschaft angesehen, aber tatsächlich sind sie Formen von organisiertem Verbrechen. Daß sich bestehende gesellschaftliche Zustände und Verhältnisse auch verändern und humanisieren lassen, zeigt das Beispiel der Ächtung und Abschaffung der Sklaverei, 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Abolitionismus 

und mit einer entsprechenden Politik eines Abolitionismus lassen sich auch Totale Institutionen, insbesondere Gefängnisse, das Strafrecht und das Bestrafen abschaffen. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Abolitionismus_(Kriminologie) 

 

251) Die Totale Institution des Lagers in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen ist die Totale Institution zur zweckrationalen Verwaltung, Überwachung, Kontrolle und Zurichtung von Menschenmassen, sie ist eine Erfindung des Zeitalters der Moderne, und sie ist ein Instrument der Industriegesellschaft. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Internierungslager 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Lager_(Camp)#Unfreiwilligkeit 

Seinen Ursprung hat das Internierungslager in den Kolonien, wo es als Repressionsinstrument genutzt wurde. Im Ersten Weltkrieg wurden die zuvor diskreditierten Internierungslager der Kolonien erstmals in Europa eingesetzt. Mit dem Ersten Weltkrieg beginnt die Anwendung kolonialer Unterdrückungsmethoden in Europa selber, und Europäer werden nun Gegenstand kolonialer Unterdrückungsmethoden. „Der Erste Weltkrieg war ein wichtiges Laboratorium für das, was kommen sollte“, erklärt der Historiker Karl Schlögel in seinem Text:“ Bugwelle des Krieges“: „Hier wurden die Methoden und Praktiken des totalen Krieges erstmals in großem Stil erprobt. (…) Hier wurden Praktiken vervollkommnet, die man zuvor schon an der Peripherie des Imperialismus, in den Kolonien, erprobt hatte – vom Konzentrationslager über Grenzziehung mit dem Rasiermesser bis zur lässigen Routine der Massenexekution; der Rassismus wanderte, wie Hannah Arendt gezeigt hatte, von der Peripherie ins Mutterland zurück“. Siehe: Karl Schlögel: Bugwelle des Krieges. S. 185-186. In: Stefan Aust, Stephan Burgdorff (Hg.): Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. 2003, Bonn. S. 194-195.

 

So kann die Strafkolonie als Ursprung und Prototyp des Konzentrationslagers angesehen werden. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Strafkolonie

Als ein rezentes Beispiel für ein Konzentrationslager kann das Gefangenenlager Guantanamo aufgeführt werden. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gefangenenlager_der_Guantanamo_Bay_Naval_Base

 

Die Totale Institution des Lagers als moderne Form terroristischen Zwangs gegen große Menschengruppen durchzieht und prägt die Geschichte des 20. Jahrhunderts, und sie ist eins der wesentlichen und charakteristischen Elemente, die das 20. Jahrhundert zu einem extremen Jahrhundert machen. Die Totale Institution des Lagers entstand am Vorabend des 20. Jahrhunderts, und seine Laufbahn ist noch nicht zuende, und es liefert ein Beispiel, daß „die Moderne gerade in ihrer Normalität Ziehvater der Exzesse dieses Jahrhunderts ist“, wie der Gesellschaftswissenschaftler Gerhard Armanski in seinem Buch: „Maschinen des Terrors. Das Lager (KZ und GULAG) in der Moderne“ analysiert. Siehe: Gerhard Armanski: Maschinen des Terrors. Das Lager (KZ und GULAG) in der Moderne. Münster, 1993. S. 18. 

 

252) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ausnahmezustand 

Eine kurze Studie zum Thema „Ausnahmezustand“ hat der Philosoph Giorgio Agamben vorgelegt: Derselbe: Ausnahmezustand. Frankfurt am Main, 2004. Es fehlt jedoch bislang noch eine umfassende Weltgeschichte des Ausnahmezustands. 

 

253) Vgl.: Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat. Recht und Justiz im „Dritten Reich“. Frankfurt am Main, 1984. In dieser Analyse der Herrschaft im NS-Staat, die zum Jahreswechsel 1940/41 erstmals veröffentlicht wurde, unterscheidet der Jurist und Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel (1898-1975) die fortexistierenden Institutionen eines legalen „Normenstaates“, dessen Handeln sich an Gesetzen orientiert, von den neu geschaffenen Institutionen eines extralegalen „Maßnahmenstaates“ als Instrument willkürlicher Machtentfaltung und enthemmter Gewaltausübung. Als historische Beispiele für Institutionen des „Maßnahmenstaates“ können aufgeführt werden insbesondere die Konzentrationslager, des Weiteren die SS, die Gestapo, der SD, das RSHA, die „Aktion T4“, die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD. Der „Maßnahmenstaat“ kann als eine radikalisierte Form „Totaler Institutionen“ und der in diesen herrschenden „Besonderen Gewaltverhältnisse“ angesehen werden, die auf Extralegalität und Sonderbehandlung abzielen. 

 

254) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_totale_Mobilmachung 

 

255) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Totaler_Krieg

 

256) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Auswanderung 

 

257) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Cuxhaven 

 

258) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburg 

 

259) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Steubenhöft

 

260) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hapag-Hallen

 

261) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Cuxhaven_Amerika-Bahnhof 

 

262) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bremerhaven 

 

263) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Auswandererhaus 

 

264) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rotterdam 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Holland-America_Line#Während_der_Zeit_der_Auswanderung_nach_Amerika 

 

265) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Antwerpen 

 

266) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Red_Star_Line_Museum

 

267) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Southampton 

 

268) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Cherbourg 

 

269) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/La_Cité_de_la_Mer 

 

270) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Immigration_Act_von_1924

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Enemy_Alien#Zweiter_Weltkrieg_3 

 

271) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konferenz_von_Évian

 

272) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Évian-les-Bains 

 

273) Siehe: Günter Brakelmann: Helmuth James von Moltke. 1907-1945. Eine Biographie. München, 2007. S. 81. 

 

274) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Diplomatie 

 

275) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Beziehungen 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Politik 

Die Begriffe „Internationale Politik“ und „Internationale Beziehungen“ sind staatsfixiert und setzen die Idee der Nation und des Nationalstaats als eine quasinatürliche Tatsache voraus. 

 

Der Begriff „Global Governance“ bzw. „Weltinnenpolitik“ oder „Erdpolitik“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Global_Governance 

bietet dahingegen ein anderes Modell eines Mehrebenensystem einer Weltinnenpolitik ohne Weltregierung, ein Modell einer politischen Verfassung einer dezentrierten Weltgesellschaft, einem Mehrebenensystem, dem im Ganzen der staatliche Charakter aus guten Gründen fehlt. Dieses Mehrebenensystem setzt sich zusammen aus einer Vielzahl unterschiedlicher miteinander in Wechselwirkung stehenden politischen Prozessen, Ebenen und Akteuren, wodurch eine Multiebenendiversität des Politischen im Rahmen eines Mehrebenensystems einer dezentrierten Weltgesellschaft entsteht. 

 

Es entsteht somit ein völlig neues Modell von Politik, das sich von historisch überholten Politikformen verabschiedet, deren Scheitern in Anbetracht des extremen 20. Jahrhunderts unübersehbar geworden ist. 

 

276) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkerrecht 

Die Transformation des Völkerrechts als einem Recht von Staaten zu einem Weltbürgerrecht als einem Recht der Menschen und der Menschheit auf Grundlage allgemeiner und universeller Menschenrechte, sowie zu einem Weltverfassungsrecht, steht noch aus. Hierbei werden die individuellen Bürger als unmittelbare Subjekte des Völkerrechts anerkannt. 

 

277) Siehe: Jürgen Habermas: Zum Verhältnis von Nation, Rechtsstaat und Demokratie. S. 203. In: Derselbe: Politische Theorie (= Philosophische Texte Band 4). 2009, Frankfurt am Main. S. 176-208. 

 

278) Siehe: Ebenda. S. 197-198. 

 

279) Siehe: Ebenda. S. 208.

 

280) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte 

 

281) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant 

 

282) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zum_ewigen_Frieden 

 

283) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reform_der_Vereinten_Nationen 

 

284) Siehe: Jürgen Habermas: Der gespaltene Westen. 2004, Frankfurt am Main. 

S. 134. 

 

285) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwischenkriegszeit 

Auf Wikipedia fehlt ein Artikel zur Flüchtlingskrise in der Zwischenkriegszeit, ohne deren Berücksichtigung die späteren Entwicklungen unverständlich bleiben müssen. Dies ist ein Beispiel für eine Dethematisierung bedeutender historischer Ereignisse, die jedoch für ein Gesamtverständnis der historischen Vorgänge und Zusammenhänge Berücksichtigung finden müssen. Dethematisierung ist ein Bestandteil von Geschichtspolitik.

 

286) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vichy 

 

287) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Belle_Époque 

 

288) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Napoleon_III

 

289) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Strafkolonie 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Bagno_(Strafanstalt)#Frankreich:_Bagne 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Französisch-Guayanas#“Renaissance“_der_Strafkolonie 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Gefängnisinsel

 

290) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Teufelsinsel_(Französisch-Guayana)

 

291) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bourbaki-Panorama 

 

292) Vgl. hierzu meinen Text: „Der moderne Nationalismus als eine Politische Religion – Über die Konstruktion der Nation im Zeitalter des modernen Nationalismus“. Zu lesen ist dieser Text auf meiner Internetseite:

https://manfred-suchan.jimdosite.com/geschichtspolitik/

 

293) Siehe: Lutz Raphael: Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation. Europa 1914-1945. 2014, Bonn. S. 17 und 36. Der Autor zeigt auf, wie sich zwei politische Ordnungsmodelle, Imperium und Nation, in Europa verbanden, wobei zwischen 1900 und 1945 im Zuge nationaler Mobilisierungen der Nationalismus radikalisierte und zur herrschenden Denkfigur wurde. 

 

294) Siehe: Jürgen Kocka: Geschichte als Aufklärung? S. 92-94. In: Jörn Rüsen, Eberhard Lämmert, Peter Glotz (Hg.): Die Zukunft der Aufklärung. 1988, Frankfurt am Main. S. 91-98. 

 

295) Siehe: Theodor Schieder: Geschichtsinteresse und Geschichtsbewußtsein heute. S. 91 und 98. In: Carl J. Burckhardt: Geschichte zwischen Gestern und Morgen. 1974, München. S. 73-102. 

 

296) Vgl. Anmerkung 143.

 

297) Die Fundierung der Menschheitsgeschichte (vgl. Anmerkung 143) in der Erdgeschichte und der Geschichte des Lebens auf dem Planeten Erde auf Grundlage des geodynamisch fundierten evolutions-ökologischen Prozesses ist erforderlich, um die zukünftigen Entwicklungen nicht gänzlich den Protagonisten und Apologeten des Transhumanismus, des Posthumanismus und der Technologischen Singularität zu überlassen. Die Protagonisten und Apologeten des Transhumanismus, des Posthumanismus und der Technologischen Singularität haben insbesondere im Zuge der technokratischen Bologna-Reform weitgehend die Dominanz und Suprematie über die Wissenschafts- Forschungs- und Technologiepolitik erlangt. 


Bei einer realistischen Sichtweise, 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Realismus_(Philosophie) 

die aufgrund der Erfahrungen des extremen 20. Jahrhunderts angemessen ist, führt der wissenschaftlich-technologische Fortschritt auf Grundlage technischer Rationalität und instrumenteller Vernunft unter dem Postulat der Wertfreiheit 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wertfreiheit

nicht zur zweckoptimistisch verkündeten Besten aller möglichen Welten, sondern zur Ausweitung und Perfektionierung von Herrschaft über Individuen, Gesellschaft und Natur, einschließlich der inneren und äußeren Natur des Menschen, die nach dem Modell einer zu optimierenden Maschine zweckrational zugerichtet werden. Das Erkenntnisinteresse 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnis_und_Interesse 

des von Lobbyisten gesteuerten real-existierenden Wissenschaftsbetriebes besteht nicht darin, die Natur wie sie ist zu erforschen und zu verstehen, wie es Aufgabe der Naturwissenschaften sein sollte, sondern Wissenschaft soll als Technikwissenschaft die Herrschaft über die Natur und die Menschen vermehren und deren zweckrationale Zurichtung und Ausbeutung intensivieren. 

 

In London gelingt es exzellent, dem breiten Publikum diesen antagonistischen Dualismus, der das Verständnis der modernen Naturwissenschaften prägt, anschaulich zu vermitteln, gegenüberzustellen und unübersehbar deutlich werden zu lassen. So vermittelt das Natural History Museum 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Natural_History_Museum 

im Bestreben, die Natur wie sie ist, zu verstehen, das moderne geodynamisch fundierte evolutions-ökologische Weltbild, während das benachbarte Science Museum 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Science_Museum 

Naturwissenschaft als Technikwissenschaft präsentiert. Beide Museen besuchte ich am 28.07.2022. 

 

In ihrem Buch: „Digitalzeitalter – Digitalgesellschaft. Das Ende des Industriezeitalters und der Beginn einer neuen Epoche“ stellen die Wissenschaftler Oliver Stengel, Alexander van Looy und Stephan Wallaschowski die Auswirkungen der Digitaltechnischen Revolution auf den Menschen dar: „Digitale Technik wandelt den Menschen damit innerlich wie äußerlich und unterscheidet ihn grundlegend von Menschen der vorangegangenen Zeitalter. Der Mensch überlässt sich nicht mehr den blinden Mechanismen der natürlichen Evolution, er nimmt seine Evolution bewusst in die Hand, um seine natürlichen Mängel zu kompensieren oder um seine Fähigkeiten zu erweitern. Das ist ein biologischer Bruch mit der bisherigen Entwicklungsgeschichte der Gattung Mensch“. Siehe: Oliver Stengel, Alexander van Looy, Stephan Wallaschowski (Hg.): Digitalzeitalter – Digitalgesellschaft. Das Ende des Industriezeitalters und der Beginn einer neuen Epoche. Wiesbaden, 2017. S. 14. 

 

Der Soziologe Thomas Lemke analysiert in seinem Buch: „Die Natur in der Soziologie. Gesellschaftliche Voraussetzungen und Folgen biotechnologischen Wissens“ das sich gegenwärtig wandelnde Verhältnis von Natur und Gesellschaft, und er zeigt auf, daß im Zuge der derzeit stattfindenden Digitaltechnischen Revolution in Verbindung mit der Bio- und Gentechnischen Revolution „die Idee einer natürlichen Abstammung aller Lebewesen tendenziell ersetzt wird durch die Vorstellung einer künstlichen Pluralität von Lebensformen, die eher Artefakte sind denn Naturwesen. Die molekularbiologische Redefinition von Leben als Text, die Fortschritte in der Biomedizin mit neuen Visualisierungstechniken von PET-Scans bis zur DNA-Analyse, die Transplantationsmedizin und die Reproduktionstechnologien – um nur einige wenige technologische Innovationen zu nennen – brechen mit der Vorstellung eines integralen Körpers. Der Körper gilt dabei weniger als organisches Substrat denn als molekulare Software, die gelesen und umgeschrieben werden kann“. Siehe: Thomas Lemke: Die Natur in der Soziologie. Gesellschaftliche Voraussetzungen und Folgen biotechnologischen Wissens. Frankfurt am Main, 2013. S. 163. 

 

Im Zuge der Digitaltechnischen Revolution entsteht mit dem kommenden Internet der Dinge 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_der_Dinge 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Ubiquitäres_Computing 

auf globaler Ebene eine digitale Weltmaschine als dem künstlichen neuronalen Netz 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Künstliches_neuronales_Netz 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Neuroinformatik 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Deep_Learning 

eines globalen digitalen Superorganismus, an dessen künstliche Intelligenz, 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Künstliche_Intelligenz

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Maschinelles_Lernen 

die sich zur Superintelligenz

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Superintelligenz

entwickelt, in Kürze die Menschen selbst über Neurotechnik 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Neurotechnik 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Human_Brain_Project

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Neuro-Enhancement 

mittels Gehirn-Computer-Schnittstellen 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Brain-Computer-Interface

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Erweiterte_Intelligenz 

angeschlossen werden. Der Physiker und Philosoph Armin Grunwald stellt in seinem Buch: „Der unterlegene Mensch“ die sich daraus ergebenden Folgen für die Menschen dar: „Die Individuen würden zwar weiterhin gebraucht, hätten aber aus sich heraus keinen Wert mehr. Ihr Wert würde nur noch im Beitrag zum Kollektiv bestehen, im Dienst am globalen Gehirn. Menschen würden zu Endgeräten einer globalen Superintelligenz, mit der einzigen Daseinsberechtigung, diese zu füttern. (…) Dieser Superorganismus wäre sogar in der Lage, in den Kosmos zu expandieren“. Siehe: Armin Grunwald: Der unterlegene Mensch. Die Zukunft der Menschheit im Angesicht von Algorithmen, künstlicher Intelligenz und Robotern. München, 2019. S. 199.

 

Zudem dringen Nanotechnologien 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nanotechnologie 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Nanobiotechnologie

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Nanopartikel

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Biokompatibilität_von_Nanomaterial

mit Nanomaschinen 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Molekulare_Maschine 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Molekulare_Nanotechnologie 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Nanobot 

bis in die kleinsten Bereiche der belebten und unbelebten Materie einschließlich der Blutbahn des Menschen vor, um diese zu kolonisieren und zu steuern. Gleichzeitig unterwirft die stattfindende Biotechnische und Gentechnische Revolution das Leben selbst technologischer Manipulation und Steuerung, die die Möglichkeiten der Domestikation der Neolithischen Revolution und der Eugenik 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eugenik

des extremen 20. Jahrhunderts weit übersteigen. Die Digitaltechnische Revolution und die Gentechnische Revolution laufen in einem technologischen Totalitarismus zusammen. Unter dem Titel: „Technologischer Totalitarismus“ bemühen sich verschiedene Autoren um eine Technikfolgenabschätzung

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Technikfolgenabschätzung 

mit dem Anliegen, den technologischen Fortschritt zu humanisieren, doch ohne daß es ihnen gelingt, die gesamte Breite und Tiefe der Thematik zu erfassen. Vgl.: Frank Schirrmeister (Hg.) Technologischer Totalitarismus. Eine Debatte. Berlin, 2015. 

 

Dieser technologische Totalitarismus wird bei Erreichen der Technologischen Singularität das auf dem Planeten Erde im Zuge eines geodynamischen evolutions-ökologischen Prozeß entstandene Leben einschließlich des Menschen, durch technische, künstlich geschaffene Lebensformen 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Künstliches_Leben 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Evolutionärer_Algorithmus 

ablösen, wie es der Transhumanismus und der Posthumanismus in Aussicht stellen, mit dem Endziel, das Prinzip des Lebens ganz durch das Prinzip der Technik 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Technik

und der Maschine 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Maschine

zu ersetzen, denn nur der perfekten, überlegenen und siegreichen Technik, und nicht dem unzulänglichen, mangelhaften und schwächlichen biologisch-organischen Leben gehört die Zukunft sowohl auf dem Planeten Erde als auch im gesamten, noch von der Technik zu erobernden und zu kolonisierenden Weltraum. Zweifellos sind die Apologien der Protagonisten des Transhumanismus, des Posthumanismus und der Technologischen Singularität eine fundamentale Herausforderung sowohl für die Bioethik, 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bioethik

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethik 

als auch für die Wissenschaftsethik 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftsethik

und die Technikethik 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Technikethik

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Technikphilosophie

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Umweltverträglichkeitsprüfung

 

In seinem Buch: „Schlägt die Maschine den Menschen?“ stellt der Politikwissenschaftler Jürgen Bruhn die Planungen bedeutender Protagonisten und Apologeten des Transhumanismus, des Posthumanismus und der Technologischen Singularität vor: „Einige der bekanntesten Computer- und Robotikwissenschaftler wie Ray Kurzweil, seit Dezember 2012 Leiter der technischen Entwicklung bei Google, Hans-Peter Moravec, Gründer des Roboterunternehmens ‚Seegrid‘, Marvin Minsky, Robotikpionier und emeritierter Professor für Computer Science am Massachusetts Institute of Technology, Ralph Merkle, Nanotechnikwissenschaftler, der deutsche Jürgen Schmidhuber, Informatiker, Computerwissenschaftler und Leiter des Luganer Instituts für Künstliche Intelligenz, der seit 30 Jahren die Entwicklung künstlicher neuronaler Netze erforscht, und andere wissen genau, wie die neue künstliche Welt in Zukunft aussehen wird. Jedenfalls glauben sie es zu wissen. Diese Leute sind davon überzeugt, dass intelligente Maschinen noch in diesem Jahrhundert unsere Gesellschaft beherrschen werden, da ihre künstlichen Gehirne milliardenfach intelligenter sein werden als biologische Menschenhirne. Ray Kurzweil prophezeit sogar, dass der ‚nicht intelligente Kosmos‘ durch eine einzige universelle Künstliche Intelligenz nach dem Ende dieses Jahrhunderts aufgewertet wird und künstliche Wesen dann in einer beinahe perfekten digitalisierten transhumanen Welt leben werden. Jürgen Schmidhuber prognostiziert, in wenigen Jahrzehnten werde ein einziger Supercomputer über die gesamte rohe Rechenkraft der ganzen Menschheit verfügen. (…) Für Kurzweil gehen wir nach dem Erreichen der Singularität einer transhumanen Zivilisation im Universum entgegen, der Menschheit 3.0. Sein Ziel ist das ewige virtuelle Leben, die endgültige Loslösung vom biologischen Leben. Der biologische Mensch mit all seinen Fehlern, Trieben, Krankheiten und Begehrlichkeiten ist für Kurzweil eine Antiquiertheit. Es gilt, die Natur und die biologische Menschengattung abzuschaffen und eine künstliche Superzivilisation im Weltall zu gründen. Das schwebt auch Hans-Peter Moravec und John D. Bernal vor“. Siehe: Jürgen Bruhn: Schlägt die Maschine den Menschen? Baden-Baden, 2019. S. 55 und 78. 

 

Aufgrund des Potentials der Künstlichen Intelligenz (KI) werden nach der Ansicht des Astrophysikers und ehemaligen Präsidenten der Royal Society Martin Rees, die er in seinem Text: „Die organische Intelligenz hat keine Zukunft“ vorstellt, „in einer langfristigen Evolutionsperspektive Menschen und alle ihre Gedanken nur ein vorübergehender und primitiver Vorläufer der tieferen Gedanken einer von Maschinen beherrschten Kultur sein, die sich in die ferne Zukunft erstreckt und sich weit über unsere Erde hinaus ausbreitet. Wir sind jetzt Zeugen der Frühstadien dieses Übergangs. (…) Das abstrakte Denken biologischer Gehirne (…) wird ein kurzer Vorläufer der leistungsfähigeren Erkenntnisvermögen des anorganischen, posthumanen Zeitalters sein“. Siehe: Martin Rees: Die organische Intelligenz hat keine langfristige Zukunft. S. 36-38. In: John Brockman (Hg.): Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten? Die führenden Wissenschaftler unserer Zeit über intelligente Maschinen. Frankfurt am Main, 2017. S. 36-39. 

 

In seinem Text: „Ich heiße jedenfalls unsere maschinellen Gebieter willkommen“ vertritt der Physiker Antony Garrett Lisi die Auffassung: „Wenn Maschinen zur Empfindungsfähigkeit aufsteigen – und das werden sie -, werden sie auch nach Darwin‘scher Manier um Ressourcen, Überleben und Fortpflanzung konkurrieren“. Siehe: Antony Garrett Lisi: Ich heiße jedenfalls unsere maschinellen Gebieter willkommen. S. 52. In: John Brockman (Hg.): Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten? Die führenden Wissenschaftler unserer Zeit über intelligente Maschinen. Frankfurt am Main, 2017. S. 52-55.

 

In seinem Text: „Wenn du sie nicht unterkriegen kannst, schließ‘ dich ihnen an“ ist der Physiker Frank Tipler davon überzeugt: „Die Erde ist zum Untergang verurteilt. Astronomen wissen schon seit Jahrzehnten, dass die Sonne eines Tages die Erde verschlingen und die gesamte Biosphäre zerstören wird – unter der Annahme, dass das intelligente Leben die Erde nicht verlassen hat, bevor dies geschieht (…), und schließlich werden es die KIs und menschliche Uploads (…) sein, die den Weltraum kolonisieren. (…) Wenn dieser Untergang bevorsteht, wird jeder Mensch (…) keine andere Wahl haben, als zu einem menschlichen Upload zu werden. Und die Biosphäre (…) wird ebenfalls aufgeladen“. Siehe: Frank Tipler: Wenn du sie nicht unterkriegen kannst, schließ‘ dich ihnen an. S. 46 und 48. In: John Brockman (Hg.): Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten? Die führenden Wissenschaftler unserer Zeit über intelligente Maschinen. Frankfurt am Main, 2017. S. 46-48.

 

Technologische Singularität, Transhumanismus und Posthumanismus haben den Charakter eines Heilserwartungskultes 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heilserwartung

und einer Erlösungsreligion 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erlösung

mit eschatologischer 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eschatologie

Endzeiterwartung und können somit als eine Religion 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Religion

des technischen Zeitalters auf Grundlage technischer Rationalität und Instrumenteller Vernunft angesehen werden. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Instrumentelle_Vernunft

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Horkheimer#Kritik_der_instrumentellen_Vernunft 

Und: Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. 1974, Frankfurt am Main. Die instrumentelle Vernunft und ihre Kritik bildet die analytische Schlüsselkategorie der Kritischen Theorie der vom Sozialphilosophen Max Horkheimer (1895-1973) gegründeten Frankfurter Schule, die auf Grundlage interdisziplinärer geistes- und gesellschaftswissenschaftlicher Analysen eine Synthese von Gesellschaftskritik und Kulturkritik leistet. 

Eine Kritik des Zeitalters der Moderne und insbesondere des Industriezeitalters muß daher nicht nur Kulturkritik und Gesellschaftskritik, sondern auch Religionskritik umfassen. 

 

In seinem Text: „Der alte Traum vom Neuen Menschen: Ideengeschichtliche Perspektiven“ stellt der Theologe Gottfried Küenzlen die Idee vom Neuen Menschen als einen innerweltlich-säkularen Glauben im Zeitalter der Moderne dar: „Die Moderne hat (…) ihre eigene säkulare Glaubensgeschichte, bestimmt von säkular-diesseitigen Heilshoffnungen und Erlösungsversprechen. (…) In diesem ideen- und realgeschichtlichen Strom der säkularen Religionsgeschichte der Moderne ist auch die Hoffnung auf den Neuen Menschen verortet. Der Glaube an die Geschichte als innerweltlich-eschatologische Fortschrittsgeschichte, der Glaube an die Politik als politischen Messianismus und der Glaube an die Wissenschaft: Dies waren die säkularreligiösen Gestaltungsmächte, die auch die neuzeitliche Hoffnungsgeschichte eines Neuen Menschen wesentlich bestimmt haben. (…) Die empirische Realisation des Neuen Menschen also ist Thema innerweltlicher Eschatologie, als der vom Menschen herzustellenden Zukunft. Der Mensch wird so, sich selbst vergöttlichend, zum Regisseur und Produzenten seines eigenen Heils und seiner Erlösung hin zu einem Neuen Menschen“. Siehe: Gottfried Küenzlen: Der alte Traum vom Neuen Menschen: Ideengeschichtliche Perspektiven. S. 17-18. In: Anne Seibring, Miriam Shabafrouz, Benjamin Weiß (Hg.): Der Neue Mensch. Bonn, 2018. S. 13-23.

 

Der Mediensoziologe Sascha Dickel zeigt in seinem Text: „Der Neue Mensch – ein (technik)utopisches Upgrade“ auf, daß heute Technikutopien die früher verbreiteten Sozialutopien abgelöst haben: „In einer Zeit, in der die Gesellschaft als Bereich ungestaltbarer Kontingenz erfahren wird, scheint nun die biologische Natur des Menschen als Bereich vermeintlich gestaltbarer Kontingenz in den Focus zu rücken“, was „vollumfänglich kompatibel mit beschleunigten Wachstumsgesellschaften erscheint, die auf die Produktion ständig neuer Innovationen programmiert sind“. Siehe: Sascha Dickel: Der Neue Mensch – ein (technik)utopisches Upgrade. Der Traum vom Human Enhancemant. S. 95 und 94. In:  Anne Seibring, Miriam Shabafrouz, Benjamin Weiß (Hg.): Der Neue Mensch. Bonn, 2018. S. 85-95.

 

Tatsächlich findet mit dem von den Protagonisten und Apologeten des Transhumanismus, des Posthumanismus und der Technologischen Singularität als Bestandteil einer Teleonomie 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Teleonomie 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Teleologie

erwarteten Endsieg der perfekten, erfolgreichen und überlegenen Technik über das unzulängliche, mangelhafte und schwächliche Leben die sozialdarwinistische Ideologie ihre endgültige Verwirklichung und Vollendung, deren Bestandteile das Konkurrenzprinzip, der Kampf ums Dasein und das Recht des Stärkeren ist.

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialdarwinismus

Der Sozialdarwinismus ist der geistesgeschichtliche Mainstream, der das Denken, den Zeitgeist und die Weltanschauung im Zeitalter des Imperialismus in den unterschiedlichsten Bereichen prägte, und er prägte insbesondere auch den Bereich der Politik. Das Zeitalter des Imperialismus kulminiert in den beiden Weltkriegen, und im totalen industriellen Krieg siegt nicht, wie von den Sozialdarwinisten behauptet, die überlegene Population, sondern alleine die überlegene Technik und ihr rücksichtsloser Gebrauch sowie die überlegene industrielle Produktion. Im totalen industriellen Krieg erreicht mit der Entwicklung und dem Einsatz der Atombombe die Entwicklung der Destruktivkräfte der Technik den wissenschaftlich-technologischen Stand zur potentiellen Vernichtung der gesamten Menschheit. Der Endsieg der perfekten, erfolgreichen und überlegenen Technik über das unzulängliche, mangelhafte und schwächliche Leben ist somit die endgültige Verwirklichung und Vollendung der sozialdarwinistischen Ideologie. 

 

298) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Užupis 

 

299) Der Dadaismus ist eine künstlerische und literarische Bewegung, die während des Ersten Weltkrieges in Folge des durch diesen bewirkten Zivilisationsbruch entstand und die sich über ganz Europa ausbreitete. Aufgrund der Zerstörung aller gültigen Werte und Normen durch den Ersten Weltkrieg hat die bisherige Kunst ihren Sinn verloren, und in einer absurd gewordenen Welt sind keine sinnvollen Aussagen mehr möglich. 

 

300) Siehe: Friedrich A. Brockhaus (Hg.): Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden. Erster Band. 19. Auflage, 1986, Mannheim. S. 431. 

 

301) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Soziale_Bewegungen

 

302) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensreform

 

303) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Monte_Verità

Sowie: Stefan Bollmann: Monte Verità. 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. München, 2017.

 

304) Vgl.: Walter Hollstein, Boris Penth: Alternativprojekte. Beispiele gegen die Resignation. 1980, Reinbek bei Hamburg. 

 

305) Siehe: Christian Krause, Detlef Lehnert, Klaus-Jürgen Scherer: Zwischen Revolution und Resignation? Alternativkultur, politische Grundströmungen und Hochschulaktivitäten der Studentenschaft. Eine empirische Untersuchung über die politischen Einstellungen von Studenten. Bonn, 1980. S. 11.

Diese Studie zur Alternativkultur hat als Vorbilder zum Einen die berühmt gewordene Studie „Student und Politik“ der Autoren Jürgen Habermas, Ludwig von Friedeburg, Christoph Oehler und Friedrich Weltz aus dem Jahre 1961

Vgl.: Jürgen Habermas, Ludwig von Friedeburg, Christoph Oeler: Student und Politik. Eine soziologische Untersuchung zum politischen Bewußtsein Frankfurter Studenten. Neuwied am Rhein, 1961, 

und zum Anderen die Studie „Freie Universität und politisches Potential der Studenten“ der Autoren Ludwig von Friedeburg, Jürgen Hörlemann, Peter Hübner, Ulf Kadritzke, Jürgen Ritsert und Wilhelm Schumm aus dem Jahre 1968 

Vgl.: Ludwig von Friedeburg, Jürgen Hörlemann, Peter Hübner, Ulf Kadritzke, Jürgen Ritsert, Wilhelm Schumm: Freie Universität und politisches Potential der Studenten. Über die Entwicklung des Berliner Modells und den Anfang der Studentenbewegung in Deutschland. Neuwied am Rhein, 1968.

 

306) Siehe: Christian Krause, Detlef Lehnert, Klaus-Jürgen Scherer: Zwischen Revolution und Resignation? Alternativkultur, politische Grundströmungen und Hochschulaktivitäten der Studentenschaft. Eine empirische Untersuchung über die politischen Einstellungen von Studenten. Bonn, 1980. S. 12.

 

307) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Dewey 

 

308) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Dewey#Demokratie_als_Lebensform 

 

309) Siehe: Hauke Brunkhorst: Demokratischer Experimentalismus. S. 7-8. In: Derselbe (Hg.): Demokratischer Experimentalismus. Politik in der komplexen Gesellschaft. 1998, Frankfurt am Main. S. 7-12.

 

310) Siehe: Günter Frankenberg: Autoritarismus. Verfassungstheoretische Perspektiven. 2020, Berlin. S. 235.

 

311) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Dewey#Diskussionen_über_Dewey_in_den_USA

 

312) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Elitentheorie

 

313) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Lippmann 

 

314) Siehe: Matthias Kettner: John Deweys demokratische Experimentiergesellschaft. S. 62. In: Hauke Brunkhorst (Hg.): Demokratischer Experimentalismus. Politik in der komplexen Gesellschaft. 1998, Frankfurt am Main. S. 44-66.

 

315) Siehe: Ebenda. S. 64. 

 

316) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Projektwerkstatt

Sowie: https://www.tu.berlin/zewk/arbeitsbereiche/kooperations-und-beratungsstelle-fuer-umweltfragen/projektwerkstaetten 

 

317) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Studentenprotest#"UniMut"-Streik_1988/89

Sowie: Nana Badenberg, Alexander Honold, Helmut Müller-Enbergs, Thomas Schwarz: Wehe, wenn sie losgelassen. Analyse der StudentInnenbewegung an der FU Berlin im Wintersemester 1988/89. Berlin, 1989. 

 

318) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Jungk 

 

319) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zukunftswerkstatt

Sowie: Robert Jungk, Norbert R. Müllert: Zukunftswerkstätten. Mit Phantasie gegen Routine und Resignation. München, 1989. 

 

320) Siehe: Robert Jungk: Das Risiko als gesellschaftliche Herausforderung. S. 305 und 308. In: Ulrich Beck: Politik in der Risikogesellschaft. Essays und Analysen. Frankfurt am Main, 1991. S. 302-311. 

 

321) Vgl.: Stefan Bollmann: Monte Verità. 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. München, 2017. 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Monte_Verità  

 

322) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensreform 

 

323) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fin_de_Siècle 

 

324) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Museo_Casa_Anatta 

 

325) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Freistadt_Christiania 

 

326) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Charta_von_Athen_(CIAM) 

 

327) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Kreuzberg#Nachkriegszeit 

 

328) Vgl. dazu meinen Text „Formaldemokratie und Politikverdrossenheit - Über Politik in modernen Massengesellschaften“. Zu lesen ist dieser Text auf meiner Internetseite: https://manfred-suchan.jimdosite.com/kulturpolitik/ 

 

329) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Subkultur 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Subkulturtheorie

 

330) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess

 

331) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Studentenprotest


332) Siehe: Ulrich Beck, Edgar Grande: Das kosmopolitische Europa. Frankfurt am Main, 2004. S. 23. 

 

333) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gleichschaltung

 

334) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Technokratie

 

335) Bekanntes Beispiel der bisweilen zur Absurdität gesteigerten Regulierungs- und Gleichschaltungswut der Technokraten der Europäischen Union sind die Bananenkrümmungsverordnung und die Gurkenkrümmungsverordnung:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gurkenkrümmungsverordnung 

Mit der Verordnung sollte ein Standard geschaffen werden, der Händlern, Verbrauchern und Verarbeitern europaweit vergleichbare Produkte garantiert. Als Folge der Verordnung glich in fast allen größeren Geschäften Europas eine Gurke der anderen. Gurken, die von den vorgeschriebenen Standards abwichen, durften nicht als Qualitätsprodukte mit Güteklassensiegel verkauft werden. Das gleiche Prinzip der Normung und Standardisierung wurde nun im Rahmen der „Bologna-Reform“ auf den gesamten Bildungsbereich in EUropa angewandt und durchgesetzt. 

 

336) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltreich

 

337) Siehe: Dirk Jörke: Die Größe der Demokratie. Über die räumliche Dimension von Herrschaft und Partizipation. Berlin, 2019. S. 20. 

 

338) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geopolitik

 

339) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großmacht

 

340) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltmacht

 

341) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Supermacht

 

342) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Imperialismus

 

343) Vgl. Anmerkung 31. 

 

344) Als charakteristische Elemente, die das 20. Jahrhundert in seiner gesamten historischen Tiefe und geografischen Breite als ein extremes Jahrhundert mit Alleinstellungsmerkmal charakterisieren und prägen können aufgeführt werden: Die Ethnische Säuberung, die Totale Institution des Lagers als die Totale Institution zur zweckrationalen Verwaltung von Menschenmassen in ihren verschiedenen Erscheinungsformen, der Ausnahmezustand, der Doppelstaat, die totale Mobilmachung, der totale industrielle Krieg, und weitere. Als charakteristische und prägende Elemente haben sie den Gehalt von analytischen Kategorien, die deshalb im Zentrum einer jeden Analyse zum extremen 20. Jahrhundert stehen müssen. 

 

345) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Agenda_Setting

 

346) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Johan_Galtung 

 

347) Siehe: Johan Galtung: Geopolitik nach dem Kalten Krieg: ein Essay zur Agendatheorie. S. 143 und 145. In: Derselbe: Die andere Globalisierung. Perspektiven für eine zivilisierte Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert. Münster, 1998. S. 125-145. 

 

348) Vgl.: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München, 1995.

 

349) Siehe: Armin Grunwald: Der unterlegene Mensch. Die Zukunft der Menschheit im Angesicht von Algorithmen, künstlicher Intelligenz und Robotern. München, 2019. S. 232-233.

 

350) Siehe: Ebenda. S. 184.

 

351) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zukunftsforschung

 

352) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Posthumanismus

 

353) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Transhumanismus

 

354) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Technologische_Singularität

 

355) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Technischer_Fortschritt

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Technologiepolitik

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Forschungspolitik

 

356) In der Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiepolitik setzten sich die Protagonisten und Apologeten des Post- und Transhumanismus und der Technologischen Singularität im Zuge der technokratischen Bologna-Reform endgültig durch. Zweifellos ist der gesamte Bereich der Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiepolitik seit mehreren Jahrzehnten fehlgesteuert. 

 

Vgl. auch Anmerkung 297. 

 

357) Siehe: Sascha Dickel: Der Neue Mensch – ein (technik)utopisches Upgrade. Der Traum vom Human Enhancement. S. 94 und 93. In: Anne Seibring, Miriam Shabafrouz, Benjamin Weiß (Hg.): Der Neue Mensch. Bonn, 2018. S. 85-95. 

 

Vgl. auch Anmerkung 192. 

 

358) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Soft_Power 

 

359) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Minsk 

 

360) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Moskau 

 

361) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Stalin 

 

362) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialistischer_Klassizismus 

 

363) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialistischer_Realismus 

 

364) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtbild 

 

365) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Planstadt 

 

366) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialistische_Stadt 

 

367) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Charta_von_Athen_(CIAM) 

 

368) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Autogerechte_Stadt 

 

369) Beide Varianten der industriellen Moderne basieren auf dem Konzept der autogerechten Planung. Der östlichen, „realsozialistischen“ Variante der industriellen Moderne war es allerdings nicht gelungen, die errichteten autogerechten Planungslandschaften mit Massen von großen und schnellen Automobilen zu bevölkern. Ab 1989/90 erfolgt diesbezüglich eine nachholende Modernisierung in der östlichen Hälfte Europas, die mit großen und schnellen West-Autos überschwemmt wurde. Seither gilt in der östlichen Hälfte Europas das unbegrenzte Herumhasten mit großen und schnellen West-Autos als die Verwirklichung des Freiheits- und Glücksversprechens der Epochenwende von 1989/90. 

 

370) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Architekturkritik 

Im Gegensatz zur in diesem Wikipedia-Artikel vertretenen Auffassung, daß „Ziel der Architekturkritik ist, die Ursachen der Fehlleistungen von Architektur aufzuzeigen“, muß m.E. Architekturkritik Herrschaftskritik sein. Dabei kann die Architektur einer Stadt als Verkörperung des sozialen Organismus einer Stadt, als das jeweilige „Gehäuse“ dieses jeweiligen sozialen Organismus angesehen werden, und dieses funktionale Gehäuse gestattet Rückschlüsse auf das Denken, die Kosmologie und die Weltanschauung der jeweiligen städtischen Gesellschaft. 

Als Beispiel möchte ich die antike Stadt Teotihuacán in Mittelamerika aufführen, die ich im Rahmen meiner Mittel- und Südamerikareise am 28.12.2016 besucht habe. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Teotihuacán 

 

Bei Betrachtung der gesamten gewaltigen Anlage der Stadt Teotihuacán und ihrer architektonischen Bauten stellt sich dem Besucher die Frage nach dem Zusammenhang von Architektur und Herrschaft, und dabei insbesondere der massenpsychologischen Wirkung und Funktionalisierung von Architektur zur Stabilisierung und Verstetigung von Herrschaft. Offenkundig gibt es wiederkehrende Grundmuster und Grundtypen, die Zeit und Ort transzendieren und die sich in der Menschheitsgeschichte in verschiedenen geografischen Räumen sowohl in der „Alten Welt“, als auch in der „Neuen Welt“ etablierten, und dies offensichtlich ohne Kulturaustausch und Diffusion zwischen der „Alten Welt“ und der „Neuen Welt“. Folglich muß es dem historischen Prozeß inhärente Gesetzmäßigkeiten geben, die unabhängig von Ort und Zeit zu ähnlicher und vergleichbarer Ausprägung gelangen. Architektur ist so eine Ausdrucks- und Erscheinungsform gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse, und sie ist zugleich Instrument zur Herrschaftsausübung und Hilfsmittel zu deren Stabilisierung, Verstetigung und expansiven Ausweitung. Nach innen wird den Untergebenen für ihre Gefolgschaft und Massenloyalität eine Partizipation an der durch Stein verkörperten Macht und Herrlichkeit angeboten. Nach außen manifestiert Architektur den Anspruch imperialer Herrschaft und soll die Unterworfenen von den gewaltigen Dimensionen der Macht und deren ewigen Beständigkeit beeindrucken. Die herrschende Elite leitet ihre Macht von den Göttern ab und begründet ihre Herrschaft über ihre Verbundenheit mit einer kosmischen Weltordnung. Sie macht sich zum Garanten des ungestörten und einwandfreien Funktionierens der kosmischen Ordnung und der kosmischen Abläufe, die mathematisch exakt berechnet und kalendarisch erfaßt werden, und sie setzt eine entsprechende allgemeinverbindliche Weltanschauung, Kosmologie und Glaubenslehre mit Ritualen und Kulten, die die gesellschaftlichen Abläufe in die kosmische Ordnung einbinden. Dafür, daß nun jeden Tag pünktlich die Sonne aufgeht, genügend Regen fällt und Pflanzen auf den Feldern wachsen etc. verlangt die Herrschaftselite Unterwerfung, Gefolgschaft und Opfer, darunter auch Menschenopfer. Diesen kultischen Zwecken im Rahmen massenpsychologisch inszenierter Kosmologien dient gleichermaßen die Herrschaftsarchitektur. Die metropolitane Stadt mit ihrer Herrschaftsarchitektur ist somit das Gehäuse einer funktional gleichgeschalteten und maschinengleichen Massengesellschaft, wobei das architektonische Erscheinungsbild einer Stadt die direkte Widerspiegelung des herrschaftslegitimierenden Glaubenssystems einer Massengesellschaft ist. 

 

371) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Herrschaftsarchitektur 

 

372) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Unabhängigkeitsboulevard_(Minsk) 

 

373) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Unabhängigkeitsplatz_(Minsk) 

 

374) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Oktoberplatz_(Minsk) 

 

375) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Altstädter_Rathaus_von_Minsk 

 

376) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Magdeburger_Recht 

 

377) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtrecht 

 

378) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stadt#Mittelalterliche_Stadtgründungen 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Gründungsstadt#Gründungsstädte_des_Mittelalters

 

379) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Stadt 

 

Ausführlich dargestellt ist die Bedeutung und Rolle der freien Städte im Mittelalter und der diese konstituierenden Gilden im fünften und sechsten Kapitel „Gegenseitige Hilfe in der Stadt des Mittelalters“ des im Jahre 1902 erschienenen Werks: „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ des Geografen Peter A. Kropotkin (1842-1921): 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pjotr_Alexejewitsch_Kropotkin 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenseitige_Hilfe_in_der_Tier-_und_Menschenwelt 

 

Kropotkin hebt die Besonderheiten der freien Städte des Mittelalters hervor: „Freiheit, Selbstverwaltung und Frieden zu gewährleisten, war das Hauptziel der Stadt des Mittelalters“. Die Stadt des Mittelalters war „ein Versuch, (…) einen engen Verband zu gegenseitiger Hilfe und Beistand zu organisieren, für Konsum und Produktion und für das gesamte soziale Leben, ohne den Menschen die Fesseln des Staates aufzulegen, sondern unter völliger Wahrung der Freiheit für die Äußerungen des schöpferischen Geistes einer jeden besonderen Gruppe von Individuen in der Kunst, dem Handwerk, der Wissenschaft, dem Handel und der politischen Organisation“. Die Stadt des Mittelalters war „eine befestigte Oase inmitten eines Landes, das unter dem Feudaljoch lebte“. Kropotkin stellt fest: “Die mittelalterlichen Städte haben ohne Zweifel der europäischen Zivilisation einen außerordentlichen Dienst erwiesen. Sie haben sie davor bewahrt, den Theokratien und despotischen Staaten der Vorzeit zu verfallen“ und „der Verlust, den Europa durch den Untergang seiner freien Städte erlitt, kann nur verstanden werden, wenn wir das 17. Jahrhundert mit dem 14. oder 13. vergleichen“. Siehe: Peter A. Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (1902). Frankfurt am Main, 2011. S. 150, S. 154, S. 164, S. 174 und S. 170. 

 

Am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit erfolgte ein Niedergang der Städte, und im Zeitalter des Absolutismus 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Absolutismus 

wird der absolutistisch regierte Staat allgemeiner Standard. Als einziger Ausnahme in Europa ist nur in der Schweiz allen modernen Tendenzen zur Zentralisierung, die sich seit dem Zeitalter des Absolutismus ereignen, erfolgreich widerstanden worden. Neben dem Konzept der Willensnation gründet das Modell der Schweiz auf einer Tradition kommunaler Selbstverwaltung, genossenschaftlicher Selbstorganisation und direkter Demokratie, und diese Tradition hat ihren Ursprung im Mittelalter, wo sie weit verbreitet war, doch sie ist heute nirgendwo sonst noch erhalten.

 

Mit seinem im Jahre 1902 erschienenen Buch „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ hat sich der Geograf Peter A. Kropotkin dem von Konkurrenz und „Kampf ums Dasein“ geprägten sozialdarwinistischen Mainstream 

seines Zeitalters, dem Zeitalter des Imperialismus, widersetzt und den Aspekt der Kooperation als Prinzip der Evolution und darüber hinaus der Menschheitsgeschichte hervorgehoben. Kropotkin hat sich den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis seiner Zeit in nahezu allen wissenschaftlichen Disziplinen erarbeitet, und auf dieser Grundlage setzt er dem sozialdarwinistischen Mainstream seines Zeitalters, dem Zeitalter des Imperialismus, eine wissenschaftlich fundierte und umfassend begründete alternative Sichtweise entgegen: Nicht Konkurrenz, sondern Kooperation ist das wesentliche Prinzip sowohl in der Evolution, als auch in der Menschheitsgeschichte.

 

380) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lübisches_Recht 

 

381) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kölner_Rat_bis_1796#Verbundbrief 

 

382) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Patriziat_(Nürnberg)#Ratsherrschaft 

 

383) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rathaus 

 

384) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Polen-Litauen 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Teilungen_Polens 

Vgl. auch Kapitel 11. 

 

385) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Russisches_Kaiserreich 

 

386) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_I._(Russland) 

 

387) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Władysław_II._Jagiełło 

 

388) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_in_Afghanistan_(1979-1989) 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_in_Afghanistan#Sowjetische_Intervention_von_1979_bis_1989 

 

389) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Afghanistan 

 

390) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Cyclone 

Das Phänomen des sogenannten „Terrorismus“ war im 19. Jahrhundert eine Domäne radikaler Nationalisten und wurde im 20. Jahrhundert zu einer Form irregulärer Kriegsführung im Rahmen von Strategien der Geopolitik insbesondere von Welt- und Supermächten, wie das Beispiel der USA zeigt: Die im propagierten „War on Terror“ nach den Ereignissen des 11.09.2001 bekämpften Terroristen waren zuvor erst als „Freiheitskämpfer“ geschaffen und aufgerüstet worden, um ab 1979 der Sowjetunion in Afghanistan eine militärische Niederlage zufügen zu können. Schon Mitte 1979, sechs Monate vor der Invasion der Sowjetunion in Afghanistan am 25.12.1979, begann die CIA-Operation „Cyclone“ mit dem Ziel der Destabilisierung der Sowjetunion durch die Verbreitung des militanten Islams in Zentral-Asien und der Ausbildung von Guerilla-Kämpfern. Nach Aussage des Politikwissenschaftlers Zbigniew Brzezinski hatte diese Geheimoperation „den Zweck, die Russen in die afghanische Falle zu locken“ um „der UDSSR ihren Vietnamkrieg zu bescheren“.

 

391) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zentralasien 

 

392) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Cyclone#Die_“afghanische_Falle“ 

 

393) Siehe: Alfred W. McCoy: Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch Drogenhandel. Frankfurt am Main, 2. Auflage 2016. S. 585-586. 

 

394) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dschihadismus 

 

395) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Panarabismus#Geschichte 

 

396) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Islamismus 

 

397) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Algerischer_Bürgerkrieg 

 

398) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bosnienkrieg 

 

399) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Tschetschenienkrieg 

 

400) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialdemokratische_Arbeiterpartei_Russlands 

 

401) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Februarrevolution_1917 

 

402) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Oktoberrevolution 

 

403) Vgl.: Antony C. Sutton: Wall Street and the Bolshevik Revolution (1974). 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Antony_C._Sutton 

 

404) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Siegesplatz_(Minsk) 

 

405) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grosser_Vaterländischer_Krieg 

 

406) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Held_der_Sowjetunion 

 

407) Vgl.: https://www.memorialmuseums.org/memorialmuseum/belarussisches-staatliches-museum-der-geschichte-des-gro%C3%9Fen-vaterlandischen-krieges 

Sowie: https://deu.belta.by/society/view/was-macht-das-museum-fur-die-geschichte-des-grosen-vaterlandischen-krieges-so-einzigartig-69292-2024/ 

Und: https://zeitgeschichte-online.de/geschichtskultur/der-echte-geist-des-sieges-und-eine-luege-ueber-den-krieg 

Des Weiteren: https://zeitgeschichte-online.de/geschichtskultur/wem-gehoert-der-grosse-sieg 

Vgl. auch: https://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/14898 

 

408) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stalinismus 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Stalin 

 

409) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heldenstadt 

Vgl. auch: https://www.dekoder.org/de/gnose/heldenstadt-minsk-hauptstadt-belarus 

 

410) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Stalin#Tod 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Ärzteverschwörung 

Es ist wahrscheinlich, daß Josef W. Stalin nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. 

 

411) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nikita_Sergejewitsch_Chruschtschow 

 

412) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Entstalinisierung 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Tauwetter-Periode 

 

413) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Neostalinismus 

 

414) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Josef-Stalin-Museum 

Das Stalin-Museum in der Stadt Gori ist in zweifacher Hinsicht ein Museum. Zu Einen ist es ein materialreiches Museum zu Thema Josef W. Stalin, und zum Anderen ist das Stalin-Museum ein Museum über den staatsoffiziellen Personenkult, der in der Ära des Neostalinismus in der Sowjetunion betrieben wurde, und es muß daher als ein historisches Dokument dieser Ära unverändert erhalten bleiben und unter Denkmalschutz gestellt werden. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stalinismus#Personenkult 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Personenkult#Realsozialismus 

Für die Verbrechen in der Stalin-Ära sollte ein separates Museum eingerichtet werden. 

 

415) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensvertrag_von_Versailles 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsziele_im_Ersten_Weltkrieg 

 

416) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Antikominternpakt

 

417) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Appeasement-Politik 

 

418) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mandschurei-Krise 

 

419) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Abessinienkrieg 

 

420) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Spanischer_Bürgerkrieg 

 

421) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Japanisch-Sowjetischer_Grenzkonflikt 

 

422) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Überfall_auf_Polen 

 

423) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltkrieg 

 

424) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Chronologie_des_Zweiten_Weltkrieges

Sowie: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Vorgeschichte_des_Zweiten_Weltkrieges_in_Europa

Und: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Vorgeschichte_des_Zweiten_Weltkrieges_im_Pazifikraum

Vgl. auch: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Weltkrieg 

 

425) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mémorial_de_Caen 

 

426) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Japanisch-Chinesischer_Krieg 

 

427) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignis 

 

428) Siehe: Karl Schlögel: Bugwelle des Krieges. S. 180-181. In: Stefan Aust, Stephan Burgdorff (Hg.): Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. 2003, Bonn. S. 179-196. 

 

429) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hitler-Stalin-Pakt 

 

430) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Leih-_und_Pachtgesetz#An_die_Sowjetunion 

 

431) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Industrialisierung_der_Sowjetunion 

 

432) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Armee#Ausgangssituation 

Zahlen zum Rüstungsstand im Vergleich der einzelnen Staaten in der Zwischenkriegszeit bis zum Zweiten Weltkrieg führt auf Gert Schultze-Rhonhof in seinem Buch: „1939 - Der Krieg, der viele Väter hatte: Der lange

Anlauf zum Zweiten Weltkrieg“. Dieses Buch ist als PDF-Datei im Internet verfügbar (2. Auflage, 2003): 

https://ulis-buecherecke.ch/pdf_zur_geschichte_deutschlands/der_krieg_der_viele_vaeter_hatte.pdf 

 

433) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Präventivkriegsthese 

 

434) Zum Thema der Angriffskriegsabsichten Stalins haben die Bücher von Viktor Suworow in Rußland einen Historikerstreit ausgelöst. Sein Buch „Der Eisbrecher – Hitler in Stalins Kalkül“ ist als PDF-Datei im Internet verfügbar:

https://ulis-buecherecke.ch/Neue%20Einträge%202021/hitler_in_stalins_kalkuel.pdf 

Ebenso ist sein Buch „Der Tag M“ als PDF-Datei im Internet verfügbar:

https://archive.org/details/SuworowViktorDerTagMEisbrecherIIV2 

Des weiteren sein Buch „Stalins verhinderter Erstschlag – Hitler erstickt die Weltrevolution“:

https://ia601801.us.archive.org/7/items/stalins-verhinderter-erstschlag-viktor-suworow-te/Stalins-Verhinderter-Erstschlag%20Suworow%2C%20Viktor-Suworow-TE.pdf 

 

435) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsvölkerrecht 

 

436) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Armee#Taktik_der_Menschlichen_Welle 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Menschliche_Welle 

 

437) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Armee 

 

438) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Befehl_Nr._270 

 

439) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Befehl_Nr._227 

 

440) Hitlers Weltanschauung kann im Wesentlichen als eine radikalisierte Form des sozialdarwinistischen Mainstreams des Zeitalters des Imperialismus, das in zwei Weltkriegen kulminierte, angesehen werden, deren Bestandteile das Konkurrenzprinzip, der Kampf ums Dasein und das Recht des Stärkeren ist. Wie bei den meisten seiner Zeitgenossen hat auch Hitlers Weltanschauung den bedeutenden Radikalisierungsschub durch seine persönlichen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg erfahren. Bestandteil der Weltanschauung Hitlers war die Theorie des Staates als eines politischen “Raumorganismus”, die von den Geografen Friedrich Ratzel (1844-1904), Karl Haushofer (1869-1946) und Otto Maull (1887-1957) entworfen worden war. Diese Theorie des Staates als eines politischen “Raumorganismus” ist Ausdruck des sozialdarwinistischen Mainstreams, der das Denken im Zeitalter des Imperialismus in den unterschiedlichsten Bereichen prägte, und sie wurde zur Grundlage von Geopolitik. 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Hitler#Ideologie 

 

441) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_Befreiungsarmee 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Andrei_Andrejewitsch_Wlassow 

 

442) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konferenz_von_Jalta 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Konferenzen_der_Alliierten_während_des_Zweiten_Weltkriegs 

 

443) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Displaced_Person 

 

444) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Displaced_Person#Zwangsrepatriierung 

 

445) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Keelhaul 

Sowie: Nicholas Bethell: Das letzte Geheimnis. Die Auslieferung russischer Flüchtlinge an die Sowjets durch die Alliierten 1944-47. Frankfurt am Main, 1978. 

 

446) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetische_Partisanen 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungsbataillon 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Partisan 

 

447) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Repressalie 

 

448) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Widerstand_gegen_den_Nationalsozialismus#Widerstand_in_besetzten_und_verbündeten_Ländern 

 

449) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsvölkerrecht 

 

450) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Abkommen_über_die_Behandlung_der_Kriegsgefangenen 

 

451) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kolonialmacht#Neuzeit 

 

452) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jawaharlal_Nehru 

 

453) Siehe: Karl Schlögel: Bugwelle des Krieges. S. 185-186. In: Stefan Aust, Stephan Burgdorff (Hg.): Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. 2003, Bonn. S. 194-195.

 

454) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Rotkreuz-_und_Rothalbmond-Bewegung#Das_IKRK_nach_dem_Zweiten_Weltkrieg 

 

455) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Konventionen#Genfer_Abkommen_von_1949 

 

456) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Attentate_auf_Adolf_Hitler 

 

457) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Unternehmen_Walküre 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Attentat_vom_20._Juli_1944 

 

Im Rahmen des Staatsstreichversuchs vom 20. Juli 1944 kommt dem in den Akten der Gestapo 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheime_Staatspolizei 

so genannten „Kreisauer Kreis“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kreisauer_Kreis

wesentliche konzeptionelle Bedeutung zu. Die Mitglieder des „Kreisauer Kreis“ hatten sich in Kreisau/Krzyzowa 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kreisau

in Schlesien getroffen, um auf Grundlage eigener Analysen Alternativen zur NS-Herrschaft zu entwickeln. Der „Kreisauer Kreis“ kann als der bedeutendste „Think Tank“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Denkfabrik 

der Opposition gegen die NS-Herrschaft angesehen werden. Die vom „Kreisauer Kreis“ entworfenen Konzepte hätten nach einem erfolgreichen Staatsstreich am 20. Juli 1944 eine konzeptionelle Grundlage der Übergangsregierung 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Übergangsregierung

Beck/Goerdeler 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schattenkabinett_Beck/Goerdeler

gebildet. 

 

Der Politikwissenschaftler und Jurist Ernst Fraenkel (1898-1975) 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Fraenkel_(Politikwissenschaftler) 

veröffentlichte im Jahre 1941 seine Analyse des NS-Staates mit dem Titel „Der Doppelstaat“ (Dual State). Vgl.: Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat. Recht und Justiz im „Dritten Reich“. Frankfurt am Main, 1984.
Vgl. auch:  https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Doppelstaat
In dieser Analyse der Herrschaft im NS-Staat, die erstmals zur Jahreswende 1940/41 veröffentlicht wurde, unterscheidet Fraenkel die fortexistierenden Institutionen eines legalen „Normenstaates“, dessen Handeln sich an Gesetzen orientiert, von den neu geschaffenen Institutionen eines extralegalen „Maßnahmenstaates“ als Instrument willkürlicher Machtentfaltung und enthemmter Gewaltausübung. Als historische Beispiele für Institutionen des „Maßnahmenstaates“ können aufgeführt werden insbesondere die Konzentrationslager, des Weiteren die SS, die GeStaPo, der SD, das RSHA, die „Aktion T4“, die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD. Der „Maßnahmenstaat“ kann als eine radikalisierte Form „Totaler Institutionen“ und der in diesen herrschenden „Besonderen Gewaltverhältnisse“ angesehen werden, die auf Extralegalität und Sonderbehandlung abzielen.

 

Gemäß diesem Modell des „Doppelstaates“ (Dual State) kann der Staatsstreich vom 20. Juli 1944 aufgefaßt werden als ein Versuch, aus den noch bestehenden Institutionen des „Normenstaates“ heraus die Institutionen des durch die NS-Herrschaft geschaffenen „Maßnahmenstaates“ zu überwinden, um eine Rechtsstaatlichkeit wieder herzustellen und den Krieg sofort zu beenden. Für die NS-Herrschaft war der Krieg erforderlich, um den Prozeß der NS-Machtergreifung und Machtdurchsetzung nach innen und außen erfolgreich vollziehen und vollenden zu können. Aufgrund der Erfolglosigkeit des Staatsstreiches vom 20. Juli 1944 weitete sich jedoch infolgedessen das von Heinrich Himmler (1900-1945) 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Himmler

kontrollierte Imperium des „Maßnahmenstaates“ noch weiter aus. Nach dem sogenannten „Endsieg“ wären durch die NS-Herrschaft die verbliebenen Reste des „Normenstaates“ gänzlich abgeschafft worden, und nur Institutionen des „Maßnahmenstaates“ wären verblieben, womit der Prozeß der NS-Machergreifung und Machtdurchsetzung sein Ende und Ziel gefunden hätte. Was Heinrich Himmler nach einem sogenannten „Endsieg“ mithilfe des Imperiums des „Maßnahmenstaates“ veranlaßt und durchgeführt hätte, ist der Vorstellungskraft des Lesers überlassen. Voraussichtlich hätte der studierte Landwirt Himmler das gesamte Europa gänzlich in eine Zuchtanstalt für menschliches Rassevieh verwandelt. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Programm_Heinrich 

Bei der geschichtswissenschaftlichen Erforschung der NS-Herrschaft und ihrer Verbrechen konzentriert sich der Focus fast ausschließlich auf die Person Adolf Hitler als "Dem Führer", und seiner Weltanschauung, die im wesentlichen als eine radikalisierte Form des sozialdarwinistischen Mainstreams des Zeitalters des Imperialismus, das in zwei Weltkriegen kulminierte, angesehen werden kann, deren Bestandteile das Konkurrenzprinzip, der Kampf ums Dasein und das Recht des Stärkeren ist. Wie bei den meisten seiner Zeitgenossen hat auch Hitlers Weltanschauung den bedeutenden Radikalisierungsschub durch seine persönlichen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg erfahren. Wenig beachtet wird hingegen der studierte Landwirt Heinrich Himmler und seine Weltanschauung, obwohl Himmler das gesamte Imperium des NS-Maßnahmenstaates unterstand, der die NS-Verbrechen ausgeführt hat. Zweifellos steht im Zentrum der Weltanschauung des studierten Landwirts Himmler das Modell der Rasseviehzucht. Diesem himmlerschen Modell der Rasseviezucht fehlt der Aspekt der natürlichen Evolution, der eine Grundannahme und Voraussetzung der sozialdarwinistischen Ideologie ist. Mithilfe des unbeschränkten Machtmittels des "Maßnahmenstaates" verfolgt der studierte Landwirt Himmler das Ziel, das gesamte Europa in eine Zuchtanstalt für menschliches Rassevieh zu verwandeln. Als "Zuchtwart" gibt Himmler das anzustrebende Zuchtziel der menschlichen Rasseviehzucht vor. Wie der Verlauf und der Ausgang des Zweiten Weltkriegs zeigt, siegt im totalen industriellen Krieg jedoch weder das Zuchtprodukt der himmlerschen Rasseviehzucht, noch, wie von den Sozialdarwinisten behauptet, die überlegene Population, sondern alleine die überlegene Technik und ihr rücksichtsloser Gebrauch sowie die überlegene industrielle Produktion. Im totalen industriellen Krieg erlangt die perfekte, erfolgreiche und überlegene Technik den Endsieg über das unzulängliche, mangelhafte und schwächliche Leben, und dies ist die endgültige Verwirklichung und Vollendung der sozialdarwinistischen Ideologie. Im totalen industriellen Krieg erreicht mit der Entwicklung und dem Einsatz der Atombombe die Entwicklung der Destruktivkräfte der Technik den wissenschaftlich-technologischen Stand zur potentiellen Vernichtung der gesamten Menschheit.

 

Nach einem erfolgreichen Staatsstreich am 20. Juli 1944 wäre insbesondere der vom Experten für Völkerrecht Helmuth J. von Moltke

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Helmuth_James_Graf_von_Moltke 

im Jahre 1943 entwickelte „Herman-Plan“ umgesetzt worden, womit der Zweite Weltkrieg in Europa ein schnelles und gänzlich anderes Ende gefunden hätte: Es hätte keine weiteren Kriegstoten und Kriegszerstörungen mehr gegeben, die Institutionen des „Maßnahmenstaates“ wären sofort aufgelöst worden, womit es keine weiteren NS-Verbrechen mehr gegeben hätte, und es hätte keine Endphasenverbrechen 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Endphaseverbrechen

der NS-Herrschaft gegeben, die Rote Armee hätte nicht die gesamte östliche Hälfte Europas besetzt, und es hätte somit keine weiteren Vertreibungen und Ethnischen Säuberungen mehr gegeben, die insbesondere die Endphase des Zweiten Weltkriegs und die Nachkriegszeit prägen, und zudem hätte es nach dem Zweiten Weltkrieg kein globales Zeitalter der Blockkonfrontation und der Bipolarität im Rahmen eines Ost-West-Konflikts gegeben. 

Zum Herman-Plan vgl.: Günter Brakelmann: Helmuth James von Moltke. 1907-1945. Eine Biographie. 2007, München. S. 286-290.

 

Doch den westlichen Alliierten war die Zusammenarbeit mit Stalin wichtiger als eine Zusammenarbeit mit der Opposition in Deutschland, und sie bevorzugten es, die gesamte östliche Hälfte Europas der Herrschaft Stalins zu überlassen. Die westlichen Alliierten mißachteten die Grundsätze der Atlantik-Charta vom 14.08.1941, 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Atlantik-Charta 

an der sie sich orientieren wollten. 

 

In Anbetracht des Scheiterns des „Unternehmen Walküre“ stellt sich die Frage, wann im Prozeß der „Machtergreifung“ und der „Machtdurchsetzung“ der NS-Herrschaft ein „Point of no Return“ erreicht war. Dies kann am Beispiel verschiedener Phasen der Etablierung der NS-Herrschaft erörtert und verdeutlicht werden: In der Auflösungsphase der Weimarer Republik ab dem Frühjahr 1930 war der „Point of no Return“ sicherlich auch am Ende dieser Phase noch nicht erreicht. Auch mit der „Machtergreifung“ am 30.01.1933 war der „Point of no Return“ mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht erreicht. Eventuell war dies am Ende der auf die „Machtergreifung“ folgenden Phase der „Machdurchsetzung“ der Fall, die mit den Morden vom 30.06.1934 und der Vereinigung des Amtes des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten in der Person Hitlers am 02.08.1934 endet. Doch mit Sicherheit war der „Point of no Return“ mit der Appeasement-Politik, dem Münchener Abkommen vom 30.09.1938 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges in Europa erreicht. 

 

Entgegen dem Mythos einer „legalen Revolution“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Legalitästaktik

hatte der Prozeß der Etablierung der NS-Herrschaft 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Chronologie_der_nationalsozialistischen_Machtergreifung

tatsächlich den Charakter einer Folge zahlreicher Staatsstreiche gegen den Text, die Intention und den Geist der Weimarer Verfassung (WRV). Der permanente Ausnahmezustand ist die Verfassungswirklichkeit der NS-Herrschaft. Das den permanenten Ausnahmezustand ermöglichende Ermächtigungsgesetz vom 24.03.1933 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ermächtigungsgesetz_vom_24._März_1933 

wurde mehrmals verlängert, wobei die Weimarer Verfassung (WRV) formell bis 1945 in Kraft blieb. Das „Unternehmen Walküre“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Unternehmen_Walküre 

im Rahmen des Umsturzversuchs vom 20.07.1944 war der Versuch, mittels des Ausnahmezustands den die NS-Herrschaft konstituierenden permanenten Ausnahmezustand aufzuheben, um die Rechtstaatlichkeit wieder herzustellen und den Krieg sofort zu beenden. 

 

458) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Casablanca-Konferenz 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Konferenzen_der_Alliierten_während_des_Zweiten_Weltkriegs 

Mit dem Scheitern des „Blitzkrieges“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Blitzkrieg 

gegen die Sowjetunion Ende 1941 konnten die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg militärisch nicht mehr gewinnen, ihre militärische Niederlage war seit Ende 1941 absehbar und nur noch eine Frage der Zeit. Die Forderung einer bedingungslosen Kapitulation schloß sämtliche alternativen Möglichkeiten einer schnellen Beendigung des Zweiten Weltkrieges aus, sodaß sich dieser weiter zu dem historisch beispiellosen Gewaltinferno eines totalen industriellen Krieges radikalisierte und entwickelte, das wir heute mit Fassungslosigkeit und Entsetzen betrachten und nach den Gründen fragen, warum sich dies alles hat ereignen können. Unter dem Aspekt der Schadensbegrenzung des durch den Zweiten Weltkrieg bislang eingetretenen Gesamtschadens waren die Beteiligten am 20. Juli 1944 die einzigen der insgesamt am Zweiten Weltkrieg beteiligten Akteure, die eine sofortige Kriegsbeendigung und sofortige Schadensbegrenzung und Schadensbeendigung zum Ziel hatten, während sämtliche anderen Akteure den Zweiten Weltkrieg weiter führen und weiter radikalisieren wollten.

 

459) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungslose_Kapitulation_der_Wehrmacht 

 

460) Vgl. Anmerkung 457. 

 

461) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kontrafaktische_Geschichte 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Alternativweltgeschichte 

 

462) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Determinismus#Geschichtsdeterminismus 

 

463) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Widerstandsrecht 

 

464) Siehe: Fritz Bauer: Widerstandsrecht und Widerstandspflicht des Staatsbürgers. S. 492. In: Arthur Kaufmann (Hg.): Widerstandsrecht. Darmstadt, 1972. S. 482-504. 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Remer-Prozess

 

465) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hrodna 

 

466) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Memel 

 

467) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vytautas 

 

468) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Grodno_(Belarus) 

 

469) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Königreich_Polen 

 

470) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Personalunion 

 

471) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Union_von_Krewo 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Polnisch-Litauische_Union 

 

472) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Polen-Litauen 

 

473) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Adelsrepublik

 

474) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zarentum_Russland 

 

475) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mongolisches_Reich 

 

476) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ständegesellschaft 

 

477) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Feudalismus 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Lehnswesen 

 

478) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grundherrschaft 

 

479) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hörigkeit_(Rechtsgeschichte) 

 

480) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Leibeigenschaft 

 

481) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Realunion 

 

482) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Union_von_Lublin 

 

483) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rzeczpospolita 

 

484) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wahlmonarchie 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Monarchie#Wahl-_und_Erbmonarchie 

 

485) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sejm#Geschichte 

 

486) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Monarchie#Parlamentarische_Monarchie 

 

487) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Báthory 

 

488) Vgl.: http://history.grodno.museum.by/en 

Sowie: https://grodno-museum.by/en/ 

 

489) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Neues_Schloss_(Grodno) 

 

490) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/August_III. 

 

491) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaus_II._August_Poniatowski 

 

492) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsmythos 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Mythos 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Politischer_Mythos 

 

493) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Krakau#Frühe_Neuzeit 

 

494) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Adel 

 

495) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Szlachta 

 

496) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Goldene_Freiheit 

 

497) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Liberum_Veto 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Einstimmigkeitsprinzip 

 

498) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konföderation_(Polen-Litauen) 

 

499) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Verfassung_vom_3._Mai_1791 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Verfassungsgeschichte_Polens#Verfassung_vom_3._Mai_1791 

 

500) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bauernbefreiung 

 

501) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konföderation_von_Bar 

 

502) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Katharina_II. 

 

503) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kościuszko-Aufstand 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Tadeusz_Kościuszko

 

504) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Russisches_Kaiserreich 

 

505) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Habsburgermonarchie 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaisertum_Österreich 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Österreich-Ungarn 

 

506) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Königreich_Preußen 

 

507) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufgeklärter_Absolutismus 

 

508) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Teilungen_Polens 

 

509) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Französische_Revolution 

 

510) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mächtegleichgewicht 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Pentarchie_(Europa) 

 

511) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Napoleon_Bonaparte 

 

512) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Kongress 

 

513) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_I._(Russland) 

 

514) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Allianz 

 

515) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_I._(Russland) 

 

516) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Herzogtum_Warschau 

 

517) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Königreich_Polen#“Kongresspolen“ 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Kongress#Polen,_Sachsen_und_neue_Konstellationen 

 

518) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großfürstentum_Finnland 

 

519) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberaufstand 

 

520) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Januaraufstand 

 

521) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Krimkrieg 

 

522) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Napoleonische_Kriege

 

523) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltkrieg 

 

524) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Siebenjähriger_Krieg 

 

525) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheimdiplomatie 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheimvertrag 

 

526) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dreikaiserabkommen 

 

527) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dreikaiserbund 

 

528) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Franz-Xaver-Kathedrale 

 

529) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Belarussische_Grenzübergänge 

 

530) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Brest_(Belarus) 

 

531) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biometrischer_Reisepass

 

532) Totalitarismus läßt sich definieren als die Ausweitung der Funktionsprinzipien Totaler Institutionen aus diesen heraus und deren Übertragung und Anwendung auf potentiell sämtliche Bereiche der Gesellschaft. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Totale_Institution

Beispiele Totaler Institutionen sind: das Gefängnis, das Lager in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen, die Kaserne, die Wehrpflicht, die Fabrik, die Krankenanstalt, die Schule. Totale Institutionen schaffen einen Raum der Inklusion und der Exklusion und sie sind insbesondere charakterisiert durch die in ihnen herrschenden „Besonderen Gewaltverhältnisse“, die auf Extralegalität und Sonderbehandlung abzielen. Der „Maßnahmenstaat“ nach Ernst Fraenkel kann als eine radikalisierte Form Totaler Institutionen und der in diesen herrschenden „Besonderen Gewaltverhältnisse“ angesehen werden, die auf Extralegalität und Sonderbehandlung abzielen. Vgl.: Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat. Recht und Justiz im „Dritten Reich“. Frankfurt am Main, 1984. In dieser Analyse der Herrschaft im NS-Staat, die im Jahre 1941 erstmals veröffentlicht wurde, unterscheidet der Jurist und Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel (1898-1975) die fortexistierenden Institutionen eines legalen „Normenstaates“, dessen Handeln sich an Gesetzen orientiert, von den neu geschaffenen Institutionen eines extralegalen „Maßnahmenstaates“ als Instrument willkürlicher Machtentfaltung und enthemmter Gewaltausübung. Als historische Beispiele für Institutionen des „Maßnahmenstaates“ können aufgeführt werden insbesondere die Konzentrationslager, des Weiteren die SS, die GeStaPo, der SD, das RSHA, die „Aktion T4“, die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD.

 

Tatsächlich ist mittlerweile ein Zustand erreicht, in dem die ganze Welt den Charakter der Totalen Institution eines Lagers hat

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Internierungslager 

in dem die gesamte Menschheit permanent erkennungsdienstlich erfaßt, panoptisch überwacht, kontrolliert und manipuliert wird. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Panoptismus

Diese ubiquitäre, digitaltechnisch geschaffene virtuelle globale Totale Institution schafft heute keine Räume mehr der Inklusion und Exklusion, sie ist vielmehr allgegenwärtig und omnipräsent, sie erfaßt nicht mehr nur stigmatisierte gesellschaftliche Gruppen, vielmehr erfaßt sie im Digitaltechnischen Zeitalter die gesamte Menschheit und unterzieht potentiell jedes Individuum einer individuell auf dessen Persönlichkeit abgestimmten permanenten subtilen „Sonderbehandlung“. Den Menschen werden keine Nummern mehr eintätowiert, wie in den Lagern des extremen 20. Jahrhunderts (Beispiel NS-Konzentrationslager), stattdessen gibt es heute im Digitaltechnischen Zeitalter überall Computerchips mit individuellen, persönlichen Daten, und dies jetzt auch im biometrischen Reisepaß. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis den Menschen auch ein Chip implantiert wird. Schon heute sind nahezu sämtliche Nutz- und Haustiere des Menschen chip-implantiert, und die Ausweitung auf den Menschen ist nur noch ein kleiner Schritt. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tierkennzeichnung#Kennzeichnung_durch_implantierte_Transponder

Im Zuge eines zukünftigen Ereignisses, wie von der Qualität und dem Format der sogenannten „Corona-Krise“, wird dieses voraussichtlich weltweit umgesetzt werden können. Während der sogenannten „Corona-Krise“ hat die überall vorhandene große Bereitschaft der Menschen, sich mit fragwürdigen, unzureichend getesteten Impfstoffen serienweise impfen zu lassen, aufgezeigt, daß auch eine weltweite Kampagne zur Chip-Implantierung der Menschen durchaus möglich und umsetzbar ist.

 

Es ist unübersehbar: Im Digitaltechnischen Zeitalter wird derzeit der Totalitarismus neu erfunden, und fast alle machen mit. Schon jetzt ist die Gesellschaft in Gänze vom Totalitären durchdrungen, und fast alle ignorieren dieses. Doch möglicherweise ist in dieser Entwicklung gegenwärtig der „Point of no Return“ noch nicht überschritten. Vgl. hierzu meinen Text: „Herausforderungen der digitaltechnischen Revolution – Ist ein Szenario einer globalen totalitären Vergesellschaftung vermeidbar?“. Zu lesen ist dieser Text auf meiner Internetseite:

https://manfred-suchan.jimdosite.com/digitaltechnische-revolution/ 

 

533) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Migrationskrise_an_der_Grenze_zwischen_Belarus_und_der_Europäischen_Union
Sowie: https://www.deutschlandfunk.de/belarus-102.html 

 

534) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grenze_zwischen_Belarus_und_Polen#Grenzzaun 

 

535) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Białystok 

 

536) Vgl.: https://sybir.bialystok.pl/en/ 

 

537) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Europarat 

 

538) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Museumspreis_des_Europarates 

 

539) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Narrativ_(Sozialwissenschaften) 

 

540) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Symbol 

 

541) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Praxis_(Philosophie) 

 

542) Siehe: Habbo Knoch: Geschichte in Gedenkstätten. Theorie-Praxis-Berufsfelder. Tübingen, 2020. S. 132.

 

543) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Museumspädagogik 

 

544) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Bildung 

 

545) Siehe: Habbo Knoch: Geschichte in Gedenkstätten. Theorie-Praxis-Berufsfelder. Tübingen, 2020. S. 204.

 

546) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Meinungsbildung 

 

547) Vgl.: https://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/der-erste-weltkrieg/mfpg_stp.htm 

 

548) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sankt_Petersburg 

 

549) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Deportation 

 

550) Vgl.: Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Verbannung

 

551) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Polen_(Ethnie) 

 

552) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sibirien 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Sibiriens 

 

553) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Strafkolonie 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Sträflingskolonie_Australien 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Bagno_(Strafanstalt) 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Französisch-Guayanas#“Renaissance“_der_Strafkolonie 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Gefängnisinsel 

 

554) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Katorga 

 

555) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwangsarbeit 

 

556) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gefangener 

 

557) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bürgerlicher_Tod 

 

558) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnische_Deportationen_in_der_UdSSR#Verbannung_und_Straflager 

 

559) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetunion 

 

560) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großer_Terror_(Sowjetunion) 

 

561) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stalinsche_Säuberungen 

 

562) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Politbüro_der_Kommunistischen_Partei_der_Sowjetunion 

 

563) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zentralkomitee 

 

564) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_der_Sowjetunion 

 

565) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsterror 

 

566) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Innenministerium_der_UdSSR 

 

567) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Volkskommissar 

 

568) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolai_Iwanowitsch_Jeschow 

 

569) vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitslager 

 

570) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gulag 

 

571) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Memorial_(Menschenrechtsorganisation) 

 

572) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Säuberung 

 

573) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnische_Deportationen_in_der_UdSSR 

 

574) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großer_Terror_(Sowjetunion)#Ethnische_Säuberungen 

Auf Wikipedia fehlt ein separater Artikel zu den sogenannten „nationalen Operationen“ des NKWD. 

 

575) Die sogenannte „Kulaken-Operation“ des NKWD erfolgte auf Grundlage des NKWD-Befehls Nr. 00447 vom 30. Juli 1937. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NKWD-Befehl_Nr._00447 

 

576) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Entkulakisierung 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Tragödie_von_Nasino  

577) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwangskollektivierung_in_der_Sowjetunion 

 

578) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Industrialisierung_der_Sowjetunion#Der_erste_Fünfjahresplan 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Fünfjahresplan#Sowjetunion 

 

579) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Industrialisierung_der_Sowjetunion 

 

580) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot_in_der_Sowjetunion_in_den_1930er_Jahren 

 

581) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Polnische_Operation_des_NKWD 

 

582) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Polska_Organizacja_Wojskowa 

 

583) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Operation_des_NKWD 

 

584) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NKWD-Befehl_Nr._00439 

 

585) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lettische_Operation_des_NKWD 

 

586) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-sowjetischer_Nichtangriffspakt 

 

587) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetische_Besetzung_Ostpolens 

 

588) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Polnische_Republik 

 

589) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lawrenti_Beria 

 

590) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetische_Besetzung_Ostpolens#Deportationen 

 

591) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Katyn 

 

592) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwangsumsiedlung_von_Polen_aus_den_ehemaligen_polnischen_Ostgebieten_1944-1946 

 

593) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmungsgeographie 

 

594) Zur historischen Entstehung der wahrnehmungsgeografischen Kategorie Sibirien in Europa vgl. Anmerkung 4. 

 

595) Vgl.: Karl Schlögel: Sibirien, eine deutsche Seelenlandschaft und das Handy in der Taiga. In: Derselbe: Mariampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte. Frankfurt am Main, 2009. S. 217-230. 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Edwin_Erich_Dwinger 

 

596) Siehe: Ebenda. S. 220-222.

 

597) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Dreißgjähriger_Krieg 

 

598) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_geteilter_Orte 

 

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In den Frontstaaten beiderseits des neuen Eisernen Vorhangs – Eindrücke einer Reise nach Belarus. Textversion 02 vom 20.01.2025.
Mein Reiseerlebnisbericht kann mit zahlreichen Fotos auf meiner Internetseite aufgerufen und gelesen werden:
https://manfredsuchan.net/reise-nach-belarus
Dort kann zudem mein Reiseerlebnisbericht im PDF-Format herunter geladen werden. 

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Manfred SUCHAN
Geograf

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Das Rathaus im historischen Stadtzentrum der Metropole Minsk am 15.11.2024. 

Das Rathaus der Stadt Minsk aus dem Jahre 1598 ist im Jahre 2003 wieder aufgebaut worden. Im Jahre 1499 hatte die Stadt Minskdas Magdeburger Stadtrecht erhalten. Im Mittelalter gewährten Stadtrechte den Städten Selbstverwaltung und Autonomie, und im Rahmen der mittelalterlichen Stadtgründungsphase weitete sich das Modell der Freien Stadt über weite Teile Europas aus, insbesondere des mittleren Europas. Die Stadtrechte einzelner Städte, wie z.B. Magdeburg, Lübeck, Köln, Nürnberg bildeten Stadtrechtsmodelle, die von zahlreichen weiteren Städten, auch in der östlichen Hälfte Europas übernommen wurden. Als Institution der Selbstverwaltung wurde in den Städten ein Rathaus gebaut. Im Jahre 1795 wurde der Stadt Minsk das Stadtrecht entzogen, als die Stadt Minsk nach der Auflösung des Polnisch-Litauischen Staates im Jahre 1795 nun vom Kaiserreich Rußland verwaltet wurde, und im Jahre 1851 ließ Kaiser Nikolaus I. das Rathaus der Stadt Minsk als Symbol der Selbstverwaltung zerstören. Heute erinnert auf dem Rathausplatz ein Denkmal mit einer Marktszene an die durch das Magdeburger Recht im Jahre 1499 erlangte Selbstverwaltung der Stadt Minsk. Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ist vom Niedergang der freien und selbstverwalteten Städte geprägt und vom Aufstieg des zentralistischen absolutistischen Staates, und bis heute haben die Städte ihre frühere Unabhängigkeit und Selbstverwaltung nicht wieder erlangt. 

Reiseberichte

Am Bosporus am 28.08.2023 während meiner Fahrradreise durch das südöstliche Europa im Sommer und Herbst 2023.

Fahrradreise

Südöstliches Europa 

 Ein Reiseerlebnisbericht 

 von Manfred Suchan 

 
Dieser Reiseerlebnisbericht beinhaltet die Erlebnisse, Erfahrungen und Reflektionen meiner Fahrradreise vom 14. Juni 2023 bis zum 27. November 2023 durch die südöstliche Europa-Region. 

 

Einleitung 

 
Vom 14. Juni 2023 bis zum 27. November 2023 habe ich eine Fahrradreise durch die südöstliche Europa-Region unternommen. Auch jetzt war ich wieder mit Fahrrad und Zelt unterwegs. Bestandteil meiner Fahrradreisen sind zahlreiche Besichtigungen und Museumsbesuche. Fahrradreisen mit Zelt unternehme ich seit meiner Schulzeit. Während wir in einer permanent beschleunigten Gesellschaft zunehmend naturentfremdet in künstlichen Umwelten und virtuellen Realitäten leben, bietet das Fahrradreisen mit Zelt eine entschleunigte Reiseform, die eine für Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesse erforderliche Unmittelbarkeit und Authentizität des Reiseerlebnisses ermöglicht. Heute verfehlt Tourismus weitgehend seine ursprüngliche Intention von Welterfahrung und Welterkenntnis, denn die Tourismus-Industrie ist Bestandteil der Konsumkultur, und sie vermarktet Ablenkungen, Zerstreuungen und seichte Vergnügungen. Fahrradreisen mit Zelt ist eine Alternative. Fahrradreisen mit Zelt ist zudem eine sehr kostengünstige Form des Reisens, sie ist nicht exklusiv und nicht elitär, sondern demokratisch, denn jeder und jede kann sie praktizieren, um den „Kopf zu lüften“ und den Horizont zu erweitern. Zudem ist das Fahrradreisen naturverträglich und globalisierbar, in Gegensatz zum KFZ-Verkehr. 
 
Eine kurze Rucksackreise durch Teile des südöstlichen Europas hatte ich im Jahre 2014 durchgeführt, bei der ich durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Nordmazedonien, Kosovo, Albanien, Montenegro, Bosnien, Serbien und Kroatien gereist bin, doch seither bestand meine Absicht, eine längere Südost-Europa-Reise mit dem Fahrrad zu unternehmen. Diese beabsichtigte Fahrradreise durch das südöstliche Europa sollte einen Umfang haben, der sich logistisch noch sinnvoll bewältigen läßt, denn auf meinen Fahrradreisen nehme ich für sämtliche bereiste Regionen und Länder detaillierte Reiseführer (1) und Landkarten mit, da der Erkenntnisgehalt und die Qualität einer Reise insbesondere von der Qualität und Quantität der verfügbaren Reiseinformationen abhängen. Dadurch wird auch die sinnvolle maximale Länge und Dauer einer Fahrradreise limitiert. Größere Fahrradreisevorhaben, wie z.B. eine Weltreise an einem Stück, etwa im Stile eines Marco Polo, halte ich insbesondere aus derartigen organisatorischen und logistischen Gründen für ungeeignet, und es ist sinnvoller, große Fahrradreisevorhaben in überschaubarere und besser planbare kleinere Reisevorhaben aufzuteilen. Mittlerweile bin ich zu der Auffassung gelangt, daß es auch sinnvoller gewesen wäre, die im Jahr 2023 von mir durchgeführte Fahrradreise durch das südöstliche Europa in zwei separate Teile aufzuteilen, und schon in den Jahren zuvor hatte ich meine Fahrradreisen durch verschiedene geographische Regionen in zwei oder mehr separate Teile aufgeteilt: Skandinavien 2011, 2012 und 2015, die Ostseeregion 2009, 2014 und 2017, die Alpenregion 2015, 2016 und 2021, das östliche Mitteleuropa 2014, 2019 und 2021, sowie die südliche Nordseeregion 2020 und 2022. 
 
Bezüglich der gewählten Reiseroute für diese intendierte Fahrradreise durch das südöstliche Europa sah meine erste Planung vor, dem Verlauf der Donau entlang des Donau-Radweges (= Eurovelo 6) (2) zu folgen, um vom mittleren Europa zum südöstlichen Europa zu gelangen, und in Form einer Rundreise wollte ich dann im Uhrzeigersinn durch das südöstliche Europa radeln. Diesen Plan habe ich im Folgenden verschiedentlich abgeändert, insbesondere, um überwiegend durch Gegenden zu gelangen, die ich auf meinen Reisen bislang noch nicht kennengelernt habe. Gefahren bin ich dann auf meiner Fahrradreise die im Folgenden kurz skizzierte Reiseroute: Meine Fahrradreise durch das südöstliche Europa startete ich in Berlin und fuhr entlang dem Elbe-Radweg (= Eurovelo 7) (3) durch Sachsen nach Tschechien und weiter durch die Slowakei, das östliche Ungarn, Rumänien, Bulgarien, den Nordwesten der Türkei und erreichte nach rd. 4.500 km Fahrt die Megacity Istanbul am Bosporus. Von dort setzte ich meine Fahrradreise entlang der Südküste des Marmarameeres hin zur Meerenge der Dardanellen fort. Weiter fuhr ich durch Nord-Griechenland, Nordmazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich und gelangte zurück nach Berlin. 
 
Meine Fahrradreise durch das südöstliche Europa startete ich am 14. Juni 2023. Doch eigentlich wollte ich diese Fahrradreise schon früher im Jahr beginnen. Es bestand jedoch das Problem, daß die Reisebedingungen aufgrund der fortdauernden sogenannten "Corona-Krise" auch im Jahr 2023 lange unklar gewesen sind. Ich hatte dann eine Recherche durchgeführt, um mir einen Überblick über die weltweite aktuelle Lage und über aktuelle Reisebedingungen zu verschaffen. Umfassende Informationen hielt ich vor einem Reisebeginn für unabdingbar, da zum Einen bis heute kein offizielles Ende der sogenannten "Corona-Krise" erklärt worden ist und in verschiedenen Ländern das Reisen einschränkende Auflagen und Maßnahmen weiter fortbestehen, und zum Anderen bei mir der Erfahrungshintergrund meiner zweiten Südamerika-Reise im Frühjahr 2020 besteht, die aufgrund des unter dem Vorwand der sogenannten "Corona-Krise" errichteten globalen Maßnahmenregimes scheiterte, wovon ich in meinem Texte: "Impressionen in Zeiten der 'Corona-Krise' - Ein Reisebericht aus Südamerika" berichte. Aufgrund dieser auch im Jahr 2023 unklaren und unsicheren Verhältnisse bezüglich Reisemöglichkeiten und Reisefreiheit habe ich mich auch im Jahr 2023 auf eine Fahrradreise in Europa beschränkt und habe angedachte Reisevorhaben außerhalb Europas und nach Übersee erneut zurückgestellt. 
 
Der vorliegende Reiseerlebnisbericht meiner Fahrradreise durch das südöstliche Europa besteht aus zwei Teilen: einem ersten Teil, der mein Konzept des Fahrradreisens als eine Methode der Erfahrung und der Erkenntnis vorstellt. Der zweite Teil stellt den Verlauf der Reise dar, wobei einzelne Themen, die ich auf der Reise angetroffen habe und mit denen ich mich eingehender befaßt habe, ausführlicher behandelt werden. 
 

Teil 1: Fahrradreisen als Erkenntnismethode 

 
Das Reisen mit dem Fahrrad ist nicht nur eine Form der Fortbewegung und ein Stil des Reisens, es ist darüber hinaus vielmehr eine Methode der Wahrnehmung, Erfahrung und Erkenntnis von „Welt“, „Natur“ und „Wirklichkeit“, die eine große Unmittelbarkeit und Authentizität ermöglicht. Der Reisestil und die Reiseart sind zugleich Wahrnehmungs- und Erkenntnismethode, um den Forschungsgegenstand, die historisch gewachsene Natur- und Kulturlandschaft, erfassen und „lesen“ zu können. Dafür darf man die Landschaft nicht motorisiert durchhasten, sondern es bedarf eines angemessenen, unmittelbaren Reisestils und einer angemessenen Geschwindigkeit. Auch das Übernachten im Zelt inmitten der Landschaft ermöglicht weitere Unmittelbarkeit und direkte, unverfälschte Wahrnehmungs- und Erkenntnismöglichkeiten. 
 
Wir leben heute zunehmend in künstlichen und virtuellen Welten, die unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen prädisponieren, prägen und formen. Hinzu kommt die Konsumkultur, die Ablenkungen, Zerstreuungen und seichte Vergnügungen produziert und vermarktet, sowie die permanente Beeinflussung durch Massenmedien einer Massengesellschaft. In einer permanent beschleunigten Gesellschaft durchhasten wir automobil die Landschaften, die abgeschirmt von unseren sinnlichen Wahrnehmungen lediglich durch die Windschutzscheibe flüchtig zur Kenntnis genommen werden. Jegliche Intensität und Authentizität der Wahrnehmung von „Welt, „Natur“ und „Wirklichkeit“ ist in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft verloren gegangen, und dies erreicht nun im angebrochenen digitaltechnischen Zeitalter gänzlich neue Ausmaße, Intensitäten und Qualitäten der Entfremdung des Menschen. Es zeichnet sich ab, daß im digitaltechnischen Zeitalter das Individuum gänzlich ein Objekt von Überwachung, Kontrolle und Manipulation werden wird. 
 
Es ist bekannt, daß in der Wissenschaft die Wahl der angewandten Methoden und das Erkenntnisinteresse der Forschenden die zu erzielenden wissenschaftlichen Ergebnisse prädisponieren, mitbestimmen und prägen, und wissenschaftliche Objektivität und methodische Exaktheit zwar postuliert, realiter aber nur begrenzt möglich sind. Hierzu kommt das Diktat der Herrschenden Meinung (HM), das nicht nur die öffentliche Meinung bestimmt, sondern gleichfalls den gesamten etablierten Wissenschaftsbetrieb, sodaß die viel beschworene Wissenschafts- und Forschungsfreiheit zwar auf dem Papier steht, doch tatsächlich bestimmen die Interessen staatlicher und nichtstaatlicher Akteure und Lobbyisten und deren Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiepolitik den Universitäts-, Wissenschafts- und Forschungsbetrieb. Mit der sogenannten „Bologna-Reform“ wurde der Universitäts- und Wissenschaftsbetrieb im gesamten EUropa gleichgeschaltet, und dieser ist seither ein Anhängsel des Wirtschaftsprozesses im europäischen Großwirtschaftsraum, der von der Europäischen Union verwaltet wird. Heute sitzen Wissenschaftler in Bibliotheken, Archiven und Laboren, und kaum jemand verläßt diese Komfortzone des Elfenbeinturms, um selbst in Erfahrung zu bringen, wie die Welt beschaffen ist und was in der Welt der Fall ist. 
 
Für den geo- und biowissenschaftlich sowie historisch-anthropologisch Kundigen ist die Landschaft ein aufgeschlagenes und zu lesendes Geschichtsbuch, und der Boden ein Archiv der Geschichte der Erde, der Natur und der Menschheit. Doch die Landschaft zu „lesen“ vermag nur der, der sich darum bemüht und diese nicht mit Ignoranz durchhastet. Eine geeignete Form des Reisens und ein angemessener Reisestil ist eine Voraussetzung, wie es z.B. Fahrradreisen, Wandern und Reisen mit dem Kanu ermöglichen. Die Reiseart und die Fortbewegungsform sind ebenso wie der Aufenthalt in der Natur zu allen Tages- und Jahreszeiten zugleich wesentliches Wahrnehmungsmittel sowie Erfahrungs- und Erkenntnismethode. Diese methodische Praxis hebt zugleich ein Stück weit die Entfremdung des modernen Menschen von der Natur auf. In wesentlichen Teilen kann diese methodische Praxis auf Fridtjof Nansen (1861-1930) und sein Konzept des „Friluftsliv“ (Freiluftleben) zurückgeführt werden (4). Die Entfremdung von der Natur ist eine Entfremdung von unserem blauen Planeten als einem lebenden dynamischen System, mit dem der Mensch über einen gemeinsamen evolutions-ökologischen Prozeß aufs Engste verbunden ist, und was von unserem modernen, evolutions-ökologisch fundierten geodynamischen Weltbild zum Ausdruck gebracht wird. 
 
Doch unsere fortgeschrittene Industriegesellschaft löscht überall, wo sie tätig wird, unwiederbringlich sämtliche in der Landschaft und im Boden enthaltene Informationen, indem sie die Landschaften planiert und zweckrational umgestaltet und das gesamte, die Landschaft bildende Substrat, also die Pedosphäre und Lithosphäre, zu einer amorphen Matrix durchmischt, nutzlos für zukünftige Wissenschaften. Der Lärm, den die Industriegesellschaft bei der Umwandlung der Landschaften, der Natur und der Gesellschaften in gleichförmige und sterile Monokulturen permanent erzeugt, ist bis in die entferntesten Periferien omnipräsent, er beeinträchtigt jegliches Nachdenken und man kann sich diesem nirgendwo entziehen. 
 
Methodische Hilfsmittel, insbesondere zur Dokumentation der Reise, sind eine Digitalkamera und insbesondere mein Notizbuch. Das Notizbuch ist das zentrale Medium der Dokumentation, Reflektion und Erkenntnisgewinnung in meiner Reise- und Lebenspraxis. M.E. ist das Notizbuch eine der bedeutendsten und wertvollsten Kulturtechniken, denn es ermöglicht, das gesamte Leben als einen fortschreitenden und zusammenhängenden Erfahrungs- und Erkenntnisprozess zu gestalten und zu organisieren. In Form der Kulturtechnik des Notizbuches wird deutlich erkennbar, daß sich die Schrift und das Schreiben von ihrem ursprünglichen Entstehungszusammenhang als bürokratische Verwaltungs- und Herrschaftstechnik in den alten Hochkulturen vollständig emanzipiert hat und zu einem Mittel der Reflektion und Erkenntnisgewinnung geworden ist. Das Schreiben war schon im alten Griechenland zu einer Kulturtechnik entwickelt worden, mit der Menschen über Jahrhunderte hinweg miteinander kommunizieren konnten. Im Zuge der voranstürmenden Digitaltechnischen Revolution wird voraussichtlich zukünftig das Notizbuch als der letzte Zufluchtsort geistiger Freiheit verbleiben. 
 
Meine Reisenotizen in meinem Notizbuch bilden die Grundlage für die Verfassung weiterer Texte, wie z.B. dem vorliegenden Reiseerlebnisbericht sowie Texten zu verschiedenen Einzelthemen, mit denen ich mich im Rahmen der jeweiligen Reise befaßt habe, und dies insbesondere, weil mir diese Themen während der Reise wiederholt begegnet sind. Grundlage dafür ist, daß ich meine Reisen weitgehend offen bezüglich der Themen und der Ergebnisse beginne. So liegt bei Reisebeginn auch die Reiseroute nicht detailliert fest, sondern nur die geografische Region, die ich auf der jeweiligen Reise bereisen und kennenlernen will. Somit bereise ich auch keine Länder, sondern von mir definierte und ausgewählte geografische Regionen, und dies ist eine Frage der wissenschaftlichen Kategorienbildung und der Klassifizierung. 
 
Schon die menschliche Sprache ist ein System der Kategorienbildung: Die von den in die Welt hineingeworfenen Menschen vorgefundene unermeßliche, unendlich vielfältige, unüberblickbare, unverstandene und unbegriffene Natur wird mittels der Sprache in einzelne Begriffe zergliedert, womit die unendliche und unüberblickbare Vielfalt der Natur handhabbar und zugleich kommunizierbar wird. Dieser Prozeß der Kategorienbildung ist eine radikale Reduktion der unendlichen Vielfalt in der Natur, um diese für die Begrenztheit des menschlichen Denkens verständlich und begreifbar zu machen. Es entsteht somit immer nur ein reduziertes Erklärungsmodell von „Natur, „Welt“ und „Wirklichkeit“, was jedoch niemals in der Lage ist, „Natur“, „Welt“ und „Wirklichkeit“ vollständig und endgültig zu erfassen und zu repräsentieren. Daher läßt sich das vom begrifflichen Denken gelieferte Modell der Wirklichkeit nicht mit der Wirklichkeit selbst gleichsetzen. Verschiedene Kulturen haben im Verlauf der Menschheitsgeschichte verschiedene Erklärungsmodell von „Natur, „Welt“ und „Wirklichkeit“ entwickelt, was ein Bestandteil der kulturellen Vielfalt der Menschheit ist, und diese wandeln sich im Laufe der Zeit. Auch unsere wissenschaftlich fundierten Erklärungsmodelle von „Natur, „Welt“ und „Wirklichkeit“ verändern sich im Laufe der Zeit, z.B. im Rahmen einer „wissenschaftlichen Revolution“ (5). 
 
Kategorienbildung ist eine Grundlage einer jeden wissenschaftlichen Disziplin, und es stellt sich die Frage, was die Wissenschaftlichkeit einer wissenschaftlichen Kategorienbildung ausmacht: Jede wissenschaftlichen Kategorienbildung in jeder wissenschaftlichen Disziplin muß nach signifikanten, nachvollziehbar und überzeugend begründeten Kriterien erfolgen. Im Rahmen meiner Reisen erfolgt diese Kategorienbildung insbesondere nach natur- und kulturgeografischen Kriterien. Die weitgehende Offenheit der Reise bezüglich Reiseroute und Themen ist eine Grundlage dafür, daß die Reise den Charakter eines ergebnisoffenen Lern- und Erkenntnisprozesses hat, dessen Bestandteil die Reiseerlebnisse und die Reiseerfahrungen sind, womit Aspekte der Erlebnispädagogik (6) Berücksichtigung finden. 
 

Teil 2: Verlauf meiner Fahrradreise durch das südöstliche Europa 

 
Im Folgenden stelle ich meine Fahrradreise durch das südöstliche Europa und meine Reiseerlebnisse ausführlicher dar, wobei ich einige markante Themen hervorhebe und umfangreicher ausführe: 
 
Meine Fahrradreise durch das südöstliche Europa beginne ich am 14. Juni 2023 vor meiner Haustüre in Berlin, wo ich auch schon einen Teil meiner Fahrradreisen in den Jahren zuvor begonnen hatte. Die Metropole Berlin verlasse ich auf dem Mauerradweg (7) entlang des Teltow-Kanals. Hinter der Berliner Stadtgrenze, entlang der bis 1989 die Berliner Mauer verlief, beginnt auch heute noch mit einer markanten Bebauungs- und Siedlungsgrenze abrupt der Ländliche Raum. Eine suburbane Zersiedlung der Berlin umgebenden Agrarlandschaft hat bislang kaum stattgefunden. Über holprige Betonplattenwege gelange ich durch eine flurbereinigte, monotone, großflächige Agrarlandschaft, die durch die Industrialisierung der Landwirtschaft in der DDR geschaffen wurde. Weiter fahre ich durch den Fläming. Die Landschaft ist hier durch ausgedehnte gleichförmige Kiefern-Monokulturen geprägt, in denen es umfangreiche Reste ehemaliger Militäranlagen gibt, die langsam verfallen. Ein großer Teil dieser ehemaligen Militäranlagen wurde vom sowjetischen Militär (8) genutzt, bis dieses im Jahre 1994 vollständig abgezogen wurde. Dieser Abzug des sowjetischen Militärs war im Rahmen des Zwei-plus-Vier-Vertrages (9) bis zum 31. Dezember 1994 vereinbart worden. Während die KSZE (10) in ihrer Charta von Paris (11) im November 1990 den Ost-West-Konflikt für beendet erklärte, der Warschauer Pakt am 1. Juli 1991 aufgelöst wurde (12) und das sowjetische Militär aus der östlichen Hälfte Europas abgezogen wurde, wurde jedoch die Zusage, die Nato nicht nach Osten auszuweiten, nicht eingehalten (13). Bei Torgau erreiche ich die Elbe und fuhr entlang dem Elbe-Radweg (= Eurovelo 7) durch Sachsen nach Tschechien. 
 

Waldsterben in den Sudeten 

 
Bei der Stadt Děčín/Tetschen verließ ich den Elbe-Radweg. Bei meinen Fahrradreisen durch Teile des östlichen Mitteleuropas in den Jahren 2019 und 2021 war ich nördlich der Sudeten entlanggefahren. Jetzt fuhr ich an der Südseite des Riesengebirges entlang und besuchte dabei auch die Stadt Hradec Králové/Königgrätz. Hier und in der Umgebung hatte es während des Preußisch-Österreichischen Krieges (14) am 03.07.1866 die Schlacht bei Königgrätz gegeben, die als die zweitgrößte Schlacht des 19. Jahrhunderts gilt. Der Preußisch-Österreichgische Krieg des Jahres 1866 war nicht der erste Krieg zwischen Preußen und der Habsburger-Monarchie gewesen, ihm gingen die drei Schlesischen Kriege in den Jahren 1740 bis 1763 (15) voraus. In der gesamten Umgebung der Stadt Hradec Králové/Königgrätz erinnern zahlreiche Denkmäler und Grabstätten an dieses historische Ereignis des Jahres 1866, und zahlreiche Infotafeln erklären in vier Sprachen (Tschechisch, Englisch, Deutsch, Polnisch) zahlreiche Details des Geschehens. Die in der gesamten Landschaft anzutreffenden zahlreichen detaillierten Infotafeln und die vielen Erinnerungs- und Gedenkorte zeigen auf, daß hier große geschichtswissenschaftliche und archäologische Anstrengungen geleistet werden, um die Ereignisse des Jahres 1866 zu rekonstruieren und aufzuklären. Im Dorf Chlum gibt es zu diesen historischen Ereignissen ein „Kriegsmuseum 1866“ (16) mit einem benachbarten Aussichtsturm. Die Ausstellungen des Museums gliedern sich im Wesentlichen in zwei Teile, wobei der Ausstellungsteil im Erdgeschoß die historischen Umstände und Rahmenbedingungen der Ereignisse des Jahres 1866 zum Thema hat, während ein weiterer Ausstellungsteil im Untergeschoß Aspekte und Einzelheiten der Schlacht bei Königgrätz am 03.07.1866 darstellt. In Anbetracht der Ereignisse des (extremen) 20. Jahrhunderts gelangt das 19. Jahrhundert oft in den Hintergrund und wird kaum wahrgenommen (abgesehen von der Ära der Napoleonischen Kriege), sodaß es aufschlußreich ist, daß hier bedeutende Ereignisse des 19. Jahrhunderts ausführlich dargestellt werden. U.a. wird im Museum darauf verwiesen, daß die Ereignisse des Jahres 1866 als Bestandteil der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs angesehen werden sollten. Beachtenswert ist der Umstand, daß der Krieg des Jahres 1866 Seuchen zur Folge hatte: Eine Cholera-Epidemie forderte alleine in der Habsburger-Monarchie ca. 120.000 Todesopfer, was die Zahl der Kriegstoten der Schlacht bei Königgrätz mit ca. 55.000 Todesopfern deutlich übertrifft. Vergleichbares ereignete sich dann in größerem Maßstab während des Ersten Weltkrieges, der die sogenannte „Spanische Grippe“ zur Folge hatte mit ca. 25 bis 50 Mio. Todesfällen weltweit (17). 
 
Weiter fuhr ich durch den Glatzer Kessel zum Altvatergebirge (18). Das Riesengebirge und das Altvatergebirge sind Bestandteile des Gebirgszuges der Sudeten (19), der ca. 310 km lang und 30 bis 50 km breit ist. Im Altvatergebirge unternahm ich am 02.07.2023 eine Fahrrad-Exkursion in die Gipfelregion, wobei ich die höchste Erhebung des Altvatergebirges, den Altvater/Pradet (1491 m) erreichte. Vergleichen wollte ich die Hochlagen des Altvatergebirges mit denen des Riesengebirges. Zuletzt war ich im Jahre 2019 während einer Fahrradreise durch Schlesien im Riesengebirge gewesen und war dort am 26.09.2019 auf die Schneekoppe (1603 m) (20) gelangt, dem höchsten Berg des Riesengebirges. Das Riesengebirge ist ein Naturschutzgebiet, das als Nationalpark (Karkonoski Park Narodowy) geschützt ist (21). Im Riesengebirge liegt die klimatische Waldgrenze (22) bei einer Höhe von etwa 1200 m. Die höchsten Lagen des Riesengebirges im Bereich der Schneekoppe (1603 m) liegen oberhalb der klimatischen Waldgrenze, und diese baumlose Hochgebirgslandschaft ähnelt dem Kahlen Fjell (23) des Skandinavischen Gebirges. Die potentielle natürliche Vegetation (24) im Riesengebirge ist entsprechend den Höhenstufen (25) in den Tallagen Laubwald (26) und in den Hochlagen Bergwald (27). 
 
Das Riesengebirge und das Altvatergebirge waren in den 80er Jahren die Regionen in Europa gewesen, die am Meisten vom Waldsterben (28) betroffen gewesen sind. Während meines Studiums an der Freien Universität Berlin war das Thema „Waldsterben“ damals in meinem Nebenfach Biologie ein auch von mir bearbeitetes Thema gewesen. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre konnte ich mir selbst im Riesengebirge ein Bild von der Lage machen: In den gesamten Hochlagen des Riesengebirges waren die dort dominierenden Fichtenreinbestände großflächig über etliche Quadratkilometer hinweg abgestorben, sodaß der Wald im Riesengebirge überwiegend aus grauen Fichtengerippen bestand. 
 
Es stellt sich die Frage, warum insbesondere in den Mittelgebirgen in Europa großflächige Fichtenmonokulturen dominieren und nicht natürliche, standortgerechte Mischwälder, die sich dort im Zuge einer Sukzessionsfolge (29) als Klimax-Zustand etablieren würden. Das Erscheinungsbild des Waldes (30) änderte sich durch die Einwirkungen des Menschen erheblich im Laufe der Zeit, was die Geschichte des Waldes aufzeigt (31). Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im Zuge der Entstehung der modernen Forstwirtschaft (32) aus forstwirtschaftlichen Erwägungen heraus insbesondere in Mitteleuropa und auch im Riesengebirge großflächige Fichtenmonokulturen angelegt, die auch heute noch überwiegend das Erscheinungsbild des Waldes prägen. Anstatt auf natürlichen Wald als einer artenreichen Biozönose (33) treffen wir somit heute überall auf artenarme Monokulturen (34) forstwirtschaftlicher Nutzholzplantagen (35), die sich durch sehr geringe Biodiversität (36) auszeichnen. Auch im Riesengebirge und im Altvatergebirge besteht der Wald nahezu vollständig aus Fichtenmonokulturen. Die sich weltweit permanent ausdehnenden Monokulturen der industriellen Land- und Forstwirtschaft sind die Hauptursache des globalen Verlustes an Biodiversität und des rasanten Artensterbens (37). Im gegenwärtigen Erdzeitalter des Anthropozän (38) ereignet sich derzeit das sechste Massenaussterben (39) der Erdgeschichte, und dieses ist noch weit vor dem sogenannten „Klimawandel“ das größte ökologische Problem. 
 
Warum waren insbesondere die Sudeten und das Altvatergebirge mehr als andere Waldgebiete in Europa vom Waldsterben betroffen? In Mitteleuropa haben wir zu etwa 90% Wetterlagen mit Westwind, sodaß die Luftverschmutzungen nahezu sämtlicher Industriegebiete Europas, insbesondere aus England, Nord-Frankreich, Belgien, dem Ruhrgebiet, der DDR und Böhmen die Sudeten erreichten. Zudem sind Fichtenmonokulturen wie jede Monokultur im Vergleich mit der standortgerechten potentiellen natürlichen Vegetation sehr viel weniger stabil und weit anfälliger gegenüber jeder Form von Umweltbelastung, und somit auch gegenüber industriellen Luftverschmutzungen. Mit der Einrichtung von Entschwefelungsanlagen und der Erfindung und Verbreitung der Gipskartonplatte im Gebäude-Innenausbau verschwand das Thema „Waldsterben“ in den 90er Jahren aus den Schlagzeilen. 
 
Doch die Kritik an der industriellen Forstwirtschaft und der durch sie bewirkten Umwandlung der Wälder in monotone, gleichförmige und artenarme Nutzholzplantagen mit sehr geringer Biodiversität behält weiterhin ihre Berechtigung, zumal die forstindustrielle Umwandlung artenreicher natürlicher Wälder in gleichförmige und monotone Nutzholzplantagen weltweit weiter voranschreitet, wobei die industrielle Forstwirtschaft „Wald“ als eine Ansammlung von Holzgewächsen begreift, die sich zweckrational ausschließlich über den Nutzholzertrag in Kubikmeter pro Hektar und Jahr bemessen und quantifizieren läßt, und dem Wald als Ökosystem keinerlei Bedeutung und Wert zukommt. So sind die sogenannten „Waldschäden“ wie Borkenkäferplagen, großflächiger Windbruch und Waldbrandgefahr überhaupt erst ein Produkt der Bewirtschaftungsmethoden der modernen industriellen Forstwirtschaft und der durch sie geschaffenen gleichförmigen und sterilen Monokulturen, doch die industrielle Forstwirtschaft leugnet einen Kausalzusammenhang, was auch beim Wikipedia-Artikel zum Thema „Waldschäden“ (40) deutlich wird. 
 
Warum expandieren weltweit die gleichförmigen und sterilen Monokulturen der industriellen Forstwirtschaft auf Kosten naturnaher artenreicher Wälder? In der Industriegesellschaft werden sowohl die Natur, als auch die Gesellschaft gemäß „instrumenteller Vernunft“ (41) (Max Horkheimer) zweckrational zugerichtet und in sterile, gleichförmige Monokulturen umgewandelt, und jegliche Vielfalt geht dabei verloren (42). Die fortgeschrittene Industriegesellschaft hat das Ziel, permanentes Wirtschaftswachstum zu erzwingen, wofür sämtliche Bereiche der Gesellschaft zugerichtet und gleichgeschaltet werden. Mit der permanenten Ausweitung des Konsums verbunden ist ein permanent wachsender Verbrauch von Rohstoffen und eine permanent wachsende Verschwendung von Energieressourcen mit der Folge sich ausweitender Naturzerstörungen. Ebenso wird im auf Hochtouren laufenden industriellen Produktionsprozeß die menschliche Arbeits- und Lebenszeit verschwendet. Immer weitere gesellschaftliche Bereiche werden ökonomischem Kalkül unterworfen, zweckrational zugerichtet und gemäß instrumenteller Vernunft gleichgeschaltet und industrialisiert. 
 
Die alternativlose Notwenigkeit permanenten Wirtschaftswachstums ist nicht nur Produkt einer Medienkampagne, es ist vielmehr die Grundlage nahezu jeglicher wirtschaftlicher und politischer Theorie und Praxis (43). Nur durch permanentes Wirtschaftswachstum, das im Allgemeinen in Form des Bruttosozialprodukts (BSP) gemessen wird, entsteht nach allgemeiner Auffassung Wohlstand und Lebensqualität, und diese messen sich in der Menge der konsumierbaren Industrie-Produkte und Waren. In der Konsumgesellschaft (44), die zugleich eine Wegwerfgesellschaft ist, werden die Menschen auf die Rolle und Funktion von Konsumenten standardisierter Industriefertigprodukte reduziert und es verkümmert ihre Kreativität und Initiative. Folge ist eine Konsumkultur, die durch Passivität und Bequemlichkeit, durch Ablenkungen, Zerstreuungen und seichte Vergnügungen, durch Besinnungs- und Reflektionslosigkeit geprägt ist. Die Konsumkultur verhindert, daß die Menschen nach dem Modell der Maslowschen Bedürfnishierarchie (45) die Ebene der Transzendenz erreichen. In der Konsumkultur bleiben sie Gefangene nicht reflektierter Leidenschaften und manipulierter Wünsche. Die Konsumkultur ist nach der Analyse des Sozialpsychologen Erich Fromm (1900-1980) vom Haben und nicht vom Sein bestimmt: „Wenn die Menschen jemals frei werden, das heißt dem Zwang entrinnen sollen, die Industrie durch pathologisch übersteigerten Konsum auf Touren zu halten, dann ist eine radikale Änderung des Wirtschaftssystems vonnöten“ (46). 
 
Der Umgang mit dem Rohstoff Holz in unserer Konsumgesellschaft entwertet diesen zu einem Wegwerfprodukt, und immer größere Mengen an Holz, die zu immer kurzlebigeren Produkten verarbeitet werden, müssen den Wirtschaftsprozeß passieren, um weiteres Wirtschaftswachstum der mit dem Rohstoff Holz verbundenen Branchen zu gewährleisten. Es besteht also auch hier ein Wachstumszwang (47), da sich in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft scheinbar sämtliche wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme durch permanentes Wirtschaftswachstum lösen lassen. Die ökologische Krise bildet hingegen eine Ausnahme, sodaß es seit Anfang der 70er Jahre eine Wachstumskritik (48) gibt. Das Konzept eines sogenannten „Grünen Wachstums“ (49) ist jedoch der Versuch, der Wachstumskritik auszuweichen und das Dogma des Wirtschaftswachstums zu retten. Erforderlich ist eine stationäre Wirtschaft (50) im Sinne von Subsistenzwirtschaft (51). Wenn wir zukünftig naturnahe artenreiche Wälder mit hoher Biodiversität haben wollen, ist somit ein Abschied vom Dogma des Wirtschaftswachstums und ein anderer gesellschaftlicher Umgang mit dem Rohstoff Holz erforderlich. 
 
Die Gipfelregion des Altvatergebirges ist mit Straßen und großen Parkplätzen autogerecht erschlossen, und ein riesiger Turm dominiert den Gipfel, der die technische Beherrschung der Gebirgsnatur durch die Industriegesellschaft zum Ausdruck bringt. Anspruch der automobilen Gesellschaft ist es, jeden noch so abgelegenen Punkt in der Landschaft automobil erreichen zu können, und zu diesem Zweck werden sämtliche Landschaften automobil erschlossen und entsprechend zugerichtet. Autogerechte Planung hat überall weiterhin Priorität, und allenorts leistet insbesondere die EU große Aufwendungen, um in dem von ihr verwalteten und permanent erweiterten europäischen Großwirtschaftsraum die KFZ-Infrastruktur auszubauen und auszuweiten, denn die automobile Beschleunigung der Gesellschaft ist Mittel zur Erzeugung permanenten Wirtschaftswachstums. 
 

Nationalismus und das Scheitern des Völkerbundes 

 
Bei meiner Weiterfahrt besuchte ich in der Stadt Opava/Troppau das Schlesische Museum (52). Schon bei meinen früheren Fahrradreisen hatte ich die Schlesischen Museen in den Städten Görlitz und Kattowitz besucht. Dann gelangte ich durch das Hultschiner Ländchen (53). Das Hultschiner Ländchen ist ein Teil der Region Oberschlesien (54). Bei der Kreisreform vom 01.01.1818 im Regierungsbezirk Oppeln wechselte das Hultschiner Ländchen mit der Stadt Hultschin/Hlučín aus dem Landkreis Leobschütz (55) in den Landkreis Ratibor (56). Am 01.01.1920 wurde das Hultschiner Ländchen ohne Volksabstimmung ein Bestandteil der als ein Zerfallsprodukt der Habsburger-Monarchie neu entstandenen Tschechoslowakei, während im übrigen Oberschlesien Volksabstimmungen (57) durchgeführt wurden, für die eine Interalliierte Regierungs- und Plebiszitkommission (58) zuständig war, die zudem Teilungspläne für Oberschlesien ausarbeitete. Die Angelegenheit wurde an eine Kommission des Völkerbundes übertragen, und der Völkerbundsrat entschied sich 1921 für eine Teilung Oberschlesiens. Sowohl der Interalliierten Regierungs- und Plebiszitkommission, als auch dem Völkerbund lag offensichtlich die Auffassung zugrunde, die Nationalität der Menschen sei eine natürliche, von Geburt an gegebene, unveränderliche, exakt zu messende und zu ermittelnde Eigenschaft, und ebenso seien Nationen naturgegebene Tatsachen, deren natürliche Grenzen sich exakt in der Landschaft ermitteln und bestimmen lassen. Tatsächlich jedoch ist das östliche Europa und mehr noch das südöstliche Europa durch hochgradige ethnische und sprachliche Gemengelagen geprägt, sodaß es dort zuvor überwiegend Vielvölkerstaaten gab. Jeder Versuch von Grenzziehungen im Zuge der Schaffung homogener Nationalstaaten muß zwangsläufig zu endlosen und eskalierenden Konflikten führen, was sich tatsächlich auch ereignete, sodaß radikale und kompromißlose Nationalisten die Konflikte eskalierten und ein neuer großer Krieg entstehen konnte. Vor diesem Hintergrund beginnt m.E. das Scheitern des Völkerbundes (59) in Oberschlesien. Unübersehbar wurde am Beispiel von Oberschlesien deutlich, daß nicht Gleichberechtigung angestrebt wird und Minderheitenrechte im Vordergrund stehen, sondern Machtpolitik betrieben wird. 
 
Noch immer gilt es in Europa als Zumutung und als ein zu beseitigender Zustand, wenn mehrere Sprachgruppen in einem Staat zusammenleben (müssen), und der homogene Nationalstaat gilt weiterhin als das anzustrebende Ideal der Politik. Doch insbesondere die östliche Hälfte Europas ist durch eine hochgradige Gemengelage der verschiedenen Sprachgruppen, Ethnien und Religionen geprägt, wie ein Blick auf eine Siedlungskarte unübersehbar erkennen läßt. Daher waren bis zum Ersten Weltkrieg die meisten Staaten in der östliche Hälfte Europas Vielvölkerstaaten (60) bzw. Nationalitätenstaaten. So auch das Kaiserreich Österreich-Ungarn (61), welches ein geradezu idealtypisches Beispiel eines Vielvölkerstaates gewesen ist. Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn sah sich der weitgehenden Gleichberechtigung der Sprachgruppen und Völker verpflichtet, was in Artikel 19 (Gleichberechtigung aller Volksstämme des Staates) der Dezemberverfassung Österreich-Ungarns von 1867 zum Ausdruck gelangte, und wie der Historiker Philipp Ther in seinem Buch: „Die dunkle Seite der Nationalstaaten. ‚Ethnische Säuberungen‘ im modernen Europa“ feststellt: „Jeder der ‚Volksstämme‘ der Monarchie hatte gemäß der Verfassung von 1867 anerkannte Rechte, Individuen durften wegen ihrer Nationalität nicht benachteiligt werden“ (62). Der Historiker und Politiker František Palacký (1789-1876) vertrat die Auffassung: „Wahrlich, existierte der österreichische Kaiserstaat nicht schon längst, man müßte im Interesse Europas, im Interesse der Humanität selbst sich beeilen, ihn zu schaffen“ (63). 
 
Doch radikale Nationalisten trugen wesentlich zur Auflösung und zum Ende des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn bei, und sie erreichten ihr Ziel am Ende des Ersten Weltkrieges. Hierbei kam dem vom Philosophen Tomáš Garrigue Masaryk (64) im Exil gebildete Tschechoslowakische Nationalrat (65), dessen Generalsekretär der Soziologe Edvard Beneš (66) wurde, eine herausragende Bedeutung zu. Dieser Tschechoslowakische Nationalrat wurde nämlich von den Entente-Staaten als Exilregierung anerkannt. Masaryk veröffentlichte sein Programm in seinem Buch „Das neue Europa“ (67). Aus dem Tschechoslowakischen Nationalrat ging am 14.10.1918 eine vorläufige tschecho-slowakische Regierung (68) hervor, die am 18.10.1918 die tschechoslowakische Unabhängigkeitserklärung (69) verfaßte, welche am 28.10.1918 in Kraft trat. 
 
Unter dem Vorwand des Selbstbestimmungsrechtes der Völker erzwangen die Siegermächte des Ersten Weltkrieges eine Neuordnung der östlichen Hälfte Europas nach dem Konzept des Nationalstaates. Insbesondere in Ostmitteleuropa (70) und dem sogenannten Zwischeneuropa (71) entstanden neue Nationalstaaten, in denen allen das zentralistische französische Verfassungsmodell übernommen wirde. Doch da es kein Gebiet gab, auf das nicht mehrere Nationalitäten Anspruch erhoben, mußten unausweichlich alle territorialen Regelungen im Osten und Südosten Europas willkürlich sein. In Ihrem Buch: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ analysiert die Historikerin Hannah Arendt die Folgen des Friedensvertrags von Versailles (72): „Da es sich in Versailles darum handelte, den Status quo in Europa zu restaurieren, blieb gar nichts anderes übrig, als das westliche Prinzip auf den Osten zu übertragen; die einzige Alternative in diesem Rahmen wäre die Einführung kolonialer Unterdrückungsmethoden nach Europa gewesen – wie sie die Panbewegungen immer schon vorgeschlagen hatten“ (73). Arendt hebt hervor, daß „diese neuen Staaten nicht lebensfähig waren. Ihrem Anspruch auf nationale Souveränität entsprach keine der Voraussetzungen, auf welchen die Nationalstaaten, nach deren Muster sie errichtet waren, ruhten. (…) Die Friedensverträge errichteten keine Nationalstaaten, sondern eine Reihe von Nationalitätenstaaten im Zwergmaßstab, wobei sie mehr oder minder eine dieser Nationalitäten zum Staatsvolk avancieren ließen (wie die Tschechen, die rund 50 Prozent der Bevölkerung der Tschechoslowakei, oder der Serben, die nicht mehr als 42 Prozent der Bevölkerung Jugoslawiens ausmachten) (…). Und wie es in einem Nationalstaat wie Polen aussah, in welchem das Staatsvolk kaum zwei Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachte, ist bekannt genug. (…) In den Augen der Minderheiten und der nationalen Gruppen, also aller Völker, welchen in Versailles kein Staat zugebilligt worden war, waren die Verträge das Resultat eines willkürlichen oder parteiischen oder intriganten Spiels, das einen die Herrschaft und anderen die Knechtschaft zuspielte. In den Augen der neuen Staatsvölker war die territoriale Verteilung ebenfalls völlig willkürlich, und sie beeilten sich, den schon bestehenden territorialen Konflikten zahllose neue Grenzstreitigkeiten hinzuzufügen. Mehr denn je waren die territorialen Grenzen zu etwas Willkürlichem und Zufälligem geworden, durch das kein Volk und keine Nationalität zu begrenzen war. Es hätte in dieser Ecke Europas wahrlich nicht Hitlers bedurft, um alle gegen alle zu hetzen“ (74). Infolgedessen war die Zwischenkriegszeit in ganz Europa durch eine Vielzahl bewaffneter Auseinandersetzungen geprägt (75). Hannah Arendt fügt hinzu: „Die Repräsentanten der großen Nationen waren sich wohl bewußt, daß innerhalb des Nationalstaates nationale Minderheiten früher oder später assimiliert oder liquidiert werden müssen“ (76). Der Historiker Karl Schlögel stellt in seinem Text: „Bugwelle des Krieges“ fest, daß das östliche Mitteleuropa „in besonderem Maße zur Experimentierfeld der Moderne wurde – und zum Schauplatz ihres Scheiterns. Europa ist dort, wo es am dichtesten war, gesprengt worden. Man kann diesen Prozeß als die ‚Entmischung‘ Europas bezeichnen, an dessen Ende ethnische Säuberung, Völkermord und ethnisch fast vollständig homogene Staaten stehen. Es handelt sich um den gewalttätigsten Entwurzelungsvorgang der modernen Geschichte“ (77). 
 
Die Tschechoslowakei (78) entstand nach dem Ersten Weltkrieg am 28.10.1918 als ein Zerfallsprodukt des Kaiserreichs Österreich-Ungarn auf Grundlage des Konzepts des „Tschechoslowakismus“ (79). Sie war ein Nationalitätenstaat mit einer Bevölkerungszahl von 13,6 Mio. Einwohnern (1921), darunter 50 % Tschechen, 23 % Deutschen, 14 % Slowaken und 13 % Ungarn, Polen, Ukrainern und weiteren Minderheiten. Die Deutschen in der Tschechoslowakei (80), die nach den Tschechen die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe bildeten, werden auch als „Sudetendeutsche“ (81) bezeichnet. Die Tschechoslowakei hätte mit dem Konzept einer Willensnation (82) nach dem Modell der Schweiz eine historische Chance gehabt. Neben dem Konzept der Willensnation gründet das Modell der Schweiz auf einer Tradition kommunaler Selbstverwaltung, genossenschaftlicher Selbstorganisation und direkter Demokratie, und diese Tradition hat ihren Ursprung im Mittelalter, wo sie weit verbreitet war, doch sie ist heute nirgendwo sonst noch erhalten, und diese Tradition hat nur in der Schweiz allen modernen Tendenzen zur Zentralisierung, die sich seit dem Zeitalter des Absolutismus ereignen, erfolgreich widerstanden. In der Schweiz ist die Vorstellung, einzelne der Sprachgruppen assimilieren oder gar aussiedeln und deportieren zu wollen, geradezu absurd und undenkbar. Doch kompromißlose radikale Nationalisten verhinderten eine Tschechoslowakei als einer „Schweiz im östlichen Mitteleuropa“. 
 
Dazu hat beigetragen, das sich die Tschechoslowakei bei ihrer Entstehung am zentralistischen französischen Verfassungsmodell orientiert hatte. Der Historiker Rudolf Jaworski kommentiert „den ungelösten Widerspruch zwischen der multinationalen Struktur der Tschechoslowakei und dem nationalstaatlichen Anspruch der Tschechen, die nur 51 % der Gesamtbevölkerung ausmachten“, in seinem Text: „Die Sudetendeutschen als Minderheit in der Tschechoslowakei 1918-1938“: „‘To je náš stát‘ (das ist unser Staat) lautete die apodiktische Formel des jungen tschechischen Nationalstaatsbewußtsein. Dieser Staat wurde als das exklusive Eigentum der tschechischen Nation begriffen“ (83). In seinem Buch: „Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen“ kommentiert der Völkerrechtler Alfred Maurice de Zayas diese Entwicklungen: „Nachdem den Sudetendeutschen die Vereinigung mit den Tschechen aufgezwungen worden war (…), hätte die Prager Regierung überflüssige Spannungen vermeiden können, wenn sie die Deutschen zu voller Partnerschaft im Staat herangezogen hätte, auf der Grundlage völliger praktischer wie theoretischer Gleichberechtigung. Die Prager Regierung hätte den Deutschen die Rechte und Möglichkeiten der Tschechen und der Slowaken ebenfalls einräumen sollen. Leider wurde das Modell einer neuen Schweiz, wie es Dr. Benesch bei den Pariser Friedensverhandlungen so feierlich verkündet hatte, niemals verwirklicht“ (84). 
 
Der Nationalitätenkonflikt in der Tschechoslowakei führte zur Sudetenkrise (85) und zum Münchener Abkommen vom 29.09.1938 (86) mit der Folge der Zerschlagung der Tschechoslowakei (87). In seinem Buch: „Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück“ stellt der Kommunikationswissenschaftler und ehemalige Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz (1939-2005) die Frage: „Was für ein Staat wurde im Herbst 1938 von den Signaturmächten des Münchner Abkommens – Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien – amputiert und im Frühjahr 1939 von Hitler zerschlagen? Kühl ausgedrückt: ein brodelnder Nationalitätenstaat, den viele seiner Protagonisten zum Nationalstaat hatten machen wollen, eine ‚neue Demokratie‘, die sich redlich bemühte, aber sich an ihren viel zu großen Minderheiten verschluckt hatte, eine Konstruktion (der Tschechoslowakismus), die nicht trug. Die ČSR war demokratischer als die anderen neuen Nationalstaaten, zum Beispiel die autoritären (und reichlich antisemitisch eingestellten) Regime in Polen, Ungarn und Rumänien. Aber sie war auf einer falschen Versprechung gegründet worden, dem berühmten Satz von Außenminister Beneš in seinem Mémoire III vom Januar 1919: ‚Das Regime würde ähnlich dem der Schweiz sein.‘“ (88). So trugen die Umstände des Zerfalls der Tschechoslowakei zur Entstehung des Zweiten Weltkrieges (89) bei. 
 
In der Stadt Hlučín/Hultschin besuchte ich das Museum des Hultschiner Ländchens (90). Das kleine, exzellent konzipierte Museum bietet eine Fülle gut aufbereiteter Materialien mit umfangreichen Informationen, die durchgängig zweisprachig angeboten werden (Tschechisch, Deutsch). Die Ausstellung ist in sechs thematische Bereiche gegliedert, die jeweils einer eigenen historischen Chronologie folgen. Für ein Verständnis des historischen Zusammenhangs der historischen Ereignisse ist es sehr hilfreich, daß die historischen Entwicklungen im Hultschiner Ländchen im Zusammenhang mit den Entwicklungen in den Nachbarregionen dargestellt werden, insbesondere den angrenzenden Teilen Oberschlesiens mit den Städten Ratibor und Leobschütz. Anschließend fuhr ich weiter durch die Stadt Ostrava/Ostrau, die Teil des oberschlesischen Industriegebietes ist. 
 
Dann erreichte ich die im Tal des Flusses Olza/Olse gelegene „Doppelstadt“ Český Těšín/Cieszyn/Teschen (91), deren Entstehung auf das Jahr 810 n. Chr. zurückgeführt wird. Tatsächlich handelt es sich auch bei dieser „Doppelstadt“ um eine einzige historisch gewachsene Stadt, die später in der Neuzeit von einer Staatsgrenze geteilt wurde. Derartige Teilungen von Städten sind ein weit verbreitetes Phänomen der Neuzeit und sie ereigneten sich insbesondere im Zeitalter des Nationalismus und der Herausbildung von Nationalstaaten (92). Immer wieder gelangte ich bei meinen Fahrradreisen in Europa durch zahlreiche dieser eigenartigen „Doppelstädte“. Insbesondere interessiert mich an diesen „Doppelstädten“ die jeweilige Teilungssituation, sodaß ich stets beide Teile einer „Doppelstadt“ besuche. Diese geteilten Städte können auch als Ausdruck des Niedergangs der Städte seit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit angesehen werden, und sie sind somit ein Ausdruck der in der Neuzeit erlangten Dominanz des zentralistischen absolutistischen Staates über die zuvor weitgehend selbstständigen Städte. Bis heute haben die Städte ihre frühere Bedeutung und Selbstständigkeit nicht wieder erlangt. 
 
Dann überquerte ich den Jablunkapaß (550 m) und gelangte in die Slowakei. In der Slowakei erreichte ich das Tal des Flusses Waag/Váh. Bei meiner Fahrradreise im Jahre 2019 durch Teile des östlichen Mitteleuropas war ich nach der Durchquerung von Schlesien und der Überquerung des Jablunkapasses (550 m) das Tal des Flusses Waag/Váh zur Donau herabgefahren. Jetzt folgte ich dem Tal des Flusses Waag/Váh flußaufwärts und durchquerte die Slowakei südlich der Westkarpaten (Beskiden). 
 

Autogerechte Planung für die automobile Gesellschaft 

 
Das umfangreiche Netz gut ausgebauter und einheitlich ausgeschilderter Fahrradwege in Tschechien endet abrupt an der Grenze zur Slowakei. Obwohl Tschechien und die Slowakei bis zum Jahre 2003 einen gemeinsamen Staat gebildet hatten, hat sich seither die Verkehrspolitik der beiden Länder offensichtlich in entgegengesetzte Richtungen entwickelt. Während in Tschechien ein umfangreiches Netz gut ausgebauter und gut ausgeschilderter Fahrradwege entstanden ist, das das gesamte Land abdeckt, und wobei die Fahrradwege oft auf separaten Trassen abseits vom KFZ-Verkehr verlaufen, und ansonsten die bestehenden KFZ-Straßen erhalten werden, fehlen hingegen in der Slowakei Fahrradwege fast vollständig, und im gesamten Land werden überall neue Autobahnen und Autoschnellstraßen gebaut. 
 
Im gesamten nun von mir durchfahrenen Südost-Europa hat das Fahrrad als Verkehrsmittel keinerlei Bedeutung, es gibt nahezu nirgendwo Fahrradwege und es sind dort rein automobile Gesellschaften entstanden. Diese Entwicklung hin zu rein automobilen Gesellschaften wird von der EU massiv gefördert, wie omnipräsente große Infotafeln und unzählige Straßenbaustellen im gesamten südöstlichen Europa aufzeigen. Selbst die Eurovelo-Routen, die als Fahrrad-Fernwanderwege durch Europa angelegt sind, befinden sich im gesamten südöstlichen Europa noch fast gänzlich im Planungsstadium und existieren faktisch so gut wie nicht. Zweifellos sind diese Verkehrsverhältnisse eine Folge der Prioritätensetzung in Europa, wo Automobilismus und autogerechte Planung gefördert werden zum Zweck der permanenten Beschleunigung und Mobilisierung der Gesellschaft, um permanentes Wirtschaftswachstum im gesamten europäischen Großwirtschaftsraum zu gewährleisten, der von der EU verwaltet wird. Fahrradwege gibt es erst erst wieder in Österreich, und dort besteht tatsächlich ein exzellentes und vorbildliches Fahrradwegenetz. 
 
Am Beispiel der Slowakei wird deutlich, daß insbesondere die EU große Anstrengungen und große finanzielle Aufwendungen leistet, worauf auf zahlreichen Infotafeln hingewiesen wird, um die KFZ-Infrastruktur in Europa auszubauen und den KFZ-Verkehr zu fördern. Im gesamten Europa entsteht nach dem Vorbild der USA auf Grundlage autogerechter Planung eine automobile Gesellschaft mit automobiler Lebensweise als einer Erscheinungsform und Ausprägung der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Am Beispiel der USA lassen sich schon heute die Entwicklungen studieren, die in einigen Jahren danach auch in Europa umgesetzt werden, und in der gesamten östlichen Hälfte Europas erfolgen diese Entwicklungen derzeit am radikalsten und schnellsten. 
 
Ein Beispiel dafür bietet die Stadt Spisska Nova Ves in der östlichen Slowakei. Dort gelangte ich durch die in der östlichen Hälfte Europas üblichen und weit verbreiteten Plattenbausiedlungen, sowie durch riesige Gewerbe- und Einkaufsareale, die durch riesige Werbetafeln weit in der Landschaft sichtbar sind. Die Slowakei präsentiert sich als ein Land in Europa mit den größten und meisten Werbetafeln im öffentlichen Raum. Diese Gewerbe- und Einkaufsareale sind mit riesigen Parkplätzen autogerecht geplant und ausgestaltet, und unübersehbar orientiert sich dieses Planungskonzept am Vorbild der automobilen us-amerikanischen Gesellschaft. Diese Planungskonzepte werden seit 1989/90 insbesondere in der östlichen Hälfte Europas geradezu idealtypisch umgesetzt, und man trifft sie mittlerweile fast überall insbesondere bei größeren Städten an. Man meint, sich in den USA zu befinden, wenn es nicht in der Umgebung große Plattenbausiedlungen geben würde. Noch weniger als in der westlichen Hälfte Europas ist bis heute in der östlichen Hälfte Europas begriffen und verstanden worden, daß der Automobilismus als Grundlage der Beschleunigten Gesellschaft ein Herrschaftsmodell zur Steuerung der Gesellschaft ist. Doch schon vor 1989/90 hatte die östliche, „realsozialistische“ Variante der industriellen Moderne mit ihrer autogerechten Planung für die jetzt erfolgenden Entwicklungen die Grundlagen und die Erwartungshaltungen geschaffen. 
 
Ein charakteristisches Element der Automobilisierung der Gesellschaft ist das Konzept des „Drive In“ und des „Drive Through“. Ziel der Entwicklung ist die totale Automobilisierung aller Bereiche des Lebens, wobei man möglichst nicht mehr aus dem Auto aussteigen muß. In den USA gibt es Häuser, in denen man im eigenen Automobil in speziellen Aufzügen in die eigene Wohnung gelangen kann, und es sind dort Wohnmobile üblich und überall präsent, in denen ein PKW in einer integrierten Garage mitgeführt wird. Die totale Automobilisierung bedeutet, daß wir zukünftig nahezu unser gesamtes Leben im Auto als einer Art Ganzkörpervollprothese verbringen werden, in der uns zukünftig in Zuge der unbegrenzten Möglichkeiten der Digitaltechnischen Revolution virtuelle Realitäten simuliert werden. Wir befinden uns auf dem Weg zum Trans- und Posthumanismus und der Technologischen Singularität. 
 
Weiter fuhr ich über Košize/Kaschau nach Ungarn. Bei der Stadt Tokaj passierte ich den Fluß Theiß und fuhr durch die Ungarische Tiefebene. Dort ereignete sich beim Dorf Ura am 20. 07.2023 ein außergewöhnlich schweres Gewitter mit 4 cm großen Hagelkörnern. 
 

Kulturelle Vielfalt in Siebenbürgen 

 
Weiter fuhr ich nach Siebenbürgen (93) in Rumänien, wo ich mehrere Städte besuchte, darunter: Clui-Napoka/Koloszvar/Klausenburg, Targu Mures/Marosvásávheli/Neumarkt am Mieresch, Sighisoara/Schäßburg/Segesvar, Sibiu/Nagyszeben/Hermannstadt, Alba Julia/Gyulafehevar/Karlsburg bzw. Weißenburg. Die Mehrzahl der Städte in Siebenbürgen wurde während der hochmittelalterlichen Stadtgründungsphase (94) von sogenannten „Siebenbürger Sachsen“ (95) gegründet. 
 
Die Stadt Clui-Napoka/Koloszvar/Klausenburg (96) kündigt sich schon viele Kilometer, bevor ich sie erreichte, durch ausgedehnte Industrie- und Gewerbegebiete an. Dann durchfahre ich auf stadtautobahnähnlichen Boulevards große Areale mit großen Plattenbauten, die hier in einem eigenen Baustiel errichtet sind, der von der üblichen Monotonie der von Magdeburg bis Wladiwostok stilbildenden Plattenbauten, den „Wohnmaschinen“ der östlichen, „realsozialistischen“ Variante der industriellen Moderne, abweicht. In meinem Reiseführer wird die Stadt Klausenburg als „Studentenstadt, Touristenstadt und Kulturstadt“ vorgestellt, doch mein erster Eindruck ist von riesigen Industrie- und Gewerbegebieten, die weit in die umgebende Landschaft reichen, und von verkehrsreichen, großen und lauten Straßen geprägt. Endlich erreiche ich das Stadtzentrum, das von zahlreichen großen repräsentativen historischen Gebäuden geprägt ist. Da Klausenburg die größte und älteste Stadt in Siebenbürgen ist, habe ich hier einen Aufenthalt mit Stadtexkursionen eingeplant, um diese Stadt etwas näher und besser kennenzulernen. 
 
Die beiden größten Denkmäler der Stadt Klausenburg sind Ausdruck konkurrierender nationalistischer Geschichtspolitiken in der real-existierenden Gedenk- und Erinnerungskultur: Das Eine ist ein im Jahre 1902 errichtetes Reiterstandbild von König Matthias Corvinus (1443 – 1490) (97) auf dem Platz Piața Unirii, das Andere eine Statue von Fürst Mihai Vitaezul (1558 – 1601) (98) auf dem Platz Piața Mihai Vitaezul. Des Weiteren gibt es auch in Klausenburg eine Skulptur von Romulus und Remus mit der Kapitolinischen Wölfin (99), und diese Skulpturen, die in großer Zahl in den meisten Orten in Rumänien anzutreffen sind, sind ein Präsent von Italien, wo diese offensichtlich als standardisierte Industriefertigprodukte in Massen hergestellt und über große Teile der Welt verbreitet werden. 
 
Auf dem größten und zentralsten Platz in Klausenburg, dem Piața Unirii, treffe ich auf eine kleine Fotoausstellung, die das Verhältnis von Deutschen und Rumänen zum Thema hat. Mich interessiert die Situation von Minderheiten in Europa im Vergleich der Verhältnisse in den einzelnen Ländern. Konkret stellt sich die Frage, warum insbesondere nach 1989/90 nahezu sämtliche „Siebenbürger Sachsen“ aus Siebenbürgen ausgewandert sind, sodaß heute beinahe keine deutschsprachige Minderheit in Siebenbürgen mehr existent ist. Damit findet die sprachliche und ethnische Homogenisierung insbesondere der östlichen Hälfte Europas ihre Fortsetzung, die insbesondere das extreme 20. Jahrhundert prägt und deren heutiges Ergebnis sprachlich und ethnisch homogene Nationalstaaten sind. U.a. ist ein Ergebnis des extremen 20. Jahrhunderts, daß nahezu sämtliche deutschsprachige Minderheiten in der östlichen Hälfte Europas verschwunden sind, und mit der Auswanderung der Siebenbürger Sachsen findet dieser Prozeß seinen Abschluß. Es ist signifikant, daß der Prozeß der Homogenisierung von Nationalstaaten in der östlichen Hälfte Europas nach 1989/90 wieder erneut einsetzte und seine Fortsetzung erfährt und heute insbesondere in der östlichen Hälfte Europas überall der Nationalismus wieder auflebt. 
 
Die historische Altstadt der Stadt Sighisoara/Schäßburg/Segesvar (100), die ich am 29. und 30.07.2023 besuchte, ist seit 1999 Unesco-Welterbe (101). Mittlerweile habe ich während meiner Reisen in zahlreichen Ländern eine Vielzahl von Unesco-Welterbestätten besucht, und mein Gesamteindruck ist, daß dieses Programm überwiegend ein Instrument der Tourismusförderung und der Förderung der jeweiligen Tourismus-Industrie ist, als daß es tatsächlich zur Förderung der kulturellen Vielfalt der Menschheit nennenswert beiträgt. So findet der gesamte Bereich der sogenannten „immateriellen Kultur“ nahezu keine Berücksichtigung, obwohl wir in einem Zeitalter leben, das durch einen weltweiten rasanten und irreversiblen Verlust an kultureller Vielfalt geprägt ist, wobei ein bedeutender Bestandteil dieses Verlustes das rasante weltweite Aussterben von Sprachen (102) ist. Der Verlust an kultureller Vielfalt korreliert mit dem globalen Verlust an biologischer Vielfalt/Biodiversität (Biokulturelle Diversität) (103). In der Industriegesellschaft werden sowohl die Natur, als auch die Gesellschaft zweckrational zugerichtet und in sterile, gleichförmige Monokulturen umgewandelt, und jegliche Vielfalt geht dabei verloren. Die fortgeschrittene Industriegesellschaft hat eine gleichförmige globale Konsumgesellschaft mit einheitlicher Konsumkultur zur Folge. Diese globale Konsumkultur wird durch das derzeit bestehende Unesco-Welterbeprogramm gefördert. Es müßte auf andere Grundlagen mit anderen Prioritäten gesetzt werden, um einen sinnvollen Beitrag zum Erhalt kultureller Vielfalt einschließlich biokultureller Vielfalt zu leisten. 
 
Des Weiteren hat eine Ernennung zum Unesco-Weltkulturerbe eine Zunahme und Intensivierung des Automobilverkehrs zur Folge, denn die Mehrzahl der Touristen reist mit dem eigenen PKW an. Folge ist, daß Automobile den Charakter von Unesco-Welterbestätten prägen, denn überall wird mit diesen PKW selbst in engen Gassen herumgefahren, und auch werden diese dort abgestellt. Tatsächlich haben heute im gesamten Europa die zentralen Plätze nahezu aller mittelalterlichen Städte den Charakter von Abstellflächen für Automobile, und es ist erstaunlich, wie vorausschauernd die Stadtgründer der mittelalterlichen Städte gewesen sind, daß sie die Parkplatznöte unseres automobilen Zeitalters vorausgesehen haben und in den Stadtzentren schon damals große Parkplätze angelegt haben. Jedes Foto eines mittelalterlichen Stadtbildes wird so in nahezu ganz Europa nichts anderes als ein Foto einer großen Ansammlung von Automobilen. Auch an Unesco-Welterbestätten ist dies der Fall, wie auch das Beispiel von Schäßburg zeigt, denn überall in der unteren und oberen Altstadt fahren und stehen Automobile herum. 
 
In der gesamten östlichen Hälfte Europas gilt das unbegrenzte Herumhasten mit großen und schnellen West-Autos als die Verwirklichung des Freiheits- und Glücksversprechens der Epochenwende von 1989/90. Rücksichtsloses und riskantes Rasen auf den Straßen wird als die Verwirklichung persönlicher Freiheit mißverstanden. Wie ich auf meiner Fahrradreise feststellen mußte, sind auch im gesamten südöstlichen Europa rein automobile Gesellschaften entstanden, in denen das Fahrrad als Verkehrsmittel keinerlei Relevanz hat. Die Straßen sind dort von der Brutalität und Gewalttätigkeit des KFZ-Verkehrs geprägt, und rücksichtslos wird das sozialdarwinistische Prinzip des "Rechts des Stärkeren" ausgelebt. Respekt hat man vor den größeren und schnelleren KFZ, und Fahrradfahrer werden nicht als Verkehrsteilnehmer wahrgenommen, sondern als lästiges Verkehrshindernis. So habe ich im gesamten südöstlichen Europa auch nahezu keinerlei Fahrradreisende angetroffen, von denen offensichtlich diese Region aus guten Gründen konsequent gemieden wird. Diese im gesamten von mir bereisten südöstlichen Europa anzutreffende Brutalität und Gewalttätigkeit des KFZ-Verkehrs erreicht in Rumänien einen Höhepunkt. Sie nimmt zu, je weiter ich in Europa nach Osten gelange, und sie korreliert offensichtlich mit den in dieser Richtung zunehmenden sozialen Disparitäten und gesellschaftlichen Gegensätzen, die insbesondere in Rumänien besonders deutlich hervortreten. Es sind die Modernisierungsgewinner, die mit großen und schnellen West-Autos rücksichtslos die Straßen für sich beanspruchen und die mit Arroganz und Überheblichkeit alle anderen verdrängen. Von diesen wird das sozialdarwinistische Prinzip des „Rechts des Stärkeren“ brutal und rücksichtslos praktiziert und ausgelebt. Die Position in der gesellschaftlichen Hierarchie der Modernisierungsgewinner gelangt durch die abgestufte Größe und Geschwindigkeit des Automobils zum Ausdruck, und durch aggressive Fahrweise und Lautstärke wird die Position in dieser Hierarchie zu verbessern gesucht. In dieser automobilen Hierarchie haben Fahrradfahrer eine Position von Parias oder vogelfreien Geächteten.  
 
Hermannstadt/Sibiu (104) kann zweifellos als die kulturelle Hauptstadt Siebenbürgens gelten, wovon ich mich bei meinem Besuch der Stadt selbst überzeugen konnte, und schon im Jahre 2007 wurde sie zur europäischen Kulturhauptstadt (105) ernannt. Unter anderem besuche ich dort das Freilichtmuseum Astra (106), das mit mehr als 400 historischen Gebäuden und Objekten als das größte Freilichtmuseum Europas gilt. Motto des Freilichtmuseums Astra ist kulturelle Vielfalt. Doch diese kulturelle Vielfalt der Menschheit geht weltweit rasant zurück. Weltweit breitet sich eine einheitliche und gleichförmige globale Konsumkultur aus, und der homogene Nationalstaat gilt auch nach dem extremen 20. Jahrhundert weiterhin als Ideal der Politik. So ist kulturelle Vielfalt heute oft nur noch museal erhalten und wird als exotisches Anschauungsobjekt konserviert und ausgestellt, während der irreversible Verlust an kultureller Vielfalt weltweit unvermindert weiter voranschreitet. Konserviert werden in Museen Bestandteile der „materiellen Kultur“, wie z.B. Gebäude und Trachten, nicht jedoch Bestandteile der „immateriellen Kultur“, wie z.B. Sprachen, und Sprachwissenschaftler gehen davon aus, daß in wenigen Jahrzehnten die Mehrzahl der heute noch gesprochenen ca. 6.500 Sprachen ausgestorben sein wird. 
 
Siebenbürgen ist auch heute noch eine mehrsprachige Region und damit im heutigen Europa ein Sonderfall, denn die Ethnischen Säuberungen (107), Deportationen (108) und Vertreibungen (109) des extremen 20. Jahrhunderts, die die "Entmischung Europas" bewirkten und die ein Europa homogener Nationalstaaten (110) geschaffen haben, haben dort nie stattgefunden. Somit wäre Siebenbürgen das geeignete Modell für eine Europaregion. Heute fehlt eine allgemeine öffentliche Diskussion über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Europas. Das Thema Europa wird heute in den Medien auf „EU“ und „Euro“ reduziert, und es gerät aus dem Blick, daß Europa, wie der Soziologe Ulrich Beck und der Politologe Edgar Grande in ihrem Buch: „Das kosmopolitische Europa“ hervorheben, ein „hochkomplexes und äußerst differenziertes, politisch bewegtes und bewegliches politisches Projekt“ ist, das sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher miteinander in Wechselwirkung stehenden politischen Prozessen, Ebenen und Akteuren zusammensetzt, die in ihrer interdependenten Gesamtheit das europäische Projekt ausmachen (111). Europa erscheint heute mehr als eine Veranstaltung zur Rettung der Idee der Nation und des Nationalstaates, obwohl diese nach dem extremen 20. Jahrhundert als historisch überholt gelten müssen, als daß neue Ideen und Konzepte jenseits der Idee der Nation und des Nationalstaates entwickelt und umgesetzt werden. 
 
Wir sind nach dem extremen 20. Jahrhundert an einem Punkt angelangt, wo die Grundlagen des Zeitalters der Moderne einer Überprüfung und Revision mit Blick auf alternative zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten unterzogen werden müssen, und hierzu gehört insbesondere die politische Religion des modernen Nationalismus, dessen wesentliches Fundament zum einen die Sprachen bilden und zum anderen die Nationalgeschichte als Legitimationsmythos des Nationalstaates (112). Nationalisten betreiben Geschichtspolitik und nutzen die herrschende Gedenk- und Erinnerungskultur als quasireligiösen Kult der politischen Religion des Nationalismus. Der homogene Nationalstaat gilt weiterhin als das anzustrebende Ideal der Politik. Die Ethnischen Säuberungen, Zwangsumsiedlungen, Vertreibungen und Deportationen des extremen 20. Jahrhunderts, die die heutige Welt der homogenen Nationalstaaten schufen, dürfen nicht in Frage gestellt werden, und der durch diese Verbrechen erreichte Zustand wird hartnäckig verteidigt. Doch niemand will die Verantwortung für den entstandenen immensen Gesamtschaden übernehmen, stattdessen werden weiterhin Schuldige gesucht. Ergebnis ist die alternativlose Affirmation des Bestehenden. Eine Suche nach Alternativen wird unterdrückt, da herrschende Paradigmen und Dogmen in Frage gestellt werden könnten. Das Ziel einer Aufklärung wird verfehlt. 
 
Bei meiner Weiterfahrt besuche ich die archäologische Stätte der antiken Hauptstadt der Daker, Sarmizegetusa Regia (113) sowie die archäologische Stätte der antiken Hauptstadt der römischen Provinz Dakien, Ulpia Traiana Sarmizegetusa (114). 
 

Am Bosporus 

 
Danach überquerte ich die Südkarpaten beim Paß Banita (759 m) und fuhr durch die Schlucht des Flusses Jiu. Bei meiner Weiterfahrt im Tal des Flusses Jiu gelangte ich durch die Städte Targu Jiu und Craiova. Der große zentrale Platz der Stadt Craiova beim Rathaus wird von einem großen Reiterstandbild überragt, das den Fürsten Mihai Viteazul (1558 – 1601) mit erhobener Streitaxt darstellt. Zwischen dem Rathaus und dem axtschwingenden Reiterstandbild treffe ich überraschenderweise auf eine aktuelle World Press Fotoausstellung 2023 (115). Die Fotos sind auch hier exzellent und beeindruckend, doch erfährt man kaum etwas zu Zusammenhängen und Hintergründen der aufgezeigten Problemlagen. Um einen sinnvollen Beitrag zu gesellschaftlicher Aufklärung zu leisten, , müßte jedoch genau dieses erfolgen, alles andere ist oberflächliche Effekt- und Sensationshascherei einer Gesellschaft des Spektakels, in der die öffentliche Meinung durch Massenmedien geprägt und manipuliert wird. Auch hier wird die thematische Karte der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (116) zur weltweiten Lage der Pressefreiheit (117) kommentarlos und kritiklos übernommen. Auf dieser Karte werden nicht die Kriterien dargestellt und begründet, nach denen die Kategorienbildung (118) und Klassifizierung (119) vorgenommen worden ist. Eine solche Karte ist nutzlos und ohne Aussagegehalt. Jegliche Klassifizierung und Kategorienbildung muß nach signifikanten Kriterien und gut begründet erfolgen. Bedauerlicherweise trifft man überall auf mangelhafte uns schlechte Karten, selbst bei renommierten Verlagen, da die meisten Kartenhersteller keinerlei Ahnung von Kartografie haben.
 
Dann erreichte ich die Donau, die ich beim Fährhafen Orjahovo überquerte. Weiter fuhr ich durch Bulgarien, wobei ich die Städte Pleven und Veliko Tarnovo besuche. Die bedeutendste Touristenattraktion in Veliko Tarnovo ist eine Festung aus dem 12. Jahrhundert. Im Folgenden überquerte ich das Balkan-Gebirge über den Paß Republikata (700 m) und erreichte die Grenzstadt Svilengrad. Svilengrad präsentiert sich als ein höchst eigenartiger und außergewöhnlicher Grenzort, der insbesondere durch eine große Anzahl großer Glücksspielcasinos geprägt ist. Schon oft bin ich bei meinen Fahrradreisen durch Grenzorte gelangt, die den Charakter von Markt- und Einkaufsstädten haben, die insbesondere von Käufern aus den jeweiligen Nachbarländern aufgesucht werden, wenn z.B. zwischen den jeweiligen Ländern ein Währungsgefälle besteht. Doch in Svilengrad gibt es nahezu keine Geschäfte, sondern nur mehrere große Glücksspielcasinos, die offensichtlich gut besucht werden, obwohl allgemein bekannt ist, daß in Glücksspielcasinos die Betreiber der Casinos gewinnen und die Spieler verlieren. Weiter fahre ich nach Ost-Thrakien, wobei ich u.a. durch die Stadt Edirne/Adrianopel gelange. Im Jahre 125 n. Chr. war diese Stadt durch Kaiser Hadrian ausgebaut worden, und sie erhielt den Namen Hadrianopolis. Nach ihrer Eroberung im Jahre 1362 war Edirne/Adrianopel von 1368 bis zur Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 die Hauptstadt des Osmanischen Reiches (120). Nach rd. 4.500 km Fahrt erreichte ich am 28.07.2023 die Megacity Istanbul und den Bosporus.
 
Seit der Antike gilt die Meerenge des Bosporus als die Grenze zwischen den Kontinenten Europa und Asien, und er bildet somit das südwestliche Ende Europas. Geografisch betrachtet ist Europa lediglich ein Subkontinent, der gemeinsam mit Asien den Kontinent Eurasien bildet (121). Daß Europa als eigenständiger Kontinent angesehen wird, ist historisch und kulturell begründet. Schon der Geograf und Historiker Herodot von Halikarnassos (ca. 490 – 425 v. Chr.) (122) hatte das nördliche Asien als eine "Fortsetzung Europas" bezeichnet. Daher ist der östlichste Punkt Europas nicht bestimmbar und nicht auffindbar, und bei seiner Suche würde man irgendwann die Küste des Pazifischen Ozeans erreichen. Einen westlichen Punkt in Europa erreichte ich am 19.08.2022 während meiner Fahrradreise durch die südliche Nordseeregion am "Land's End" (5° 43‘ 1,3‘‘ W) im Südwesten von England. Doch „Land‘s End“ ist nicht der westlichste Punkt in Europa. Dieser liegt auch nicht im Westen der Bretagne, den die Römer „Finis terrae“ nannten, da dort die ihnen bekannte Welt ihr westliches Ende im Atlantik zu finden schien. Der westlichste Punkt auf dem Festland in Europa befindet sich auf der Iberischen Halbinsel beim Cabo da Roca (9° 30‘ 2,9‘‘ W). Etwas einfacher bestimmbar ist der nördlichste Punkt Europas: Während meiner Fahrradreise durch das nördliche Europa im Jahre 2017 erreichte ich am 18.09.2017 das Nordkap (71° 10‘ 21‘‘ N). Das Nordkap befindet sich allerdings auf der Insel Magerøya, sodaß als der nördlichste Festlandspunkt in Europa das nahegelegene Kap Kinnarodden (71° 8‘ 2‘‘ N) gilt. 
 
In Istanbul habe ich mich insgesamt acht Tage aufgehalten und habe im historischen Stadtzentrum Sehenswürdigkeiten und Museen besucht. Meine Favoriten sind dort zwei exzellente Museen, das archäologische Museum und das wissenschaftshistorische Museum zur Geschichte der Wissenschaften im Islam, das in Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität in Frankfurt am Main konzipiert wurde. Zu meiner Verwunderung sind in diesen beiden exzellenten Museen nur sehr wenige Touristen anzutreffen. Hingegen drängen sich Touristenmassen zu Zehntausenden im Topkapi-Palast, um den überschwänglichen Luxus der osmanischen Sultane zu bestaunen. 
 

Die Theodosianische Landmauer als die größte Stadtmauer in Europa 

 
Am beeindruckendsten ist in Istanbul m.E. die gewaltige "Theodosianische Landmauer" (123), die größte mittelalterliche Stadtmauer in Europa. Sie wurde aus Anlaß der Plünderung der Stadt Rom durch die Goten im Jahre 410 n. Chr. (124) errichtet, um Vergleichbares in Konstantinopel/Byzanz (125) zu verhindern. Diese Plünderung von Konstantinopel erfolgte dann jedoch im Jahre 1204 n. Chr. während des Vierten Kreuzzuges (126), wobei insbesondere der Republik Venedig (127) eine entscheidende Rolle zukommt. Diese Plünderung von Konstantinopel im Jahre 1204 n. Chr. und die Errichtung des Lateinischen Kaiserreiches (128) leitete den Untergang des Byzantinischen Reiches ein, und dieser Untergang fand mit der Eroberung Konstantinopels durch das expandierende Militärimperium des Osmanischen Reiches im Jahre 1453 (129) seinen Abschluß. Diese Ereignisse des Jahres 1453 sind dort Thema eines großen Diaramas mit dem Namen "Panorama 1453". 
 
Die Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1453 gilt als ein Markstein der Epochenwende vom Mittelalter zur Neuzeit. In diesen Zusammenhang möchte ich im Folgenden zwei Aspekte hervorheben: a) Der Niedergang der Städte sowie b) die Verlagerung der Welthandelsrouten und der Welthandelszentren in Europa. 
 
a) Über einen Zeitraum von annähernd 1000 Jahren, d.h. über die Spätantike und das gesamte Mittelalter hinweg schützte die Theodosianische Landmauer, die über diesen Zeitraum hinweg die größte Stadtmauer in Europa war, wirkungsvoll die Stadt Konstantinopel, und sie bot ein weit bekanntes Beispiel für die Städte in Europa, die sich ebenfalls mit Stadtmauern schützten und damit auch ein hohes Maß an politischer Unabhängigkeit und Selbstständigkeit wahren konnten. Daher bestand der bedeutendste gesellschaftspolitische Gegensatz im Mittelalter zwischen den meist republikanisch verfaßten Städten und den autokratisch regierten feudalen Flächenstaaten. Insbesondere aufgrund der Entwicklung von Kanonen mit immer zerstörerischer Wirkung boten jedoch Stadtmauern am Ende des Mittelalters immer weniger Schutz. Sultan Mehmet II (= „Mehmet der Eroberer“) (1432-1481) (130) hatte die Eroberung von Konstantinopel zu seiner Lebensaufgabe gemacht und diese über viele Jahre hinweg akribisch und mit großem Aufwand vorbereitet. U.a. ließ er für die Zerstörung der Theodosianischen Landmauer in größerer Zahl die damals weltgrößten Kanonen herstellen, mit deren Einsatz dann tatsächlich die Zerstörung der Mauer und die Eroberung der Stadt gelang. Die Zerstörung der Theodosianischen Landmauer durch die damals weltgrößten Kanonen war ein Fanal, denn sie machte in ganz Europa unübersehbar deutlich, daß die traditionellen mittelalterlichen Stadtmauern keinen Schutz mehr boten. In der Folge wurden in der Frühen Neuzeit neue Festungskonzepte entwickelt, insbesondere das der Zitadelle (131), und entstand eine neue Wissenschaft der Fortifikationswissenschaft (132). Im Vergleich zu den Mauern und Burgen des Mittelalters waren jedoch diese neuen Festungen der Frühen Neuzeit aufwändiger und kostenintensiver, sodaß die Fürsten im Zeitalter des Absolutismus (133) bestrebt waren, ihre Einnahmen mithilfe einer merkantilistischen Wirtschaftspolitik (134) zu steigern, deren Bestandteil die Gründung von Fernhandelskompanien (135) war. Der Kanonenbau und der Festungsbau stehen in einem Wechselverhältnis zueinander: Der Bau von Kanonen mit immer zerstörerischer Wirkung führt zum Bau immer aufwändigerer Fortifikationen. Die Fortentwicklung der Destruktivkraft von Kanonen erreicht später im Ersten Weltkrieg als dem ersten totalen industriellen Krieg und der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts einen (vorläufigen) Höhepunkt, in dem diese als Massenvernichtungswaffe 70% aller Kriegstoten verursachen. 
 
b) Die Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1453 unterbrach weitgehend die Fernhandelsverbindungen zwischen Europa und Asien, die durch das Mittelmeer und das Schwarze Meer verliefen und die mit den transkontinentalen Fernhandelsrouten in Asien verbunden waren. Dies förderte die Suche nach alternativen Seehandelsrouten nach Südasien und Südost-Asien über den Atlantischen und den Indischen Ozean, wobei u.a. der Kontinent Amerika entdeckt wurde. Der Handel über das Mittelmeer verlor an Bedeutung, und ebenso die bislang dominierenden Fernhandelszentren in der Mittelmeerregion, wie z.B. Venedig und Genua. Diese wurden von neuen Fernhandelszentren in der südlichen Nordseeregion abgelöst, wie Amsterdam, Antwerpen und London, in denen der Fernhandel über Handelskompanien (135) betrieben wurde, die mit weitgehenden Privilegien und Vollmachten ausgestattet waren, einschließlich des Rechts zur Eroberung und quasi-staatlichen Verwaltung von Kolonien in Übersee. Herausragende Beispiele dieser Handelskompanien sind die Britische Ostindien-Kompanie (EIC) (136), die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) (137) und die französische Ostindien-Kompanie (138). 
 

Megacitys 

und die Zukunft der Menschheit im real-existierenden Weltsystem 

 
Die Megacity (139) Istanbul hat heute 15 bis 18 Millionen Einwohner – die genaue Zahl ist nicht bekannt – und die suburbane Metropolregion dieser Megacity wuchert ungeregelt und planlos in alle Richtungen und insbesondere entlang der Küsten des Marmarameeres. Mittlerweile ist die Siedlungsfläche der Megacity Istanbul mit der Siedlungsfläche der Dreimillionenstadt Bursa zu einer riesigen suburbanen Agglomeration zusammengewachsen, die heute, wie ich feststellen kann, die gesamte nordöstliche Hälfte des Marmarameeres von Tekirdağ bis Mudanya umfaßt. Insbesondere die Stadt Bursa weist ein rasantes Bevölkerungswachstum auf, und ihre Einwohnerzahl hat sich seit 1970 von rd. 200.000 Einwohnern auf heute mehr als 3 Mio. Einwohner mehr als verzehnfacht. Bei weiterem Anhalten dieser Entwicklungsdynamik ist abzusehen, daß diese riesige suburbane Agglomeration im Südosten Europas in naher Zukunft um das gesamte Marmarameer herum wuchern wird. Noch gelangt man heute in der Südwest-Hälfte des Marmarameeres durch Ländlichen Raum, der noch nicht in suburbanes Bau- und Siedlungsland umgewandelt worden ist und von Baustellen dominiert wird, wie dies in der Nordost-Hälfte der Marmarameerregion der Fall ist. Die Mehrheit der Menschheit wird in wenigen Jahrzehnten in Megacitys mit 10 bis 50 Millionen Einwohnern leben, und eine solche Megacity kann man mit der Metropolregion Istanbul-Bursa im Südosten Europas besuchen und studieren. 
 
Es stellt sich die Frage nach der Rolle der weltweit zunehmenden und rasant anwachsenden Megacitys im gegenwärtigen real-existierenden Weltsystem. M.E. haben diese Megacitys den Charakter und die Funktion von Abschieberäumen und Verwahranstalten der globalen Überschußbevölkerung, die aus dem Ländlichen Raum verdrängt wird, da sich dort weltweit immer mehr die riesigen agrarindustriellen Monokulturen auf Kosten der traditionellen Subsistenzwirtschaft der Menschen im Ländlichen Raum ausweiten. Die Menschen verlassen nicht freiwillig den Ländlichen Raum und geben ihre traditionelle Subsistenzwirtschaft auf, sondern sie werden dazu genötigt. Auf der Suche nach Existenzmöglichkeiten roden die aus dem Ländlichen Raum verdrängten Menschen in Naturschutzgebieten Land oder sie siedeln in den anwachsenden Slums an den Rändern der Städte. Die Urbanisierung nimmt weltweit rasant zu. Schon in wenigen Jahrzehnten wird weltweit die Mehrzahl der Menschen in Megacitys mit 10 bis 50 Mio. Einwohnern leben. 
 
Die riesigen agrar- und forstindustriellen Monokulturen werden sich global auch in Zukunft weiter ausweiten, die Menschen aus dem Ländlichen Raum verdrängen, die Biodiversität dramatisch verringern und das rasante Artensterben weiter forcieren, wenn mithilfe des Konzepts eines sogenannten „Grünen Wachstums“, das im Rahmen eines „Green New Deal“ umgesetzt werden soll, das Dogma des permanenten Wirtschaftswachstums gerettet werden soll. Der aktuellen Kampagne um das Thema "Klimawandel" kommt die Aufgabe zu, das Konzept eines "Green New Deal" durchzusetzen und umzusetzen. Nicht zufällig hat diese Kampagne ihren Ursprung in den USA. M.E. geht es um die Rettung des Lebensstils des "American Way of Life" sowie der Konsumkultur der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, und die Kampagne entspricht den Interessen der Industrie. In diesem Rahmen hat die aktuelle Kampagne zum Thema "Klimawandel" die Aufgabe, der Konsequenz einer Änderung sowohl unserer Lebensweise, als auch unserer Wirtschaftsweise auszuweichen und sie abzuwenden, damit alles so bleiben kann, wie es ist, und insbesondere soll das Dogma des permanenten Wirtschaftswachstums nicht beeinträchtigt und in Frage gestellt werden. Die im Zuge dieser Kampagne vertretene Sichtweise auf den Problemkomplex entspringt einer spezifischen Problemwahrnehmung aus den gesellschaftlichen Besonderheiten einer us-amerikanischen Binnenperspektive und sie ist in dieser Form nicht globalisierbar. Schon in Europa kann man auf Grundlage anderer historischer Erfahrungen zu anderen Einschätzungen und Ergebnissen gelangen. Umso mehr muß dies auf anderen Kontinenten der Fall sein. 
 
Bei der aktuellen Kampagne zum Thema „Klimawandel“ besteht das Problem, daß die Vielfalt, Komplexität und die Interdependenzen globaler Naturzerstörungen auf einen einzigen Begriff reduziert werden, den sogenannten "Klimawandel". M.E. geht es in dieser groß inzenierten Kampagne darum, daß wir in Konsequenz der globalen Naturzerstörungen, dem Verlust an Biodiversität und dem rasanten Artensterben nicht unsere Lebens- und Wirtschaftsweise ändern müssen, daß vielmehr alles so bleiben kann, wie es ist. Mit einem "Green New Deal" erfolgt ein "Greenwashing" der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Naturschutz und Naturschützer sind dabei ein Hindernis, denn es werden die eh schon in der industriellen Land- und Forstwirtschaft bestehenden Monokulturen in weit größerem Umfang ausgeweitet werden müssen, um den Rohstoffhunger der weiterhin am Wirtschaftswachstumsdogma festhaltenden fortgeschrittenen Industriegesellschaft befriedigen zu können, und ebenso die Konsumerwartungen der weiter anwachsende Weltbevölkerung, die weltweit gemäß dem "American Way of Life" leben möchte, denn dieser wurde mittlerweile massenmedien-vermittelt und entwicklungspolitisch gefördert zum globalen Standard. Die Forderung der Naturschützer nach einer Änderung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise paßt hier nicht hinein, denn das Entwicklungs- und Glücksversprechen für mehrere Milliarden Menschen müßte enttäuscht werden. Die weitere Zuspitzung der globalen Krise erscheint daher unvermeidlich. Sowohl Landflucht, als auch Urbanisierung nehmen weltweit weiter zu. 
 
Erforderlich ist daher ein anderes Entwicklungsmodell, das im Gegensatz zur Konsum- und Wegwerfgesellschaft globalisierbar ist, das ohne ein Dogma permanenten Wirtschaftswachstums auskommt und das mit einer Änderung sowohl unserer Lebensweise, als auch unserer Wirtschaftsweise einher geht. In einem weltweiten Maßstab benötigen die Menschen insbesondere den Erhalt und die Förderung von Perspektiven im Ländlichen Raum und ein Ende ihrer Verdrängung. Dieses wird im Konzept des „Green New Deal“ ignoriert, da der Blick ausschließlich auf die Verhältnisse in den USA beschränkt ist. Anstatt weiterem Wirtschaftswachstum ist vielmehr eine stationäre Wirtschaft im Sinne von Subsistenwirtschaft gefordert. Hier geht es primär um die Änderung unseres Lebensstils. Es geht um Entschleunigung, einfaches Leben, Lebensreform und Selbstversorgung. Meines Erachtens muß bei der Suche nach Alternativen hier angesetzt werden. Ich denke hier u.a. z.B. an die Lebensreformbewegung (140). 
 
Die Mehrheit der Megacitys ist durch permanente ökologische, soziale und gesundheitliche Krisen und Ausnahmezustände geprägt. Dies kann man am Beispiel der heute schon bestehenden Megacitys studieren. Im Zuge der sich zuspitzenden multiplen Globalkrise wird der Ausnahmezustand zukünftig der globale Dauerzustand sein. Die Verfassungswirklichkeit des Ausnahmezustands ist der Maßnahmenstaat (141). Willkommen im extremen 21. Jahrhundert, in dem der Totalitarismus digitaltechnisch modernisiert neu erfunden wird: Anstatt Alternativen zuzulassen und zu entwickeln, wurde stattdessen mittlerweile präventiv mithilfe der neuen Möglichkeiten der digitalen Technik ein flächendeckendes globales Überwachungs- und Kontrollregime errichtet, das die gesamte Menschheit erfaßt, und die Ereignisse des 11.09.2001 lieferten dafür den Vorwand (142). 
 

Ethnische Säuberungen und das extreme 20. Jahrhundert 

 
Nach meinem Besuch der Megacity Istanbul setzte ich meine Fahrradreise entlang der Südküste des Marmarameeres hin zur Meerenge der Dardanellen fort. Dabei gelangte ich westlich der Stadt Mudanya durch das ehemalige griechische Dorf Triglia, das heute Tirilye heißt (143). Tirilye/Triglia ist ein Beispiel von zahlreichen weiteren Ortschaften in Kleinasien, die von ihren Einwohnern im Zuge des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausches (144) auf Grundlage des Vertrags von Lausanne von 1923 (145) verlassen werden mußten. Der griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausches schuf als „Modell Lausanne“ einen Präzedenzfall für nachfolgende Zwangsmigrationen, Ethnische Säuberungen, Deportationen und Vertreibungen im 20. Jahrhundert. 
 
Auf internationaler Ebene traten insbesondere westeuropäische Politiker und Wissenschaftler für ethnische Säuberungen ein, und dies zeigt, wie wichtig es ist, die Ebene der internationalen Politik und den dort bestehenden Konsens zu einem System homogener Nationalstaaten zu betrachten. In der internationalen Politik schuf die während der Konferenz von Lausanne am 30.01.1923 vereinbarte Konvention zum Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, die Bestandteil des Vertrags von Lausanne vom 24.07.1923 war, als „Modell Lausanne“ einen Präzedenzfall für nachfolgende Vertreibungen, was der Historiker Philipp Ther in seinem Buch: „Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“ hervorhebt: „Während das Leid der Flüchtlinge rasch in Vergessenheit geriet, priesen Politiker aus ganz Europa das Abkommen von Lausanne als Modell zur Beilegung von Konflikten zwischen verfeindeten Nationen. Das Stichwort ‚Lausanne‘ diente von 1937 bis 1947 als Referenzpunkt für ein knappes Dutzend internationaler Abkommen, in denen massenhafte Bevölkerungsverschiebungen vereinbart und geregelt wurden. Ein näherer Blick auf das türkisch-griechische Verhältnis zeigt, dass die Konflikte mitnichten gelöst waren“ (146). 
 
Der Experte für Völkerrecht Alfred-Maurice de Zayas bestätigt in seinem Buch: „Die Nemesis von Potsdam. Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen“, daß das „Modell Lausanne“ einen Präzedenzfall für nachfolgende Vertreibungen im 20. Jahrhundert schuf: „Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich dann die gewaltsame Umsiedlung als politisches Prinzip (…) allgemein durch. Der Vertrag über den Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, von dem etwa zwei Millionen Menschen betroffen waren, wurde zum historischen Markstein, weil ihm der Völkerbund zustimmte und seine Durchführung überwachte – ein unheilvolles Vorzeichen dessen, was später kam“ (147). Von den Zwangsmigrationen im Rahmen des Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei waren ca. 1,6 Mio. Personen betroffen, darunter ca. 1,2 Mio. Griechen in Kleinasien sowie ca. 400.000 Muslime in Griechenland. Der gewaltsame Bevölkerungsaustausch führte zu einem abrupten Ende der seit der Antike über einen Zeitraum von 2.500 Jahren bestehenden Siedlungskontinuität von Griechen in Kleinasien sowie zu einem Ende der seit fast 500 Jahren bestehenden muslimischen Gemeinden in Griechenland. Das „Modell Lausanne“ wurde in der internationalen Politik zum Präzedenzfall für nachfolgende Vertreibungen und Ethnische Säuberungen im extremen 20. Jahrhundert, sodaß das 20. Jahrhundert zu einem extremen Jahrhundert werden konnte, dessen Alleinstellungsmerkmal als einem extremen Jahrhundert insbesondere Ethnische Säuberungen sind. Ethnische Säuberungen wurden zu einem international akzeptablen Mittel, das versprach, innen- und außenpolitische Probleme wirksam und nachhaltig zu lösen, und immer häufiger und in wachsendem Umfang wurde darauf zurückgegriffen. Das Beispiel der Griechen und weiterer Minderheiten Kleinasiens, wie insbesondere der Armenier (148), zeigt, daß der Übergang von Ethnischen Säuberungen zum Genozid fließend ist, daß beide Phänomene nicht voneinander getrennt werden können, sondern gemeinsam betrachtet und analysiert werden müssen. 
 
Ethnische Säuberungen sind auch in der Gegenwart noch Realität in Europa, wie insbesondere das Beispiel des Zerfalls des ehemaligen Jugoslawien zeigt, und die Idee des ethnisch homogenen Nationalstaats ist auch heute weiterhin das Ideal und Leitbild der Politik. Der Nationalstaat ist heute die weltweit einzige allgemein akzeptierte Organisationsform der Menschen, und überall werden sie genötigt, sich als Nationen zu organisieren. Noch immer findet auch gewaltsam „Nation Building“ (149) statt. Vertreibungen, Ethnische Säuberungen, Terrorismus, Konflikte und Kriege sind die Folgen und werden billigend in Kauf genommen. 
 
Südost-Europa bietet hierfür ein idealtypisches Beispiel. Die Region Südost-Europa, die auch als Balkanraum bezeichnet wird, umfaßt eine Fläche von über 960.000 km² mit rund 90 Millionen Einwohnern (150). Noch mehr als das östliche Europa ist Südost-Europa durch eine hochgradige Gemengelage der verschiedenen Sprachgruppen, Ethnien und Religionen geprägt, wie ein Blick auf eine Siedlungskarte unübersehbar erkennen läßt. Somit ist Südost-Europa die Region in Europa, die sich am wenigsten dafür eignet, dort das Modell des homogenen Nationalstaates im Zuge von „Nation Building“ durchsetzen zu wollen. Doch genau dieses wird bis heute immer wieder versucht. Daher ist heute diese Region insbesondere durch ethnonationale Konflikte bekannt. Doch noch vor 200 Jahren gab es dort weder Nationalstaaten, noch nationale Mehr- oder Minderheiten. Diese sind ein Produkt des 19. und des 20. Jahrhunderts, wie der Historiker Holm Sundhaussen in seinem Text: „Staatsbildung und ethnisch-nationale Gegensätze in Südosteuropa“ erklärt: „Wie in anderen europäischen Regionen, so hat sich auch in Teilen des Balkanraums die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung im Laufe des 20. Jahrhunderts infolge von Flucht und Auswanderung einerseits sowie Vertreibung, Umsiedlung und Massenmord andererseits grundlegend verändert. Mit der Bildung von Nationen als imaginierten Abstammungs- bzw. Blutsgemeinschaften sowie der Durchsetzung des Nationalstaatsprinzips bzw. des Rechts auf nationale Selbstbestimmung in einer Region, die durch extreme ethnische Gemengelagen geprägt war, setzte ein säkularer Prozess mehr oder minder gewaltsamer Abgrenzungen und Bevölkerungsverschiebungen ein“ (151). Holm Sundhaussen hebt hervor, daß mit jeder neuen Staatsbildung und Grenzveränderung die Zahl der Minderheiten zunahm: „Staats-, Nations- und Minderheitenbildung sowie Ethnozid (…) bedingten sich wechselseitig“ sodaß im „Balkanraum im vergangenen Jahrhundert über zehn Millionen Menschen Opfer unfreiwilliger Migration geworden“ sind (152). Dieser Prozeß wird „Balkanisierung“ genannt. 
 
In Südost-Europa erreichten die ethnonational bedingten Flüchtlingsströme und Vertreibungen sowie andere Formen „ethnographischer Flurbereinigungen“, wie Deportationen, Ethnische Säuberungen und Genozide ihren Höhepunkt in drei Kriegsperioden des 20. Jahrhunderts: 
1. Der Kriegsperiode in den Jahren 1912 bis 1923 mit den Balkankriegen (153) der Jahre 1912 und 1913, und dem griechisch-türkischen Krieg (154), der sich in den Jahren 1919 bis 1922 nach der Auflösung des Osmanischen Reiches ereignete, und der mit dem erwähnten Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei endete, der während der Konferenz von Lausanne am 30.01.1923 vereinbart worden war, und der Bestandteil des Vertrags von Lausanne vom 24.07.1923 war, und der als „Modell Lausanne“ in der internationalen Politik zum Präzedenzfall für nachfolgende Vertreibungen im extremen 20. Jahrhundert wurde. 
2. Während des Zweiten Weltkriegs. 
3. Den vier Jugoslawienkriegen (155): Dem 10-Tage-Krieg, dem Kroatienkrieg, dem Bosnienkrieg und dem Kosovokrieg, die sich in den Jahren von 1991 bis 1999 ereigneten. 
Der Historiker Karl Schlögel zeigt in seinem Text: „Bugwelle des Krieges“ auf, daß mit dem Krieg in Jugoslawien in den 90er Jahren die Bilder zurückgekehrt sind, die man in Europa längst vergessen hatte: „Wiedergekehrt war mit einem Mal auch das Vokabular, das in Europa seit den unmittelbaren Nachkriegsjahren nicht mehr in Gebrauch gewesen war. Es gab wieder Lager in unendlich vielen Varianten – Sammel-, Filtrations-, Durchgangs- und Auffanglager. Europa wimmelte plötzlich wieder von einer Spezies, von der man geglaubt hatte, sie sei ausgestorben oder komme nur noch in weit entlegenen und exotischen Weltgegenden vor: Flüchtlinge, Vertriebene, Displaced Persons. Das 20. Jahrhundert, das eben dabei war, sich zu verabschieden, hatte sich noch einmal zu erkennen gegeben als das ‚Jahrhundert der Flüchtlinge‘, der gewaltsamen Bevölkerungsverschiebungen und der ethnischen Säuberungen“ (156). 
 
Derzeit entstehen mit Programmen von „Nation Building“ insbesondere in Südost-Europa eine Vielzahl von Kleinststaaten, die sich wie „echte“ Nationalstaaten gebärden sollen, mit allen dazugehörigen Attributen, einschließlich „säbelschwingender Reiterstandbilder“ (157) in den Hauptstädten. Im heutigen internationalen System ist das Konzept von Kleinstaaten nach Auffassung des Historikers Eric J. Hobsbawm in seinem Buch: „Nationen und Nationalismus“ jedoch sinnlos: „Gegen die Kleinstaaterei heute, zumindest in ihrer ethnisch-sprachlichen Form, spricht jedoch nicht nur, daß sie keine Lösung für die aktuellen Tagesprobleme bereithält, sondern auch, daß sie diese noch erschwert, sofern die betreffende Bewegung die Macht hat, ihr politisches Programm auch in die Praxis umzusetzen. Kulturelle Freiheit und Pluralismus sind gegenwärtig zweifellos besser gewährleistet in größeren Staaten, die sich dessen bewußt sind, daß sie Vielvölkerstaaten sind, in denen viele Kulturen nebeneinander bestehen, als in kleinen, die das Ideal einer ethnisch-sprachlichen und kulturellen Homogenität anstreben“ (158). Der Historiker Hans-Ulrich Wehler hebt in seinem Buch: „Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen“ hervor: „Die uneingeschränkte Garantie aller Grundrechte, dazu der regionalen und kulturellen Autonomie in einem föderalistischen Staatensystem sollte endlich eine höhere Priorität genießen als das im Zeitalter der Globalisierung ohnehin verblassende Ideal des souveränen Nationalstaats. Die Gewährleistung dieser Rechte würde den Menschen jenes ersehnte Maß an Autonomie verschaffen, das ursprünglich vom Hoffnungsziel des Selbstbestimmungsrechts der Völker verkörpert wurde“ (159). 
 
Eine solche Auffassung vertritt auch der Philosoph Jürgen Habermas in seinem Text: „Vom Sinn und Unsinn nationaler Selbstbestimmung“: „Die Forderung nach Selbstbestimmung kann unmittelbar nur die Durchsetzung gleicher Bürgerrechte zum Inhalt haben. (…) Eine Sezessionsforderung ist erst dann berechtigt, wenn die zentrale Staatsgewalt einem Teil der Bevölkerung (…) seine Rechte vorenthält. (…) Solange nämlich alle Bürger gleiche Rechte genießen und niemand diskriminiert wird, besteht kein normativ überzeugender Grund zur Separierung vom bestehenden Gemeinwesen. Unter dieser Voraussetzung kann nämlich von Repression und ‚Fremdherrschaft‘, die Minderheiten das Recht zur Sezession gäben, nicht die Rede sein. Dem entspricht auch die Beschlußlage der UN-Generalversammlung, die in Übereinstimmung mit der UN-Charta zwar allen Völkern ein Recht auf Selbstbestimmung garantiert, aber ohne den Begriff ‚Volk‘ im ethnischen Sinne festzulegen. Ausdrücklich verneint wird ein Sezessionsrecht“ (160). Bezüglich der UN-Charta führen dies die Völkerrechtler Alfred Verdross und Bruno Simma in ihrem Buch: „Universelles Völkerrecht. Theorie und Praxis“ näher aus: „Hingegen wird ein Sezessionsrecht, also ein Anspruch auf Losreißung von solchen Staaten, die sich in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gleichberechtigung und des Selbstbestimmungsrechts der Völker verhalten, und daher eine das ganze Volk vertretende Regierung, ohne Diskriminierung von Rasse, Glaube und Farbe besitzen, ausdrücklich verneint“ (161). Zur Vermeidung von Diskriminierungen stellt Habermas das Konzept einer „differenzempfindlichen Inklusion“ vor: „Im allgemeinen kann Diskriminierung nicht durch nationale Unabhängigkeit, sondern nur durch eine Inklusion abgeschafft werden, die für den kulturellen Hintergrund individueller und gruppenspezifischer Unterschiede hinreichend sensibel ist“, und Habermas führt „verschiedene Wege zum prekären Ziel einer ‚differenzempfindlichen‘ Inklusion“ auf: „die föderalistische Gewaltenteilung, eine funktional spezifizierte Übertragung bzw. Dezentralisierung von staatlichen Kompetenzen, vor allem die Gewährung kultureller Autonomie, gruppenspezifische Rechte, Politiken der Gleichstellung und andere Arrangements für einen effektiven Minderheitenschutz“ (162). 
 

Vom Marmarameer an die Dardanellen 

und durch das nördliche Griechenland 

 
Bei der Meerenge der Dardanellen besuchte ich die archäologische Stätte der berühmten antiken Stadt Troja, und die Archäologen haben dort gegliedert in verschiedene Epochen eine Siedlungskontinuität von rd. 5000 Jahren nachgewiesen. Zweifellos hat die antike Stadt Troja eine sehr günstige verkehrsgeographische Lage am Übergang der Dardanellen ins Ägäische Meer, was die lange Siedlungskontinuität begründet. An der Ägäisküste Kleinasiens gibt es weitere bedeutende archäologische Stätten aus der Antike, wie insbesondere Pergamon und Ephesus, doch deren Besuch hätte den Rahmen meiner Südost-Europa-Fahrradreise vollends überdehnt, und sie müssen Ziel einer weiteren Reise zu einem späteren Zeitpunkt sein. 
 
Bei meiner Weiterfahrt überquerte ich bei Çanakkale per Fähre die Meerenge der Dardanellen zum gegenüberliegenden Hafenort Kilitbahir und fuhr über die Halbinsel Gallipoli weiter. In der Hafenstadt Gelibolu erinnern zwei Denkmäler an den Kartografen Piri Reis (1470-1554) (163), der als einer der Ersten im Jahre 1513 eine Karte erstellte, in der der amerikanische Kontinent eingezeichnet ist (164). Weiter fahre ich um den Golf von Saros am Ägäischen Meer. Ich erreiche die Stadt Alexandrupolis und fahre durch West-Thrakien weiter zur Hafenstadt Kavála. Bedeutendste Sehenswürdigkeiten sind dort ein Aquädukt aus der Römerzeit und eine byzantinische Festung. Am zentralen Platz Eleftherias in Hafennähe befindet sich ein Denkmal, das an Alexander III. von Makedonien (= Alexander der Große) (356-323 v. Chr.) (165) erinnert, und es wird ein Auszug aus einer von ihm im Jahre 324 v. Chr. gehaltenen Rede zitiert, in der er Gleichberechtigung und Gleichbehandlung aller Einwohner in dem von ihm geschaffenen Alexanderreich (166) verkündet. 
 
Im Zuge des griechisch-türkischen Bevölkerungsautausches auf Grundlage des Vertrags von Lausanne 1923 ist die Einwohnerzahl der Stadt Kavála um das Vierfache angewachsen. In die Stadt Kavála, die damals nicht viel mehr als 20.000 Einwohner hatte, war eine große Zahl von annähernd 80.000 Flüchtlingen gelangt. Zu diesem Thema gibt es dort ein „Museum of Greek Refugees“, das ich besuche. Im gesamten Europa sind die Ethnischen Säuberungen, Zwangsmigrationen, Deportationen und Vertreibungen des extremen 20. Jahrhunderts bislang nur sehr unzureichend aufgearbeitet, und Museen, die sich diesem Themenkomplex widmen, sind weiterhin eine Seltenheit. Das Thema ist im gesamten Europa unbequem und unerwünscht. Die Ethnischen Säuberungen, Zwangsumsiedlungen, Vertreibungen und Deportationen des extremen 20. Jahrhunderts, die die heutige Welt der homogenen Nationalstaaten schufen, dürfen nicht in Frage gestellt werden, und der durch diese Verbrechen erreichte Zustand wird hartnäckig verteidigt. Flüchtlinge, Deportierte und Vertriebene sollen mit ihren Anliegen nicht öffentlich in Erscheinung treten, sie sollen den Mund halten, sich anpassen und assimilieren. Mich interessiert hier beim „Museum of Greek Refugees“ insbesondere das museumspädagogische Konzept und wie das Thema präsentiert wird. Das Museum besteht aus drei kleinen Räumen, in denen insbesondere Dinge ausgestellt sind, die die Flüchtlinge aus Kleinasien mitgebracht haben, und die Bestandteil ihres Lebens in Kleinasien waren. Ihre wesentliche Bedeutung haben diese Exponate als Erinnerungsträger, und mit jedem Gegenstand ist eine umfangreiche Geschichte verbunden, die es zu vermitteln gilt. Dieses leisten die beiden Kuratoren des Museums im Rahmen von Führungen durch das Museum. 
 
Weiter fahre ich nach Thessaloniki. Dort besuche ich zwei exzellente Museen: Das Museum für byzantinische Kultur (167) und das Archäologische Museum. Insgesamt besuche ich in Nord-Griechenland mehrere bedeutende archäologische Stätten ehemaliger antiker Städte: Der Stadt Philippi, der Stadt Amphipolis, der Stadt Argilos, der Stadt Stagira, die insbesondere als Geburtsort des Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) (168) bekannt ist, und der Stadt Pella, dem Geburtsort von Alexander III. von Makedonien (= Alexander der Große) (356-323 v. Chr.). 
 
Weiter fuhr ich im Tal des Flusses Axios/Vadar nach Nord-Mazedonien. Dort besuchte ich die archäologische Stätte der antiken Stadt Stobi und erreichte dann die Stadt Skopje am Fluß Vardar/Axios. Entlang des Flußufers reihen sich dort zahlreiche große, repräsentative Gebäude und insbesondere eine kaum zu überblickende Zahl großer Denkmäler. Sicherlich ist Skopje die Stadt mit den meisten großen Denkmälern, sowohl was deren Gesamtzahl anbelangt, als auch im relationalen Verhältnis zur Stadtgröße und zur Bevölkerungszahl. Das größte und zentralste dieser zahlreichen Denkmäler ist ein Reiterstandbild im Zentrum des Platzes Plostad Makedonija, das Alexander III. von Makedonien (= Alexander der Große) (356-323 v. Chr.) mit erhobenem Schwert darstellt. Hingegen würde es Alexander III. von Makedonien sicherlich bevorzugen, wenn mit seiner Rede aus dem Jahr 324 v. Chr. an ihn erinnert würde, wie es in der Stadt Kavála der Fall ist. Doch Verstorbene haben keine Mitsprachemöglichkeiten und keine Rechte, und sie können nach Belieben geschichtspolitisch instrumentalisiert werden. Das Genre des „säbelschwingenden Reiterstandbildes“, das sich in den europäischen Hauptstädten konzentriert, ist ein Charakteristikum des Zeitalters des modernen Nationalismus, und es existiert nicht in der Ikonografie der Antike und des Mittelalters. 
 
Bei meiner Weiterfahrt folge ich dem Verlauf des Flusses Morava zur Donau. Dort besuche ich die archäologische Stätte der antiken Stadt Viminacium (169). Während der Römerzeit war Viminacium die Hauptstadt der Provinz Moesia superior mit ca. 40.000 Einwohnern. Die nahegelegene Stadt Smederovo liegt an der Einmündung des Flusses Jezava in die Donau. Hier gibt es eine in den Jahren 1428 bis 1430 erbaute Festung, deren Mauern der damals noch unbeschädigten Theodosianischen Landmauer von Konstantinopel gleichen, die offensichtlich beim Bau zum Vorbild genommen wurde. Doch auch diese Festung in Smederovo wurde im Jahre 1459 vom expandierenden osmanischen Militärimperium erobert, und dessen Armeen belagerten in den Jahren 1523 und 1683 sogar die Stadt Wien (170). 
 

Planungsleitbilder im Zeitalter der industriellen Moderne 

 
Entlang der Donau erreiche ich die Stadt Belgrad (171), die an der Einmündung des Flusses Save/Sava in die Donau liegt. Die Stadt Belgrad ist eine der größten und bedeutendsten Metropolen sowohl an der Donau, als auch im gesamten südöstlichen Europa. Da es bei Belgrad keinen zentrumsnahen Campingplatz gibt, quartiere ich mich in einem Hostel ein, um im Rahmen von Stadtexkursionen und Museumsbesuchen die Stadt näher kennenzulernen. Im Stadtgebiet von Belgrad verläuft entlang der Donau ein gut ausgebauter und ausgeschilderter Abschnitt des Donau-Radweges (= Eurovelo 6). Doch dieser gute Ausbauzustand des Donauradweges endet alsbald an den Stadtgrenzen von Belgrad. Zwar gilt der Donau-Radweg (= Eurovelo 6) als der beliebteste und am meisten befahrene Fahrrad-Fernwanderweg in Europa, der von rd. 150.000 Fahrradreisenden pro Jahr genutzt wird, doch dies gilt, wie ich feststellen kann, nur für die oberen Abschnitte, die durch Deutschland und Österreich verlaufen, und vielleicht noch für den weiteren Abschnitt bis Budapest. Der gesamte untere Teil des Donau-Radwegs, der durch das südöstliche Europa verläuft, wird hingegen kaum von Fahrradreisenden befahren, und auch der Ausbauzustand und die Ausschilderung sind dort oft mangelhaft. Wie schon dargestellt sind im gesamten südöstlichen Europa rein automobile Gesellschaften entstanden und das Fahrrad hat als Verkehrsmittel keinerlei Bedeutung. Verkehrs- und Stadtplanung sind überall im südöstlichen Europa gemäß dem Leitbild autogerechter Planung auf die Förderung des KFZ-Verkehrs ausgerichtet, und, wie ich feststellen mußte, leistet insbesondere die EU im südöstlichen Europa große Aufwendungen, um die Infrastruktur für den KFZ-Verkehr auszubauen und auszuweiten, und dies auch in den Nicht-Mitgliedsstaaten. 
 
Heute hat sich der Automobilismus weltweit durchgesetzt, er prägt das Zeitalter der Industriellen Moderne, und er präsentiert sich als alternativlos. Weltweit wird der Automobilismus durch die Verkehrs- und Stadtplanung gemäß dem Planungsleitbild der „autogerechten Planung“ gefördert, und dies erfolgt ebenso im gesamten Europa. Schon vor 1989/90 war die Verkehrs- und Stadtplanung sowohl der westlichen, als auch der östlichen „realsozialistischen“ Variante der Industriellen Moderne alternativlos auf das Planungsleitbild der „autogerechten Planung“ ausgerichtet, das die permanente Mobilisierung, Mobilmachung und Beschleunigung aller Bereiche der Gesellschaft zum Ziel hat, um permanentes Wirtschaftswachstum zu gewährleisten. Hierbei wird die Gesellschaft als eine große, zweckrational zu optimierende Maschine verstanden, einem Anspruch, dem auch die Stadt-, Verkehrs- und Bauplanung zu genügen hat. In idealtypischer Weise sind derartige Konzepte theoretisch ausgearbeitet und praktisch umgesetzt worden insbesondere von Le Corbusier (1887-1965), Oscar Niemeyer (1907-2012) und Vertretern der „Charta von Athen“ (172). Gemäß der Planungsphilosophie des Architekten und Stadtplaners Le Corbusier ist das Haus eine „Maschine zum Wohnen“. Individuelle Lebensäußerungen, die nicht den funktionalen Vorgaben dieser am Modell einer Maschine orientierten Planungskonzepte entsprechen, müssen als eine zu behebende Störgröße und als zu sanktionierende Ordnungswidrigkeit erscheinen. Die Stadt-, Verkehrs- und Bauplanung sowohl der westlichen, als auch der östlichen, real-sozialistischen Variante der industriellen Moderne hatten gleichermaßen alternativlos das Planungsleitbild der „autogerechten Stadt“ zur Grundlage, und dies ist eins von vielen Beispielen der alternativlosen Konvergenz der westlichen und der östlichen, „real-sozialistischen“ Variante der industriellen Moderne. Idealtypisch ist die Planungsphilosophie von Le Corbusier bei der von ihm geplanten und ab 1952 erbauten Planstadt Chandigarh (173) realisiert worden, die ich während meiner Südasien-Reise am 16. und 17.11.2019 besucht habe. In Belgrad ist ab 1948 gleichfalls ein großer Stadtteil mit dem Namen „Novi Beograd“ (174) nach den architektonischen Ideen von Le Corbusier errichtet worden, den ich am 20.10.2023 im Rahmen meiner Stadtexkursionen besuchte. Ebenso wie Candigarh ist Novi Beograd in rechtwinklige Planquadrate eingeteilt, zwischen denen vielspurige Autostraßen verlaufen. In Novi Beograd sind diese Planquadrate mit den „Wohnmaschinen“ der industriellen Moderne ausgefüllt, die dort wie auch im gesamten Raum zwischen Magdeburg und Wladiwostok im Plattenbaustil erbaut wurden. Im Gegensatz zur westlichen Variante der industriellen Moderne gelang es der östlichen, „realsozialistischen“ Variante der industriellen Moderne jedoch nicht, die errichteten autogerechten Planungslandschaften mit großen und schnellen Automobilen zu bevölkern. Dieses erfolgt nun seit 1989/90 in Form einer nachholenden Modernisierung, wobei die östliche Hälfte Europas mit großen und schnellen West-Autos geradezu überschwemmt wird. Das unbegrenzte Herumhasten mit großen und schnellen West-Autos gilt seither in der gesamten östlichen Hälfte Europas zwischen Magdeburg und Wladiwostok, Murmansk und Istanbul als die Verwirklichung des Freiheits- und Glücksversprechens der Epochenwende von 1989/90, sodaß seit 1989/90 in der gesamten östlichen Hälfte Europas rein automobile Gesellschaften entstanden sind, heute der Automobilismus dort alternativlos ist und das Fahrrad als Verkehrsmittel keinerlei Bedeutung hat. 
 
Stadt- und Verkehrsplanung präformiert und prädisponiert die Gesellschaft, und sie sind Ausdruck der jeweils herrschenden Paradigmen und Ideologien. So kommen seit 1989/90 in der östlichen Hälfte Europas neue Planungskonzepte zum Tragen, in denen die Konsumkultur der fortgeschrittenen Industriegesellschaft zur Ausprägung gelangt. Ein Beispiel bietet der Stadtteil „Beograd na vodi“ östlich des Flusses Save, der derzeit mit zahlreichen Großbaustellen weiter anwächst. Hier, gegenüber dem westlich der Save gelegenen Stadtteil Novi Beograd entsteht ein städtebaulich neues Konzept urbaner Modernität, das sich in verschiedenen Aspekten vom hegemonialen städtebaulichen Planungsleitbild des 20. Jahrhunderts, das insbesondere durch der „Carta von Athen“ geprägt wurde, verabschiedet. Das neue städtebauliche Konzept ist nun für die Konsumkultur der fortgeschrittenen Industriegesellschaft optimiert, die nun nach 1989/90 im gesamten Europa die hegemoniale gesellschaftliche Realität darstellt. Der Konsum von Konsumprodukten wird werbewirksam als „Lifestyle“ vermarktet, und um an den propagierten „Lifestylen“ partizipieren zu können, ist der Erwerb darauf abgestimmter Konsumprodukte erforderlich. Hier im neu entstehenden Stadtteil „Beograd na vodi“ wird in diesem Rahmen auf schier endlosen straßenbegleitenden Werbetafeln der Begriff der Kunst (Art) dekonstruiert, sein traditioneller Begriffsgehalt wird geradezu aufgelöst, um ihn zum Vermarktungszweck völlig neu zu schaffen und mit neuem Inhalt zu füllen, und es entstehen neue Begriffe, wie: „Art of Shopping“, Art of Play“, „Art of Fashion“, Art of Entertainment“ u.a.m.. In der Konsumkultur der fortgeschrittenen Industriegesellschaft sind die Menschen Opfer fremdgesteuerter Wünsche und nicht reflektierter Leidenschaften, und so unterliegen sie permanenten Manipulationen. Während in der westlichen Hälfte Europas jahrzehntelange Erfahrungen mit der Konsumkultur der fortgeschrittenen Industriegesellschaft bestehen, und es mittlerweile eine lange Tradition der Kritik an dieser gibt, auf deren Grundlage eine Alternativkultur besteht, fehlen diese Erfahrungen in der östlichen Hälfte Europas (noch) weitgehend, weswegen in der östlichen Hälfte Europas diesbezüglich weit radikalere und rasantere Entwicklungen möglich sind, die in dieser Form in der westlichen Hälfte Europas kaum durchsetzbar wären. 
 

Am Rande der Alpen-Region 

 
Bei meiner Weiterfahrt folge ich dem Verlauf des Flusses Sava/Save flußaufwärts, wobei ich u.a. zur Stadt Sremska Mitrovica gelange. Hier befinden sich archäologische Stätten der antiken Stadt Sirmium (175), die im Imperium Romanum die Hauptstadt der Provinz Pannonia inferior (Unter-Pannonien) gewesen war. Im Zuge der Reformen des Diokletian (reg. 284 – 305 n. Chr.) (176) wurde Sirmium im Jahre 296 n. Chr. zudem eine der vier Hauptstädte des Imperium Romanum mit einer kaiserlichen Residenz. Zu diesen vier Hauptstädten des Imperium Romanum zählten neben Sirmium zudem Trier, Thessaloniki und Nicomedia. Des Weiteren ist Sirmium die Geburtsstadt mehrerer römischer Kaiser. Die archäologische Stätte des ehemaligen Kaiserpalastes in Sirmium ist heute von einer Halle überbaut, die besucht werden kann. 
 
Meine Fahrt setzte ich entlang des Flusses Sava/Save fort und besuche bei der Stadt Vukovar das Museum der Vučedol-Kultur (177). In einer gut konzipierten und aufwändig gestalteten Ausstellung präsentiert das exzellente Museum gegliedert in Themenbereiche den aktuellen archäologischen Kenntnisstand der Erforschung der Vučedol-Kultur, die zeitgleich mit den frühen Hochkulturen in Mesopotamien und Ägypten existierte, doch von der wir derzeit noch wenig wissen. In der Stadt Vukovar befindet sich ein großer Wasserturm mit Kriegsschäden aus dem Kroatienkrieg der Jahre 1991 bis 1995, der heute ein Mahnmal ist und der eine Erinnerungsstätte zum Thema der Belagerung der Stadt Vukovar im Jahre 1991 beinhaltet (178), die ich besuche. Es stellt sich die Frage nach den Gründen und Umständen des Zerfalls des ehemaligen Jugoslawien, und warum diese Entwicklungen nach 1989/90 in Jugoslawien gewaltsam erfolgten, während diese in der übrigen östlichen Hälfte Europas vergleichsweise friedlich verliefen. Insbesondere in Südost-Europa ist nach 1989/90 eine Vielzahl kleiner Nationalstaaten entstanden, die sich nun als Nationalstaaten gegeneinander abgrenzen. Der neu entstandene Nationalismus in der östlichen Hälfte Europas konterkariert und gefährdet heute die Integration in Europa, wohingegen in der westlichen Hälfte Europas vor 1989/90 die Integration schon weit vorangeschritten war und insbesondere der Nationalismus zu großen Teilen überwunden war. Jetzt wird Europa seit 1989/90 ausgehend von der östlichen Hälfte Europas von einer neuen Welle des Nationalismus überzogen. 
 
Weiter fahre ich nach Zagreb und dann nach Ljubljana/Laibach. Auf dem Weg ins Stadtzentrum von Ljubljana passiere ich zwei quer über die Straße verlaufende Sperren durch hydraulische Poller. Diese Sperren durch hydraulische Poller sind mittlerweile in sehr vielen Stadtzentren von Großstädten im gesamten Europa anzutreffen. Per Knopfdruck können damit in Sekundenschnelle ganze Innenstädte abgesperrt werden. Zusammen mit der mittlerweile bestehenden flächendeckenden und lückenlosen Kameraüberwachung des öffentlichen Raumes sind die hydraulischen Poller Bestandteil einer „Architektur des Ausnahmezustands“, die sich seit den Ereignissen des 11.09.2001 weltweit in unheimlicher Geschwindigkeit ausweitet. Seit den Ereignissen des 11.09.2001 wurde der Ausnahmezustand (179) zum neuen Paradigma des Regierens, und seine Imperative durchdringen alle Bereiche der Gesellschaft und ebenso die Stadtplanung und Architektur. 
 
Über Maribor/Marburg an der Drau fahre ich weiter zum Tal der Mur und durch das klimatisch begünstigte Burgenland. Erstmalig treffe ich in Österreich wieder auf gute Fahrradwege, seitdem ich Tschechien verlassen habe. Ich gelange durch die Stadt Sopron/Ödenburg und passiere den Neusiedler See. Dann erreiche ich die Metropole Wien, und auch hier halte ich mich ein paar Tage auf zum Zweck von Stadtexkursionen und Museumsbesuchen. Da die drei Campingplätze bei Wien: Camping Wien Neue Donau, Camping Wien Süd, Camping Wien West, sowie der Campingplatz in Klosterneuburg ihren diesjährigen Saisonbetrieb schon beendet haben, quartierte ich mich in einem Hostel in Wien ein. U.a. besuchte ich in Wien das Naturhistorische Museum, das eins der größten naturhistorischen Museen der Welt ist, das Technische Museum und das Weltmuseum. Danach folgte ich dem Donau-Radweg (= Eurovelo 6). In der Stadt Tulln hat ein Denkmal am Donauufer die Nibelungensage (180) zum Thema, wobei die Begegnung von Kriemhild mit Hunnenkönig Attila/Etzel dargestellt ist. Ich passiere die Stadt Krems und gelange zur Burg Dürnstein. Hier ist das Zeitalter der Kreuzzüge präsent, denn in der Burg Dürnstein wurde König Richard Löwenherz (181), der vom 3. Kreuzzug zurückkehrte, von Dezember 1192 bis März 1193 gefangen gehalten. Erst nach der Zahlung eines Lösegeldes in Höhe von 100.000 Mark Silber, was etwa dem damaligen Staatshaushalt des Königreichs England von zwei Jahren entspricht, wurde er wieder freigelassen. Mit diesem Geld wurde u.a. der Bau der Stadtmauern der Stadt Wien (182) finanziert. Weiter fahre ich zur Stadt Linz und erreiche dann die Stadt Passau, von wo aus ich mit der Regionalbahn nach Berlin zurückfahre. Am 27. November 2023 endet nach 8850 km Fahrradfahrt meine Fahrradreise durch das südöstliche Europa. 
 

Anmerkungen: 

 
1) Eine gute Planungsgrundlage für Fahrradreisen bieten die folgenden Fahrrad-Reiseführer:
Herbert Lindenberg: Europa per Rad. Markgröningen, 8. Auflage 2022 (Reise Know-How Verlag).
Thomas Schröder, Helmut Hermann: Fahrrad Weltführer. Markgröningen, 4. Auflage 2016 (Reise Know-How Verlag).
Neil Pike, Harriet Pike: Adventure Cycle-Touring Handbook. Worldwide Cycling Route & Planning Guide. Hindhead (Surrey), 3. Auflage 2015 (Trailblater Publications).
 
2) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Donauradweg_(D6)
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/EuroVelo

3) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Elberadweg_(D10)

4) Vgl.: Friedjof Nansen: Freiluftleben. 1920, Leipzig. Vor dem Hintergrund der soeben erfolgten Zivilisationskatastrophe des Ersten Weltkrieges stellt Friedjof Nansen (1861-1930) in Anlehnung an Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) mit „Friluftsliv“ (Freiluftleben) sein Konzept eines einfachen, naturverbundenen Lebens vor, das dazu beitragen soll, die geistigen Grundlagen und Werte der europäischen Kultur zu erneuern. Meine methodische Praxis verstehe ich als eine Weiterentwicklung und Erweiterung dieses Konzeptes.

5) Vgl.: Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt am Main, 1967. Kuhn vertritt die These, daß sich der Fortschritt in der Wissenschaft nicht durch kontinuierliche Veränderung vollzieht, sondern durch revolutionäre Prozesse, wobei im Rahmen eines „Paradigmenwechsels“ ein bisher geltendes Erklärungsmodell verworfen wird und durch ein anderes ersetzt wird.

6) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erlebnispädagogik

7) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Mauerweg

8) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppe_der_Sowjetischen_Streitkräfte_in_Deutschland
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetarmee

9) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-plus-Vier-Vertrag
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufenthalts-_und_Abzugsvertrag

10) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/KSZE

11) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Charta_von_Paris

12) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Warschauer_Pakt#Auflösung

13) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Osterweiterung#Kontroversen

14) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Preußisch-Österreichischer_Krieg
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Preußisch-österreichischer_Dualismus

15) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlesische_Kriege

16) Vgl.: https://www.muzeumhk.cz/muzeum-valky-1866

17) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Spanische_Grippe

18) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Altvatergebirge

19) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sudeten

20) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schneekoppe

21) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Riesengebirge#Naturschutz

22) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wald-_und_Baumgrenze

23) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fjell

24) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Potenzielle_natürliche_Vegetation

25) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Höhenstufe_(Ökologie)

26) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Laubwald

27) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bergwald

28) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldsterben

29) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sukzession_(Biologie)

30) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wald

31) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Waldes_in_Mitteleuropa

32) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Forstwirtschaft

33) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biozönose

34) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Monokultur

35) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Forst
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswald
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Plantage

36) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biodiversität

37) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aussterben#Aktuelle_Situation

38) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Anthropozän

39) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Massenaussterben#Das_gegenwärtige_Massenaussterben

40) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldschäden

41) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Instrumentelle_Vernunft
Sowie: Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. 1974, Frankfurt am Main. Die instrumentelle Vernunft und ihre Kritik bildet die analytische Schlüsselkategorie der Kritischen Theorie der vom Sozialphilosophen Max Horkheimer (1895-1973) begründeten Frankfurter Schule, die auf Grundlage interdisziplinärer geistes- und gesellschaftswissenschaftlicher Analysen eine Synthese von Gesellschafts- und Kulturkritik leistet.
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Horkheimer#Kritik_der_instrumentellen_Vernunft

42) Vgl.: Zur Geschichte der weltweiten Ausweitung der Monokulturen vgl.: Florian Hurtig: Paradise Lost. Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur. 2020, München.

43) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswachstum

44) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konsumgesellschaft

45) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bedürfnishierarchie

46) Siehe: Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 1979, München. S. 168-169. In seiner Analyse der Konsumgesellschaft, die zu einem Klassiker der Konsumkritik geworden ist, entwirft Erich Fromm das Modell einer neuen Gesellschaft, die auf die Erfordernisse des nicht-entfremdeten, am Sein orientierten Individuums ausgerichtet ist.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Fromm

47) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wachstumszwang

48) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wachstumskritik

49) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grünes_Wachstum

50) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stationäre_Wirtschaft

51) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Subsistenzwirtschaft

52) Vgl.: https://www.szm.cz/de

53) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hultschiner_Ländchen

54) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Oberschlesien

55) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_Leobschütz
Teil des Landkreises Leobschütz ist die Stadt Katscher/Kietrz:
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kietrz
Dort hatte die Familie meines Vaters Wolfgang Suchan (1920-2011) einen Bauernhof, den sie im Zuge der Ethnischen Säuberungen im Jahre 1945 verlassen mußte.

56) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_Ratibor

57) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_in_Oberschlesien

58) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Interalliierte_Regierungs-_und_Plebiszitskommission_für_Oberschlesien

59) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkerbund#Scheitern

60) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vielvölkerstaat

61) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Österreich-Ungarn

62) Siehe: Philipp Ther: Die dunkle Seite der Nationalstaaten. ‚Ethnische Säuberungen‘ im modernen Europa. 2012, Bonn. S. 52.

63) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/František_Palacký

64) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tomáš_Garrigue_Masaryk

65) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschechoslowakischer_Nationalrat

66) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Edvard_Beneš

67) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_neue_Europa

68) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vorläufige_tschecho-slowakische_Regierung

69) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschechoslowakische_Unabhängigkeitserklärung

70) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ostmitteleuropa

71) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwischeneuropa

72) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensvertrag_von_Versailles

73) Siehe: Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. 2022, München. S. 569.

74) Siehe: Ebenda. S. 567-568.

75) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Dreißigjähriger_Krieg#Bewaffnete_Auseinandersetzungen_der_Zwischenkriegszeit
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwischenkriegszeit#Bewaffnete_Auseinandersetzungen

76) Siehe: Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. 2022, München. S. 571.

77) Siehe: Karl Schlögel: Bugwelle des Krieges. S. 185-186. In: Stefan Aust, Stephan Burgdorff (Hg.): Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. 2003, Bonn. S. 179-196.

78) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschechoslowakei
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschechoslowakische_Denkschriften_für_die_Friedenskonferenz_von_Paris_1919

79) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschechoslowakismus

80) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_in_der_Ersten_Tschechoslowakischen_Republik

81) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sudetendeutsche

82) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Willensnation

83) Siehe: Rudolf Jaworski: Die Sudetendeutschen als Minderheit in der Tschechoslowakei 1918-1938. S. 34-35. In: Wolfgang Benz (Hg.): Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen. 1995, Frankfurt am Main. S. 33-44.

84) Siehe: Alfred Maurice de Zayas: Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen. 1981, München. S. 49-50.

85) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sudetenkrise

86) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Münchner_Abkommen

87) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zerschlagung_der_Tschechoslowakei

88) Siehe: Peter Glotz: Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück. 2003, München. S. 120-121.

89) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Chronologie_des_Zweiten_Weltkrieges
https://de.wikipedia.org/wiki/Vorgeschichte_des_Zweiten_Weltkrieges_in_Europa
https://de.wikipedia.org/wiki/Vorgeschichte_des_Zweiten_Weltkrieges_im_Pazifikraum
https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Weltkrieg

90) Vgl.: https://www.muzeum-hlucinska.cz

91) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Cieszyn
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Olsagebiet

92) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_geteilter_Orte

93) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Siebenbürgen

94): Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gründungsstadt#Gründungsstädte_des_Mittelalters

95) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Siebenbürger_Sachsen

96) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Cluj-Napoca

97) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Corvinus

98) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mihai_Viteazul

99) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Romulus_und_Remus
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Kapitolinische_Wölfin

100) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schäßburg

101) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/UNESCO-Welterbe

102) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bedrohte_Sprache
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachtod

103) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturökologie#Biokulturelle_Diversität

104) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hermannstadt

105) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturhauptstadt_Europas

106) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Muzeul_Civilizației_Populare_Tradiționale_"ASTRA"_din_Sibiu

107) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnische_Säuberung

108) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Deportation

109) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vertreibung

110) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalstaat
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Nation

111) Siehe: Ulrich Beck, Edgar Grande: Das kosmopolitische Europa. 2004, Frankfurt am Main. S. 23.

112) Vgl. hierzu meinen Text: „Der moderne Nationalismus als eine politische Religion. Über die Konstruktion der Nation im Zeitalter des modernen Nationalismus“.

113) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sarmizegetusa_Regia

114) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ulpia_Traiana_Sarmizegetusa

115) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/World_Press_Photo
sowie: https://www.worldpressphoto.org/

116) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reporter_ohne_Grenzen

117) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rangliste_der_Pressefreiheit

118) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorisierung_(Kognitionswissenschaft)

119) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Klassifizierung

120) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Osmanisches_Reich

121) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geographie_Europas#Größe,_Grenzen_und_Lage

122) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Herodot

123) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Theodosianische_Mauer

124) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Plünderung_Roms_(410)
und: https://de.wikipedia.org/wiki/Untergang_des_Römischen_Reiches
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkerwanderung

125) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantinopel
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerungen_und_Eroberungen_von_Konstantinopel

126) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eroberung_von_Konstantinopel_(1204)
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Vierter_Kreuzzug

127) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Republik_Venedig
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Seerepubliken

128) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lateinisches_Kaiserreich
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Rückeroberung_von_Konstantinopel_1261

129) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eroberung_von_Konstantinopel_(1453)

130) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mehmed_II.

131) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Festung#Geschichte_der_neuzeitlichen_Festung
und: https://de.wikipedia.org/wiki/Zitadelle
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Bastion

132) Die Fortifikationswissenschaft erreichte im Zeitalter des Absolutismus insbesondere durch das Werk von Sébastian Le Prestre de Vauban (1633-1707) einen Höhepunkt.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sébastien_Le_Prestre_de_Vauban

133) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Absolutismus

134) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Merkantilismus

135) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Handelskompanie

136) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Britische_Ostindien-Kompanie

137) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Niederländische_Ostindien-Kompanie

138) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Französische_Ostindienkompanie

139) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Megastadt

140) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensreform

141) Vgl.: Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat. Frankfurt am Main, 1984. In seiner im Jahre 1941 erstmals erschienenen Analyse des NS-Staates unterscheidet Fraenkel die Parallelexistenz eines weiterhin fortbestehenden „Normenstaates“ neben einem errichteten „Maßnahmenstaat“ zur extralegalen Machtentfaltung und willkürlicher, enthemmter Gewaltausübung. Tatsächlich sind derartige Strukturen in unterschiedlicher Ausprägung nahezu überall anzutreffen, sodaß das Potential von Fraenkels Modell des „Doppelstaats“ (Dual State) für die Gegenwartsanalyse weitgehend ungenutzt brach liegt. Als ein Beispiel unter weiteren können die USA nach dem 11.09.2001 aufgeführt werden, die in der Folgeentwicklung Strukturen eines „Doppelstaates“ (Dual State) ausgebildet haben.

142) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Überwachungsstaat
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/PRISM

143) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tirilye

144) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bevölkerungsaustausch_zwischen_Griechenland_und_der_Türkei
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Griechenverfolgungen_im_Osmanischen_Reich_1914-1923

145) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Lausanne

146) Siehe: Philipp Ther: Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. 2017, Berlin. S. 90.

147) Siehe: Alfred Maurice de Zayas: Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen. 1981, München. S. 19.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Nemesis_von_Potsdam

148) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Armenier_in_der_Türkei
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkermord_an_den_Armeniern
des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkermord_an_den_Assyrern_und_Aramäern
Vgl. hierzu auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Turanismus#Turanismus_und_Panturkismus

149) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationenbildung

150) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Südosteuropa

151) Siehe: Holm Sundhaussen: Staatsbildung und ethnisch-nationale Gegensätze in Südosteuropa. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 53. Jahrgang, B 10-11/2003, 03. März 2003. S. 5.

152) Siehe: Ebenda: S. 5.
Vgl. auch: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/27752/staatsbildung-und-ethnisch-nationale-gegensaetze-in-suedosteuropa/


153) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Balkankriege

154) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Griechisch-Türkischer_Krieg

155) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jugoslawienkriege

156) Siehe: Karl Schlögel: Bugwelle des Krieges. S. 179. In: Stefan Aust, Stephan Burgdorff (Hg.): Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. 2003, Bonn. S. 179-196.

157) Stilprägend für die nationalistische europäischen Gedenk- und Erinnerungskultur ist das Genre des „säbelschwingenden Reiterstandbildes“, das die europäischen Erinnerungslandschaften prägt und das sich insbesondere in den europäischen Hauptstädten konzentriert. Die Gewalterfahrung und die Menschenopfer im Krieg werden zum prägenden kollektiven Identifikationsmythos der Nation, der die Nation zur Machtbehauptung gegen den äußeren Feind zusammenschweißt. Kriegerdenkmäler und Totenkult bilden das Identifikationszentrum der Nationalkultur, deren primäre Aufgabe es ist, die Bereitschaft der Bürger zum zukünftigen Opfertod zur Machtbehauptung der Nation zu fördern. Dieses Erscheinungsbild der öffentlichen Gedenk- und Erinnerungskultur und ihrer Ikonografie ist eine spezifische europäische Besonderheit auf Grundlage der kulturellen Hegemonie der Idee des Nationalismus in Europa als einem Produkt des Zeitalters der Moderne. Zentrum und Periferie der europäischen Erinnerungslandschaften unterscheiden sich diametral: Während in den Hauptstädten mit opulenten Denkmälern heroische Siege gefeiert werden und zur nächsten Schlacht mobilisiert wird, um Ruhm, Ehre und Größe der Nation zu vermehren, werden im ländlichen Raum in nahezu allen Dörfern mit Mahnmalen die Kriegstoten betrauert.

158) Siehe: Eric J. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. 2005, Bonn. S. 213. In seiner Analyse zur Geschichte der Nationen und des Nationalismus, die mittlerweile ein Klassiker der Geschichtswissenschaft ist, vertritt Hobsbawm die These: „Ein ethnisch und/oder sprachlich begründeter Nationalismus, der für jede ‚Nation‘ einen eigenen souveränen Staat anstrebt, ist als allgemeines Programm nicht praktikabel, ist für die politischen und selbst für die ethnischen und sprachlichen Probleme der Welt am Ausgang des 20. Jahrhunderts irrelevant und hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schlimme Folgen, wenn tatsächlich der Versuch unternommen wird, ihn in die Praxis umzusetzen.“

159) Siehe: Hans-Ulrich Wehler: Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen. 2001, München. S. 108.

160) Siehe: Jürgen Habermas: Vom Sinn und Unsinn nationaler Selbstbestimmung. S. 193-194. In: Derselbe: Zum Verhältnis von Nation, Rechtsstaat und Demokratie. S. 190-195. In: Derselbe: Politische Theorie (= Philosophische Texte Band 4). 2009, Frankfurt am Main. S. 176-208.

161) Siehe: Alfred Verdross, Bruno Simma: Universelles Völkerrecht. Theorie und Praxis. 1976, Berlin. S. 255.

162) Siehe: Jürgen Habermas: Vom Sinn und Unsinn nationaler Selbstbestimmung. S. 197-198. In: Derselbe: Zum Verhältnis von Nation, Rechtsstaat und Demokratie. S. 190-195. In: Derselbe: Politische Theorie (= Philosophische Texte Band 4). 2009, Frankfurt am Main. S. 176-208.

163) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Piri_Reis

164) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Karte_des_Piri_Reis

165) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_der_Große

166) vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexanderreich

167) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_für_byzantinische_Kultur_Thessaloniki

168) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles

169) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Viminatium

170) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erste_Wiener_Türkenbelagerung
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Wiener_Türkenbelagerung
und: https://de.wikipedia.org/wiki/Türkenkriege

171) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Belgrad

172) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Charta_von_Athen_(CIAM)

173) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Chandigarh

174) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Novi_Beograd

175) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sirmium

176) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Diokletian

177) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vučedol-Kultur

178) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wasserturm_von_Vukovar
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Kroatienkrieg

179) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ausnahmezustand

180) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nibelungensage
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkerwanderung

181) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Löwenherz

182) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Stadtmauern

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Fahrradreise südöstliches Europa - Ein Reiseerlebnisbericht. Textversion 01 vom 03.01.2024.
Mein Reiseerlebnisbericht kann mit zahlreichen Fotos auf meiner Internetseite aufgerufen und gelesen werden:
https://manfredsuchan.net/fahrradreise-suedoestliches-europa
Dort kann zudem mein Reiseerlebnisbericht im PDF-Format herunter geladen werden.
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Manfred SUCHAN
Geograf
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Bild unten: An der "Theodosianischen Landmauer" der Weltmetropole Konstantinopel  

am 02.09.2023 während meiner Fahrradreise durch das südöstliche Europa im Jahre 2023. Die gewaltige "Theodosianische Landmauer" ist die größte mittelalterliche Stadtmauer in Europa. Sie wurde aus Anlaß der Plünderung der Stadt Rom durch die Goten im Jahre 410 n. Chr. errichtet, um Vergleichbares in Konstantinopel/Byzanz zu verhindern. Über einen Zeitraum von annähernd 1000 Jahren, d.h. über die Spätantike und das gesamte Mittelalter hinweg schützte die Theodosianische Landmauer, die über diesen Zeitraum hinweg die größte Stadtmauer in Europa war, wirkungsvoll die Stadt Konstantinopel, und sie bot ein weit bekanntes Beispiel für die Städte in Europa, die sich ebenfalls mit Stadtmauern schützten und damit ein hohes Maß an politischer Unabhängigkeit und Selbstständigkeit wahren konnten. 

Bild oben: Die zahlreichen glazialzeitlichen Seen in Schweden sind ideal für mehrtägige Kanutouren, hier auf dem See Skallbergssjön (Värmland) am 20.08.2016
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Ein Sommer in Schweden

Erlebnisse an der nördlichen Periferie Europas im Sommer 2016

Ein Erlebnisbericht von Manfred Suchan

 

1. Einleitung

Im Sommer 2016 war ich erneut als Saisonmitarbeiter des Reise- und Tourenveranstalters "Rucksack Reisen" (1) tätig gewesen. „Rucksack-Reisen“ veranstaltet in Schweden im Sommer mehrtägige Kanutouren, Fjellwanderungen und Fahrradtouren, sowie im Winter Touren mit Schneeschuhen und Skiern durch die tief verschneiten Landschaften des skandinavischen Fjells (2) im Skandinavischen Gebirge (3). Zusätzlich zu den Veranstaltungen in Schweden betreibt der Reiseveranstalter „Rucksack-Reisen“ im Sommer ein Sommercamp am naturbelassenen Mittellauf der Loire in Frankreich, von wo aus mehrtägige Kanutouren auf der Loire veranstaltet werden. Der Reiseveranstalter “Rucksack Reisen” ist Mitglied im Tourismus-Dachverband “Forum Anders Reisen” (4), dessen rd. 150 Mitglieder sich dem Leitbild eines nachhaltigen und naturverträglichen Tourismus verpflichtet haben. Seitdem ich im Jahre 2006 den Tourenveranstalter "Rucksack Reisen" kennengelernt habe, bin ich immer wieder als Tourenbegleiter und Outdoor-Guide sowohl im Sommer als auch im Winter in Schweden und auch an der Loire mit „Rucksack-Reisen“ unterwegs gewesen. 
 
In Schweden unterhält der Touren- und Reiseveranstalter “Rucksack Reisen” mehrere touristische Destinationen, darunter das „Aktivcamp Idre“ mit dem „Rucksack Idre Stugor“ (5) bei der kleinen Stadt Idre (6) im Nordwesten der Provinz Dalarna (7) in Mittelschweden, des Weiteren die Ferienanlage „Gammelbyns Stugby“ (8) in der südlich angrenzenden Provinz Värmland bei Rattsjöberg (9) in der Nähe der Stadt Torsby, und das „Aktivcenter Stömne“ im Dorf Stömne ebenfalls in der Provinz Värmland in der Nähe der Stadt Arvika, sowie ein Sommercamp am See Laxsjön in der Nähe der Stadt Bengtsfors in der Provinz Västra Götaland (Dalsland) und zudem den Kanuverleih „Kanucenter Arvica“ (10). 

2. Inhalt 

  1. Einleitung 

  2. Inhalt 

  3. Im Kanuland Dalsland 

  4. Am Rande der Wildnis am Skandinavischen Gebirge 

  5. Abenteuer im Värmland 

  6. An der Vegetations- und Klimagrenze des „Limes norrlandicus“ 

  7. Weitere Abenteuer im Värmland 

  8. Wieder am Rande der Wildnis am Skandinavischen Gebirge 

  9. Zu Fuß in die Wildnis des „Gränslandet“ im Skandinavischen Gebirge 

10. Industrielle Forstwirtschaft und Biodiversitätskrise 

11. Anmerkungen 


3. Im Kanuland Dalsland 

 In der Sommersaison fahren die Reisebusse von “Rucksack Reisen” jeden Freitag von Münster mit einem Zwischenstop am Fernbusbahnhof in Hamburg nach Schweden. Am 01.07.2016 war ich in Hamburg zugestiegen und erreichte nach einer Nachtfahrt und zwei Fährüberfahrten über die sogenannte „Vogelfluglinie“ (11) am frühen Morgen des 02.07.2016 das Sommercamp des Tourenanbieters “Rucksack Reisen” am See Laxsjön in der Nähe der Stadt Bengtsfors in der Provinz Västra Götaland (Dalsland) (12). Dieses Sommercamp befindet sich auf dem Gelände des Campingplatzes „Laxsjöns friluftsgård“ am Ufer des Sees Laxsjön, der eine Wasserspiegelhöhe von 76 m hat. Das Sommercamp ist Ausgangsort von einwöchigen und zweiwöchigen Kanutouren. Diese mehrtägigen Kanutouren des Tourenanbieters “Rucksack Reisen” werden mit Canadiern (13) durchgeführt, die viel Platz für die mitgeführte Ausrüstung bieten und die sich deswegen hervorragend für auch wochenlange Kanutouren eignen. Bei meiner Ankunft regnet es dort aus wolkenverhangenem grauem Himmel. Immerhin soll das Wetter (14) in der vergangenen Woche überwiegend sonnig gewesen sein. 
 
Morgen werde ich hier als Tourenbegleiter mit einer Gruppe zu einer einwöchigen Kanutour „Kanuwoche Dalsland“ (15) starten. Aufgrund der vielen Seen, die oft miteinander verbunden sind, ist Dalsland eine für Kanutouren beliebte Region (16). 11% der Landesfläche von Dalsland sind von Gewässern bedeckt, sodaß Dalsland eins der beliebtesten Paddelreviere in Europa ist. Dalsland liegt im klimatisch begünstigten südlichen Teil von Schweden, und das Klima entspricht weitgehend dem in Norddeutschland und Dänemark. Obwohl im klimatisch begünstigten südlichen Schweden gelegen, ist die Landschaft in Dalsland auch heute noch dünn besiedelt und sie ist von Seen und Wäldern geprägt. Dalsland im südlichen Schweden ist vom mittleren Europa aus ohne lange Anfahrten gut zu erreichen, sodaß die Region insbesondere auch bei Kanuten aus dem mittleren Europa beliebt ist. In der Region Dalsland und Nordmarken hat die Organisation DANO für die mittlerweile zahlreichen Kanufahrern rd. 110 Lagerplätze mit einfachen Schutzhütten, Feuerstellen und Trockentoiletten angelegt (17). Wildnisregionen (18) sind in Schweden erst weiter nördlich im Skandinavischen Gebirge zu finden. 
 
03.07.2016: Meine Gruppe, mit der ich heute zu einer einwöchigen Kanutour „Kanuwoche Dalsland“ starte, hat einschließlich mir insgesamt 14 Teilnehmer, davon die Hälfte Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren. Parallel startet eine weitere Gruppe mit 13 Teilnehmern, darunter ebenfalls ca. die Hälfte Kinder, sowie eine dritte Gruppe mit sechs erwachsenen Teilnehmern. Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück. Es folgt das Verpacken der persönlichen Ausrüstung der Tourteilnehmer in wasserdichte Packsäcke. Als Bestandteile der Gruppenausrüstung werden wie auf jeder mehrtägigen Kanutour des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ Zelte, Werkzeug und Campingküchenausrüstung sowie Lebensmittel verpackt in wasserdichten Tonnen mitgenommen. Anschließend erhalten die Tourteilnehmer die Canadier, mit denen sie auf Tour gehen werden, sowie Paddel mit einer individuell passenden Schaftlänge und Schwimmwesten in einer individuell passenden Größe. Die Schwimmwesten müssen während der Kanutour im Boot auf dem Wasser stets getragen werden. 
 
Bei jeder Kanutour erfolgt vor dem Tourbeginn eine Kanueinweisung, bei der die Tourenbegleiter das Ein- und Aussteigen ins Boot, die richtige Paddelhaltung und die wichtigsten Paddelschläge erklären und demonstrieren (19). Bestandteil der Kanueinweisung ist zudem die Demonstration einer „Boot-über-Boot-Bergung“ (T-Bergung), die nach Möglichkeit mit den Tourteinehmern auf dem Wasser geübt wird. Sowohl die Verwendung der Schwimmwesten, als auch die „Boot-über-Boot-Bergung“ können tödliche Kanuunfälle auf dem Wasser verhindern. Dabei ist das größte Risiko insbesondere auf größeren Seen fernab vom Ufer die Gefahr einer Unterkühlung (Hypothermie) (20) von gekenterten Kanuten, die den Verlust des Bewußtseins und eine Lähmung der Muskulatur zur Folge haben kann. Diese Gefahr wird oft erheblich unterschätzt, denn das Wasser großer Seen im nördlichen Europa kann je nach Jahreszeit und Wetterlege sehr kalt sein (21), und dies auch im Sommer. Deswegen soll in Ufernähe gefahren werden, und große Seen sollen nach Möglichkeit nicht überquert werden. 
 
Kurz nach 12:00 Uhr sind die Canadier beladen und die Tour beginnt. Vorerst ist das Wetter wechselhaft und es gibt in dichter Folge Regenschauer. Gegen 13:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur über dem See Laxsjön (76 m) +18 °C und die Temperatur des Oberflächenwassers +16 °C. Hinter unserer Parallelgruppe überqueren wir den See Laxsjön nach Norden und fahren ca. einen Kilometer östlich des Ortes Billingsfors in eine Bucht hinein, an deren westlichem Ende ein Teilstück des Dalslandkanals (22) beginnt. Es folgt die Passage von insgesamt vier Schleusenanlagen, die Letzte eine Doppelschleuse mit zwei Schleusenkammern. Nun gelangen wir in den See Bengtsbrohöljen (90,3 m), den wir durchfahren. Nach gut zwei Kilometern Fahrt durch den See Bengtsbrohöljen erreichen wir an dessen Nordende die Stadt Bengtsfors, wo zwei weitere Schleusen zu passieren sind. Wir haben uns beeilt, da am späteren Nachmittag der Schleusenbetrieb eingestellt wird und wir die Boote und die gesamte Ausrüstung dann aufwändig hätten umtragen müssen. Nun sind wir am Südostende des Sees Lelång (93 m) (23) angelangt. Unsere heutige Fahrt endet gegen 19:00 Uhr an einem Lagerplatz mit Feuerstelle an der Nordseite einer Insel, die nördlich des Ortes Gran in den See Lelång hineinreicht. Nach dem Aufbau der Zelte wird an der Feuerstelle gemeinsam Essen gekocht. 
 
04.07.2016: Am Morgen gegen 7:00 Uhr ist das Wetter sonnig und die Lufttemperatur beträgt +11 °C. Zum Frühstück wird u.a. an der Feuerstelle schwedischer Kochkaffee gekocht. Regelmäßig backe ich auf meinen Kanutouren zum Frühstück am Kochfeuer in der Pfanne Pfannekuchen. Meine Pfannekuchen sind insbesondere bei den Kindern beliebt, und stets entsteht eine Warteschlange für die nächsten Pfannekuchen. Pfannekuchen backe ich morgens stets so lange, bis sich niemand mehr in die Warteschlange anstellt. Nach dem Campabbau und dem Beladen der Canadier setzen wir die Kanutour auf dem See Lelång nach Norden fort. Das Wetter bleibt den Tag über heiter mit leichtem Wind aus Südwest. Die Lufttemperatur beträgt gegen 13:00 Uhr +19 °C und die Temperatur des Öberflächenwassers +15 °C. Nach einer Mittagspause folgen wir dem Westufer des Sees Lelång weiter nach Norden bis zu einem Lagerplatz nördlich des Ortes Åkerkärr, wo wir die Zelte aufbauen. 
 
05.07.2016: Das sonnige und warme Sommerwetter hält an. Bezüglich des weiteren Tourverlaufs findet eine Weiterfahrt zum See Västra Silen keine Mehrheit mehr, und die Gruppe entscheidet sich für eine kurze Rundtour über den Ort Kråkviken, wobei jedoch eine längere Portage erforderlich sein wird. So erfolgt die Weiterfahrt gegen 12:30 Uhr über den See Lelång nach Südosten, bis die Landstraße 172 erreicht ist. Hier erfolgt nun die Portage von etwas mehr als einem Kilometer Länge über Teerstraßen und Schotterwege Richtung Nordnordost bis zum Camp des Kanuverleihs „Silverlake“ am Südende des Sees Västra Silen (97,1 m). Nach einer Pause fahren wir weiter nach Nordosten Richtung des Ortes Krokfors, wo wir ca. 500 m weiter südlich einen Lagerplatz anlaufen und dort unser Camp errichten. 
 
06.07.2016: Der Tag wird erneut heiter und warm. Die Abfahrt erfolgt gegen 12:30 Uhr, und wir fahren zuerst zur nahegelegenen Schleuse Krokfors. Hier gibt es eine Einkaufsmöglichkeit, und wir können geräucherten Fisch, Knäckebrot und Milch einkaufen. Nun überqueren wir den See Västra Silen nach Nordwesten zum Ort Vårvik. Eine Kirche steht dort weithin sichtbar auf einer Insel, die über einen Damm mit dem Festland verbunden ist. Der Wind kommt heute aus Nordwest, an den Vortagen war es Südwest. Wir überqueren nun den See Västra Silen nach Südost. Kurz nach 14:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur +18 °C und die Temperatur des Oberflächenwassers im See Västra Silen +16 °C. Bei Skifors erfolgt eine kurze Portage über einen Damm mit einer Landstraße, womit wir den See Svärdlång (95,5 m) erreichen. Nach weiteren zwei Kilometern Fahrt gelangen wir am Südende des Sees Svärdlång zu einer von Norden in den See hineinreichende Halbinsel mit einem Lagerplatz, wo wir gegen 16:00 Uhr unser Camp aufbauen. Hier treffen wir auch auf unsere Parallelgruppe. Der See läd zum Baden ein. 
 
07.07.2016: Der Tag ist erneut sonnig. Nach der Abfahrt gegen 11:00 Uhr durchqueren wir den schmalen See Svärdlång (95,5 m). Zwischen Bengtsfors und Skåpafors erreichen wir die Landstraße 164 mit einem Rastplatz, wo wir eine Mittagspause einlegen. Danach fahren wir am Ufer entlang nach Westen und passieren eine kleine, niedrige Brücke. Danach erwartet uns neben einem Stauwehr eine Portage. Die Boote müssen samt Ausrüstung ca. 500 m an einer Fabrikanlage vorbei den Hang herunter getragen werden. Dann erreichen wir den See Laxsjön (76 m) und folgen dessen Westufer. Der kleine Lagerplatz an der Landspitze gegenüber der Halbinsel Baldersnäs ist von einer anderen Kanugruppe belegt. Daraufhin überqueren wir den See Laxsjön bei Wind und hohen Wellen aus SSW hin zum Nordufer der Halbinsel Baldersnäs. Am dortigen Lagerplatz treffen wir auf unsere Parallelgruppe, mit der wir uns den Lagerplatz teilen. Mittlerweile ist dort ein Grill- und Kochplatz mit einem Unterstand und einer Trockentoilette angelegt worden, den es in den Vorjahren noch nicht gegeben hatte. Den Abend gestalten beide Kanugruppen zusammen. 
 
08.07.2016: Über Nacht hat sich von Süden eine dichte Wolkendecke über die Landschaft um den See Laxsjön geschoben, und am frühen Morgen regnet es kurz. Doch über den Vormittag hinweg heitert es zunehmend auf, bis sich gegen Mittag erneut die Sonne durchsetzt. Nach einem ausgiebigen Frühstück gemeinsam mit unserer Parallelgruppe starten wir gegen 11:30 Uhr mit unseren bepackten Kanus von unserem Lagerplatz am Nordende der Halbinsel Baldersnäs und folgen der Westküste nach Norden bis zu einer Anlegestelle in der Mitte der Halbinsel. Von hier aus erreicht man nach kurzem Weg das Zentrum der Halbinsel Baldersnäs mit alten landwirtschaftlichen Gebäuden, einem Naturum, Cafés und Souvenierläden. Die Gebäude sind von einer Parklandschaft mit altem Baumbestand umgeben. Nicht zuletzt aufgrund der Lage im See ist die Halbinsel Baldersnäs klimatisch begünstigt, sodaß wärmeliebende Laubbaumarten dominieren: Eichen, Linden, Ulmen, Eschen, Roßkastanien, Rotbuchen, zudem Bergahorn, Schwarzerlen, Mehlbeere u.a. Wir befinden uns hier unübersehbar und eindeutig innerhalb der Vegetationszone (24) des Laubmischwalds (25) des mittleren Europas. 
 
Der Wind aus Süden ist heute deutlich schwächer als am Vortag, sodaß wir auf dem See Laxsjön zum Campingplatz Laxsjöns friluftsgård, auf dessen Gelände sich das Sommercamp des Tourenanbieters „Rucksack-Reisen“ befindet, zügig und ohne nennenswerte Beeinträchtigung durch Wellen weiterfahren, die uns gestern Nachmittag bei der Überquerung des Sees Laxsjön zu schaffen gemacht hatten. Am Strand beim Campingplatz erfolgt die Entladung der Canadier und der Transport der Ausrüstung zum Sommercamp. Wie nach jeder mehrtägigen Outdoor-Tour erfolgt nun gemeinsam mit den Teilnehmern der Kanutour die Endreinigung der gesamten Ausrüstung, die am morgigen Samstag von der nächsten startenden Kanugruppe in gereinigtem und vollständigen Zustand übernommen wird. Anschließend packe ich meine persönliche Ausrüstung, da ich morgen mit dem aus Deutschland ankommenden Reisebus gegen 6:00 Uhr nach Idre weiterfahren soll, um dort mit einer Gruppe auf Tour zu gehen. 
 

4. Am Rande der Wildnis am Skandinavischen Gebirge 

 09.07.2016: Am frühen Morgen um 4:30 Uhr ist es beim Sommercamp am See Laxsjön heiter bei einer Lufttemperatur von +8 °C. Der Sonnenaufgang ereignet sich kurz vor 5:00 Uhr und kurz darauf bildet sich Bodennebel. Die Reisebusse aus Deutschland treffen nach einer Nachtfahrt gegen 6:15 Uhr mit neuen Tourteilnehmern beim Sommercamp des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ am Laxsjön ein. Nach einer kurzen Pause zum Ausladen und Umladen steige ich zu, und die Fahrt geht weiter nach Stömne und Arvika, wo die Busse weitere Zwischenstops einlegen und Reisegäste aussteigen. Dann fahren die Reisebusse bei Sunne auf die Autoschnellstraße E 45, und die Fahrt geht vorbei an der Stadt Torsby nach Malung, wobei die Flüsse Klarälven und Västerdalälven überquert werden. Bei der Weiterfahrt über Sälen und Särna gelangen wir nun in das Skandinavische Gebirge, und es gibt stärkere Regenschauer. Sälen ist ein bedeutender Wintersportort und Startplatz des jährlich stattfindenden Wasalaufs. 
 
Hier am Rande des Skandinavischen Gebirges verläuft die Fahrt nun durch ausgedehnte Wälder der zirkumpolaren Klima- und Vegetationszone des Borealen Nadelwaldes (26). Es dominieren hier Fichten, Kiefern und Birken. Im gesamten Fennoskandinavien (27) sind diese Borealen Nadelwälder heute durch die gleichförmigen Monokulturen der industriellen Forstwirtschaft, durch die großflächige forstindustrielle Bewirtschaftung durch Großmaschinen und durch großflächige Kahlschläge geprägt. In diesen Nutzholzplantagen der industriellen Forstwirtschaft bilden dicht stehenden Kiefern oder Fichten Reinbestände, die eine einheitliche Größe und gleiches Alter haben. Nach ca. 80 Jahren werden die Bestände dieser Monokulturen von forstindustriellen Großmaschinen von Typus „Harvester“ großflächig abgeschitten, und es entstehen riesige Kahlschläge von oft mehreren Quadratkilometern. Lediglich in Naturschutzgebieten, die in Schweden knapp 15% der Landesfläche ausmachen, und in denen keine Forstwirtschaft betrieben wird, kann man einen Eindruck davon gewinnen, wie naturbelassene Wälder mit mehrhundertjährigen mächtigen Baumindividuen aussehen. Diese naturbelassenen Naturschutzgebiete, die häufig Wildnischarakter haben, befinden sich insbesondere im Skandinavischen Gebirge. 
 
Die Reisebusse treffen gegen 14:00 Uhr beim „Aktivcamp Idre“ und dem „Rucksack Idre Stugor“ bei der kleinen Stadt Idre im Nordwesten der Provinz Dalarna ein. In Idre werde ich heute als Tourenbegleiter mit einer Gruppe von insgesamt sechs Teilnehmern zu der einwöchigen Outdoor-Tour „Wildniswoche“ (28) starten. Die „Wildniswoche“ besteht aus einer dreitägigen Trekkingtour über einen Teil des Fulufjells (29), dem südlichsten Fjellgebiet in Schweden, sowie einer dreitägigen Kanutour durch ein Seengebiet beim Ort Nornäs mit den Seen Ransi, Noren, Tyri, Kullhån, Kyrkkamfjärden und Horrmunden, die über den kleinen Fluß Björnån miteinander verbunden sind. Hierbei fahren die Tourteilnehmer mit Fahrrädern zum jeweiligen Ort, an dem diese Touren beginnen. M.E. ist die „Wildniswoche“ eine der schönsten und abwechslungsreichsten Outdoor-Touren, die der Tourenanbieter „Rucksack-Reisen“ in Schweden veranstaltet. Die Tourteilnehmer haben innerhalb dieser einwöchigen Tour sowohl die Möglichkeit, verschiedene unterschiedliche Naturlandschaften kennenzulernen, die das mittlere Skandinavien prägen, als auch die Gelegenheit, verschiedene Reiseformen (Trekking, Kanufahren, Radfahren) zu praktizieren. Diese „Wildniswoche“ war die erste mehrtägige Tour, die ich vor mehreren Jahren als Tourenbegleiter für den Tourenanbieter „Rucksack-Reisen“ mit einer Tourengruppe in Schweden durchgeführt hatte, und seither habe ich diese „Wildniswoche“ wiederholt mit Tourengruppen durchgeführt. Bei nahezu allen mehrtägigen Outdoor-Touren des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ erfolgt im Sommer die Übernachtung in mitgeführten Zelten, wobei überwiegend das Zelt „Vaude Campo“ verwendet wird. 
 
Im Skandinavischen Gebirge gibt es zudem zahlreiche Schutzhütten in verschiedenen Größen und Ausstattungen (30): Bewirtschaftete Fjellstationen, Schutzhütten mit oder ohne Hüttenwart mit regulären Übernachtungsmöglichkeiten, einfache, immer geöffnete Rasthütten für Rastpausen, oft mit einem kleinen gußeisernen Ofen zum Beheizen im Winter, in denen man im Notfall übernachten darf, sowie Windschutzhütten (Vindskydd, Shelter) in Form eines offenen Unterstandes, oft mit einer Feuerstelle davor. Für die Meisten dieser Hütten im Skandinavischen Gebirge in Schweden ist der schwedische Tourismusverband „Svenska Turistföreningen“ (STF) (31) zuständig. Der schwedische Tourismusverband und der norwegische Tourismusverband (32) erfüllen im Skandinavischen Gebirge die Aufgaben, die in den Alpen den Alpenvereinen (33) zukommen. Daher empfiehlt sich für Fjällwanderungen in Schweden eine Mitgliedschaft im schwedischen Tourismusverband, in der zudem eine Mitgliedschaft im internationalen Jugendherbergsverband enthalten ist. 
 
Die „Wildniswoche“ wird aus organisatorischen und logistischen Gründen in zwei Varianten angeboten, einer Variante, bei der zuerst die Trekkingtour über das Fulufjell erfolgt, und danach sich die dreitägige Kanutour anschließt, sowie einer weiteren Variante, bei der zuerst die Kanutour und dann die Trekkingtour durchgeführt wird. Unsere „Wildniswoche“ beginnt mit der Trekkingtour über das Fulufjell. Das Fulufjell ist ein Bestandteil des Skandinavischen Gebirges, und es ist beiderseits der schwedisch-norwegischen Grenze, die über das Fulufjell verläuft, ein Naturschutzgebiet (34). Das Skandinavische Gebirge ist ein altes Gebirge, und seine Gebirgsbildung (Orogenese) (35) erfolgte vor etwa 440 bis 390 Millionen Jahren im frühen Silur bis zum mittleren Devon während der Kaledonischen Orogenese (36). Das Skandinavische Gebirge wurde durch Erosion nachfolgend weitgehend eingeebnet; es hat den Charakter eines Rumpfgebirges (37), bei dem steile Bergspitzen (Nunatakker) weitgehend fehlen und in der Höhe Hochplateaus wie beim Fulufjell häufig anzutreffen sind, die den landschaftlichen Charakter des skandinavischen Fjells prägen. Die höchsten Erhebungen auf dem Fulufjell erreichen eine Höhe von 1047 m. Im Gegensatz zum Skandinavischen Gebirge sind die Alpen ein geologisch junges Gebirge, dessen Orogenese vor etwa 135 Millionen Jahren einsetzte und bis heute anhält, weswegen die Alpen durch mit der Höhe steiler werdende Bergspitzen geprägt sind. 
 
Nach der Vorbereitung der Tour und dem Packen der Ausrüstung gemeinsam mit den Tourteilnehmern starten wir gegen 18:00 Uhr mit Fahrrädern von Idre über Särna und weiter Richtung Mörkret am Fulufjell. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit werden wir ca. einen Kilometer hinter Särna vom Kleinbus des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“, der unser Gepäck transportiert, aufgenommen und bis zu unserem heutigen Lagerplatz im Fulantal am Fuße des Fulufjell mitgenommen, wo wir gegen 20:00 Uhr eintreffen. Es erfolgt der Aufbau der Zelte und gemeinsames Kochen am Kochfeuer. Es gibt hier einige Stechmücken und vor allem große Mengen winziger lästiger Gnitzen (38), die hier kaum größer als 1 mm sind. In Kanada sind diese erheblich größer, und sie werden dort „Black Flies“ oder auch „Knots“ genannt. Oft sind Gnitzen lästiger als Stechmücken, da sie gerne in Massen auftreten und überall hin zu gelangen scheinen, in die Bekleidung und durch schlechte Moskitonetze auch in die Zelte. 
 
10.07.2016: Am heutigen Tag bleibt das Wetter heiter. Nach dem gemeinsamen Frühstück und dem Abbau der Zelte folgen wir gegen 11:30 Uhr dem Schotterweg im Fulantal ca. zwei Kilometer nach Südosten bis zu seinem Ende und steigen dann zum Fulufjell auf. Beim Aufstieg auf das Fulufjell folgen wir dem Tal des kleinen Flusses Göljån durch den Bergwald zur Göljånstugan, einem Pfad von ca. sieben Kilometer Länge. Im Tal des Flusses Göljån sind noch immer die Spuren des Unwetters des Jahres 1997 anzutreffen, u.a. umgestürzte Bäume und Muren. Während dieses Unwetters im August 1997 fielen hier innerhalb von 24 Stunden bis zu 40 cm Regen, die höchste je in Skandinavien gemessene Niederschlagsmenge, die zu großen Bergstürzen und Überschwemmungen führte. Besonders betroffen war der Fluß Göljån, dessen Wassermassen sich auf das 500-fache erhöhten. Durch die bis zu 6 m hohe Flutwelle wurden ca. 10.000 m² Bäume entwurzelt. 
 
Nach vier Kilometern Aufstieg legen wir an einer kleinen Windschutzhütte (Vindskydd, Shelter) eine Mittagspause ein. Die Waldgrenze (39) liegt hier bei einer Höhe von ca. 800 m, wobei die letzten 50 bis 100 m des Bergwaldes von Fjellbirken (40) gebildet werden. Die Waldgrenze ist die Grenze des geschlossenen Waldes, und sie wird unterschieden von der höher gelegenen Baumgrenze, die die Grenze des Vorkommens einzelner Bäume ist. Die Waldgrenze ist eine Klima- und Vegetationsgrenze, und sie trennt die Vegetationszone des Borealen Nadelwaldes von der Vegetationszone der subarktischen Tundra (41) der subpolaren Klimazone (42). Höhenlagenbedingt reicht diese subpolare Klimazone mit der Vegetationszone der subarktischen Tundra entlang des Skandinavischen Gebirges weit nach Süden bis zur Hardangervidda (43), und sie ist ein Teil der Arktis (44). Die waldfreie Bergtundra oberhalb der Waldgrenze wird im Skandinavischen Gebirge „Kahles Fjell“ genannt. Vor Erreichen der Schutzhütte Göljånstugan queren wir eine Blockhalde (45) aus rotem, ca. 900 Millionen Jahren altem Sandstein (46), einem Sedimentgestein (47), das das Fulufjellmassiv bildet. Dies ist eine Besonderheit, da das anstehende Gestein des Baltischen Schildes (48) meistens Kristallingestein (49) ist, wie z.B. Granit, Gneis und kristalline Schiefer. An den Blöcken aus Sandstein lassen sich gut farblich differenzierte Schichtungen sowie Rippeln erkennen, die Aufschluß über die Sedimentationsbedingungen und die damals herrschenden paläoökologischen (50) und paläoklimatischen (51) Verhältnisse liefern. In schattigen Geländenischen liegen hier noch jetzt im Hochsommer größere Altschneereste. 
 
Die Fjellhütte Göljånstugan erreichen wir kurz nach 17:00 Uhr. Die Göljånstugan ist eine der in den skandinavischen Fjellgebieten häufig anzutreffenden Schutzhütten, die zwar für Rastpausen bei Wanderungen genutzt werden können, die allerdings nur in Notfällen zu Übernachtungen genutzt werden sollen. Ca. 30 Meter oberhalb der Hütte bauen wir neben einigen niedrigwachsenden Fjellbirken unsere Zelte auf. In der Göljånstugan gibt es einen für Fjellhütten typischen kleinen gußeisernen Holzofen, den wir anfeuern, um auf dem Ofen zu kochen. In einem separaten Holzschuppen befindet sich zu diesem Zweck ein größerer Holzvorrat sowie Sägen und Äxte, die zum Inventar einer jeden Fjellhütte gehören. Ebenso gehört zum Inventar einer jeden Fjellhütte eine Schneeschaufel, die meist über dem Eingang oben am Giebel des Daches befestigt ist, da im Winter die Eingänge der zugeschneiten Fjellhütten und oft auch die gesamte Hütte erst aus dem oft mehrere Meter hohen Tiefschnee und hohen Schneeverwehungen ausgegraben werden müssen. 
 
11.07.2016: In der Nacht ist es bewölkt und es regnet häufiger. Im Laufe des Vormittags heitert es nach und nach auf und die Regenschauer werden seltener. Nach einem Frühstück in der Göljånstugan starten wir gegen 11:00 Uhr zu unserer heutigen Tagesetappe von ca. 14 km. Zuerst gelangen wir bei geringen Steigungen über das Kahle Fjell auf dem Hochplateau des Fulufjells. Auf dem Kahlen Fjell befinden wir uns in der Vegetationszone der subarktischen Tundra und in der subpolaren Klimazone. Höhenlagenbedingt reicht diese subpolare Klimazone mit der Vegetationszone der subarktischen Tundra entlang des Skandinavischen Gebirges weit nach Süden bis zur Hardangervidda. Dort im Süden des Skandinavischen Gebirges liegt die Waldgrenze auf einer Höhe von ca. 1100 m. In den Fjellgebieten bei Idre liegt die Waldgrenze je nach Geländeexposition bei 750 bis 900 m, und sie fällt nach Norden weiter ab, wobei sie in der Umgebung des Nordkaps (71° 10‘21‘‘ N) Meeresspiegelniveau erreicht. Zum Vergleich liegt die Waldgrenze in den Zentralalpen bei ca. 2000 m, in den nördlichen Randalpen bei ca. 1800 m, im Riesengebirge (52) bei ca. 1250 m und im Harz bei ca. 1000 m Höhe. 
 
Die klimatische Waldgrenze ist eine sensible und dynamische Grenze, an der schon geringe klimatische Veränderungen erhebliche Veränderungen im Erscheinungsbild der Vegetation zur Folge haben, und daher eignet sich die klimatische Waldgrenze insbesondere zum Studium des Klimawandels. Damit Wald wachsen kann, ist eine Vegetationsperiode (53) von mindestens zehn Wochen mit Durchschnittstemperaturen von mindestens +10 °C erforderlich. Wie kalt es im Winter wird, ist hingegen nicht wesentlich. So befindet sich z.B. ein Kältepol (54) der Nordhalbkugel bei Werchojansk in Ost-Sibirien, wo Temperaturen bis -67,8 °C gemessen wurden, im Bereich des Borealen Nadelwaldes (= Taiga). Die kälteste Temperatur in Schweden von -53 °C wurde im Jahre 1941 in der Gemeinde Vilhelmina in der Provinz Västerbottens län in Lappland gemessen, ebenfalls im Bereich des Borealen Nadelwaldes. Im obersten Teil des Waldes an der Waldgrenze befindet sich eine Krummholzzone (55). Im Skandinavischen Gebirge wird dieser oberste Teil des Waldes an der Waldgrenze über eine Höhendistanz von etwa 150 m von Fjellbirken gebildet, die vom Wind und den winterlichen Schneemassen oft bizarr geformt wurden. In den Alpen hingegen wird der Bergwald in der Krummholzzone an der Waldgrenze von Legföhren an besonnten Hängen und Grünerlen an schattigen Standorten gebildet. 
 
Die waldfreie subarktische Tundra der subpolaren Klimazone wird im Skandinavischen Gebirge “Kahles Fjell” genannt, doch auch hier wachsen Bäume wie z.B. Zwergbirken (56) und Weiden (57), die Bestandteile der Pflanzengesellschaften der subarktischen Tundra sind. Diese Bäume werden jedoch kaum höher als knöchelhoch, und sie schmiegen sich kriechwüchsig dem Boden an, weswegen sie nicht „Wald“ genannt werden, obwohl sie oft große Flächen bedecken und dichte und geschlossene Bestände bilden. Ihre Laubblätter sind winzig und meist kleiner als ein Zentimeter. Hebt man die kriechwüchsigen Stämmchen dieser Bonsaiformen etwas vom Boden an, wird deutlich, daß diese durchaus Längen von mehr als einem Meter erreichen können. Mithilfe des Kriechwuchses können diese Bäume die extremen winterlichen Klimabedingungen im langen Winter der subarktischen Tundra unter der schützenden Schneedecke überdauern, während oberhalb der Schneebedeckung sich in der kahlen subpolaren Landschaft Schneestürme ungehindert entfalten können, wobei jegliche Vegetation oberhalb der schützenden Schneedecke der Abrasion durch die vom Wind insbesondere in bodennahe Luftschichten mitgeführten Schneekristalle ausgesetzt ist, deren Wirkung ähnlich der eines Sandstrahlgebläses ist. 
 
Bei einer geringfügigen Erhöhung der Jahresdurchschnittstemperaturen beginnen diese kriechwüchsigen Bonsaiformen insbesondere in der Nähe der Baumgrenze wieder höhere Stämme auszubilden, die die winterliche Schneedecke überragen. Faktisch ist die Vegetation der subpolaren Klimazone der subarktischen Tundra zu großen Teilen ein Pionierwald (58) im Wartezustand, der bei geeigneten Klimabedingungen sofort in die Höhe wachsen kann, um einen hohen Wald zu bilden. Tatsächlich gab es schon während des postglazialen Klimaoptimums vor 8.000 bis 6.000 Jahren in Skandinavien überall dort, wo heute Tundra ist, borealen Nadelwald. Einige Reliktbestände dieses ehemaligen borealen Nadelwaldes des postglazialen Klimaoptimums haben sich sogar in der rezenten Tundra des kahlen Fjells über Jahrtausende hinweg bis heute erhalten. Ein bekanntes Beispiel ist die Fichte „Old Tjikko“ (59) auf dem Fulufjell. 
 
Nach ca. 4 km erreichen wir die Fjellhütte Tangsjöstugan. Dort laufen Wanderwege aus verschiedenen Richtungen zusammen, und wir treffen dort auf weitere Wandergruppen. In direkter Umgebung liegen einige kleine Seen mit einer Wasserspiegelhöhe von 940 m. Im weiteren Verlauf folgen wir dem markierten Sommerweg entlang des Baches Tangån nach Südosten über eine Distanz von ca. 10 km bis zur Fjellhütte Tangåstugan. Ein separater, markierter Winterweg verläuft parallel in 1 bis 2 km Abstand nordöstlich des Sommerwegs im Tangådalen durch höher gelegenes Gelände. Dieser Weg zwischen den Fjellhütten Tangsjöstugan und Tangåstugan ist ein Teil des Fernwanderwegs „Südlicher Kungsleden“ (60). Etwa zwei Kilometer vor Erreichen der Tangåstugan geht die Tundrenvegetation des Kahlen Fjells allmählich zu höherwüchsigen Vegetationsformen über. Dies ist an den Fjellbirken gut erkennbar, die auf dem Hochplateau des Fulufjells knöchelhohe, kriechwüchsige Bonsaiformen bilden, dann etwas tiefer ca. 1 m hohe Sträucher, und um die Tangåstugan gehen diese über in die bizarr geformten Fjellbirken der Krummholzzone am oberen Rand der Waldgrenze, die hier auf einer Höhe von ca. 805 m liegt. An der Waldgrenze treffen wir auf eine Erdkröte. Immer wieder bin ich erstaunt, wie häufig sowohl in den Alpen als auch im Skandinavischen Gebirge Amphibien wie Erdkröten, Grasfrösche und Alpensalamander oberhalb der Waldgrenze angetroffen werden können. Kurz nach 17:00 Uhr erreichen wir die Tangåstugan, die auf einer Höhe von ca. 795 m liegt, als die Regenschauer wieder zunehmen. Dort bauen wir unsere Zelte auf und kochen in der Hütte Essen. Dort ist noch eine weitere Wandergruppe zugegen. Später trifft noch eine größere Gruppe ein, die in Zelten und unter Planen östlich der Hütte übernachtet. 
 
12.07.2016: Über Nacht haben sich die Wolken weitgehend aufgelöst, und der Tag beginnt heiter bei einer Lufttemperatur von +11 °C um 7:30 Uhr. Nach Frühstück und Zeltabbau setzen wir unsere Fjellwanderung gegen 9:30 Uhr von der Tangåstugan nach Osten den Abhang des Fulufjells herab zum Ort Morbäkssätern fort, eine Distanz von 3,5 km. Zuerst erfolgt ein kurzer Anstieg aus dem Tangåntal hinauf aufs Kahle Fjell oberhalb der Baumgrenze bei ca. 815 m Höhe. Nach ca. einem Kilometer führt der Weg nach Osten vom Fulufjell hinab. Die Waldgrenze liegt hier bei ca. 760 Höhenmetern, und der Bergwald wird in den oberen 50 Metern von einer Krummholzzone aus bizarr geformten Fjellbirken gebildet. Nachdem wir beim Abstieg vom Fulufjell durch einen ergiebigen Regenschauer gelangt sind, treffen wir um 10:45 Uhr in der Schutzhütte Morbäkssätern ein. Kurz nach 11:00 Uhr trifft der Kleinbus des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ ein, wir erhalten Fahrräder und unsere Wanderausrüstung wird aufgeladen. 
 
Nun radeln wir eine Strecke von ca. 25 km über die Orte Sorsjön und Nornäs bis zum Südende des Sees Ransi, der auf einer Höhe von 451 m liegt. Der Kleinbus ist schon dort, und wir erhalten unsere Kanuausrüstung für die bevorstehende dreitägige Kanutour. Die Kanutour führt über mehrere Seen (Ransi, Noren, Tyri, Kullhån, Kyrkkamfjärden und Horrmunden), die über den kleinen Fluß Björnån miteinander verbunden sind. Nach einer Mittagspause führe ich die Kanueinweisung durch. Anschließend wir beladen wir die Canadier. Mit insgesamt drei Canadiern legen wir um 15:00 Uhr ab und fahren am Ostufer des Sees Ransi entlang. Gegen 15:30 Uhr beträgt die Lufttemperatur +18 °C und die Temperatur des Oberflächenwassers des Sees Ransi +17 °C. 
 
Am Nordostufer des Sees Ransi erreichen wir zuerst die Schutzhütte Dragonsbygget. In den Vorjahren haben wir bei unseren Kanutouren dort regelmäßig campiert, und dies sollte auch heute erfolgen. Zu meiner großen Überraschung treffen wir jetzt dort auf Schilder, die ein Campieren hier und in einem Umkreis von 300 m um die Schutzhütte Dragonsbygget herum verbieten. Dies ist ungewöhnlich, da hier die „Wildnistouren“ des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ seit mehreren Jahrzehnten veranstaltet werden und dies in der gesamten Region auch überall bekannt ist. Daraufhin fahren wir am Nordufer des Sees Ransi weiter nach Westen bis zur Schutzhütte Rausenkojan, die auf einer nach Süden in den See Ransi hineinreichenden Landzunge liegt. Westlich der Halbinsel befindet sich die lange Bucht Flottmyrfjärden und an deren Ende die Einfahrt in den kleinen Fluß Björnån. Überraschenderweise gibt es auch hier bei der Schutzhütte Rausenkojan Campingverbotschilder, die ein Campieren hier und in einem Umkreis von 300 m um die Schutzhütte Rausenkojan herum verbieten. Offensichtlich gibt es dieses Verbot erst seit Kurzem, denn die kleinen Schilder sind sehr neu. Wir bleiben dennoch hier, denn es ist mittlerweile 18:00 Uhr. Wir bauen die Zelte auf, baden im See und kochen in der Hütte am kleinen Holzofen, da gerade in dem Moment, als wir zum Kochen die Feuerstelle vor der Hütte benutzen wollten, ein Regenschauer niedergeht. 
 
13.07.2016: Unser Lagerplatz bei der Rausenkojan liegt idyllisch auf einer nach Süden in den See Ransi hineinreichenden Halbinsel mit Panoramablick nach Südosten über den See. Über Nacht hat sich erneut das Wettergeschehen beruhigt. Gelegentlich hört man in der Ferne das Tröten von Kranichen. Nach dem Frühstück packen wir zusammen und starten gegen 11:00 Uhr. Wir paddeln nach Südwesten durch die lange Bucht Flottmyrfjärden und in den kleinen Fluß Björnån hinein. Dort erreichen dann nach ca. 500 m einen Damm (Fjärddammen, Ransidammen) mit einer darüber verlaufenden Schotterstraße. Hier ist eine Portage erforderlich, und wir umtragen Boote und Ausrüstung. Ca. 500 m weiter gibt es im kleinen Fluß Björnån Stromschnellen bei einer kleinen Brücke Salfossen, die wir nach Besichtigung ohne nennenswerte Probleme durchfahren. Der kleine Fluß Björnån führt wenig Wasser, sodaß die Boote immer wieder auf Steinen auf- und festsitzen. Oft sieht man an den hervorragenden Teilen der Steine Abrieb von Kanus. Es ist eine materialverschleißende Paddelstrecke, die aber landschaftlich überaus abwechslungsreich und reizvoll ist. Kurz unterhalb der soeben durchfahrenen kleinen Stromschnelle und noch vor Erreichen des Sees Noren befindet sich am Flußufer ein Lagerplatz mit Windschutzhütte und Feuerstelle als möglicher Alternative zu Lagerplätzen im See Ransi. 
 
Nun gelangen wir in den See Noren (447 m) und erreichen den kleinen Ort Nornäs, wo eine Brücke mit der Landstraße W 1037 den See überquert. Die Weiterfahrt erfolgt nun vorbei am kleinen Ort Nornäs und über den See Noren, an dessen Südende wieder ein ca. ein Kilometer langer Abschnitt des Flusses Björnån folgt. An einer kleinen Windschutzhütte (Vindskydd, Shelter) am Seeufer legen wir eine Mittagspause ein, während ein Regenschauer niedergeht. Kurz darauf gibt es vor einer Brücke mit der Landstraße W 1030 ein Wehr mit nachfolgenden Stromschnellen, die nach Besichtigung von allen Tourteilnehmern ohne größere Probleme befahren werden. 
 
Wir gelangen nun in den See Tyri (444 m). Um 16:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur +19 °C und die Wassertemperatur +18 °C. Am Westufer des Sees Tyri finden wir insgesamt vier kleine Windschutzhütten (Vindskydd, Shelter) vor: Die Nördlichste liegt in einer Bucht gegenüber einer kleinen Siedlung am Ostufer. Die Zweite liegt auf der Südwestseite einer kleinen, schmalen, dem Westufer vorgelagerten Insel. Die Dritte liegt in einer Bucht, wo im Hinterland der Wald als Kahlschlag abgeholzt wurde. Die möglichen Plätze für den Zeltaufbau sind hier ziemlich wurzelig, doch es gibt eine Feuerstelle mit Sitzmöglichkeiten. Die vierte kleine Windschutzhütte ebenfalls mit Feuerstelle befindet sich am Nordufer einer Südausbuchtung des Tyrisees mit dem Namen Björksundsfjorden, wo wir gegen 17:30 Uhr bleiben. Hinter der Schutzhütte steigt das Gelände zu einem Hügel hin an, und auch hier ist der Wald per Kahlschlag gerodet. Doch findet sich dort viel Feuerholz in Form der von den Forstarbeitern zurückgelassenen Äste. Am schmalen Uferstreifen finden sich einige wenige schmale und ebene Plätze für den Zeltaufbau. Aufgrund des Schauerwetters bauen wir aus der mitgeführten Plane (Tarp) ein Vordach vor der Schutzhütte, das die Feuerstelle überdacht. Unter der Plane kochen wir an der Feuerstelle. Zwischen den Seggen im flachen Uferwasser platschen immer wieder Fische. Voraussichtlich wäre man hier beim Angeln erfolgreich. 
 
14.07.2016: Wie es im Sommer dem üblichen Tagesgang entspricht, hat sich das Wettergeschehen über Nacht beruhigt. Zwar gibt es in der Nacht noch wenige kleine Regenschauer, doch der Tag beginnt bei schwachem Wind trotz geschlossener Wolkendecke trocken. Wir frühstücken unter der aufgespannten Plane (Tarp) vor der kleinen Schutzhütte, und ich backe Pfannekuchen auf der Feuerstelle. Gegen 12:00 Uhr setzen wir unsere Fahrt fort. Nach wenigen 100 m geht der Tyri-See (444 m) an seinem Südende in den kleinen Fluß Björnån über, den wir über eine Distanz von ca. zwei Kilometern befahren, bis er in den See Kullhån (442 m) einmündet. Dieser Flußabschnitt ist sehr abwechslungsreich. Es gibt dort einige kleine Abschnitte schneller strömenden Wassers mit Felsblöcken, an denen die Boote aufgrund geringer Wassermenge im Fluß Björnån öfter entlangschaben. Auch hier findet sich an den Steinen viel Materialabrieb von den Kunststoff-Bootsrümpfen der hier im Sommer hindurchfahrenden Kanus. Aufgrund der vorherrschenden grünen und roten Farbe dieses Materialabriebs auf den Steinen ist erkennbar, daß dieser überwiegend von den grünen und roten Kunststoff-Canadiern stammt, die der Tourenveranstalter „Rucksack-Reisen“ verwendet. Diese Kunststoff-Canadier sind zwar sehr robust, doch sie vertragen es nicht, wenn sie häufig an rauhen und scharfkantigen Steinen entlangschaben. Noch weniger vertragen es diese Kunststoff-Canadier, wenn man sie anstatt sie zu entladen und zu tragen aus Bequemlichkeit gar über steinigen oder felsigen Boden zieht, insbesondere, wenn sie schwer beladen sind. Dann entstehen insbesondere am vorderen und hinteren Ende (Bug und Heck) des hervorstehenden Kiels der Boote schnell Löcher im Bootsrumpf, die nur mit großem Aufwand repariert werden können. 
 
Immerhin gibt es auf diesem Abschnitt des kleinen Flusses Björnån keine Hindernisse, die Portagen oder auch eine Besichtigung vor deren Befahrung erfordern. In ruhigen Wasserabschnitten wachsen zahlreiche gelbblühende Teichrosen und weisblühende Seerosen, sowie Sumpfhahnenfuß und Weiteres. Wir gelangen in den See Kullhån (442 m), auf dem wir Richtung Nordwest weiterfahren, dann die Seen Kyrkkamfjärden, Tuvfjärden und Paddviken passieren und danach den See Horrmunden (442 m) erreichen. Am gegenüberliegenden westlichen Seeufer liegt der kleine Ort Digernäsåsen und am Nordostufer der kleine Ort Lövnäset. Vom Ort Lövnäset aus überqueren wir nun den See Horrmunden nach Westen und gelangen an dessen Westufer zur schmalen Durchfahrt in den See Vidjesundsfjärden, an den sich nach Nordwesten der See Idbäcksfjärden anschließt. Auf der neben der schmalen Durchfahrt von Norden in den See hineinreichenden Halbinsel legen wir eine Mittagspause mit Picknick ein. 
 
Gegen 16:00 Uhr setzen wir unsere Fahrt in den See Vidjesundsfjärden und dort weiter nach Nordwesten in den See Idbäcksfjärden hinein fort. Kurz nach 16:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur und ebenso die Temperatur des Oberflächenwassers im See Vidjesundsfjärden +17 °C. Beeindruckend ist die nahezu vollständige Ruhe und Stille in der Landschaft: Kein Verkehrslärm, auch kein Windgeräusch, selbst Tiergeräusche wie Vogelzwitschern und Insektenbrummen sind sehr rar. Die Schutzhütte am Nordwestende des Sees Idbäcksfjärden erreichen wir gegen 17:30 Uhr. Offensichtlich wurde diese Hütte früher von Fischern genutzt, denn neben der Schutzhütte liegen weiterhin kieloben zwei alte Holzboote, die in Klinkerbauweise konstruiert sind, so wie früher schon die berühmten Wikingerschiffe (61). Diese Boote befinden sich schon seit meinem ersten Aufenthalt an diesem Ort im Sommer 2007 hier, und sie sind mittlerweile verwittert und von Flechten überwachsen. Es ist bedauerlich, daß diese Holzboote nicht für die Nachwelt erhalten bleiben, etwa in einem der mittlerweile zahlreichen Skansen-Freilichtmuseen (62). Nach unserer Anlandung erfolgt nun das übliche Programm mit Zeltaufbau und Kochen an der Feuerstelle vor der Hütte. 
 
15.07.2016: Der heutige Tag wird zum Nachmittag hin zunehmend sonnig und warm. Nach einem gemeinsamen Frühstück vor der Schutzhütte am Nordwestende des Sees Idbäcksfjärden tragen wir die gesamte Ausrüstung zu einem nahegelegenen Schotterweg. Kurz nach 11:00 Uhr wird dort diese Ausrüstung mitsamt der drei von uns verwendeten Canadier von einem Kleinbus des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ abgeholt. Außerprogrammmäßig erhalten wir diesmal keine Fahrräder für die Rückfahrt nach Idre, sondern wir werden in dem Kleinbus nach Idre mitgenommen. Die Canadier werden bei einem Zwischenstop am Südende des Sees Ransi dort für die nächste Tourengruppe deponiert, die zur „Wildniswoche“ startet, ebenso Paddel und Schwimmwesten, für deren Aufbewahrung dort eine Kiste steht. Im „Aktivcamp Idre“ mit dem „Rucksack Idre Stugor“ des Touren- und Reiseveranstalters “Rucksack Reisen” treffen wir am frühen Nachmittag ein. Die Lufttemperatur beträgt dort +21 °C. Auf dem Gelände bauen wir unsere Zelte auf, in denen wir noch einmal übernachten werden, dann erfolgt gemeinsam die Endreinigung und Übergabe der Ausrüstung, die gereinigt und vollständig mit der nächsten Tourengruppe umgehend wieder auf Tour gehen wird. 
 
Anschließend nutzen wir den übrigen Nachmittag zu einer Exkursion zu Fuß durch den kleinen Ort Idre. Unter anderem gibt es in Idre eine Touristeninformation (63) mit umfangreichen Informationsangeboten auch in deutscher und englischer Sprache, deren Besuch sehr lohnend ist, zwei größere Lebensmittelgeschäfte, einen Bankautomaten, an dem schwedische Kronen erhältlich sind, eine Tankstelle, ein Sportgeschäft mit Skiverleih, einen Campingplatz, mehrere Hotels, Restaurants und Souvenierläden, des weiteren Bushaltestellen mit Busverbindungen u.a. nach Älfdalen, Mora und Grövelsjön, sowie mehrere täglich gelehrte Postbriefkästen. Nach der Rückkehr der mehrtägigen Touren findet an jedem Freitag Abend, und so auch heute, im „Rucksack Idre Stugor“ das wöchendliche Grillen statt mit gemütlichem Abend bis Mitternacht. Danach ist es bei mittlerweile zunehmender Bewölkung und einsetzenden Regenschauern beinahe richtig dunkel, und die hellen Nächte der Mittsommerzeit um den 20. Juni herum, in denen die Abenddämmerung nahtlos in die Morgendämmerung übergeht, neigen sich in der Umgebung von Idre ihrem Ende entgegen. 
 

5. Abenteuer im Värmland 

 Am Samstag, dem 16. Juli 2016 fahre ich von Idre mit den nach Deutschland zurückfahrenden Reisebussen des Reiseveranstalters „Rucksack-Reisen“ über Särna, Sälen und Malung nach Torsby in der Provinz Värmland. Wenige Kilometer vor Erreichen der Stadt Torsby hält der Reisebus an der Autoschnellstraße E 45 beim Ort Överbyn. Von dort aus gelange ich zum in ca. 12 km Entfernung gelegenen Dorf Rattsjöberg am in einer Höhe von 196 m gelegenen See Rattsjön. Hier beim See Rattsjön befindet sich die Destination „Gammelbyns Stugby“ (64) des Reise- und Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“, von wo aus Tagestouren in die Umgebung, aber auch mehrtägige Kanutouren veranstaltet werden, und zudem können dort Hütten gemietet werden. Hier werde ich in den nächsten Tagen als Tourenbegleiter mitarbeiten. 
 
19.07.2016: Heute werde ich als Tourenbegleiter mit einer Kanugruppe die viertägige Kanutour „Abenteuer im Norden“ (65) durchführen. Seit zwei Tagen bin ich mit den für diese Tour erforderlichen Vorbereitungen beschäftigt. Insgesamt werden heute zwei größere Gruppen mit 19 Personen und mit 21 Personen parallel starten, darunter jeweils etwa die Hälfte Kinder. Ich werde mit der Gruppe mit 19 Teilnehmern auf Tour gehen. Die Tourteilnehmer treffen am frühen Nachmittag ein. Es erfolgt nun das Packen der persönlichen Ausrüstung der Tourteilnehmer. Die Gruppenausrüstung und die Lebensmittel hatte ich schon am Vortag zusammengestellt, überprüft und verpackt. Um 17:00 Uhr werden die Tourteilnehmer beider Gruppen von einem Reisebus in einer ca. einstündigen Fahrt über kleine Schotterstraßen und Waldwege zur Einsatzstelle am Fluß Rottnan gefahren, die sich in der Nähe der gemeinsamen Grenze von Norwegen und Schweden befindet. Zeitgleich werden die Ausrüstung und die Canadier von einem Kleinbus mit Bootsanhänger transportiert und an der Einsatzstelle entladen. Für beide Gruppen gemeinsam führe ich an Land eine Kanueinweisung durch einschließlich der Demonstration einer T-Bergung, und ich stelle zudem das Material der Gruppenausrüstung vor. Anschließend erfolgt das Beladen der Canadier. Diesmal haben wir alle Ausrüstungstonnen beider Gruppen separat nach Gruppenzugehörigkeit markiert, da es in der Vergangenheit bei Parallelgruppen öfter zu Tonnen- und Materialverwechselungen gekommen ist. 
 
Nach dem Start folgt eine Fahrt von ca. 1,5 km Länge vom Nordufer des Sees Övre Ingevattsjön zum Südostufer des Sees Nedre Ingevattsjön (203 m), wo wir einen großen Lagerplatz mit zwei Feuerstellen vorfinden, der Platz für beide Gruppen bietet, sowie reichlich Feuerholz in einem Rodungsgebiet im Hinterland des Lagerplatzes. An diesem ersten Lagerplatz demonstriere ich den Tourteilnehmern ausführlich den korrekten Aufbau der Zelte (Vaude Campo), da sich dadurch Materialdefekte (Stangenbrüche, Löcher, Reisverschlußdefekte u.a.m.) ganz erheblich vermindern lassen. Erfahrungsgemäß haben viele Tourteilnehmer nur geringe Kenntnisse vom Kanufahren, und viele nehmen das erste Mal an einer Outdoor-Tour teil und übernachten das erste Mal in einem Zelt. Daher ist es eine Aufgabe der Tourenbegleiter und der Outdoor-Guides, den Tourteilnehmern grundlegende Kenntnisse zu vermitteln, die für die erfolgreiche Durchführung und das Gelingen einer Outdoor-Tour erforderlich sind, darunter der korrekte Umgang mit Säge und Axt, die Kunst des Feuermachens mit nur einem Streichholz, auch unter widrigen Umständen, wenn es z.B. drei Tage lang geregnet hat und alles vor Nässe trieft, Kochen am Campfeuer, Knotenkunde, Aufbau von Planenkonstruktionen (Tarp), u.a.m. (66). Auf den mehrtägigen Outdoortouren entsteht im Zuge eines gruppendynamischen Prozesses im Allgemeinen schnell eine Gruppe, die zusammenarbeitet, sodaß der Tourenbegleiter bald nur noch bei Bedarf über die Vermittlung von Informationen und Kenntnissen hinaus die Gruppe anleitet. Aufgabe des Tourenbegleiters ist es nicht, die Gruppe anzuführen, seine Aufgabe ist es, die Gruppe darin zu unterstützen, daß ihre Tour gelingt und erfolgreich verläuft. Der gruppendynamische Prozeß der Gruppenbildung wird dadurch gefördert, daß die Tourteilnehmer schon bei der Reisebuchung vom Tourenveranstalter „Rucksack-Reisen“ ausführliche und detaillierte Informationen zur jeweiligen Outdoortour und ihrem Ablauf erhalten, sodaß sie die Tour gut informiert und gut vorbereitet beginnen können. 
 
20.07.2016: Der Tag beginnt heiter, und um 7:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur +11 °C. Unser Lagerplatz hat sich als ideal für zwei große Gruppen erwiesen, da er zwei Feuerstellen und Platz für bis zu 40 Zelte bietet. Beim Frühstück wird an der Feuerstelle schwedischer Kochkaffee gekocht und ich backe in der Pfanne Pfannekuchen am Feuer. Meine Pfannekuchen sind insbesondere bei den Kindern beliebt, und stets entsteht eine Warteschlange für die nächsten Pfannekuchen. Pfannekuchen backe ich morgens immer so lange, bis sich keins der Kinder mehr in die Warteschlange anstellt. Trotz der beiden großen Gruppen und der zahlreichen Kinder gelingt heute der Campabbau und die Abfahrt noch vor 11:00 Uhr. Unsere Parallelgruppe startet zuerst. Die Weiterfahrt führt vom See Nedre Ingevattsjön (203 m) nach Süden in den kleinen Fluß Rottnan. Hier gibt es eine zu passierende Holzrutsche. Der kleine Fluß Rottnan wartet mit vielen flachen Passagen auf, bei denen die Boote häufig auflaufen. Landschaftlich ist die Strecke hingegen phantastisch. Wir gelange in den See Nedre Myrgubbsjön (200 m) wo wir am Südwestufer unsere Parallelgruppe einholen und an einem kleinen Strand eine Mittagspause einlegen. Die Weiterfahrt erfolgt auf dem Fluß Rottnan in den See Långsjön (198 m). Gegen 16:00 Uhr beträgt hier die Lufttemperatur +24 °C und die Temperatur des Oberflächenwassers +21 °C. Gegen 16:30 Uhr erreichen wir am Südostufer des Sees Långsjön einen Lagerplatz im Wald mit angelegter Feuerstelle und einem Panoramablick über den See, wo wir unser Camp aufbauen. Eine Weiterfahrt war wegen mangelnder Lagerplätze nicht ratsam, zumal unsere Parallelgruppe den nächstfolgenden Lagerplatz aufsuchen wollte. 
 
21.07.2016: Der Tag beginnt sonnig und windstill, und um 7:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur +12 °C. Nach dem Frühstück und Campabbau setzen wir unsere Fahrt fort. Nach wenigen Metern passieren wir erneut eine Holzrutsche wie beim Start am gestrigen Vormittag. Die ersten Kilometer geht es erneut auf dem kurvenreichen und landschaftlich sehr schönen Verlauf des kleinen Flusses Rottnan entlang. Immer wieder stecken die Boote fest oder schurbeln über Steine, da der Fluß klein ist und zudem derzeit etwa 30-40 cm weniger Wasser führt, als dem Normalmittelwasserstand entspricht, wie sich am Ufer erkennen läßt. Durch eine Röhre kann man vom Fluß Rottnan in den benachbarten See Vittjärnsjön gelangen, der von dem Fluß Rottnan nicht durchflossen wird. Bei der Weiterfahrt passieren wir bei einer den Fluß überspannenden Stromleitung einen Lagerplatz mit Feuerstelle, wo offensichtlich unsere Parallelgruppe in der vergangenen Nacht campiert hat. Wir gelangen dann in den kleinen See Hötjön und kurz darauf in den See Näverbodsjön (195 m). Ab hier gibt es für den restlichen weiteren Verlauf der Kanutour keine weiteren Gefälle- und Fließgewässerabschnitte mehr. Tatsächlich hat der Fluß Rottnan ab hier den Charakter eines ca. 20 km langen Stausees mit einer einheitlichen Seespiegelhöhe von 195 m, der bis zu einem Staudamm am Südostende des Sees Skallbergsjön reicht. 
 
Am Ostende des Sees Näverbodsjön passieren wir eine Landstraßenbrücke, hinter der wir links am Ende einer Bucht anlegen und eine Exkursion zu Fuß in den kleinen Ort Lekvattnet unternehmen. Es gibt dort einen kleinen Landhandel sowie ein kleines Finnskogs-Museum, das Bestandteil des Värmlandsmuseum (67) ist, das wir heute nicht besuchen. Zudem gibt es hier Müllcontainer mit Mülltrennung zur Müllentsorgung. Die anschließende Fahrt über den langen See Lekvattensjön zieht sich. Das Wetter bleibt heiter, und warm und um 17:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur +24 °C und die Temperatur des Oberflächenwassers +22 °C. Den von uns angesteuerten Lagerplatz am Südostende des Sees Böranjön gegenüber dem Berg Jossiberg (ca. 340 m) finden wir allerdings am Abend von unserer Parallelgruppe belegt. Es hatte die Absprache gegeben, daß die Parallelgruppe den ca. zwei km entfernten Campingplatz beim Ort Skogsgården aufsuchen wird, und wir diesen Lagerplatz. Nun sollen wir kurzfristig einen alternativen Lagerplatz finden, da es hier für zwei größere Gruppen sehr eng werden würde. Letztlich errichten wir unser Camp auf halbem Wege nach Skogsgården in Ufernähe im Wald an einem Schotterplatz an einem kleinen Forstweg gegenüber dem Ort Mårbacken, der sich als ein tauglicher und akzeptabler Ausweichort erweist. Von Stechmücken bleiben wir auf dieser Kanutour zwar weitgehend verschont, auch von Gnitzen, doch gibt es stattdessen zahlreiche Bremsen, die anders als Mücken auch auf den Seen fernab vom Ufer präsent sind. So bin ich heute ca. 30 Mal von Bremsen gebissen worden. 
 
22.07.2016: In der Nacht bleibt der Himmel klar, doch es kühlt dennoch nicht stärker ab. Gegen 04:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur +15 °C und um 7:30 Uhr +16 °C. Unser Lagerplatz am Ufer bei Långmyren gegenüber dem Ort Mårbacken erwies sich als brauchbare Alternative, und auch der vorbeilaufende Forstweg wird offensichtlich nur selten befahren. Nach Frühstück und Campabbau setzen wir unsere Fahrt gegen 11:15 Uhr fort. Wir passieren die Straßenbrücke beim Ort Skogsgården und fahren dort an dem Campingplatz vorbei. Bei der Weiterfahrt gelangen wir an zahlreichen Baumstümpfen am Ufer und im seichten Wasser vorbei. Offensichtlich ist hier das Wasserspiegelniveau durch Aufstau angehoben worden. Unsere heutige Fahrt endet vergleichsweise früh nach ca. 8-9 km Fahrt am Nordende des Sees Skallbergsjön, wo wir am linken Ufer gegenüber dem Berg Styggberget einen sehr schönen Lagerplatz mit Feuerstelle finden, der von der Sonne beschienen wird. Dort treffen wir um 14:20 Uhr ein. In der Feuerstelle finden wir noch Glut vor, aus der wir Feuer entfachen. Eigentlich sollte jedes Campfeuer bei Abfahrt gründlich und mit viel Wasser gelöscht werden, was hier unübersehbar nicht erfolgt ist. Nun bauen wir die Zelte auf. Das hochsommerliche Wetter und das warme Seewasser laden zum Schwimmen ein. Um 16:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur +26 °C und die Temperatur des Oberflächenwassers des Sees Skallbergsjön +24 °C. Ca. 200 m weiter südöstlich, am Ende der in den See Skallbergsjön nach Süden hineinreichenden Halbinsel gibt es noch einen weiteren Lagerplatz mit Feuerstelle. 
 
23.07.2016: Der Tag beginnt heiter, und um 7:30 Uhr beträgt die Lufttemperatur +16 °C. Nach Frühstück und Campabbau setzen wir unsere Fahrt um 11:15 Uhr fort. Entlang des Westufers des Sees Skallbergsjön paddeln wir bis zur Abholstelle am Südwestende des Sees, die wir gegen 13:00 Uhr erreichen. Östlich davon ist ein Staudamm zu sehen, der für den Rückstau des Wassers auf ein einheitliches Wasserspiegelniveau von 195 m bis zum See Hötjön oberhalb des Ortes Lekvattnet verantwortlich ist. Die Parallelgruppe ist schon dort an der Abholstelle und ebenso der Kleinbus des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ mit Bootsanhänger, sodaß die Canadier und die Ausrüstung zügig verladen werden können. Die Rückfahrt zur Destination „Gammelbyns Stugby“ erfolgt wieder in einer etwa einstündigen Fahrt im Reisebus. 
 

6. An der Vegetations- und Klimagrenze des „Limes norrlandicus“ 

 
Vom 24.07.2016 bis zum 15.08.2016 und vom 21.08.2016 bis zum 02.09.2016 unternehme ich von der Destination „Gammelbyns Stugby“ aus Tagestouren mit Tourengruppen zu verschiedenen Zielen in der Umgebung. Auf dem Programm dieser Tagestouren sind Wanderungen auf das in ca. 9 km Entfernung liegende Hovfjället mit einer Höhe von 543 m im Gipfelbereich, die Wanderung „Boviggenrundan“ am See Boviggen (326 m), die Wanderung „Fiskestiegen“ am See Rattsjön (196 m), Kanutouren auf dem See Mangen (199 m) und auf dem See Broken (128 m), Fahrradtouren um den See Broken (128 m), des Weiteren Floßtouren auf dem Fluß Klarälven (68), sowie Besuche des Elchfreigeheges „Värmlands Moose Park“ (69) und einer Huskyfarm bei Torsby. 
 
Zeitweise habe ich dabei Gelegenheit zu Fahrradexkursionen in die Umgebung. Es ist eine abwechslungsreiche, überwiegend bewaldete bergige Landschaft, in die zahlreiche Seen eingestreut sind. Auf kurzen Distanzen gibt es dort einen häufigen Wechsel unterschiedlicher Höhenlagen und Höhenstufen (70). Dementsprechend gibt es ein kleinräumiges Mosaik von Vegetations- und Klimazonen. Jeder der zahlreichen Seen in der Umgebung hat eine andere Höhenlage, die von 86 m bis über 400 m reicht. So z.B. die Seen: Kilen 86 m, Kläggen 88 m, Broken 127 m, Rattsjön 196 m, Mangen 199 m, Boviggen 326 m, Kroksjön 385 m, Hällsjön 402 m, Lövtjärnet 433 m. Es handelt sich auf engem Raum um ein Mosaik von Niveauunterschieden im Bereich von ca. 350 Höhenmetern. Da mit steigender Höhe die Temperatur pro 100 m um durchschnittlich 0,6 °C abnimmt, entspricht dieser Höhenunterschied immerhin einer Differenz der Jahresdurchschnittstemperatur von ca. 2,1 °C. Dem entsprechend hat jeder See ein eigenes Lokalklima und eine unterschiedliche Zusammensetzung der natürlichen Vegetation. Während das Tal des Flusses Röjdan noch der Zone des Laubmischwaldes zugeordnet werden kann, da dort überall Ackerbau betrieben wird und unter anderem Hafer angebaut wird, befinden sich die höheren Lagen zunehmend in der Zone des Borealen Nadelwaldes. Aufgrund dieser landschaftlichen Verhältnisse wird sich eine Vegetations- und Klimagrenze nicht als klar bestimmbare Linie im Gelände feststellen lassen, vielmehr gibt es ein hochgradig differenziertes Mosaik mit Übergangsbereichen, Buchten und Inseln je nach Höhenlage, Geländeniveau und Geländeexposition – soweit es sich um die jeweilige natürliche Pflanzenbedeckung (Klimaxvegetation) handelt, die die exakte Widerspiegelung der klimatischen Verhältnisse ist. 
 
Wir befinden uns hier im Bereich der Klima- und Vegetationsgrenze des “Limes norrlandicus” (71). Der Begriff des "Limes norrlandicus" wurde vom Naturforscher Carl von Linné (1707-1787) (72) auf Grundlage seiner Forschungsreisen in Skandinavien geprägt, darunter seine Lappland-Expedition (73) im Jahre 1732 und seine Reise durch Dalarna im Jahre 1734. Carl von Linné erkannte, daß sich die verschiedenen Pflanzenarten, die er ausführlich mithilfe der von ihm entwickelten binären Nomenklatur klassifiziert hatte, nicht beliebig auf der Erdoberfläche verteilen, sondern daß sie in Abhängigkeit vom jeweiligen Klima Vegetationszonen bilden, und er prägte den Begriff des „Limes norrlandicus“, einer markanten Klima- und Vegetationsgrenze, die sich etwa entlang des 61. Breitengrades durch das nördliche Europa erstreckt und die die mitteleuropäische Laubmischwaldzone von der nördlich angrenzenden, zirkumpolaren Vegetationszone des Borealen Nadelwaldes trennt. Der "Limes norrlandicus" ist zugleich auch eine kulturgeografische Grenze. So bildet er die Nordgrenze des Ackerbaus und die Südgrenze der Almwirtschaft in Skandinavien. 
 
Auf dieser Erkenntnisgrundlage konnte der Naturforscher und Geograf Alexander von Humboldt (1769–1859) (74) die Grundregel der Vegetationsgeographie (75) formulieren, die besagt, daß die Zusammensetzung der (potentiellen) natürlichen Pflanzengesellschaften (Klimaxvegetation) (76) an einem bestimmten Ort auf der Erde die exakte Widerspiegelung der jeweiligen klimatischen Verhältnisse an diesem Ort ist. Auf dieser Grundlage ließen sich nun auf der gesamten Welt Vegetationszonen und Klimazonen (77) bestimmen und unterscheiden. Die systematische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Pflanzenstandorten, ihrer Höhe über dem Meeresspiegel und ihrer geographischen Lage ließ Humboldt zum Begründer der Vegetationsgeographie werden. Zudem gilt Humboldt als Begründer der vergleichenden Klimatologie (78). Alexander von Humboldt hatte damit begonnen, die Natur und auch den Menschen mit seinem Einwirken auf die Natur in einem ökologischen Zusammenhang mit ihren lokalen und globalen Wechselwirkungen im Rahmen einer dynamischen Forschungsperspektive zu betrachten, zu studieren und zu erforschen, und dies macht bis heute die Aktualität von Humboldt aus. Eine wesentliche Erkenntnisleistung Humboldts ist, daß sich Vegetation und Klima wechselseitig beeinflussen und bedingen, und daß sie im Zusammenhang betrachtet, studiert und analysiert werden müssen. 
 
Ein Klimawandel müßte sich insbesondere hier in dieser Region an einer Veränderung der Zusammensetzung der natürlichen Vegetation an den unterschiedlichen Lokalitäten studieren lassen, denn die Klima- Und Vegetationsgrenze des „Limes norrlandicus“ ist keine statische Grenze, sondern vielmehr eine hochdynamische Grenze, die sich im Postglazial (79) erheblich verändert hatte. So verlief während des postglazialen Klimaoptimums vor ca. 8.000 bis 6.000 Jahren die Klima- und Vegetationsgrenze des „Limes norrlandicus“ viel weiter nördlich durch Nord-Europa, etwa auf der Höhe der Stadt Tromsø, und auch die klimatische Waldgrenze lag damals deutlich höher als heute. 
 
Die Stadt Tromsø (80) im nördlichen Norwegen ist ein bedeutendes Zentrum der Polarforschung (81). Geprägt wurde die Polarforschung insbesondere durch den Polarforscher Fridtjof Nansen (1861-1930) (82), dessen berühmte Nordpolarexpedition mit dem Polarschiff „Fram“ in den Jahren 1893 bis 1896 (813 in Tromsø endete. Das Tromsø Museum (84), das ich während einer Fahrradreise durch Skandinavien am 13.06.2015 besucht habe, ist Bestandteil der Universität Tromsø. Der naturkundliche Teil dieses Museums hat die postglaziale Klimageschichte Nord-Skandinaviens zum Thema. U.a. wird dargestellt, daß während des postglazialen Klimaoptimums vor ca. 8.000 bis 6.000 Jahren das Skandinavische Gebirge, die Alpen und auch die Insel Island, die heute zu 9% von Gletschern bedeckt ist, ohne Vergletscherungen gewesen sind. Die rezenten Vergletscherungen in Europa sind erst nach dem postglazialen Klimaoptimum wieder neu entstanden, sodaß diese kein unmittelbares Relikt aus der letzten Eiszeit (= Weichsel-Kaltzeit) (85) sind, die vor ca. 12.000 Jahren endete. 
 

7. Weitere Abenteuer im Värmland 

 16.08.2016: Heute werde ich zum zweiten Mal in dieser Sommersaison 2016 als Tourenbegleiter mit einer Kanugruppe die viertägige Kanutour „Abenteuer im Norden“ durchführen. Erneut werden zwei Kanugruppen parallel starten mit jeweils 13 Teilnehmern, darunter wieder zahlreiche Kinder. In meiner Gruppe sind von den 13 Teilnehmern fünf Kinder im Alter von 7-10 Jahren. Das Wetter ist sonnig und vergleichsweise warm. Um 17:00 Uhr erfolgt die Abfahrt per Reisebus von der Destination „Gammelbyns Stugby“ zum Ort des Tourbeginns am Fluß Rottnen in der Nähe der schwedisch-norwegischen Grenze. Nach der Ankunft gegen 18:00 Uhr folgt eine Kanueinweisung und das Beladen der Canadier. Für das Zuwasserlassen der Boote wurde zwischenzeitlich eine Bootsrutsche gebaut, sodaß der Start beider Gruppen zügig erfolgen kann und wir gegen 19:00 Uhr auf dem Wasser sind. Wir fahren bis zum Südende des Sees Nedre Ingevattsjön (203 m), wo wir an dem großen Lagerplatz mit zwei Feuerstellen anlanden. Da die Gruppengrößen diesmal mit je 13 Teilnehmern kleiner sind, wollen wir die auf dieser Tour eher spärlich vorhandenen Lagerplätze in geeigneter Größe überwiegend gemeinsam mit beiden Gruppen nutzen. Unsere Parallelgruppe ist allerdings weiter gefahren. Am Folgetag erfahren wir, daß sie an diesem Abend noch bis zum See Nedre Myrgubbsjön (200 m) weiter gefahren ist und dort am Südwestufer an einem Sandstrand gelagert hat. 
 
17.08.2016: Die Nacht ist sternklar, wolkenlos und windstill. Es wird kalt. Obwohl wir uns hier noch im klimatisch begünstigten Südteil von Schweden und auf einer Höhe von lediglich 203 m befinden, kann hier Mitte August die Lufttemperatur bis an die 0 Grad Grenze absinken: Um 6:00 Uhr am Morgen beträgt die Lufttemperatur nur +1 °C. Im Schlafsack wird es kühl. Alle Tourteilnehmer haben gefroren. Es zeigt, daß es nicht übertrieben ist, sondern angemessen, wenn man für Outdoor-Touren in Skandinavien auch im Sommer einen Schlafsack verwendet, der für Frosttemperaturen ausgelegt ist, und dies nicht nur bei Fjellwanderungen im Skandinavischen Gebirge. Immerhin erwärmt die Sonne am Vormittag langsam die Landschaft. Nach Frühstück und Campabbau starten wir um 11:00 Uhr. Auf dem kleinen Fluß Rottnan ist deutlich mehr Wasser als zuvor am 20. Juli 2016, sodaß ein zügiges Fortkommen möglich ist, ohne immer wieder aufzusetzen. So ist nach weniger als zwei Stunden Fahrt der Lagerplatz am Südufer des Sees Långsjön (198 m) erreicht, wo wir auf unsere Parallelgruppe treffen. Nach einer Pause fahren wir weiter und paddeln durch eine Röhre unter einer Landstraße hindurch in den See Vittjärnsjön. Dort fahren wir am Ostufer entlang nach Süden und gelangen nach ca. 100 m an einen guten Lagerplatz mit einer Feuerstelle, der sich als Lagerplatz für unsere Touren eignet. 
 
Bei unserer Weiterfahrt auf dem kleinen Fluß Rottnan erreichen wir kurz hinter einer alten Steinbogenbrücke mit zwei Bögen am linken Flußufer eine große Wiese mit einer Scheune, wo wir erneut auf unsere Parallelgruppe treffen, die dort lagern will. Es gibt dort am Waldrand Platz für Zelte und eine Feuerstelle. Wir fahren noch ca. einen Kilometer weiter bis zu der Lichtung bei einer den Fluß überspannenden einfachen Stromleitung, wo wir anlanden und unser Camp errichten. Es gibt hier eine Feuerstelle und aufgrund erfolgter Forstarbeiten viel Feuerholz in der Umgebung. Trotz der zurückliegenden kühlen Nachttemperaturen wird es heute tagsüber einigermaßen warm. Um 16:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur +19 °C und die Wassertemperatur im Fluß Rottnan +15 °C. Im nahegelegenen See Persilamp gibt es eine Badestelle, wo wir schwimmen gehen. Auf halbem Wege dorthin steht eine Trockentoilette. Wie an jedem Abend auf Kanutour kochen wir auch heute Abend gemeinsam am Feuer. Es ziehen Wolken auf, doch es bleibt trocken. 
 
18.08.2016: Aufgrund der Bewölkung kühlt es in der Nacht bei Weitem nicht so stark ab wie in der Vornacht. Um 6:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur + 11 °C. Der Tag beginnt heiter. Zum Frühstück gibt es u.a. den obligatorischen, am Feuer zubereiteten schwedischen Kochkaffee und selbstgebackene Pfannekuchen. Nach dem Campabbau starten wir gegen 11:00 Uhr, kurz nachdem die Parallelgruppe vorbei gefahren ist. Wir gelangen durch den See Hötjärn und kurz darauf durch den See Näverbodsjärn (195 m). Kurz nach 12:00 Uhr erreichen wir den Ort Lekvattnet zeitgleich mit der Parallelgruppe. Die Tourteilnehmer besuchen den kleinen Landhandel, und diesmal gelingt es mir, die Gruppe für einen Besuch des gegenüberliegenden Finnskogszentrum zu gewinnen, das Bestandteil des Värmlandsmuseums ist. Thema der sehenswerten Ausstellung des Finnskogszentrum ist die Geschichte und Kultur der Waldfinnen (86), die im Zeitraum vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 17. Jahrhunderts von Finnland in das bewaldete und kaum besiedelte Grenzgebiet zwischen Schweden und Norwegen eingewandert sind. 
 
Unsere Fahrt setzen wir auf dem See Lekvattensjön (195 m) fort. Wir gelangen bis zu dem Lagerplatz im Kiefernwald gegenüber dem Jossiberg (ca. 340 m) mit Sandstrand. Aus Osten zieht Bewölkung auf, doch es bleibt bis in den Abend hinein trocken. Um 15:30 Uhr beträgt die Lufttemperatur + 19 °C und die Temperatur des Oberflächenwassers im See vor unserem Lagerplatz + 16 °C. Nach einer Weile trifft unsere Parallelgruppe ein, die ebenfalls auf dem großen Lagerplatz ihr Camp aufbaut, zumal es dort eine weitere, zweite Feuerstelle gibt. Im Laufe des Abends löst sich die Bewölkung auf. 
 
19.08.2016: Nach Frühstück und Campabbau starten wir um 11:15 Uhr. Unsere Fahrt verläuft auf dem zu einem langen, schmalen See mit einer einheitlichen Wasserspiegelhöhe von 195 m aufgestauten kleinen Fluß Rottnan. Wir passieren den Campingplatz beim Ort Skogsgården. Eine Mittagspause legen wir am Seeufer unterhalb der Almhütte Kittorp ein, wo es eine angelegte Feuerstelle und die Möglichkeit zum Aufstellen mehrerer Zelte gibt. Vergleichsweise früh erreichen wir heute den von uns angesteuerten Lagerplatz im Wald auf einer Halbinsel am Nordende des Sees Skallbergsjön (195 m) gegenüber dem Berg Styggberget. Unsere Parallelgruppe trifft kurze Zeit später ein und lagert ca. 50 m weiter unterhalb am Ufer an einem weiteren dort vorhandenen Lagerplatz mit Feuerstelle. Mit dem Zeltaufbau werden wir knapp vor dem Einsetzen von Regen fertig. Über der Feuerstelle spannen wir eine Plane (Tarp) auf, die den Regen abhält, sodaß wir uns dort im Freien trocken aufhalten und kochen können. 
 
20.08.2016: Zum Morgen hin verdichtet sich die Bewölkung erneut, und es gibt einige kürzere, wenig ergiebige Regenschauer. Um 5:30 Uhr beträgt die Lufttemperatur + 11 °C. Nach Frühstück und Campabbau setzen wir um 11:30 Uhr parallel mit unserer Parallelgruppe unsere Fahrt auf dem See Skallsbergsjön (195 m) fort. Bei nun überwiegend heiterem Wetter folgen wir dem Westufer und erreichen die Abholstelle am Südwestende des Sees Skallsbergsjön um 13:00 Uhr. Kurz darauf trifft dort der rote Kleinbus des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ mit Bootsanhänger ein. Gemeinsam werden die Canadier und die Ausrüstung verladen. Um 14:00 Uhr erfolgt die Rückfahrt im Reisebus zur Destination „Gammelbyns Stugby“ bei Rattsjöberg. Es erfolgt dort die nach dem Ende einer jeden mehrtägigen Tour übliche gemeinsame Endreinigung der Gemeinschaftsausrüstung, die gereinigt und vollständig übergeben wird. Diese Ausrüstung wird in Kürze mit der nächsten startende Tourgruppe wieder auf Tour gehen und wird erneut mehrere Tage im Einsatz sein. Wie an allen Destinationen des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ findet auch am heutigen Freitag nach der Rückkehr der mehrtägigen Touren das wöchentliche Grillen statt mit gemütlichem Abend. 
 

8. Wieder am Rande der Wildnis am Skandinavischen Gebirge 

 03.09.2016: In der kommenden Woche werde ich zum zweiten Mal in dieser Sommersaison 2016 als Tourenbegleiter mit einer Tourengruppe von insgesamt vier Teilnehmern die einwöchige Outdoor-Tour „Wildniswoche“ durchführen. Nach Idre gelange ich mit dem aus Deutschland eintreffenden Reisebus des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“, der um 9:30 Uhr den üblichen Zwischenstop beim Ort Överbyn an der Autoschnellstraße E 45 einlegt. Die Weiterfahrt verläuft über Malung, Sälen und Särna nach Idre, wo der Reisebus gegen 13:00 Uhr beim „Aktivcamp Idre“ und dem „Rucksack Idre Stugor“ eintrifft. Dort treffe ich auf die Teilnehmer meiner Tourengruppe, und gemeinsam packen wir die Ausrüstung. Bei unserer jetzigen „Wildniswoche“ werden wir wieder mit der dreitägigen Trekkingtour über einen Teil des Fulufjells beginnen, der sich die dreitägige Kanutour durch das über den kleinen Fluß Björnån verbundene Seengebiet in der Umgebung des Ortes Nornäs anschließt. 
 
Gegen 17:00 Uhr beginnt unsere „Wildniswoche“ mit einer gemeinsamen Fahrradfahrt von Idre über den Weiler Strömsildret zum Ort Mörkret am Fuße des Fulufjells, von wo wir dem Tal des kleinen Flusses Fulan Richtung Südosten bis zur Einmündung des Tales des vom Fulufjell herabfließenden kleinen Flusses Göljån folgen. Für diese Strecke von ca. 50 km benötigen wir ca. 3:30 Stunden Fahrradfahrt. Es wird am Abend kalt, sodaß wir ein wenig durchgefroren am Lagerplatz im Wald ca. 2 km vor der Einmündung des Flusses Göljån in den Fluß Fulan angelangen. Hierhin sind unsere Rucksäcke mit unserer Ausrüstung für unsere Trekkingtour über das Fulufjell schon von einem der Kleinbusse des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ gebracht worden. Am Lagerplatz bauen wir unsere Zelte auf. Anschließend wird es bald gegen 21:00 Uhr dunkel, sodaß das Kochen an der Campfeuerstelle im Licht unserer Stirnlampen erfolgt. 
 
04.09.2016: Am Morgen ist es wolkenlos sonnig, und um 8:00 Uhr beträgt die Lufttemperatur + 5 °C. Das Wetter bleibt den Tag über heiter, und es wird tagsüber angenehm warm, was nach der kalten Nacht von allen begrüßt wird. Die Tourteilnehmer schlafen lange, da sie von der vorausgegangenen nächtlichen Reisebusfahrt von Deutschland nach Schweden noch müde sind. Nach Frühstück und Campabbau starten wir daher erst um 12:30 Uhr. Ansonsten ist auf den meisten unserer mehrtägigen Outdoor-Touren ein Start gegen 11:00 Uhr ein geeigneter Zeitpunkt, um den jeweiligen Zielort früh und mit Zeitspielraum zu erreichen, zumal es mittlerweile schon wieder vergleichsweise früh gegen 21:00 Uhr dunkel wird. Dem Fahrweg im Tal des Flusses Fulan am Fuße des Fulufjells folgen wir nach Südosten bis an sein Ende nach ca. 2 km, wo das vom Fulufjell herabführende Tal des kleinen Flusses Göljån in das Tal des Flusses Fulan einmündet. Von hier aus steigen wir entlang des Göljåntals den ca. 7 km langen Wanderpfad durch den Bergwald hinauf aufs Fulufjell. Nach ca. 4 km erreichen wir eine kleine Windschutzhütte (Vindskydd, Shelter) neben einem kleinen Moor, wo wir eine Pause einlegen. Die Waldgrenze erreichen wir auf einer Höhe von ca. 800 m. Vor Erreichen der Göljånstugan queren wir wieder die Blockhalde aus dem rotem, ca. 900 Millionen Jahren altem Sandstein, der das Massiv des Fulufjells bildet. Die Altschneereste, die sich hier in schattigen Nischen am 10.07.2016 noch befunden hatten, sind mittlerweile abgeschmolzen. Die Schutzhütte Göljånstugan erreichen wir gegen 18:00 Uhr. Die Zelte bauen wir dort wieder im Windschutz einiger Fjellbirken auf. In der Göljånstugan feuern wir den kleinen Holzofen an. Während dieser bollert, kochen wir unser Abendessen am mitgeführten Trangia-Spirituskocher. 
 
05.09.2016: An unserem Lagerplatz bei der Schutzhütte Göljånstugan am Osthang des Fulufjells kurz oberhalb der Waldgrenze beginnt der Tag sonnig und windstill bei einer Lufttemperatur von + 5 °C. Auch hier wird die Waldgrenze von einer Krummholzzone mit bizarr geformten, zerzausten und knorrigen Fjellbirken gebildet. Unsere jetzige Tourengruppe läßt sich gerne am Vormittag viel Zeit, sodaß es auch heute wieder beinahe 12:30 Uhr wird, bis wir zu unserer heutigen Fjellwanderung starten. Unser Weg über das leicht wellige Hochplateau des Kahlen Fjells folgt über eine Distanz von ca. vier Kilometern dem markierten Sommer- und Winterweg zur Fjellhütte Tangsjöstugan. Die Routenführung der Winterwege weicht oft von der Routenführung der Sommerwege ab, da Winterwege oft über im Sommer unpassierbare Seen, Moore und Blockfelder hinwegführen, die im Winter zugefroren sind und unter einer Schneebedeckung liegen. Sommer- und Winterwege sind durchgehend markiert, wobei der Abstand zwischen den Markierungen so beschaffen ist, daß von jeder der Markierungen mindestens die nächstfolgende gesehen werden kann. Im Skandinavischen Gebirge sind alle Winterwege in kurzen Abständen mit liegenden roten Andreaskreuzen markiert, die auf ca. 2 m hohen Stangen montiert sind, damit diese auch bei hoher winterlicher Schneebedeckung noch erkennbar bleiben. 
 
Das Kahle Fjell oberhalb der Waldgrenze ist von subarktischer Tundra geprägt, und im Skandinavischen Gebirge reicht diese subarktische Tundrenzone der subpolaren Klimazone höhenlagenbedingt bis weit in den Süden Skandinaviens. Gegen 14:00 Uhr erreichen wir die Fjellhütte Tangsjöstugan, wo wir eine Pause einlegen. Es ist sonnig, und die Lufttemperatur beträgt + 9 °C. Die Tangsjöstugan ist eine vergleichsweise geräumige, ganzjährig geöffnete Rast- und Übernachtungshütte mit insgesamt 12 Betten (Doppelstockbetten) in vier Schlafnischen und einer kleinen Küche zur Selbstversorgung. Auf unseren mehrtägigen Wintertouren (87) über das Fulufjell mit Schneeschuhen und Langlaufski wird u.a. die Tangsjöstugan für Übernachtungen genutzt. Im weiteren Verlauf folgen wir dem Sommerweg entlang des Baches Tangån nach Südosten über eine Distanz von 10 km bis zur Fjellhütte Tangåstugan, wo wir unsere Zelte aufbauen. Dieser Weg zwischen den Fjellhütten Tangsjöstugan und Tangåstugan ist ein Teil des Fernwanderwegs „Südlicher Kungsleden“. Die Tangåstugan ist eine ganzjährig geöffnete Rast und Übernachtungshütte mit drei Betten und einer kleinen Küche zur Selbstversorgung. Hier gibt es ein Notruftelefon. 
 
06.09.2016: Am Morgen ist es bewölkt und windig und die Lufttemperatur beträgt + 6 °C. Nach einem Frühstück in der Tangåstugan starten wir kurz nach 9:00 Uhr zum Abstieg vom Fulufjell zum Ort Morbäckssätern, wo wir um 10:40 Uhr eintreffen. Beim Abstieg durch den Bergwald bei dem heutigen windigen Wetter zeigt sich wieder erneut, welch einen wirksamen Windschutz der Bergwald insbesondere im Vergleich zum darüberliegenden Kahlen Fjell bietet, auch wenn es sich nur um vergleichsweise lichten Wald aus kurzwüchsigen Bäumen handelt. Bei jedem Passieren der Waldgrenze hat man insbesondere bei windigem Wetter immer wieder erneut den Eindruck, sich abrupt in einer anderen Klimazone zu befinden. Dies ist hauptsächlich eine Folge des im allgemeinen wenig beachteten Windchill-Faktors (88). Bei Wind wird in waldfreiem Gelände die Wärme sowohl vom menschlichen Körper als auch von den durch die Sonnenbestrahlung erwärmten bodennahen Luftschichten weggeführt, und eine Auskühlung ist die Folge. Entgegen der verbreiteten Auffassung wird tagsüber durch die Sonneneinstrahlung (Insolation) (89) nicht die gasförmige Luft erwärmt, sondern der Boden und die sich am Boden befindlichen Dinge, wie insbesondere die Bäume, und diese Dinge geben die aufgenommene Wärme dann an die sie umgebende Luft ab, worüber sich ausschließlich die bodennahen Luftschichten erwärmen. Im vom Wald gebildeten und weitgehend windstillen vierdimensionalen Klimaraum wird diese erwärmte Luft festgehalten. Unterhalb der Waldgrenze ist es im Wald meistens weitgehend windstill, sodaß die tagsüber erwärmten bodennahen Luftschichten vom Wind nicht weggeführt werden können. Entfernt man den Wald an seiner Höhengrenze und an den polaren Kältegrenzen großflächig, ändert sich folglich das Klima, Schnee bleibt im Frühjahr länger liegen und es verkürzt sich die Vegetationsperiode. 
 
Ein Beispiel für Klimaverschlechterung durch Entwaldung bietet die Insel Island, die ich im Rahmen einer Fahrradreise im Sommer 2012 ausgiebig kennenlernte. Zur Zeit der sogenannten „Landnahme“ vor ca. 1100 Jahren war die Insel Island noch zu 25-30% bewaldet gewesen bis zu einer klimatischen Höhengrenze von ca. 500 m. Ca. 200 Jahre später war die Insel Island nahezu vollständig entwaldet, und das Klima verschlechterte sich insbesondere aufgrund des Wirkens des Windchill-Faktors im stürmischen Nordatlantik, wodurch u.a. nun Ackerbau nicht mehr möglich war. In seinem Buch: „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ stellt der Evolutionsbiologe Jared Diamond ausführlich dar, daß die Insel Island „ökologisch das am stärksten geschädigte Land Europas“ ist, denn „seit der ersten Besiedlung durch den Menschen wurden die ursprünglichen Bäume des Landes und die gesamte Vegetation weitgehend zerstört, und etwa die Hälfte des ursprünglichen Bodens wurde durch Erosion in den Ozean geschwemmt“ (90). 
 
Beim Ort Morbäckssätern am Fuße des Fulufjells trifft gegen 11:40 Uhr der Kleinbus des Tourenanbieters „Rucksack-Reisen“ ein. Wir erhalten Fahrräder, mit denen wir über die Orte Sörsjön und Nornäs bis zum Südende des Sees Ransi (451 m) radeln, wo wir kurz nach 14:00 Uhr eintreffen. Hier erhalten wir die Ausrüstung für den zweiten Teil der „Wildniswoche“, unsere bevorstehende Kanutour über mehrere Seen, die durch den kleinen Fluß Björnån miteinander verbunden sind. Der Tourenveranstalter „Rucksack-Reisen“ verwendet für sämtliche Kanutouren grüne und rote Canadier aus Kunststoff, die in zwei Größen vorhanden sind: Größere mit vier Sitzbänken und kleinere mit drei Sitzbänken. Um bei mehrtägigen Touren besser das Gepäck unterbringen zu können, werden für diese mehrtägigen Touren meistens die größeren Canadier mit vier Sitzbänken verwendet, die von jeweils zwei Tourteilnehmern gefahren werden. Aktuell sind jedoch nur die kleineren Canadier mit 3 Sitzbänken vor Ort am Südende des Sees Ransi verfügbar, sodaß wir unsere Kanutour mit insgesamt drei der kleineren Canadier starten, um unser Gepäck besser unterbringen zu können. Für unsere kleine Gruppe ideal wären zwei der großen Canadier mit je vier Sitzbänken. Nach einem Mittagessen und der Kanueinweisung starten wir entlang des Ostufers des Sees Ransi. Doch starker Wind aus Südwesten drückt die Boote ans Ufer, sodaß wir gegen den Wind über den See ans gegenüberliegende Westufer paddeln und in dessen Windschutz diesem nach Nordwesten folgen. Gegen 18:00 Uhr erreichen wir dort die Schutzhütte Rausenkojan, die auf einer nach Süden in den Ransi hineinreichenden Landzunge liegt. Hier bauen wir unsere Zelte auf und kochen trotz starkem Wind an der Feuerstelle neben der Hütte. 
 
07.09.2016: Über Nacht lösen sich die Wolken weitgehend auf, und der Wind kommt zum Erliegen. Wohl aufgrund des gestrigen starken Windes aus Südwesten blieb die Nacht mild und die Lufttemperatur beträgt am Morgen + 11 °C. Das ufernahe Oberflächenwasser im See Ransi hat eine Temperatur von +12 °C. Das milde Wetter lockt zu einem kurzen Bad im See. Nach dem Frühstück und dem Campabbau setzen wir gegen 12:00 Uhr unsere Kanutour nach Südwesten in die lange Bucht Flottmyrfjärden hinein fort. Nach ca. 500 m erreichen wir einen Ransidammen (Fjärddammen), unterhalb dem der kleine Fluß Björnån den See Ransi entwässert. Hier ist wieder eine Portage erforderlich. Die Weiterfahrt erfolgt auf dem kleinen Fluß Björnån, wobei wir aufgrund des niedrigen Wasserstandes mehrmals festfahren. In der kleinen Stromschnelle bei der Brücke kurz vor Erreichen des Sees Noren (447 m) läuft eins der Boote voll Wasser, als es quer zur Strömung gerät. Unsere Weiterfahrt erfolgt vorbei am Ort Nornäs über den See Noren (447 m) bei auflebendem Wind aus Westen. Um 14:30 Uhr beträgt die Lufttemperatur +17 °C und die Temperatur des Oberflächenwassers im See Noren +13 °C. An der Windschutzhütte (Vindskydd, Shelter) am Südende des Sees Noren machen wir Rast. Über den kleinen Fluß Björnån fahren wir in Richtung zum See Tyri weiter. Nach kurzer Distanz erreichen wir das Wehr kurz vor einer Brücke mit der Landstraße W 1030 mit nachfolgenden Stromschnellen, die nach Besichtigung von allen Tourteilnehmern ohne größere Probleme befahren werden und alle Boote gut hindurchgelangen. Die Landschaft am kleinen Fluß Björnån ist auch hier schon in herbstlichen Farben, und auch die zahlreichen Teichrosen und Seerosen sind mittlerweile verblüht. Über den See Tyri (444 m) fahren wir nach Südwesten in die Bucht Björksundsfjorden hinein bis zur dortigen Windschutzhütte (Vindskydd, Shelter) am Nordufer, wo wir kurz nach 18:00 Uhr eintreffen. Wir bauen unsere Zelte auf und kochen an der dortigen Feuerstelle. Im Laufe des Abends kommt der Wind vollends zum Erliegen und der Himmel wird klar. 
 
08.09.2016: Der Tag beginnt windstill und mit dichtem Nebel über dem See Tyri und der umgebenden Landschaft. Nach Sonnenaufgang löst sich der Nebel bald auf. Am Morgen beträgt die Lufttemperatur +4 °C, doch am Vormittag wird es bald warm, sodaß ein kurzes Bad im See möglich ist. Nach Frühstück und Zeltabbau setzen wir um 11:30 Uhr unsere Kanutour fort. Es folgt ein dritter Fließgewässerabschnitt des Flusses Björnån mit einigen kleinen, leichten Stromschnellen. Dann gelangen wir über den See Kullhån (442 m) nach Nordwesten in die Seen Kyrkkamfjärden, Tuvfjärden und Paddviken, durch die man den großen See Hormunden (442 m) erreicht. Eine Mittagspause legen wir an einer Halbinsel ein, die von Norden zwischen Horrmunden und Paddviken in den See hineinreicht, ca. 500 m südöstlich des Ortes Lövnäset. Hier gibt es eine angelegte Feuerstelle und Platz für Zelte, sodaß hier ein für unsere Kanutouren geeigneter Lagerplatz ist. Weiter fahren wir nach Westen über den See Horrmunden südlich der Insel Lövön. Die Lufttemperatur beträgt am Nachmittag +18 °C und die Temperatur des Oberflächenwassers im See Hormunden +13 °C. Am Westufer fahren wir hinein in die enge Zufahrt zum See Vidjesundsfjärden und dort weiter nach Nordwesten in den See Idbäcksfjärden, wo wir um 17:00 Uhr unser heutiges Tagesziel erreichen, unseren Lagerplatz mit Feuerstelle bei der Hütte mit den zwei alten kielobenen Holzbooten. Wir bauen dort unsere Zelte auf und kochen an der Feuerstelle. Bis in den Abend hinein haben wir bestes Spätsommerwetter.  
 
09.09.2016: Über Nacht zieht Bewölkung auf und gegen Morgen regnet es einige Male kurz. Am Morgen beträgt die Lufttemperatur +12 °C. Am Vormittag bleibt es bewölkt, doch immerhin ist es nun trocken. Es gibt Frühstück mit schwedischem Kochkaffe und Pfannekuchen an der Feuerstelle. Schon gegen 10:00 Uhr trifft der rote Kleinbus des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ mit Fahrrädern ein, doch die drei Fahrer paddeln zuerst hinaus auf den See zum Angeln. Nach dem Verladen der Ausrüstung ist dann um 12:00 Uhr Abfahrt, nachdem sich die Tourteilnehmer doch zu einer Fahrradfahrt für einen Teil des Rückwegs nach Idre entschieden haben. Wir gelangen zum Ort Nornäs, wo wir an der Einmündung der Landstraße W 1030 auf die Landstraße W 1037 auf Wunsch der Tourteilnehmer in einem Café absteigen, zumal von Westen Regenwolken anrücken. Nach einer Weile werden wir hier vom Kleinbus des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ abgeholt und nach Idre mitgenommen. 
 

9. Zu Fuß in die Wildnis des „Gränslandet“ im Skandinavischen Gebirge 

 10.09.2016: In diesem Jahr 2016 endet die Sommersaison im „Aktivcamp Idre“ und im „Rucksack Idre Stugor“ am heutigen Samstag, und die Reisegäste fahren heute mit dem Reisebus zurück nach Deutschland. Im „Aktivcenter Stömne“ dauert die Sommersaison noch eine Woche länger, sodaß dort ein Reisebus am 17.09.2016 zurückfährt. 
 
Meine Absicht ist, diese Woche vom 10. bis zum 17.09.2016 für eine Wanderung in das Gebiet des Sees Rogen (91) zu nutzen. Der See Rogen liegt auf einer Höhe von 758 m, und er wird über den Fluß Röa/Røa nach Westen in den Femundsee (662 m) (92) entwässert. Der See Rogen liegt inmitten einer abgelegenen, nahezu unbesiedelten Wildnis-Region im Skandinavischen Gebirge mit dem Namen „Gränslandet“ (93), in der neun Naturschutzgebiete beiderseits der schwedisch-norwegischen Grenze zu einem Biotopverbund (94) zusammengefaßt sind. In dieser abgelegenen Wildnis-Region gibt es keine Straßen, und sie läßt sich nur zu Fuß auf einigen wenigen Wanderpfaden durchqueren, darunter dem Fernwanderweg „Südlicher Kungsleden“, oder auf dem Wasser per Kanu, wobei jedoch abseits vom See Rogen aufgrund der unwegsamen Geländebeschaffenheit zahlreiche schwierige und anstrengende Portagen zu bewältigen sind. Der Reise- und Tourenveranstalter „Rucksack-Reisen“ bietet eine zweiwöchige Kanureise durch das Gebiet das Sees Rogen an, die Expeditionscharakter hat (95). Zweifellos ist dies die abenteuerlichste Kanureise, die ein Kanureiseveranstalter in Europa anbietet. Dieses Gebiet um den See Rogen war im Eiszeitalter ein Zentrum der Vereisung, von wo aus das Gletschereis bis in so entfernte Regionen wie Brandenburg gelangte. Davon zeugen die vom Gletschereis in Brandenburg zurückgelassenen überaus zahlreichen Findlinge und Feldsteine, die u.a. aus dem Gebiet um den See Rogen stammen. Nahezu sämtliche der zahlreichen mittelalterlichen Dorfkirchen in Brandenburg sind aus diesen vom Eiszeiteis zurückgelassenen Findlingen und Feldsteinen erbaut. Charakteristisch für die Landschaft um den See Rogen sind Staffelmoränen, die sogenannten „Rogenmoränen“, und bei Geowissenschaftlern und Quartärforschern ist die Region um den See Rogen als Typlokalität für Staffelmoränen bekannt, sodaß sie ein beliebtes Exkursionsgebiet ist. 
 
Am Freitag, 16.09.2016 kann ich von einem Mitarbeiter des Reiseveranstalters „Rucksack-Reisen“ von Idre nach Stömne mitgenommen werden, sodaß für mein Vorhaben einer Wanderung in das Gebiet des Sees Rogen fünf Tage verbleiben. Fünf Tage reichen allerdings nicht für die Umsetzung meines ursprünglichen Plans einer Umrundung des gesamten Sees Rogen, einer Gesamtdistanz von ca. 90 km, sodaß ich mein Vorhaben kürzen muß. Eine Umrundung des gesamten Sees Rogen habe ich dann im Winter 2018 im Rahmen einer Schneeschuhtour mit Pulka vom 25.02. bis zum 09.03.2018 durchgeführt. 
 
11.09.2016: In der Nacht regnet es öfter, und der Tag beginnt bewölkt und mit Regenschauern bei einer Lufttemperatur von +12 ° C. Gegen Mittag klart es auf, sodaß ich gegen 12:30 Uhr mit einem Fahrrad und meinem schweren Rucksack auf dem Gepäckträger des Fahrrads vom Rucksack Idre Stugor in Richtung Grövelsjön starte. Im Rucksack habe ich u.a. ein Zelt, einen Trangia-Campingkocher und Lebensmittel für fünf Tage. Von Idre beträgt die Distanz nach Grövelsjön auf der Landstraße ca. 40 km. Das Wetter ist sonnig, und heiteres Wetter mit Wind aus Süden soll über die gesamte Woche anhalten. 
 
Die STF Fjellstation Grövelsjön erreiche ich kurz nach 15:00 Uhr. Sie liegt auf einer Höhe von 816 m beim kleinen Ort Grövelsjön (96). Gövelsjön ist im Winter ein beliebtes Langlaufskigebiet mit gespurten Loipen und zudem ganzjähriger Ausgangspunkt von Fjellwanderungen und Treckingtouren. Die STF Fjellstation Grövelsjön wird vom schwedischen Tourismusverband „Svenska Turistföreningen“ unterhalten, der für die meisten Fjellhütten im Skandinavischen Gebirge in Schweden zuständig ist. Die STF Fjällstation Grövelsjön ist Ausgangspunkt für Wanderungen und Outdoor-Touren in die umgebenden Fjellgebiete, und zudem ist sie eine bedeutende Station auf dem Fernwanderweg „Südlicher Kungsleden“. Bis zum ca. sechs Kilometer langen See Grövelsjön, der sich auf einer Höhe von 763 m befindet und durch den die Grenze zwischen Schweden und Norwegen verläuft, beträgt die Entfernung ca. einen Kilometer. Der See Grövelsjön wird durch den Fluß Grövlan entwässert, der gemeinsam mit dem Fluß Storån und dem Fluß Sörälven bei Idre in den See Idresjön einmündet, wo diese den Fluß Österdalälven bilden. 
 
Der Naturforscher Carl von Linné (1707-1778) unternahm im Jahre 1734 eine Reise durch Dalarna, bei der er nach Grövelsjön gelangte. Zuvor hatte Carl von Linné im Jahre 1732 eine Expedition nach Lappland durchgeführt. Während seiner Reise durch Dalarna studierte und beschrieb Linné die Vegetation und die Gesteine und ebenso das Leben der Menschen. Diese Reise durch Dalarna begann Linné in der Bergbaustadt Falun (97). Er reiste auf dem alten Sommerweg, der vom Mälarsee bis in das nördliche Dalarna verläuft. Von Falun aus gelangte Linné über die Orte Bjursås und Leksand an den Siljan-See (161,7 m) (98), der das geographische Zentrum von Dalarna bildet. Weiter reiste er über Rättvik, Ore, Mora, Älfdalen und Särna und gelangte nach Idre, wo er u.a. den markanten Berg Städjan (1131 m ü. NN) erstieg. Dann setzte er seine Reise nach Grövelsjön fort. Auf seiner Weiterreise erreichte Linné den Femund-See und gelangte bis zur Bergbaustadt Røros (99). Von dort reiste er wieder zurück nach Grövelsjön und Idre. Die weitere Rückreise verlief über die Orte Särna, Sälen, Malung, Nås, Floda, und Gagnef. Am 17. August 1734 kehrte der Naturforscher Carl von Linné wieder in die Bergbaustadt Falun zurück, wo seine Reise durch Dalarna endete. Auf seiner Reise durch Dalarna gelangte Linné nicht in das abgelegene und nur schwer zugängliche Wildnisgebiet um den See Rogen, das das Ziel meiner fünftägigen Rucksack-Wanderung ist. 
 
Um 15:30 Uhr starte ich von der STF Fjällstation Grövelsjön mit meinem schweren Rucksack mit einem Gewicht von schätzungsweise 25 kg nach Nordosten hinauf auf das Langfjället. Schnell liegt der Bergwald hinter mir, dessen Obergrenze nordöstlich von Grövelsjön auf einer Höhe von 850 bis 900 m auch hier von Fjellbirken gebildet wird. An der Waldgrenze beträgt die Lufttemperatur +14° C. Im Winter führen unsere Tagestouren mit Langlaufski regelmäßig über das tief verschneite Langfjället zur Oskarstugan. Jetzt leuchtet die kahle Fjelllandschaft oberhalb der Waldgrenze in bunten Herbstfarben. Der Wanderpfad ist Teil des Fernwanderwegs „Südlicher Kungsleden“. Auf dem Langfjället erreicht der Wanderpfad in der Nähe der Jakobshöjden (1103 m) eine Höhe von 1035 m. Nun neigt sich der Weg ganz langsam hinab zum See Hävlingen (778 m), aus dem der Fluß Storån fließt, der bei Idre in den See Idersjön (442 m) einmündet. Am See Hävlingen gelange ich wieder in Bergwald und in den Nationalpark Töfsingdalen. Zwischen den Seen Hävlingen und Särsjön ist das Gelände stark verblockt. Am Südostende des Sees Hävlingen erreiche ich um 20:45 Uhr in der Dämmerung einige verschlossene Hütten und baue in deren Nähe das Zelt auf, ein Vaude Taurus. Von Grövelsjön bis hier habe ich heute eine Distanz von ca. 12 km zurückgelegt. 
 
12.09.2016: Am Morgen ist die Temperatur am Südende des Sees Hävlingen auf +3° C abgesunken. Es ist heiter und windstill, und am Vormittag erwärmt die Sonne schnell und wirksam die Landschaft. Vom Südende des Sees Hävlingen steigt der Wanderpfad nach Nordosten zum Slagufjället an. Das Gelände ist sehr stark verblockt, sodaß ich mit dem schweren Rucksack nur langsam voran komme. Oberhalb der Waldgrenze, hier bei ca. 850 m, wird das Gelände auf dem Hochplateau des Kahlen Fjells ebener und gangbarer. Ich erreiche den auf einer Höhe von ca. 928 m gelegenen See Slagusjön mit einer kleinen Schutzhütte am Südufer. Der Weg führt nun ca. 3 km nach Osten über das Kahle Fjell zum See Storrödjärnen auf einer Höhe von ca. 875 m. Am Nordufer dieses Sees befindet sich die Berghütte Storrödjärnstugan mit Übernachtungsmöglichkeiten. Das Gelände fällt nun langsam ab nach Norden zum See Rogen auf einer Höhe von 758 m und es ist auch teilweise wieder verblockt. Gegen 17:30 Uhr erreiche ich das Südostende des Sees Rogen mit einer kleinen Windschutzhütte (Vindskydd, Shelter) mit Feuerstelle. Auch hier gibt es wie am Südostende des Sees Hävlingen eine Trockentoilette. Bis hier hin habe ich heute eine Distanz von ca. 11 km zurückgelegt. Mein ursprünglicher Plan, heute noch bis zur ca. 10 km entfernten Rogenstugan zu gelangen, erweist sich als unrealistisch. Das überwiegend stark verblockte und nur schwer passierbare Gelände sowie der schwere Rucksack erlauben kein schnelles Gehtempo und keine langen Tagesdistanzen. Neben der kleinen Windschutzhütte baue ich mein Zelt auf. 
 
13. 09.2016: Der Tag beginnt am Morgen erneut mit sonnigem und windstillem Wetter bei einer Temperatur von +3° C. Es bleibt weiterhin den gesamten Tag sonnig und windstill. Aufgrund des begrenzten Zeitrahmens meiner Tour von fünf Tagen lasse ich das aufgebaute Zelt und mein Gepäck bei der kleinen Windschutzhütte am Südende des Sees Rogen zurück und setze meine Tour mit kleinem Tagesgepäck in Richtung zur ca. 10 km entfernten Rogenstugan fort, um von dort im Laufe des Abends hierhin zurückzukehren. Das Gelände bis zur Waldgrenze beim See Fisklöstjärnen auf ca. 815 m ist extrem verblockt, doch ohne das Gewicht des schweren Rucksacks komme ich dennoch schnell voran und springe geradezu über die Felsblöcke. Die Waldgrenze hat hier beim Aufstieg auf das Fjell einen mehrere Kilometer breiten Übergangsbereich zur Baumgrenze und zum Kahlen Fjell mit Bergtundra, wobei sich der Wald mal verdichtet und dann wieder auflöst, sodaß nur noch vereinzelte, oft kümmerliche Bäume verbleiben. 
 
Auf ca. halber Strecke erreiche ich die mit 993 m Höhe höchste Erhebung Tandsjövålen auf dem Kahlen Fjell. Hier beträgt die Temperatur um 13:45 Uhr +16° C. Es bietet sich ein fantastischer Panorama-Rundblick über den gesamten See Rogen, den See Bredåsjön (790 m), sowie das Seen- und Insellabyrinth des Stor-Tandsjön (764 m) und des Väster-Abborvikarna (773 m) im Norden. Diese Seenlandschaft ist durch Staffelmoränen geprägt, die die Seenlandschaft in ein rhythmisches Labyrinth von Seen und Inseln zergliedern. Dieser Landschaftstypus prägt den gesamten Bereich des grenzübergreifenden Verbundes von Naturschutzgebieten „Gränslandet“, wodurch diese glaziogene Landschaft überaus vielgestaltig und abwechslungsreich ist. Von der Fjellhöhe Tandsjövålen (993 m) geht es nun nach Nordwesten hinab zum See Rogen (758 m), wobei ich erneut Blockfelder, Moore und auch vegetationsgebundene Dünen aus hellem Feinsand überquere. Kurz vor Erreichen den Rogenstugan gelange ich zu der kleinen Hüttensiedlung Rogsbodarna, wo ich allerdings niemanden antreffe. Ein breiter Feinsandstrand erstreckt sich hier weit in den See hinaus und läd zu einem Bad ein. Die Lufttemperatur beträgt hier um 15:45 Uhr +16° C, und die Temperatur des Oberflächenwassers beträgt +11° C. Um den kleinen See Hundsviken herum verläuft der Weg nun über schmale Oser (100) zur Fjellhütte Rogenstugan. Die Rogenstugan ist eine ganzjährig geöffnete Rast- und Übernachtungshütte mit einer kleinen Küche zur Selbstversorgung. Es gibt einen Hüttenwart und eine Einkaufsmöglichkeit von Lebendmitteln. Wie die meisten Fjellhütten im Skandinavischen Gebirge in Schweden wird auch die Rogenstugan vom schwedischen Tourismusverband „Svenska Turistföreningen“ (STF) unterhalten. 
 
Um vor Einbruch der Dunkelheit zurück am Zelt zu sein, halte ich mich an der Rogenstugan nicht lange auf und folge dem Pfad westlich des Sees Hundsviken nach Nordosten und gelange auf den Weg zurück, der hinauf auf die Anhöhe Tandsjövålen (993 m) führt, und wo man bei nun tiefstehender Sonne erneut einen phantastischen Überblick über die wunderschöne Landschaft des „Gränslandet“ hat. Zügig geht es nun weiter hinab und das Tageslicht reicht noch gut aus, um den schwer erkennbaren Weg durch die Blockfelder zu finden. Zwei Mal begegne ich auf dem Rückweg mehreren Rentieren. Im Gegensatz zum rentierfreien Fulufjell weisen die von mir heute durchquerten Fjellgebiete deutlich erkennbare Beweidungsspuren auf. Die Naturschutzgebiete um den See Rogen sind heute Sommerweidegebiet für die Rentierzucht, die von Samen (101) betrieben wird. Die Siedlungsgebiete der Samen und das Vorkommen der Rentiere reichen in Schweden bis nach Idre (102). 
 
Die Samen sind ein indigenes Volk (103), das am Rande der Arktis im Norden von Fennoskandinavien (104) in Lappland (105) bzw. Sápmi (106) lebt. Ursprünglich waren die Samen ein nomadisch lebendes Jägervolk, das vor allem von der Jagd auf das Wildren lebte. Heute gibt es im gesamten Lappland (Sápmi) keine Wildrene mehr. Freilebende, wilde Rentiere gibt es in Europa heute nur noch etwa 25.000 im südlichen Norwegen, davon ca. 10.000 auf der Hardangervidda. Daß es heute im gesamten Lappland (Sápmi) keine Wildrene mehr gibt, ist eine Folge der Kolonisierung und Aufteilung von Lappland (Sápmi) durch die Staaten Norwegen, Schweden und Rußland (107). Diese Staaten erhoben von den Samen Steuern und Zwangsdienste, und die Samen gingen in der frühen Neuzeit von der vormaligen Rentierjagd zur bis heute praktizierten Rentierhaltung über, wobei die Rentiere individueller und besteuerbarer Besitz der einzelnen Samen sind. Bis ins 18 Jahrhundert waren diese Rentierherden kleiner als heute, sodaß seither die Gefahr einer Überweidung der Fjellgebiete durch die praktizierte Rentierwirtschaft (108) besteht. Aus der Zeit, in der wildlebende Rentiere gejagt wurden, existieren im Gebiet um den See Rogen noch 150 gut erhaltene Rentierfallgruben. 
 
14.09.2016: Am Morgen gibt es Hochnebel bei überwiegend Windstille und einer Temperatur vom +10° C. Das Zelt steht in Ufernähe am Südostende des Sees Rogen (758 m) auf einer Düne aus feinem weisgrauem Sand. Der Tag wird erneut sonnig und warm. Gegen Mittag kommt zeitweise leichter Wind auf. Ich folge dem Weg zurück über das Slagufjället zum See Hävlingen, wobei ich durch Bergwald und Moorgebiete gelange, die hier mit Plankenwegen ausgelegt sind. Der obere Teil des Bergwalds auf einer Höhe um ca. 850 m herum, ein Bereich, der je nach Geländeexposition um mehr als 100 Höhenmeter schwanken kann, wird auch hier von einer Krummholzzone aus knorrigen, verbogenen und bizarr geformten Fjellbirken gebildet. Nun gelange ich aufs Kahle Fjell und erreiche am Nachmittag zwischen den Hütten Storrödtjärnstugan und Slagusjön die höchste Erhebung meiner Überquerung des Slagufjället bei ca. 930 m Höhe bei sonnigem Wetter und einer Lufttemperatur von +17° C. Der Weg hinab zum See Hävlingen (778 m) verläuft durch Bergwald, wobei erneut stark verblocktes und nur schwer passierbares Gelände durchquert werden muß. Große Teile der glaziogenen Landschaften des „Gränslandet“ sind von ausgedehnten, nur schwer passierbaren Blockfelder bedeckt, die bei Wanderungen im Gebiet des Sees Rogen immer wieder oft über Distanzen von mehreren Kilometern durchquert werden müssen. Im Vergleich dazu sind Wanderungen am Fulufjell aufgrund des weitgehenden Fehlens derartiger endloser, schwer passierbarer Blockfelder erheblich müheloser und schneller durchführbar. Die kleine Windschutzhütte am Südostende des Sees Hävlingen (778 m) erreiche ich um 18:30 Uhr und baue das Zelt in dessen Nähe am See auf. 
 
Hier am Ufer des Sees Hävlingen gibt es einige Stechmücken, doch war insgesamt diese Sommersaison 2016 an allen Orten, an denen ich mich aufgehalten habe, ausgesprochen mückenarm. Immer wieder halten sich Gerüchte von skandinavischen Mückenplagen, was ich aus langjähriger Erfahrung zahlreicher Outdoortouren und Reisen in Skandinavien nicht bestätigen kann. Tatsächlich ähnelt das Mückenaufkommen in Skandinavien dem in Mitteleuropa an vergleichbaren Standorten und Biotopen. Bedeutendster Faktor für die Häufigkeit von Mücken ist m.E. das Vorkommen von Kleinfischen in Uferregionen von Gewässern, die dort den Bestand an Mückenlarven klein halten. Bei Kleinstgewässern, wie z.B. in Moorgebieten, wo Kleinfische fehlen, kann es dann auch lokal zu Massenvorkommen von Mücken kommen. Ein weiterer bedeutender Faktor für das Vorkommen von Stechmücken ist die Häufigkeit von Wirtstieren der blutsaugenden Stechmücken. Diese Wirtstiere sind meist Warmblüter (Vögel, Säugetiere), in etwa 15% der Fälle auch Lurche und Kriechtiere, nach neueren Erkenntnissen auch Raupen und andere Insektenlarven. Ansonsten ist das jeweilige örtliche und zeitliche Vorkommen von Stechmücken von einer Vielzahl von Faktoren abhängig (u.a. Jahreszeit, Tageszeit, Vegetation, Wetter, Wind, Sonne, Temperatur), und es ist sinnvoll, diese Faktoren und auch die Biologie und die Lebensweise der Stechmücken zu kennen, um ihnen ausweichen zu können. 
 
15.09.2016: In der Nacht regnete es kurz. Der Morgen beginnt windstill mit Nebel bei einer Lufttemperatur von +10° C. Der Nebel löst sich im Laufe des Vormittags auf und der Tag ist erneut heiter. Heute steht der Rückweg über das Langfjället zur STF Fjellstation Grövelsjön an, eine Distanz von ca. 10 km. Ich gelange durch mäßig verblocktes Gelände und erreiche nach ca. 1,5 km einen Wegkreuzungspunkt, von dem aus Wanderpfade in fünf Richtungen führen. Eine Infotafel verweist darauf, daß es hier früher die Sommersiedlung „Hävlingskällorna“ der Idresamen gegeben hat. In der Umgebung gibt es zahlreiche Rentiere. Kurz darauf ist die Waldgrenze erreicht, und der oft breit ausgetretene markierte Weg über das Langflället läßt sich aufgrund des weitgehenden Fehlens von Hindernissen, wie Z.B. endlosen Blockfeldern, gut und zügig passieren. So komme ich auf die Idee, noch heute von der Fjällstation Grövelsjön nach Idre zurückzuradeln, falls ich dort früh genug eintreffen sollte, da die Fahrt von Idre nach Stömne am Vormittag des morgigen Tages erfolgen soll. Nach weiteren drei Kilometern passiere ich auf dem Kahlen Fjell die kleine Schutzhütte Särsjöbäken. Der höchste Punkt der Überquerung des Langfjället ist südöstlich der Jakobshöjden bei ca. 1035 m erreicht. Bei annähernd windstillem Wetter beträgt hier die Nachmittagstemperatur immerhin +17° C. Das restliche Stück des Weges bis zur STF Fjellstation Grövelsjön auf ca. 810 m Höhe ist schnell zurückgelegt, sodaß ich dort um 16:30 Uhr eintreffe. Dort hatte ich vor fünf Tagen das Fahrrad abgestellt. Nach einer Pause radel ich mit dem schweren Rucksack auf dem Gepäckträger des Fahrrads festgeschnallt die ca. 40 km lange Landstraße zurück nach Idre. 
 

10. Industrielle Forstwirtschaft und Biodiversitätskrise

Mein Gesamteindruck meiner fünftägigen Rucksack-Wanderung in der Region um den See Rogen ist, daß das „Gränslandet“ als eins der landschaftlich schönsten Naturgebiete Skandinaviens gelten kann, und die Tour dieser Woche wird mit Sicherheit nicht die einzige bleiben. Die Bergwälder im Naturreservat Langffjellet, im Nationalpark Töfsingdalen, im Naturreservat Rogen und den weiteren Naturschutzgebieten im Biotopverbund „Gränslandet“ sind naturbelassen und werden nicht forstwirtschaftlich genutzt. Man trifft hier auf große, knorrige, mehrhundertjährige Bäume, hauptsächlich Kiefern mit einem Stammdurchmesser im unteren Stammbereich von bis zu einem Meter. Diese Wälder präsentieren sich in einem völlig anderen Charakter als die forstindustriell genutzten Wälder außerhalb der Naturschutzgebiete, die durch gleichförmige Kiefern- und Fichtenmonokulturen geprägt sind, in denen die dicht stehenden Kiefern oder Fichten Reinbestände bilden und eine einheitliche Größe und gleiches Alter haben. Nach ca. 80 Jahren werden die Bestände dieser Monokulturen von forstindustriellen Großmaschinen von Typus „Harvester“ großflächig abgeschitten, und es entstehen riesige Kahlschläge von oft mehreren Quadratkilometern. Wie auf einem riesigen Acker werden dann auf diesen Kahlschlägen von riesigen Maschinen im Boden tiefe Furchen gezogen und kleine Bäume der nachwachsenden Kiefern- oder Fichtenmonokulturen gepflanzt, um wieder nach ca. 80 Jahren von Großmaschinen von Typus „Harvester“ großflächig abgeschitten zu werden. Diese Form der industriellen Forstwirtschaft besteht erst seit wenigen Jahrzehnten. In der Forstwirtschaft hat sich vor erst wenigen Jahrzehnten ein grundlegender und radikaler Wandel vollzogen. 
 
Früher war die Waldarbeit eine schwere körperliche Arbeit und sie fand überwiegend im Winter statt. Alle Arbeitsvorgänge wurden in Handarbeit durchgeführt, und das Holz wurde mit Pferdeschlitten auf den Eisbahnen speziell präparierter Winterwege transportiert, eine für die damalige Zeit perfektionierte Transporttechnik, wobei ein Pferd eine Last von 30 Tonnen befördern konnte, was etwa der Hälfte der Transportlast eines heutigen Holztransport-LKW entspricht. Einen grundlegenden Wandel erfuhr die Forstwirtschaft mit dem systematischen Einsatz von Maschinen, der mit dem Aufkommen der ersten Motorsägen in den 40er Jahren begann, doch schon kurz darauf wurden auch für sämtliche andere Arbeiten in der Forstwirtschaft Maschinen entwickelt und eingesetzt. Diese Entwicklung setzte zuerst in Nordamerika ein und fand alsbald auch in Europa statt. In Skandinavien begann man zuerst in Schweden mit dem Maschineneinsatz in der Forstwirtschaft, doch schon Ende der 50er Jahre war der umfassende Maschineneinsatz in der Forstwirtschaft überall Standard. 
 
Die Veränderungen, die damit verbunden waren, waren grundlegend und weitreichend. Zum Einen veränderte sich das Arbeiten in der Forstwirtschaft: Statt schwerer Handarbeit stand nun das Bedienen von Maschinen im Vordergrund, und der Maschineneinsatz vergrößerte die erzielte Arbeitsleistung. Heute gibt es Universalmaschinen, die in einem Arbeitsgang Bäume fällen, entasten, entrinden und auf die gewünschte Länge zuschneiden, um diese dann transportfertig am Wegesrand zu stapeln. Zum Anderen veränderte der Maschineneinsatz den Wald grundlegend und radikal. Im Rahmen der traditionellen Forstwirtschaft wurde ein selektiver Holzeinschlag betrieben, wobei einzelne Bäume dem Wald entnommen wurden. Dabei blieb der Wald als Ökosystem weitgehend unbeeinträchtigt und unverändert, es änderte sich weder die Artenzusammensetzung der Pflanzengesellschaften des Waldes und die Biodiversität, noch der Stockwerkaufbau des Waldes mit dem Nebeneinander verschiedener Wuchshöhen und Altersjahrgänge u.a.m.. Durch selektiven Holzeinschlag wurde der Wald lediglich etwas lichter, und durch Naturverjüngung wuchsen wieder Bäume nach. Mit dem Maschineneinsatz der industriellen Forstwirtschaft wurde der Wald umfassend verändert und maschinengerecht umgestaltet. Kahlschläge ersetzen seither den selektiven Holzeinschlag, und meist wird eine schnellwachsende Baumart nachgepflanzt, sodaß einheitliche, gleichförmige und artenarme Monokulturen entstehen mit gleichem Alter und gleicher Höhe der Bäume, bin nach wenigen Jahrzehnten (ca. 80 Jahren) die riesigen Maschinen von Typ „Harvester“ wieder anrücken und die Bäume dieses monotonen Stangenwaldes nach dem Rasenmäherprinzip wieder abschneiden. Forstwege und Forststraßen erschließen heute die letzten Winkel der Wälder Skandinaviens, sodaß sich überall der gleiche Zustand des Waldes bietet bis an die klimatische Nordgrenze des borealen Nadelwaldes, und man muß heute abgelegene Naturschutzgebiete aufsuchen, um einen Eindruck davon zu erhalten, wie ein natürlicher Wald mit alten mehrhundertjährigen Bäumen im Vergleich zu den Monokulturen der forstindustriellen Nutzholzplantagen aussehen. 
 

Anstatt auf natürlichen Wald als einer artenreichen Biozönose (109) treffen wir somit heute überall auf artenarme Monokulturen (110) forstwirtschaftlicher Nutzholzplantagen (111), die sich durch sehr geringe Biodiversität auszeichnen. Mit Ausnahme einiger Naturschutzgebiete besteht auch im Skandinavischen Gebirge heute der Wald nahezu vollständig aus gleichförmigen Kiefern- und Fichtenmonokulturen. Die sich weltweit permanent ausdehnenden Monokulturen der industriellen Land- und Forstwirtschaft sind die Hauptursache des globalen Verlustes an Biodiversität (112) und des aktuellen rasanten Artensterbens (113). Im gegenwärtigen Erdzeitalter des Anthropozän (114) ereignet sich derzeit das sechste Massenaussterben (115) der Erdgeschichte; dieses Massenaussterben ist irreversibel, und es ist anders als der sogenannte „Klimawandel“ das größte ökologische Problem. 

 

Die Kritik an der industriellen Forstwirtschaft und der durch sie bewirkten Umwandlung der Wälder in monotone, gleichförmige und artenarme Nutzholzplantagen mit sehr geringer Biodiversität ist erforderlich, denn die forstindustrielle Umwandlung artenreicher natürlicher Wälder in gleichförmige und monotone Nutzholzplantagen schreitet weltweit weiter voran, wobei die industrielle Forstwirtschaft „Wald“ als eine Ansammlung von Holzgewächsen begreift, die sich zweckrational ausschließlich über den Nutzholzertrag in Kubikmeter pro Hektar und Jahr bemessen und quantifizieren läßt, und dem Wald als Ökosystem keinerlei Bedeutung und Wert zukommt. So sind die sogenannten „Waldschäden“ wie Borkenkäferplagen, großflächiger Windbruch und Waldbrandgefahr überhaupt erst ein Produkt der Bewirtschaftungsmethoden der modernen industriellen Forstwirtschaft und der durch sie geschaffenen gleichförmigen und sterilen Nadelholz-Monokulturen, doch die industrielle Forstwirtschaft leugnet einen Kausalzusammenhang, was auch beim Wikipedia-Artikel zum Thema „Waldschäden“ (116) deutlich wird. 

 

Warum expandieren weltweit die gleichförmigen und sterilen Monokulturen der industriellen Forstwirtschaft auf Kosten naturnaher artenreicher Wälder? In der Industriegesellschaft werden sowohl die Natur, als auch die Gesellschaft gemäß instrumenteller Vernunft zweckrational zugerichtet und in sterile, gleichförmige Monokulturen umgewandelt, und jegliche Vielfalt geht dabei verloren (117). Die fortgeschrittene Industriegesellschaft hat das Ziel, permanentes Wirtschaftswachstum zu erzwingen, wofür sämtliche Bereiche der Gesellschaft zugerichtet und gleichgeschaltet werden. Mit der permanenten Ausweitung des Konsums verbunden ist ein permanent wachsender Verbrauch von Rohstoffen und eine permanent wachsende Verschwendung von Energieressourcen mit der Folge sich ausweitender Naturzerstörungen. Ebenso wird im auf Hochtouren laufenden industriellen Produktionsprozeß die menschliche Arbeits- und Lebenszeit verschwendet. Immer weitere gesellschaftliche Bereiche werden ökonomischem Kalkül unterworfen, zweckrational zugerichtet und gemäß instrumenteller Vernunft gleichgeschaltet und industrialisiert. 

 

Die alternativlose Notwenigkeit permanenten Wirtschaftswachstums ist nicht nur Produkt einer Medienkampagne, es ist vielmehr die Grundlage nahezu jeglicher wirtschaftlicher und politischer Theorie und Praxis (118). Nur durch permanentes Wirtschaftswachstum, das im Allgemeinen in Form des Bruttosozialprodukts (BSP) gemessen wird, entsteht nach allgemeiner Auffassung Wohlstand und Lebensqualität, und diese messen sich in der Menge der konsumierbaren Industrie-Produkte und Waren. In der Konsumgesellschaft (119), die zugleich eine Wegwerfgesellschaft ist, werden die Menschen auf die Rolle und Funktion von Konsumenten standardisierter Industriefertigprodukte reduziert, und es verkümmert ihre Kreativität und Initiative. Folge ist eine Konsumkultur, die durch Passivität und Bequemlichkeit, durch Ablenkungen, Zerstreuungen und seichte Vergnügungen, durch Besinnungs- und Reflektionslosigkeit geprägt ist. Die Konsumkultur verhindert, daß die Menschen nach dem Modell der Maslowschen Bedürfnishierarchie (120) die Ebene der Transzendenz erreichen. In der Konsumkultur bleiben sie Gefangene nicht reflektierter Leidenschaften und manipulierter Wünsche. Die Konsumkultur ist nach der Analyse des Sozialpsychologen Erich Fromm (1900-1980) (121) in seinem Buch: „Haben oder Sein“, das zu einem Klassiker der Konsumkritik geworden ist, vom Haben und nicht vom Sein bestimmt: „Wenn die Menschen jemals frei werden, das heißt dem Zwang entrinnen sollen, die Industrie durch pathologisch übersteigerten Konsum auf Touren zu halten, dann ist eine radikale Änderung des Wirtschaftssystems vonnöten“ (122). 

 

Der Umgang mit dem Rohstoff Holz in unserer Konsumgesellschaft entwertet diesen zu einem Wegwerfprodukt, und immer größere Mengen an Holz, die zu immer kurzlebigeren Produkten verarbeitet werden, müssen den Wirtschaftsprozeß passieren, um weiteres Wirtschaftswachstum der mit dem Rohstoff Holz verbundenen Branchen zu gewährleisten. Während früher überwiegend langlebige Holzprodukte hergestellt wurden, die über mehrere Generationen hinweg Bestand hatten, werden heute in unserer mobilen und mobilisierten, permanent beschleunigten Gesellschaft immer mehr und immer kurzlebigere Nutzungs- und Verwendungszwecke für den Rohstoff Holz entwickelt und erschlossen, überwiegend werden Wegwerfprodukte produziert, sodaß Massendurchsatz Qualität ersetzt. So führt die maschinisierte industrielle Forstwirtschaft neben der Zerstörung der Wälder als eines Ökosystems zu einer Entwertung des Rohstoffs Holz, und ein allgemeiner Bewußtseinswandel im Umgang mit dem Rohstoff Holz ist nicht erkennbar. 

 

Es besteht auch hier ein Wachstumszwang (123), da sich in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft scheinbar sämtliche wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme durch permanentes Wirtschaftswachstum lösen lassen. Die ökologische Krise bildet hingegen eine Ausnahme, sodaß es seit Anfang der 70er Jahre eine Wachstumskritik (124) gibt. Das Konzept eines sogenannten „Grünen Wachstums“ (125) ist jedoch der Versuch, der Wachstumskritik auszuweichen und das Dogma des Wirtschaftswachstums zu retten. Erforderlich ist eine stationäre Wirtschaft (126) im Sinne von Subsistenzwirtschaft (127). Wenn wir zukünftig naturnahe artenreiche Wälder mit hoher Biodiversität haben wollen, ist somit ein Abschied vom Dogma des Wirtschaftswachstums und ein anderer gesellschaftlicher Umgang mit dem Rohstoff Holz erforderlich. 

 

In den Naturschutzgebieten (128) im Skandinavischen Gebirge wird keine Forstwirtschaft betrieben, sodaß die natürliche Vegetation dort erhalten ist. Hier kann man einen Eindruck davon gewinnen, wie naturbelassene Wälder mit mehrhundertjährigen Bäumen im Gegensatz zu den gleichförmigen Monokulturen der industriellen Forstwirtschaft aussehen. 

 

16.09.2016: Gegen 11:00 Uhr erfolgte meine Abfahrt von Idre in einem der roten Kleinbusse des Reiseveranstalters „Rucksack-Reisen“. Die Fahrt verläuft bei nun bewölktem Wetter über Särna, Sälen, Malung, Torsby und Arvika nach Stömne, wo ich gegen 16:00 Uhr im „Aktivcenter Stömne“ des Reiseveranstalters „Rucksack-Reisen“ eintreffe. Im „Aktivcenter Stömne“ endet am morgigen Samstag, 17.09.2016 die Sommersaison, und ich werde von hier morgen mit dem Reisebus nach Deutschland zurückfahren. 
 
Im Dorf Stömne ist es sonnig und warm. Mir wird berichtet, daß hier die Nachmittagstemperaturen in der zurückliegenden Woche +26° C betragen haben, erheblich höher als in Idre. Immerhin befinden wir uns hier in Stömne im klimatisch begünstigten Südteil Schwedens, südlich der Klima- und Vegetationsgrenze des „Limes norrlandicus“, während hingegen Idre nördlich der Klima- und Vegetationsgrenze des „Limes norrlandicus“ liegt. Dies zeigt auch ein Blick auf die Vegetation in der Umgebung von Stömne. Mächtige, mehrhundertjährige Eichen umgrenzen das Gelände des „Aktivcenter Stömne“, und die Umgebung ist überwiegend landwirtschaftlich genutzt. In Stömne befinden wir uns in der Laubmischwaldzone. 
 
Immer wieder aufs Neue bin ich darüber fasziniert, wie markant, ausgeprägt und deutlich sich die Klima- und Vegetationsgrenze des "Limes norrlandicus" im nördlichen Europa präsentiert. Sie ist eine der markantesten Klima- und Vegetationsgrenzen in Europa. Die unterschiedlichen Standorte des Reiseveranstalters „Rucksack-Reisen“ bieten ideale Möglichkeiten, den mit der Klima- und Vegetationsgrenze des "Limes norrlandicus" verbundenen Vegetations- und Landschaftswandels zu erfahren und zu studieren. Gerade heute wurde dies einmal wieder überaus deutlich: Während in der Umgebung von Idre die Vegetation, die Landschaft und auch das Wetter derzeit schon fortgeschritten herbstlich ist, und dort herbstliche gelbe und rote Farben dominieren, so präsentiert sich die Umgebung von Stömne noch in sattem Grün. Auch die Tagestemperaturen liegen in Stömne südlich der Klima- und Vegetationsgrenze des "Limes norrlandicus" derzeit ca. 10° C höher als in der Region um Idre, die nördlich der Klima- und Vegetationsgrenze des "Limes norrlandicus" liegt. Die zwischen Idre und Stömne liegende Destination „Gammelbyns Stugby“ bei Rattsjöberg in der Nähe der Stadt Torsby liegt intermediär und weist je nach Höhenlage Merkmale sowohl der südlichen Laubmischwaldzone, als auch der nördlichen borealen Zone auf, was diese Übergangsregion für naturkundliche Exkursionen und Studien in besonderem Maße interessant macht. Dies alles geht mir durch den Sinn, während ich auf der Veranda des alten Schulhauses von Stömne am heutigen Spätsommerabend bei einem Glas Rotwein sitze und zwischen den mächtigen, mehrhundertjährigen Eichen hindurch auf den Stömnefjorden blicke, der ein Teil des langen Sees Glafsfjorden (45,2 m) ist. 
 

11. Anmerkungen: 

 1) Vgl.: https://www.rucksack-reisen.de

2) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fjell

3) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Skandinavisches_Gebirge

4) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Forum_Anders_Reisen
Sowie: https://www.forumandersreisen.de
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Ökotourismus

5) Vgl.: https://idre-stugor.se/

6) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Idre
Sowie: https://www.visitidre.se

7) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dalarna
Sowie: https://www.dalarna.se

8) Vgl.: https://www.gammelbyn.se

9) Vgl.: https://www.welcome-scandinavia.com

10) Vgl.: https://www.kanuverleih-schweden.de/

11) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vogelfluglinie

12) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dalsland

13) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kanadier_(Kanutyp)
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Kanu

14) Einen exzellenten auch weltweiten Wetterbericht bieten die folgenden Internetportale:
https://www.klart.se/
https://www.yr.no/en

15) Vgl.: https://www.rucksack-reisen.de/sommerurlaub/schweden/kanufahren/kanuwoche-dalsland/

16) Vgl.: https://www.faltboot.org/wiki/index.php/Dalslandkanal

17) Vgl.: https://dalslandnordmarken.se/de/lagerplatze/

18) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wildnis

19) Eine gute Einführung in das Kanufahren und die Paddeltechnik bieten die folgenden Bücher:
Franz Riegel, Dieter Raffler: Stechpaddel Fahrschule. 2016, Hamburg.
Rainer Höh: Kanu-Handbuch. 2010, Bielefald.
Jürgen Gerlach: Richtig Kanu fahren. 2006, München.
Rainer Mareik: Kanuwandern. 2005, Welver.

20) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hypothermie

21) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Temperaturschichtung
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Ökosystem_See

22) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dalsland-Kanal

23) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lelång

24) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vegetationszone
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Vegetation

25) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Külgemäßigte_Klimazone#Laubmischwaldklimate

26) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Borealer_Nadelwald

27) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fennoskandinavien

28) Vgl.: https://www.rucksack-reisen.de/sommerurlaub/schweden/kombireisen/wildniswoche-fulufjaell/

29) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fulufjäll
Sowie: https://www.fulufjallet.se
Und: https://www.dalarna.se/fulufjallet
Des Weiteren: https://www.naturumfulufjallet.se

30) Eine gute Auflistung und Darstellung von Fjellhütten in der Umgebung des Fernwanderweges „Südlicher Kungsleden“, der auch über das gesamte Fulufjell führt, findet sich hier:
https://laufliebhaber.de/schutzhuetten-rasthuetten-und-fjaellstationen-kungsleden-sued/

31) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Svenska_Turistföreningen

32) Vgl.: http://deutsch.turistforeningen.no/

33) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alpiner_Verein


34) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalpark_Fulufjället
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Fulufjellet-Nationalpark

35) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Orogenese
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Plattentektonik

36) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaledonische_Orogenese

37) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rumpfgebirge

38) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gnitzen

39) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wald-_und_Baumgrenze

40) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fjellbirke

41) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tundra

42) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Subpolare_Klimazone

43) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hardangervidda

44) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Arktis
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Arktische_Fauna

45) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Blockhalde

46) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sandstein

47) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sedimente_und_Sedimentgesteine

48) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Baltischer_Schild

49) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kristallingestein

50) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Paläoökologie

51) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Paläoklimatologie
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimageschichte

52) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Riesengebirge

53) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vegetationsperiode

54) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kältepol

55) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Krummholz

56) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwerg-Birke

57) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weidengewächse

58) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierwald

59) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Old_Tjikko

60) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Südlicher_Kungsleden

61) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikingerschiffbau

62) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Skansen_(Stockholm)
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Freilichtmuseum

63) 17) Vgl.: https://visitsweden.de/
Sowie: https://treffpunkt-schweden.com/tourist-information-bueros-in-schweden
Vgl. auch: https://www.norrmagazin.de

64) Vgl.: https://www.gammelbyn.se

65) Vgl.: https://www.rucksack-reisen.de/familienurlaub/schweden/abenteuer-im-norden/

66) Eine gute Vermittlung von Outdoor-Kenntnissen leisten die folgenden Bücher: Rainer Höh: Outdoor-Praxis. 2008, Bielefeld.
Sowie: Volker Lapp: Wie helfe ich mir draußen. Touren- und Expeditionsratgeber. 2016, Stuttgart.

67) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Värmlands_Museum

68) Vgl.: https://www.vildmark.se/de/

69) Vgl.: https://moose-world.se/

70) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Höhenstufe_(Ökologie)

71) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Limes_norrlandicus

72) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Linné

73) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Expedition_nach_Lappland

74) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt

75) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vegetationsgeographie

76) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Potenzielle_natürliche_Vegetation
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimaxvegetation

77) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimazone

78) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimatologie
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimageschichte

79) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Postglazial

80) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tromsø

81) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Polarforschung

82) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fridtjof_Nansen

83) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nansens_Fram-Expedition

84) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tromsø_Museum

85) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weichsel-Kaltzeit
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Letzte_Kaltzeit
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Känozoisches_Eiszeitalter
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Eiszeitalter
Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Quartärforschung

86) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldfinnen
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwedenfinnen

87) Vgl.: https://www.rucksack-reisen.de/winterurlaub/schneeschuhwandern/unendliche-weiten-schneeschuh-huettenwanderung/
Sowie: https://www.rucksack-reisen.de/winterurlaub/langlauf-skitour/back-country-skiwandern-im-fulufjaell/

88) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Windchill

89) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Insolation_(Physik)

90) Siehe: Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. 2020, Frankfurt am Main. S. 248-249.

91) Vgl.: https://www.graenslandet.se/de/nio-skyddade-naturomraden/rogen
Sowie: https://www.faltboot.org/wiki/index.php/Rogen_Naturreservat

92) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Femundsee

93) Vgl.: https://www.graenslandet.se/de/
Sowie: https://femundsmarkanasjonalpark.no/en/

94) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biotopverbund

95) Vgl.: https://www.rucksack-reisen.de/sommerurlaub/schweden/kanufahren/rogen-roea-femund/

96) Vgl.: https://www.grovelsjon.com

97) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Falun

98) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Siljan

99) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Røros

100) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Os_(Landschaft)

101) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)
Sowie: https://www.samer.se 

102) Vgl.: https://www.idresameby.se
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Siida

103) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Indigene_Völker
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Indigene_Völker_Europas

104) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fennoskandinavien

105) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lappland

106) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sápmi 

 
107) Vgl.: John Trygve Solbakk: Colonisation and division of Sápmi. In: Derselbe: The Sámi People – A Handbook. 2006, Karasjok. S. 35-39.
 
108) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)#Rentierwirtschaft

109) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biozönose

110) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Monokultur
Zur Geschichte der weltweiten Ausweitung der Monokulturen vgl.: Florian Hurtig: Paradise Lost. Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur. 2020, München.

111) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Forst
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswald
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Plantage

112) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biodiversität

113) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aussterben#Aktuelle_Situation

114) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Anthropozän

115) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Massenaussterben#Das_gegenwärtige_Massenaussterben

116) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldschäden 

 

117) Vgl.: Zur Geschichte der weltweiten Ausweitung der Monokulturen vgl.: Florian Hurtig: Paradise Lost. Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur. 2020, München. 

 

118) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswachstum 

 

119) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konsumgesellschaft 

 

120) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bedürfnishierarchie 

 

121) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Fromm 

 

122) Siehe: Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 1979, München. S. 168-169. In seiner Analyse der Konsumgesellschaft, die zu einem Klassiker der Konsumkritik geworden ist, entwirft Erich Fromm das Modell einer neuen Gesellschaft, die auf die Erfordernisse des nicht-entfremdeten, am Sein orientierten Individuums ausgerichtet ist. 

 

123) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wachstumszwang 

 

124) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wachstumskritik 

 

125) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grünes_Wachstum 

 

126) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stationäre_Wirtschaft 

 

127) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Subsistenzwirtschaft 

 

128) Vgl.: https://www.sverigesnationalparker.se 

Sowie: https://www.naturvardsverket.se 

Und: https://www.naturensar.se 

 
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Ein Sommer in Schweden. Erlebnisse an der nördlichen Periferie Europas im Sommer 2016. Ein Erlebnisbericht. Textversion 01.
Mein Erlebnisbericht kann mit zahlreichen Fotos auf meiner Internetseite aufgerufen und gelesen werden:
https://manfredsuchan.net/ein-sommer-in-schweden
Dort kann zudem mein Erlebnisbericht im PDF-Format herunter geladen werden.
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Manfred SUCHAN
Geograf und Outdoorguide
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Über meine Reisen berichte ich auf meinen Internetseiten:
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Bild unten: Mit dem Kanu unterwegs auf dem See Halvtron in Süd-Schweden am 09.08.2024.

Das "Gränslandet" ist ein Biotopverbund von 13 Naturschutzgebieten um den See Rogen. Dieses Foto entstand am 09.05.2015 während meiner Fahrradreise durch Skandinavien im Frühjahr 2015.  

Reiseerlebnisberichte

Während meiner Fahrradreise durch die mittlere Ostseeregion am 15.06.2014.


Blick über die (ehemalige) Hansestadt Reval/Tallinn am 26.06.2014 während meiner Fahrradreise durch die mittlere Ostseeregion im Frühsommer 2014. 

Fahrradreise 

mittlere Ostseeregion 

 

Ein Reiseerlebnisbericht 

 

von Manfred Suchan 

 

1. Einleitung 

Vom 03.06.2015 bis zum 04.07.2015 unternahm ich eine Fahrradreise mit Zelt durch die mittlere Ostseeregion, wobei ich durch das südöstliche Schweden, über die Åland-Inseln, durch den Südwesten Finnlands, sowie durch Estland und Lettland gelangte. Die Ostsee (1) ist das Mittelmeer des nördlichen Europas, und analog zum Mittelmeer (2) im Süden Europas bildet auch die Ostseeregion eine naturgeografische und eine kulturgeografische Einheit. Ebenso wie das Mittelmeer im Süden Europas ist die Ostsee ein Nebenmeer des Atlantischen Ozeans. Es bietet sich ein Vergleich (3) der Ostseeregion und der Mittelmeerregion an. 
 
Als eine kulturgeografische (4) Region ist sowohl die Ostseeregion, als auch die Mittelmeerregion durch die Schiffahrt und den Fernhandel geprägt. Die Geschichte der Ostseeregion ist geprägt durch eine mehr als tausendjährige Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in der Ostseeregion, für die der Begriff „Domininum maris baltici“ (5) geschaffen wurde. Ähnlich verhält es sich in der Mittelmeerregion, über die insbesondere das Imperium romanum (6) ein Domininum errichtet hatte, das imperiale Nacheiferer fand, wie z.B. das im Zuge der arabischen Expansion geschaffene arabische Imperium (7), das ein Dominium über die Mittelmeerregion anstrebte, sowie das Militärimperium des Osmanischen Reiches (8), das ebenso ein Dominium über die Mittelmeerregion anstrebte. 

 

Naturgeografisch (9) ist die Ostseeregion insbesondere durch die Eiszeiten (10) und den glaziomorphologischen Formenschatz der Glazialen Serie (11) geprägt, die sämtliche Landschaften der Ostseeregion geformt und gestaltet hat. Im naturgeografischen Sinne umfaßt die Ostseeregion somit alle während der Glazialzeiten durch die Glaziale Serie geformten und gestalteten Landschaften im nördlichen Europa, wobei sich das Zentrum der glazialzeitlichen Vereisungen im skandinavischen Gebirge befand. 

2. Inhalt 

1. Einleitung 

2. Inhalt 

3. Entspannungspolitik und Reisefreiheit 

4. Von Schweden über die Åland-Inseln nach Finnland 

5. Geopolitik und die neue Spaltung Europas 

6. Nationalismus und Geopolitik 

7. Von Finnland durch Estland nach Lettland 

8. Anmerkungen 


3. Entspannungspolitik und Reisefreiheit

Schon im Jahre 1988 hatte ich vom 25.07.1988 bis zum 13.08.1988 eine Rundreise durch die Ostseeregion im Uhrzeigersinn unternommen, bei der ich durch die Länder Dänemark, Schweden und Finnland gelangte. Nach der Umfahrung des Bottnischen Meerbusens endete meine Umrundung der Ostsee im Jahre 1988 jedoch in Finnland, denn die Baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen lagen damals jenseits des "Eisernen Vorhangs" (12), und ich mußte mit der Fähre von Turku/Åbo vorbei an den Åland-Inseln wieder zurück nach Schweden fahren und meine Reise durch die Ostseeregion durch Schweden und Dänemark fortsetzen. Schon damals hatte ich die Absicht, im Rahmen einer Reise eine vollständige Umrundung der gesamten Ostseeregion durchzuführen, sobald die Verhältnisse in Europa dieses erlauben würden. Daß sich diese Verhältnisse in Europa insbesondere bezüglich der allgemeinen Reisefreiheit (13) ändern würden, war in der zweiten Hälfte der 80er Jahre absehbar, denn der KSZE-Prozeß (14) hatte die Verwirklichung allgemeiner Reisefreiheit im gesamten Europa zum Ziel und diese erheblich gefördert. Zudem förderte in der zweiten Hälfte der 80er Jahre die Politik der Perestroika (15) von Michail S. Gorbatschow (16) die Intentionen des KSZE-Prozesses in der östlichen Hälfte Europas. 

 

Der KSZE-Prozeß war der zentrale Bestandteil der Entspannungspolitik, und er hatte entscheidend dazu beigetragen, daß der Ost-West-Konflikt (17) und das Zeitalter der Bipolarität und der Blockkonfrontation ein Ende finden konnten. Getragen war die Entspannungspolitik (18) von dem Konzept „Wandel durch Annäherung“, und der gesamte KSZE-Prozeß war von diesem Konzept geprägt und durchdrungen. Wie in der Schlußakte von Helsinki der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) vom 01.08.1975 über die Grenzen des „Eisernen Vorhangs“ hinweg vereinbart wurde, war Ziel des KSZE-Prozesses u.a. „die Stärkung freundschaftlicher Beziehungen und des Vertrauens zwischen den Völkern“, was u.a. erfolgen sollte durch die „Entwicklung von Kontakten“ zwischen den Menschen, dies auch durch Förderung von „Möglichkeiten für umfassendes Reisen“, sodaß „der Tourismus zu einer vollständigen Kenntnis des Lebens, der Kultur und der Geschichte anderer Länder, zu wachsendem Verständnis zwischen den Völkern, zur Verbesserung der Kontakte (…) beiträgt“ wofür „die Entwicklung des Tourismus auf individueller und kollektiver Grundlage zu fördern“ ist. Des Weiteren war Ziel „eine Steigerung des Austausches (...) von Informationen“, und eine „wirksame Ausübung“ von „Menschenrechten und Grundfreiheiten“ zu „fördern und ermutigen“. Mit der Charta von Paris (19) vom 21.11.1990 erklärte die KSZE den Ost-West-Konflikt für beendet, und es bestand die Hoffnung auf ein neues Zeitalter des Friedens und der Kooperation.


Seit 1989/90 ist eine Reise durch die meisten Länder an der östlichen Ostsee problemlos möglich, und seit Jahren habe ich meine intendierte Reise durch die gesamte Ostseeregion immer wieder aufgeschoben. Zuletzt hatte ich in den Jahren 2009, 2011 und 2012 Fahrradreisen durch Teile des nördlichen Europas unternommen. Meine Fahrradreise im Jahre 2014 durch die Ostseeregion fiel kürzer als ursprünglich intendiert und geplant aus, da mir zwischen der Wintersaison und der Sommersaison nur ein begrenzter Zeitrahmen zur Verfügung stand, sodaß ich im Rahmen dieser Fahrradreise 2014 nicht die gesamte Ostsee umfuhr, sondern nur den zentralen Teil der Ostseeregion. Aufgrund des begrenzten Zeitrahmens war eine Umfahrung des Bottnischen Meerbusens und des Finnischen Meerbusens mit einem Besuch der Metropole St. Petersburg, sowie ein Besuch der Stadt Königsberg/Kaliningrad, der Stadt Danzig und eine Weiterfahrt durch das nördliche Polen nicht möglich. Weitere Folgereisen sind erforderlich, um die gesamte Ostseeregion als eine geografische Einheit vollständig kennenzulernen. 

 

4. Von Schweden über die Åland-Inseln nach Finnland 

Meine Fahrradreise durch die mittlere Ostseeregion begann ich am 03.06.2014. Von Berlin aus fuhr ich per Regionalbahn zum Fährhafen Saßnitz auf der Ostseeinsel Rügen. Von dort überquerte ich mit der Fähre die Ostsee nach Trelleborg im Süden Schwedens. Mein Plan war, entlang der Ostküste Richtung Nordost bis nach Stockholm zu fahren. So folgte ich in Trelleborg dem Küstenradweg, dem Sverigeleden. Entlang der Küste verläuft hier auch der Fahrrad-Fernwanderweg Eurovelo 10 (20), der als Ostseeküstenradweg über eine Gesamtdistanz von 7.980 km um die gesamte Ostsee herum führt. Gesäumt ist die Küste im Südosten Schwedens von alten Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg. Über Ystad und Simrishamn gelangte ich zur Hafenstadt Karlskrona, die eine von 15 Unesco-Welterbestätten in Schweden ist. Dort besuchte ich das Marinemuseum, zu dem mehrere Museumsschiffe gehören. 

 

Meine Absicht war, meine Fahrradreise auf der Ostseeinsel Öland (21) fortzusetzen. Die Insel Öland weist zahlreiche Sehenswürdigkeiten auf, darunter neolithische Steinmonumente und eine größere Zahl von 400 historischen Blockwindmühlen. Zudem gibt es eine große Vielfalt unterschiedlicher Naturräume, und ein Teil der Insel Öland ist Unesco-Welterbe. Von der Stadt Kalmar aus wollte ich über die Ölandbrücke (22) zur Insel Öland gelangen, doch ich mußte feststellen, daß die Ölandbrücke für Fahrräder gesperrt ist. Zwar gibt es eine Fähre, doch diese hat bis zum 23. Juni stark eingeschränkte Verkehrszeiten, sodaß ich meine Fahrradreise auf dem Festland fortsetzte. Während in Norwegen gerne und häufig Tunnel für Fahrradfahrer gesperrt sind, wie ich auf meiner Fahrradreise durch das südliche Norwegen im Jahre 2011 feststellen mußte, und was zu teilweise tagelangen Umwegen nötigt, sind es in Schweden Brücken, deren Nutzung man Fahrradfahrern vorenthält. Zweifellos ist dies ein Fall von Ungleichbehandlung und Diskriminierung von Fahrradfahrern, wie man sie in automobilen Gesellschaften überall antrifft. 

 

Das der automobilen Gesellschaft zugrunde liegende Planungsleitbild der Autogerechten Planung (23) ist ein Beispiel für Strukturelle Gewalt (24) und strukturelle Diskriminierung, hier: gegenüber Fahrradfahren, die systematisch diskriminiert werden. Bezüglich struktureller Diskriminierung von Fahrradfahrern durch die autogerechte Planung automobiler Gesellschaften läßt sich in Skandinavien ein Gefälle feststellen: Während in Dänemark das Fahrradfahren überall strukturell und auch in der Verkehrsplanung gefördert wird, und das Fahrradfahren in Dänemark ähnlich populär ist, wie in den Niederlanden, ist hingegen die schwedische Gesellschaft eine automobile Gesellschaft, in der das Fahrradfahren im Alltag eine untergeordnete Rolle und Bedeutung hat. Dieser Automobilismus einer automobilen Gesellschaft erfährt in Norwegen eine Steigerung und erlangt auf der Insel Island einen Höhepunkt, wo eine autozentrierte Gesellschaft wie in den USA besteht. 

 

Im Fährhafen Oskarshamn besteht die Möglichkeit, per Fähre zur ehemaligen Hansestadt Visby (25) auf der im Zentrum der Ostsee gelegenen Insel Gotland (26) zu gelangen. Aufgrund des knappen Zeitrahmens meiner Fahrradreise 2014 stellte ich einen Besuch der Insel Gotland jedoch vorerst zurück. Auf meiner großen Nordeuropa-Fahrradreise im Jahre 2017 habe ich meinen Besuch auf der Insel Gotland nachgeholt und diese Insel ausgiebig erkundet, wobei ich mich auf den Spuren der Gotlandreise des Naturforschers Carl von Linné (1707-1778) (27) bewegte, die er im Jahre 1741 durchgeführt hatte. In der Geschichte der Ostseeregion hat die Insel Gotland eine zentrale und herausragende Bedeutung. Schon zu Zeiten der Wikinger (28) war die Insel Gotland ein Zentrum des Ostseehandels (29), wobei die Fahrtgemeinschaften der Wikinger, die im östlichen Europa Rus (30) und Waräger (31) genannt wurden, mit ihren leichten Wikingerschiffen (32) von der Ostseeregion über den Fluß Newa, den Ladogasee und die osteuropäischen Flüsse auf den Fernhandelsrouten durch das östliche Europa (33) in die östliche Mittelmeerregion gelangten. Dort betrieben die Waräger insbesondere in der Weltstadt (34) Konstantinopel (35) erfolgreichen Handel und stellten als Warägergarde (36) die Leibgarde des Kaisers des Byzantinischen Reiches (37). Entlang der Fernhandelsrouten im östlichen Europa gründeten Waräger mehrere Städte, darunter im Jahre 753 Lagoda (38) und im Jahre 859 Nowgorod (39), die die ältesten Städte auf dem Territorium des heutigen Rußland sind. Im Jahre 862 errichtete Warägerfürst Rurik (ca. 830-879) (40) in Nowgorod das Zentrum seiner Herrschaft, und sein Nachfolger Oleg von Nowgorod (41) eroberte bei seinem Bestreben, die Fernhandelswege im östlichen Europa zu beherrschen, im Jahre 882 die Stadt Kiew (42), wohin er die Hauptstadt des von ihm regierten Großfürstentums der Kiewer Rus (43) verlegte. Diese Fernhandelsaktivitäten (44) der Wikinger bzw. Waräger reichten bis nach Bagdad (45). Von diesem erfolgreichen transkontinentalen Fernhandel der Wikinger bzw. Waräger zeugen umfangreiche Funde von Silbermünzen auf der Insel Gotland. Bis ins Mittelalter hinein dominierten die Wikinger bzw. Waräger den Ostseehandel. 

 

Durch Bildung gemeinsamer Fahrtgemeinschaften mit den Wikingern auf der Insel Gotland (46) gelang es den Hansen (47), am Ostseehandel zu partizipieren, dessen Kernbereich alsbald von den Hansen dominiert wurde. Die Fahrtgemeinschaften sowohl der Wikinger als auch der Hansen sind ein Beispiel für Gilden (48). Diese Zusammenarbeit mit den Gotländern auf der Insel Gotland ist entscheidend für die weitere Entwicklung der Hansen. Mit ihren im Vergleich zu den leichten Wikingerschiffen erheblich schwereren Hansekoggen (49), die sich im Gegensatz zu Ersteren auch nicht für einen Transport über Land eigneten, blieb der Handelsraum der Hansen allerdings stets nur auf den Kernraum des Handelsraumes der Wikinger/Waräger beschränkt, und er endete im östlichen Europa in der Stadtrepublik Nowgorod (50). Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ist geprägt durch den Niedergang der selbstständigen und freien Städte und den Aufstieg des absolutistischen Staates sowie durch die Verlagerung der Welthandelsrouten und der Welthandelszentren in Europa, wodurch sowohl der Ostseehandel, als auch der Handel über das Mittelmeer an Bedeutung verloren (51). Eine Folge dieser grundlegenden und radikalen Veränderungen der Verhältnisse war der Niedergang der Hansen und der Niedergang der selbstständigen und freien Hansestädte (52) am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. 

 

Weiter fuhr ich über Västervik und Nyköping nach Stockholm. Die Metropole Stockholm hatte ich zuletzt im Sommer 1988 während meiner erwähnten Rundreise durch die Ostseeregion besucht. In Stockholm unternahm ich eine Stadtrundfahrt, doch für Besuche der zahlreichen Museen fehlte mir die Zeit. Zweifellos müßte man sich auch in der Metropole Stockholm für Stadtexkursionen und Museumsbesuche mehrere Tage aufhalten, was ich später während meiner großen Nordeuropafahrradreise im Jahre 2017 nachholte. 

 

Von Stockholm aus fuhr ich zum Fährhafen Grisslehamn. Von dort gelangte ich per Fähre nach Mariehamn, der Hauptstadt der Åland-Inseln (53). Die Hafenstadt Mariehamm war im Jahre 1861 auf Veranlassung von Kaiser Alexander II. (54) gegründet worden. Die Bevölkerung der Åland-Inseln ist schwedischsprachig, und die Åland-Inseln haben einen sehr weitgehenden Autonomiestatus (55) und Selbstverwaltung (56). Seit der Bildung des Großfürstentums Finnland (57) im Jahre 1809 sind die Åland-Inseln ein Bestandteil von Finnland. Das Großfürstentums Finnland hatte einen weitgehenden Autonomiestatus und Selbstverwaltung, wobei Kaiser Alexander I. (58) das Staatsoberhaupt von drei autonomen Staaten war: vom Kaiserreich Rußland (59), vom Königreich Polen (60) und vom Großfürstentum Finnland. Bei meiner Weiterfahrt auf den Åland-Inseln gelangte ich zur Burg Kastleholm aus dem 12. Jahrhundert und dann zur Ruine der Festung Bromarsund. 

 

Die Festung Bromarsund (61) wurde im Jahre 1854 während des Krimkrieges (62) durch eine britische und französische Flotte zerstört. Der Krimkrieg in den Jahren 1853 bis 1856 wird im Allgemeinen kaum beachtet, doch seine Bedeutung ist erheblich. Er war der größte Krieg zwischen den Napoleonischen Kriegen (63) und dem Ersten Weltkrieg, und schon der Krimkrieg wäre ein Weltkrieg geworden, wenn das Königreich Preußen und das Kaiserreich Österreich-Ungarn im Krimkrieg nicht neutral geblieben wären. Zuvor hatte schon der Siebenjährige Krieg (64) in den Jahren 1756 bis 1763 den Charakter eines Weltkrieges gehabt, da er unter Beteiligung aller europäischen Großmächte weltweit auf mehreren Kontinenten geführt wurde, sodaß sich mit dem Siebenjährigen Krieg das Zeitalter des Imperialismus (65) ankündigte, das in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts kulminierte. Der Krimkrieg führte zum Ende des Mächtegleichgewichtes der Pentarchie (66) und zum Zerfall der sogenannten „Heiligen Allianz“ (67), was eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, daß später der Erste Weltkrieg entstehen konnte. Während im Krimkrieg das Kaiserreich Rußland isoliert war, sodaß eine Kriegsniederlage unvermeidlich war, waren im Ersten Weltkrieg die Kaiserreiche Deutschland und Österreich-Ungarn isoliert mit den gleichen Folgen (68). 

 

Bei meiner Weiterfahrt auf den Åland-Inseln folgte ich der nördlichen Trasse der Schärenringstraße (69). Mit einer kleinen Seilfähre und über eine schmale Brücke gelangte ich zur Insel Vårdö, auf der ich den Fährhafen Hummelvik erreichte. Die Fähren der Ålandstrafiken-Fährlinien (70) verbinden die verstreut liegenden Åland-Inseln miteinander sowie mit dem finnischen Festland. Vom Fährhafen Hummelvik verkehrt die Nordlinie der Ålandsfähren zum Fährhafen Torsholma auf der Insel Brändö. Die Fährfahrt von Hummelvik nach Torsholma auf der Insel Brändö dauert 2 ½ Stunden, und sie verläuft durch das zwischen den Åland-Inseln und dem finnischen Festland liegenden Schärenmeer (71) mit unzähligen kleinen Inseln. Durch die postglaziale Landhebung (72) verringert sich die Wassertiefe im Bereich des Schärenmeeres um jährlich etwa 0,5 cm. Obwohl es am 20. Juni während meines Aufenthalts auf den Schäreninseln Mittsommertag ist, betrug die Temperatur am Tag nur +10 Grad Celsius und nachts +6 Grad Celsius, und im nördlichen Finnland hatte es sogar geschneit. Immerhin ist es auf den Åland-Inseln am Mittsommertag auch mitten in der Nacht noch hell. Die Fähre legt an den Inseln Kumlinge, Enklinge und Lappo an, bevor der Fährhafen Torsholma erreicht ist. Die Insel Brändö ist eine durch Dämme und Brücken verbundene Inselgruppe, über die eine ca. 23 km lange Straße bis zum Fährhafen Åvo im Norden der Insel führt. Von dort erreiche ich mit einer weiteren Fähre den Fährhafen Oknäs auf einer dem finnischen Festland vorgelagerten Insel. 

 

Meine Fahrt setzte ich zum Ort Kustavi/Gustavs fort, wobei ich den Meeresarm Ströönn mit einer Seilfähre überquerte. Weiter fuhr ich zur Stadt Turku/Åbo (73), die bis zum Jahre 1819 die Hauptstadt Finnlands gewesen ist. Im Jahre 1819 wurde die Hauptstadt Finnlands auf Veranlassung von Kaiser Alexander I. nach Helsinki verlegt. Nach einer Stadtexkursion in Turku/Åbo setzte ich meine Fahrt nach Helsinki fort. Die von mir durchfahrene Landschaft im Südwesten Finnlands ist etwas monoton, in den Niederungen überwiegt Landwirtschaft auf oft großen Feldern, und die Hügel sind meistens bewaldet, wobei Baumarten der Vegetationszone des Borealen Nadelwaldes (74), also Kiefern, Fichten und Birken überwiegen. Doch in den Dörfern wachsen auch Linden, die für die mitteleuropäische Laubmischwaldzone (75) typisch sind. Wir befinden uns hier im Bereich einer markanten Vegetations- und Klimagrenze, für die der Naturforscher Carl von Linné auf Grundlage der Erkenntnisse seiner Forschungsreisen im nördlichen Europa den Begriff „Limes norrlandicus“ (76) geprägt hat. Die Vegetations- und Klimagrenze des „Limes norrlandicus“ verläuft etwa entlang des 61. Breitengrades durch das nördliche Europa, und sie trennt die Zone des Laubmischwaldes im mittleren Europa von der nördlich angrenzenden Zone des Borealen Nadelwaldes. 

 

In Helsinki bin ich zum ersten Mal, und ich nutzte die Gelegenheit, mir diese Stadt anzusehen, um sie näher kennenzulernen. Ein Wahrzeichen von Helsinki ist die beeindruckende Finlandia-Halle, in der in der ersten Hälfte der 70er Jahre die KSZE-Konferenzen stattfanden, die die Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki am 01.08.1975 zum Ergebnis hatten. Dieser KSZE-Prozeß hatte erheblich dazu beigetragen, daß der Ost-West-Konflikt ein Ende finden konnte und wir heute z.B. von Finnland nach Estland reisen können. Bekanntermaßen war die Forderung nach Reisefreiheit ein wesentlicher Moment des Wandels Ende der 80er Jahre, doch heute wird die Reisefreiheit überall wieder erheblich eingeschränkt.

 

5. Geopolitik und die neue Spaltung Europas

Die Finlandia-Halle macht heute einen verwaisten Eindruck, doch aufgrund der jüngsten krisenhaften Entwicklungen in der Ukraine (77) und zuvor in Georgien (78) möchte man sich eine Wiederaufnahme der KSZE-Konferenzen wünschen. Im Rahmen seiner Politik der Perestroika sprach Michail S. Gorbatschow in den 80er Jahren vom „Gemeinsamen Haus Europa“, doch allzu offensichtlich blieben seither Chancen ungenutzt und zudem gab es nach der Epochenwende 1989/90 seither unübersehbar Fehlentwicklungen. 

 

Zwar hatte die KSZE in ihrer Charta von Paris im November 1990 den Ost-West-Konflikt für beendet erklärt, am 1. Juli 1991 wurde der Warschauer Pakt aufgelöst (79) und das sowjetische Militär wurde aus der östlichen Hälfte Europas abgezogen. Auch aus Deutschland wurde das sowjetische Militär im Jahre 1994 vollständig abgezogen. Dieser Abzug des sowjetischen Militärs war im Rahmen des Zwei-plus-Vier-Vertrages (80) bis zum 31. Dezember 1994 vereinbart worden. Jedoch wurde die Zusage, die Nato nicht nach Osten auszuweiten, nicht eingehalten (81). Im Zuge der seit 1989/90 erfolgenden geopolitischen (82) Neuaufteilung globaler Interessen- und Einflußzonen erweitert sich parallel und nahezu zeitgleich mit der NATO (83) die Europäische Union (84) als imperialer Akteur immer weiter, und ein Beitritt zur NATO ist faktisch die Voraussetzung für eine Aufnahme in die EU. In ihrem Buch: Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde“ stellen die Autoren Thomas Kunze und Thomas Vogel fest: „Das Denken in Blöcken ist noch nicht überwunden“ (85). 

 

Der ehemalige Umweltminister von Brandenburg, Matthias Platzeck stellt in seinem Buch „Wir brauchen eine neue Ostpolitik. Russland als Partner“ rückblickend fest: „Die Euphorie war groß. Der Geist der Zeit spiegelte sich in der Charta von Paris für ein neues Europa wider, die im November 1990 von den USA, der UDSSR und mehr als dreißig europäischen Staaten unterzeichnet wurde. In der Präambel wurde festgehalten: ‚Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen. … Europa befreit sich vom Erbe der Vergangenheit. Durch den Mut von Männern und Frauen … bricht in Europa ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit an.‘ Der Kampf der Ideologien schien ein für alle Mal beendet, die Frage von Krieg und Frieden in Europa endgültig entschieden. Heute müssen wir feststellen, dass sich die an das Ende des Kalten Krieges geknüpften Hoffnungen nicht erfüllt haben, dass vielmehr die Gräben zwischen Ost und West neu aufgeworfen sind und wir uns wieder als Gegner betrachten. Im Rückblick mutet die Verheißung von damals geradezu blauäugig und naiv an“ (86). 

 

Mittlerweile hat sich Europa vom Sicherheitsverständnis des KSZE-Prozesses verabschiedet. In Europa wird seither "Sicherheit" nicht mehr verstanden als Ergebnis von Völkerverständigung und wechselseitigem Kennenlernen der Menschen, von kulturellem Austausch und der Verwirklichung allgemeiner Reisefreiheit im gesamten Europa, sondern nunmehr sicherheitstechnisch durch Aufrüstungen von Grenzregimen und flächendeckender Überwachung und Kontrolle der Menschen, was sich heute im gesamten Europa feststellen läßt. Mittlerweile begrenzt ein neuer "Eiserner Vorhang" die Reisefreiheit in Europa. Dieser neue "Eiserner Vorhang" verläuft entlang der Außengrenze der EU, und er prägt den Begriff der "Festung Europa", denn seit 1989/90 wird die in der östlichen Hälfte Europas erlangte Reisefreiheit von der EU als Bedrohung aufgefaßt, und durch Aufrüstung des Grenzregimes wird versucht, diese neue gewonnene Reisefreiheit in der östlichen Hälfte Europas zu kontrollieren und zu unterbinden. 

 

Daß bis heute nicht eine Reisefreiheit im gesamten Europa erreicht werden konnte, ist hauptsächlich im Prinzip der Gegenseitigkeit begründet, das bei Einreise- und Visa-Bestimmungen allgemein zur Anwendung kommt. Das Prinzip der Gegenseitigkeit bedeutet, daß Staaten wechselseitig ihren Bürgern visafreies Reisen gewähren. Wie ich feststellen konnte, ist es tatsächlich im östlichen Europa die EU, die schon seit Längerem ein visafreies Reisen in der gesamten östlichen Hälfte Europas verhindert: Vorschläge der Regierung Rußlands zur beiderseitigen Visafreiheit wurden bislang von der EU abgelehnt. Die Intentionen das KSZE-Prozesses werden damit konterkariert. Die Autoren Thomas Kunze und Thomas Vogel stellen in ihrem Buch: Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde“ fest: „Trotz jahrelanger Diskussion ist es bis heute nicht gelungen, die Visaschranken zwischen der EU und der Russischen Föderation zu beseitigen“ (87). 

 

Es zeigt sich auch hier, daß sich die westliche Hälfte Europas bequem in ihrer Konsumkultur in der westlichen Hälfte Europas westlich des "Eisernen Vorhangs" eingerichtet hatte, sie wurde von den Ereignissen der Jahre 1989/90 überrascht, und bis heute zeigt die westliche Hälfte Europas wenig Bereitschaft, die spezifischen Besonderheiten in der östlichen Hälfte Europas verstehen und angemessen berücksichtigen zu wollen. Gleichberechtigte Partnerschaft wird nicht angestrebt, vielmehr erklärte der Westen seinen "Sieg im Kalten Krieg", und seither soll sich der Osten dem Westen und dessen westlicher Variante der industriellen Moderne anpassen, obwohl die globalen ökologischen Krisen aufzeigen, daß Alternativen jenseits der industriellen Moderne benötigt werden und entwickelt werden müssen. Ergebnis dieser Ignoranz und Arroganz des Westens ist ein neuer "Eiserner Vorhang", wie wir heute feststellen müssen, und die vom KSZE-Prozeß intendierte Reisefreiheit im gesamten Europa existiert bis heute nicht.

 

6. Nationalismus und Geopolitik

In Europa wird heute die Reisefreiheit, der Austausch und die Entwicklung von Kontakten zwischen den Menschen wieder eingeschränkt. Ethnonationalistische Konflikte nehmen zu, und sie sind die größte Herausforderung für europäische Politik. Der homogene Nationalstaat (88) gilt weiterhin als das anzustrebende Ideal der Politik, und der Nationalismus (89) wird wieder zur Leitideologie Europas (90). Insbesondere in der östlichen Hälfte Europas ist die „Entwicklung einer nationalen Identität“ (91) oberstes Staatsziel der Politik, und immer weniger werden dort Rücksichten auf Minderheitenrechte (92) und Menschenrechte (93) genommen. In seinem Buch: „Friedensprojekt Europa“ stellt der Sozialwissenschaftler und Friedensforscher Dieter Senghaas fest: „Dieser ‚Ethnonationalismus‘ ist erneut zu einem Kernproblem regionaler, nationaler und internationaler Politik geworden“ (94). Die Soziologin Ingrid Oswald verweist in Ihrem Buch: „Nationalitätenkonflikte im östlichen Teil Europas“ darauf, daß die „ethnische Verschachtelung die Bildung von Nationalstaaten von vornherein zu einem äußerst schwierigen, extrem konfliktträchtigen Unterfangen“ (95) macht. Dieser in der östlichen Hälfte Europas seit 1989/90 neu entstandene Nationalismus wird von Welt- und Supermächten im Zuge der seit 1989/90 stattfindenden Neuaufteilung globaler Interessen- und Einflußzonen geopolitisch instrumentalisiert, wie insbesondere die Entwicklungen in der Ukraine zeigen. Der in der Ukraine entstandene ethnonationalistische Konflikt, der mit einer konsequenten Beachtung von Minderheitenrechten (96) und konsequenter Gleichberechtigung (97) vermeidbar gewesen wäre, wird heute zum Schaden der Bevölkerung der Ukraine von Welt- und Supermächten im Zuge der seit 1989/90 stattfindenden Neuaufteilung globaler Interessen- und Einflußzonen geopolitisch instrumentalisiert.

 

Der Nationalismus in der östlichen Hälfte Europas ist heute nicht weniger gefährlich als in der Zwischenkriegszeit (98) zwischen den beiden Weltkriegen, wie die aktuellen Entwicklungen zeigen. Die Entwicklungen im ehemaligen Jugoslawien (99) sind ein mögliches Szenario für die gesamte östliche Hälfte Europas, wenn sich dort ethnonationalistische Konflikte weiter zuspitzen, worauf der Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung (100) in seinem Buch: „Die andere Globalisierung. Perspektiven für eine zivilisierte Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert“ hinweist: „das könnte eines Tages zur Makro-Version dessen führen, was wir im relativ kleinen Ausmaß im ehemaligen Jugoslawien erlebt haben“ (101). 

 

Folge der Auflösung der Sowjetunion (102) war, daß in den verschiedenen Nachfolgestaaten große russischsprachige Minderheiten leben. So auch in den baltischen Ländern. In Estland zählt ein Viertel der Bevölkerung zur russischsprachigen Minderheit. In Lettland sind 60 Prozent der insgesamt zwei Millionen Einwohner Lettlands Letten, und die übrigen 40 Prozent der Bevölkerung sind überwiegend Russen, Weißrussen und Ukrainer. Seit der Unabhängigkeit 1991 werden in beiden Ländern insbesondere die russischsprachigen Minderheiten diskriminiert insbesondere durch Sprachpolitik (103) und Staatsangehörigkeitsgesetzgebungen (104). In ihrem Buch: Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde“ stellen die Autoren Thomas Kunze und Thomas Vogel fest: „Noch 2015 besitzen die Hälfte der russischen Minderheit in Lettland und ein Viertel aller Russen in Estland keine lettischen oder estnischen Pässe“ (105), und „viele Russen verfügen in Estland wie auch in Lettland nur über einen sogenannten Fremdenpass und haben kein Wahlrecht“ (106). Kunze und Vogel zeigen auf, daß die lettische Regierung keine Zweisprachigkeit in Lettland duldet: „2012 gab es ein Volksbegehren, um Russisch als zweite Amtssprache einzuführen. Es war von Beginn an zum Scheitern verurteilt, die betroffenen staatenlosen Russen, Ukrainer oder Weißrussen waren zur Abstimmung nicht zugelassen. Sie dürfen sich auch um keine öffentlichen Ämter bewerben“ (107), doch es „ist die staatliche Diskriminierung der russischen Minderheit, zumal in einem Land der EU, nicht nachvollziehbar. Bis heute haben weder Estland noch Lettland die Europäische Charta für Regional- und Minderheitensprachen unterzeichnet“ (108) Trotz dieser in der östlichen Hälfte Europas verbreiteten Defizite in den Bereichen Minderheitenrechte, Gleichberechtigung, Partizipation und Demokratie wurden bei der großen EU-Erweiterung im Jahre 2004 zahlreiche Länder der östlichen Hälfte Europas in die EU aufgenommen. 

 

Die Lage der russischsprachigen Minderheiten in der östlichen Hälfte Europas nach der Auflösung der Sowjetunion ähnelt der Lage der deutschsprachigen Minderheiten in den neu entstandenen Nationalstaaten in der östlichen Hälfte Europas nach dem Ersten Weltkrieg; auch diesen deutschsprachigen Minderheiten und weiteren Minderheiten wurden in den nach dem Ersten Weltkrieg neu entstandenen Nationalstaaten in der östlichen Hälfte Europas Minderheitenrechte und eine Gleichberechtigung verweigert, sodaß sich die Nationalitätenkonflikte der Zwischenkriegszeit zu einem großen Krieg zuspitzen konnten. 

 

Minderheitenrechte, Partizipation und Demokratie sowie innovative und zukunftsweisende Konzepte sind heute in EUropa kein relevantes Thema mehr, denn die Europäische Union will sich heute als handlungs-, leistungs- und interventionsfähiger sowie durchsetzungsstarker globaler Akteur im Rahmen der erwarteten zukünftigen geopolitischen Krisen und Konflikte im Weltsystem präsentieren, um erfolgreich mit anderen Welt- und Supermächten geopolitisch konkurrieren zu können, und diese neuen Krisen und Konflikte im Weltsystem haben schon begonnen, wie wir in mehrfacher Weise feststellen müssen. 

 

So hat sich die EU zu einem technokratischen Imperium entwickelt, das zwar den permanent erweiterten europäischen Großwirtschaftsraum effizient verwaltet, in dem es aber an Minderheitenrechten und Gleichberechtigung, an Partizipation und Demokratie sowie an innovativen und zukunftsweisenden Konzepten mangelt. Der Politologe Dirk Jörke zeigt in seinem Buch: „Die Größe der Demokratie. Über die räumliche Dimension von Herrschaft und Partizipation“ auf, daß „ab einer bestimmten Größe der Bevölkerung oder des Staatsgebietes sich die Qualität der Demokratie verschlechtert und in sehr großen Herrschaftsverbänden nur in einem schwachen Sinne von der Existenz demokratischer Institutionen und Praktiken ausgegangen werden kann“ (109). Je mehr sich die Europäische Union als ein technokratisches Imperium erweitert, umso mehr nehmen Partizipation und Demokratie ab und umso mehr wird der Mangel an innovativen und zukunftsweisenden Konzepten größer.

 

In den Medien wird heute das Thema Europa auf „EU“ und „Euro“ reduziert, und es gerät aus dem Blick, daß Europa, wie der Soziologe Ulrich Beck und der Politologe Edgar Grande in ihrem Buch: „Das kosmopolitische Europa“ hervorheben, ein „hochkomplexes und äußerst differenziertes, politisch bewegtes und bewegliches politisches Projekt“ ist, das sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher miteinander in Wechselwirkung stehenden politischen Prozessen, Ebenen und Akteuren zusammensetzt, die in ihrer interdependenten Gesamtheit das europäische Projekt ausmachen (110). Dies läuft auf eine Förderung einer Multiebenendiversität des Politischen im Rahmen eines Mehrebenensystems einer dezentrierten Weltgesellschaft hinaus. In seinem Buch: „Der gespaltene Westen“ skizziert der Philosoph Jürgen Habermas ein Mehrebenensystem einer „Weltinnenpolitik ohne Weltregierung“: „Im Lichte der Kantschen Idee kann man sich eine politische Verfassung einer dezentrierten Weltgesellschaft, ausgehend von den heute bestehenden Strukturen, als ein Mehrebenensystem vorstellen, dem im Ganzen der staatliche Charakter aus guten Gründen fehlt“ (111). Es könnte somit in Europa ein völlig neues Modell von Politik entstehen, das sich von historisch überholten Politikformen verabschiedet, deren Scheitern in Anbetracht des extremen 20. Jahrhunderts unübersehbar geworden ist. 

 

Aufgrund des Fortbestandes wesentlicher, für das extreme 20. Jahrhundert typischer Merkmale (112) hält das extreme 20. Jahrhundert jedoch bis heute weiter an, und es erfährt seine technologische Modernisierung im digitaltechnischen Zeitalter. Nach der Epochenwende 1989/90 erfolgt eine Neuaufteilung globaler Interessen- und Einflußzonen. Es ist eine neue Zuspitzung von globalen Gegensätzen zwischen Großmächten (113), Weltmächten (114) und Supermächten (115), zwischen imperialen Machtblöcken feststellbar, vergleichbar mit dem Zeitalter des Imperialismus, das in zwei Weltkriegen gipfelte, und es findet gerade ein „Wettlauf“ (scramble) (116) um eine Neuverteilung raumrelevanter Interessen- und Einflußzonen zur zukünftigen Absicherung von Herrschaftsansprüchen statt. Im diesem neuen Zeitalter imperialer Geopolitik und Machtpolitik ist wissenschaftlich-technischer Fortschritt, die auf Hochtouren laufende und effizienzmaximierte Industriegesellschaft und permanentes Wirtschaftswachstum alternativlos, denn nur diese sind die Grundlage für erfolgreiche geoimperiale Machtpolitik, wie das Zeitalter des Imperialismus zeigt, das in zwei Weltkriegen kulminierte. Erfolgreiche geoimperiale Machtpolitik kann nur betrieben werden, wenn Alternativen erfolgreich unterdrückt werden, und der geoimperiale Akteur, der erfolgreicher und effizienter Alternativen unterdrückt, ist im Rahmen der geoimperialen Konkurrenz im Vorteil. Alternativen sind erst wieder möglich, wenn ein vollständiger Bruch mit dem extremen 20. Jahrhundert und eine vollständige Revision (117) der dieses extreme 20. Jahrhundert ermöglichenden Ideen und Konzepte erfolgt ist und auch tatsächlich grundsätzlich anders und auf anderen Grundlagen Politik gemacht wird. 

 

So mangelt es an zukunftsweisenden Alternativen, und ein Wechsel der Agenda (118) steht noch aus, sodaß der Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung in seinem Text: „Geopolitik nach dem Kalten Krieg: ein Essay zur Agendatheorie“ zu der Schlußfolgerung gelangt, „daß die politische Klasse dieser Erde ein momentanes geopolitisches Agendavakuum mit unvollendeten Agenden der Vergangenheit füllt (…). Die politische Klasse hat nicht umgedacht, und das liegt nur teilweise daran, daß sie keine Zeit für kreative Aktivitäten hatte“ (119). Noch erfolgte kein vollständiger historischer Bruch mit dem extremen 20. Jahrhundert und es erfolgte keine vollständige Revision der dieses extreme 20. Jahrhundert ermöglichenden Ideen und Konzepte, da wesentliche, das extreme 20. Jahrhundert prägende und konstituierende Merkmale fortbestehen, sodaß sich das extreme 20. Jahrhundert heute digitaltechnisch modernisiert ins 21. Jahrhundert verlängert und die abschließende Historisierung des extremen 20. Jahrhunderts durch den Historiker Eric Hobsbawm (1917–2012) als „Das Zeitalter der Extreme“ (120) zu früh erfolgt ist. Wie die auch nach der vermeintlichen Epochenwende 1989/90 fortbestehenden Krisen, Konflikte und Kriege zeigen, setzt sich das extreme 20. Jahrhundert als „Zeitalter der Extreme“ vielmehr im 21. Jahrhundert weiter fort, da wesentliche das extreme 20. Jahrhundert prägende Merkmale weiter fortbestehen, diese sich einem historischen Bruch verweigern und ihre Kontinuität ins 21. Jahrhundert verlängern. Nach dem Zeitalter der Bipolarität und der Blockkonfrontation bestand zu Beginn der 90er Jahre tatsächlich die Hoffnung, daß ein neues globales Zeitalter des Friedens, der Kooperation und der Entwicklung anbrechen würde, was sich jedoch als Illusion erwies, wie wir heute feststellen müssen.

 

7. Von Finnland durch Estland nach Lettland 

Von Helsinki fuhr ich per Fähre über den Finnischen Meerbusen nach Tallinn/Reval (121) in Estland. Die historische Altstadt der ehemaligen Hansestadt Tallinn/Reval ist seit 1997 Unesco-Weltkulturerbe. Die mittelalterliche Altstadt ist mitsamt der Stadtmauer und zahlreichen Türmen nahezu vollständig erhalten, was im heutigen Europa nach den Kriegszerstörungen des Zweiten Weltkrieges und den Zerstörungen durch mehrere Jahrzehnte autogerechter Stadtplanung eine außerordentliche Seltenheit ist. Tallinn/Reval wird von erheblich mehr Touristen besucht als Helsinki. 

 

Die Stadt Tallinn/Reval verließ ich Richtung Südosten. Ich gelangte auf eine kleine, verkehrsarme Landstraße, wobei ich durch die Orte Loo, Kostivere und Raasiku gelange. Nun ging es weiter auf Schotterstraßen zum Ort Kehra. Anders als bei den schwedischen und norwegischen Schotterstraßen ist die Oberfläche der estländischen Schotterstraßen nicht gewalzt und glatt, sondern von grobem Kies bedeckt, was das Radfahren erschwert und verlangsamt und zudem wenig materialschonend ist. Beim Ort Aegviidu gelangte ich auf die Landstraße 39, auf der ich Richtung Tartu/Dorpat weiterfahre. Anders als die von mir in Schweden und Finnland durchfahrene, meist hügelige Landschaft, ist die Landschaft in Estland überwiegend sehr flach bis leicht wellig, was das Radfahren zwar erleichtert, allerdings nur wenig landschaftliche Abwechslung bietet. Ich gelangte durch eine Agrarlandschaft, die von flurbereinigten Großflächen der vor 1989 betriebenen industriellen Landwirtschaft geprägt ist. 

 

Dann erreichte ich die Universitätsstadt Tartu/Dorpat. Die Universität (122) von Tartu/Dorpat wurde im Jahre 1632 gegründet, und sie ist eine der ältesten und bedeutendsten Universitäten im nördlichen Europa. Meine Fahrt setze ich Richtung Südwesten fort, und ich erreiche die an der Grenze zu Lettland gelegene „Doppelstadt“ Valga (123) /Valka (124). Tatsächlich handelt es sich auch bei dieser „Doppelstadt“ um eine einzige historisch gewachsene Stadt, die im Jahre 1286 mit dem Namen Walk (125) erstmals schriftlich erwähnt worden ist, und der Stadtname Walk wurde bis 1920 verwendet. Allerdings wurde die Stadt Walk im Zeitalter des Nationalismus in der späten Neuzeit im Jahre 1920 von einer Staatsgrenze in zwei Teile geteilt. Heute verläuft mitten durch die Stadt Valga/Valka die Grenze zwischen Estland und Lettland. Derartige Teilungen von Städten sind ein weit verbreitetes Phänomen der Neuzeit und sie ereigneten sich insbesondere im Zeitalter des Nationalismus und der Herausbildung von Nationalstaaten. Immer wieder gelangte ich bei meinen Fahrradreisen in Europa durch zahlreiche dieser eigenartigen „Doppelstädte“ (126), die es im heutigen Europa in großer Zahl gibt. Insbesondere interessiert mich an diesen „Doppelstädten“ die jeweilige Teilungssituation, sodaß ich stets beide Teile einer „Doppelstadt“ besuche. Diese geteilten Städte können auch als Ausdruck des Niedergangs der Städte seit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit angesehen werden, und sie sind somit ein Ausdruck der in der Neuzeit erlangten Dominanz des zentralistischen absolutistischen Staates über die zuvor weitgehend selbstständigen und freien Städte. Bis heute haben die Städte ihre frühere Bedeutung und Selbstständigkeit nicht wieder erlangt, und sie sind weiterhin ein Spielball der von Nationalstaaten zur Machtbehauptung der Nation betriebenen Machtpolitik. 

 

Meine Fahrradreise setze ich im Tal des Flusses Gauja fort, wobei ich durch die Städte Valmira und Cēsis gelange, und dann die ehemalige Hansestadt Riga (127) erreiche. Weiter fahre ich zur Hafenstadt Liepāja/Libau, von wo aus ich mit der Fähre „Urd“ über die südliche Ostsee nach Travemünde fahre. Von Travemünde fahre ich am 04.07.2014 per Regionalbahn zurück nach Berlin, wo meine Fahrradreise durch die mittlere Ostseeregion endet. Tatsächlich ist es jedoch mehr eine Reiseunterbrechung, denn weitere Fahrradreisen sind erforderlich, um die gesamte Ostseeregion als eine geographische und historische Einheit kennenzulernen. 

 

8. Anmerkungen:

1) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ostsee


2) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelmeer 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelmeerraum 

 

3) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vergleich_(Philosophie) 

Die Methode des Vergleichs ersetzt sowohl in der Geographie als auch in der Geschichtswissenschaft sowie weiteren Geistes- und Gesellschaftswissenschaften die Methode des Experiments in den Naturwissenschaften. In der Geographie wurde die Methode des Vergleichs insbesondere durch Alexander von Humboldt (1769-1859) eingeführt und angewandt. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt 

 

4) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturgeographie 

 

5) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dominium_maris_baltici 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Dominium_maris_septentrionalis 

 

6) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Imperium_romanum 

 

7) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Expansion#Arabische_Eroberung_des_römischen_Orients 

Da es sich um eine arabische Expansion handelt, die ein arabisches Imperium schuf, ist es ungeeignet und irreführend, diese als eine „islamische Expansion“ zu bezeichnen, wie es auf Wikipedia erfolgt. Zum Vergleich wird von einer mongolischen Expansion 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/13._Jahrhundert#Die_mongolische_Expansion 

gesprochen, die ein Mongolisches Imperium 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mongolisches_Reich 

zur Folge hatte. 

 

8) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Osmanisches_Reich 

Das Osmanische Imperium kann als eine orientalische Despotie angesehen werden. Als einer orientalischen Despotie unterscheidet sich das Osmanische Imperium grundsätzlich zum im Zeitalter des Hellenismus

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hellenismus 

durch Alexander III. von Makedonien (= Alexander der Große) (356-323 v. Chr.)

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_der_Große 

geschaffene kosmopolitische Alexanderreich

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexanderreich 

in dem er im Jahre 324 Gleichbehandlung und Gleichberechtigung sämtlicher Einwohner verkündet hatte. 

 

9) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Physische_Geographie 

 

10) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eiszeitalter 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Känozoisches_Eiszeitalter 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Letzte_Kaltzeit 

 

11) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Glaziale_Serie 

 

12) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eiserner_Vorhang 

 

13) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reisefreiheit

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Freizügigkeit

 

14) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/KSZE 

Der KSZE-Prozeß ist dokumentiert in: Europäische Menschenrechtsdokumente und der KSZE-Prozeß. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Menschenrechte. Dokumente und Deklarationen. Bonn, 1995. S. 219-457. Wenn man heute die Dokumente des gesamten KSZE-Prozesses noch einmal liest, wird deutlich, wie erheblich die heutige Politik in Europa vom KSZE-Prozeß und dessen Intentionen abgewichen ist. Die Beendigung des KSZE-Prozesses Mitte der 90er Jahre korreliert signifikant mit der Zunahme von Krisen, Konflikten und Kriegen in Europa, die wir seither feststellen müssen. 

 

15) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Perestroika 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Perestroika_verstehen_-_Neues_Denken_verteidigen 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Zerfall_der_Sowjetunion#Reformpolitik_Gorbatschows_und_die_Folgen 

 

16) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Sergejewitsch_Gorbatschow 

 

17) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ost-West-Konflikt

Unzulässigerweise wird der Begriff „Ost-West-Konflikt“ und der Begriff „Kalter Krieg“ bei Wikipedia synonym gebraucht. Dies ist Ausdruck eines weitverbreitenen eingeschränkten Geschichtsbewußtseins 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsbewusstsein

und eines eingeschränkten Geschichtsbildes, 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsbild

das insbesondere eine piefige Berliner Mauergesellschaft prägt, bei der der Horizont des Geschichtsraumes 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsraum

und des Weltbildes 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltbild

an der Berliner Mauer endet, und der es nicht gelingt, den begrenzten Blick und die beschränkte Perspektive über Berlin im „Kalten Krieg“ hinaus zu erweitern. 

 

Während der Begriff „Kalter Krieg“ auf den historischen Zeitabschnitt der Blockkonfrontation und der Bipolarität des Staatensystems zwischen der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs und den Ereignissen 1989/90 beschränkt und begrenzt ist, ist der Begriff „Ost-West- Konflikt“ hingegen weit umfassender: Der „Ost-West-Konflikt“ ist in Form des „Ost-West-Gegensatzes“ ein Narrativ, das die gesamte europäische Geschichte seit ihren Anfängen bestimmt und gestaltet; dieses Narrativ wird immer wieder neu reproduziert, und es erscheint in immer wieder neuer Gestalt. Schon bei den alten Griechen gab es einen Ost-West-Gegensatz zwischen der Welt des antiken Griechenlands 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Antikes_Griechenland

und dem Persischen Imperium 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Perserreich

als der Orientalischen Despotie. Der Ost-West Gegensatz in Europa fand eine Neuauflage mit der Aufteilung des Imperium Romanum 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsteilung_von_395

in einen lateinischen weströmischen Teil und einen von griechischer Kultur dominierten oströmischen Teil, der in der Aufteilung der christlichen Kirche in einen lateinischen römisch-katholischen und einen griechisch-orthodoxen Teil seine Entsprechung findet:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Morgenländisches_Schisma

Aus diesem Gegensatz wurde der Gegensatz zwischen Abendland 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Abendland

und Morgenland. Diese Spaltung wurde durch die Eroberungen der Mongolen und der Osmanen vertieft. Der Historiker Dittmar Dahlmann stellt fest: „Was einst als der Norden Europas verstanden wurde, wandelte sich mit der Aufklärung und verstärkt im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Osten Europas, wobei der Osten mit der Barbarei identifiziert wurde, während der Westen sich im Selbstverständnis als Hort der Zivilisation begriff. Die Grundlage dafür ist in einer Verschiebung des europäischen Zentrums vom Süden zum Westen hin zu sehen. Der Osten löste den bis dahin barbarischen Norden ab.“ Siehe: Dittmar Dahlmann: Osteuropäische Geschichte. S. 211. In: Christoph Cornelißen (Hg.): Geschichtswissenschaften. Eine Einführung. Frankfurt am Main, 2000. S. 206-220. 

 

Dieses Narrativ des „Ost-West-Gegensatzes“ ist offensichtlich mittlerweile durch jahrtausendelange Einübung so mächtig geworden, sodaß seine Überwindung und Ablösung nicht gelingt, was am Beispiel der Entwicklungen seit 1989/90 aufgezeigt werden kann, denn entgegen ersten Hoffnungen auf ein endgültiges Ende des Ost-West-Konflikts und ein neues Zeitalter des Friedens und der Kooperation befindet sich Europa heute faktisch wieder in einem neuen „Kalten Krieg“, und die Welt ist von neuen Konflikten und Kriegen geprägt. Die USA und China zeichnen sich als die Hauptakteure eines globalen Ost-West-Konflikts der Zukunft ab. 

 

18) Vgl.:  https://de.wikipedia.org/wiki/Entspannungspolitik
Sowie: Gottfried Niedhart: Entspannung in Europa. Die Bundesrepublik Deutschland und der Warschauer Pakt 1966 bis 1975. Bonn, 2014.
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Wandel_durch_Annäherung 

 

19) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Charta_von_Paris

 

20) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ostseeküsten-Route_(EV10) 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/EuroVelo 

 

21) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Öland 

 

22) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ölandbrücke 

 

23) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Autogerechte_Stadt 

 

24) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturelle_Gewalt 

 

25) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Visby 

 

26) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gotland 

 

27) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Linné#Reise_durch_Öland_und_Gotland 

 

28) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikinger 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikingerzeit 

 

29) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ostseehandel 

 

30) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rus_(Volk) 

 

31) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Waräger 

 

32) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikingerschiff 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikingerschiffbau 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Wikingerschiffbaus 

 

33) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weg_von_den_Warägern_zu_den_Griechen 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Bernsteinstraße 

 

34) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltstadt 

 

35) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantinopel 

 

36) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Warägergarde 

 

37) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Byzantinisches_Reich 

 

38) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Staraja_Ladoga 

 

39) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weliki_Nowgorod 

 

40) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rjurik 

 

41) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Oleg_(Kiewer_Rus) 

 

42) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kiew#Mittelalterliche_Blütezeit 

 

43) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kiewer_Rus 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Rus 

 

44) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikingerzeit#Handel 

 

45) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Waräger#In_Arabien_und_Asien 

 

46) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hanse#Gotländische_Genossenschaft 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Visby#Anfänge_der_Geschichte_der_deutschen_Gotlandfahrer 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Ostseehandel#Aufstieg_der_Hanse_im_Ostseeraum_(1150-1250) 

 

47) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hanse 

 

48) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gilde_(Berufsverband) 

Gilden müssen von Zünften unterschieden werden, was oft nicht korrekt erfolgt. Gilden können als eine Assoziation freier und gleichberechtigter Individuen zu einem bestimmten, vertraglich vereinbarten Zweck angesehen werden, ähnlich Genossenschaften und Bruderschaften. Dieses Konzept der Gilde ist eine das gesamte Mittelalter prägende und gestaltende Form gesellschaftlicher Selbstorganisation von unten. Ein Beispiel von Gilden sind die Fahrtgemeinschaften sowohl der Wikinger als auch der Hansen. 

 

Ausführlich dargestellt ist die Bedeutung und Rolle der Gilden und der freien Städte im Mittelalter im fünften und sechsten Kapitel „Gegenseitige Hilfe in der Stadt des Mittelalters“ des im Jahre 1902 erschienenen Werks: „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ des Geografen Peter A. Kropotkin (1842-1921): 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pjotr_Alexejewitsch_Kropotkin 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenseitige_Hilfe_in_der_Tier-_und_Menschenwelt 

 

Kropotkin hebt die Besonderheiten der freien Städte des Mittelalters hervor: „Freiheit, Selbstverwaltung und Frieden zu gewährleisten, war das Hauptziel der Stadt des Mittelalters“. Die Stadt des Mittelalters war „ein Versuch, (…) einen engen Verband zu gegenseitiger Hilfe und Beistand zu organisieren, für Konsum und Produktion und für das gesamte soziale Leben, ohne den Menschen die Fesseln des Staates aufzulegen, sondern unter völliger Wahrung der Freiheit für die Äußerungen des schöpferischen Geistes einer jeden besonderen Gruppe von Individuen in der Kunst, dem Handwerk, der Wissenschaft, dem Handel und der politischen Organisation“. Die Stadt des Mittelalters war „eine befestigte Oase inmitten eines Landes, das unter dem Feudaljoch lebte“. Kropotkin stellt fest: “Die mittelalterlichen Städte haben ohne Zweifel der europäischen Zivilisation einen außerordentlichen Dienst erwiesen. Sie haben sie davor bewahrt, den Theokratien und despotischen Staaten der Vorzeit zu verfallen“ und „der Verlust, den Europa durch den Untergang seiner freien Städte erlitt, kann nur verstanden werden, wenn wir das 17. Jahrhundert mit dem 14. oder 13. vergleichen“. Siehe: Peter A. Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (1902). Frankfurt am Main, 2011. S. 150, S. 154, S. 164, S. 174 und S. 170. 

 

Am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit erfolgte ein Niedergang der Städte, und im Zeitalter des Absolutismus 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Absolutismus 

wird der absolutistisch regierte Staat allgemeiner Standard. Als einziger Ausnahme in Europa ist nur in der Schweiz allen modernen Tendenzen zur Zentralisierung, die sich seit dem Zeitalter des Absolutismus ereignen, erfolgreich widerstanden worden. Neben dem Konzept der Willensnation gründet das Modell der Schweiz auf einer Tradition kommunaler Selbstverwaltung, genossenschaftlicher Selbstorganisation und direkter Demokratie, und diese Tradition hat ihren Ursprung im Mittelalter, wo sie weit verbreitet war, doch sie ist heute nirgendwo sonst noch erhalten.

 

Mit seinem im Jahre 1902 erschienenen Buch „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ hat sich der Geograf Peter A. Kropotkin dem von Konkurrenz und „Kampf ums Dasein“ geprägten sozialdarwinistischen Mainstream seines Zeitalters, dem Zeitalter des Imperialismus, widersetzt und den Aspekt der Kooperation als Prinzip der Evolution und darüber hinaus der Menschheitsgeschichte hervorgehoben. Kropotkin hat sich den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis seiner Zeit in nahezu allen wissenschaftlichen Disziplinen erarbeitet, und auf dieser Grundlage setzt er dem sozialdarwinistischen Mainstream seines Zeitalters, dem Zeitalter des Imperialismus, eine wissenschaftlich fundierte und umfassend begründete alternative Sichtweise entgegen: Nicht Konkurrenz, sondern Kooperation ist das wesentliche Prinzip sowohl in der Evolution, als auch in der Menschheitsgeschichte.

 

49) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kogge 

 

50) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weliki_Nowgorod#Handel_mit_Gotländern_und_Hanse 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Republik_Nowgorod 

Die Republik Nowgorod und weitere Stadtrepubliken und Fürstentümer im östlichen Europa wurden in der frühen Neuzeit vom expandierenden Zarentum Rußland

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zarentum_Russland 

erobert. Das Zarentum Rußland konnte sich zu einem der flächengrößten Imperien ausdehnen, indem es das nach dem Ende des Mongolischen Imperiums entstandene Machtvakuum im östlichen Europa und im nördlichen Asien ausfüllte. Das Zarentum Rußland kann als eine despotische Form des Absolutismus mit dem Charakter einer Orientalischen Despotie angesehen werden, in der zeitweise terroristische Formen der Herrschaftsausübung praktiziert wurden. Zar Ivan IV. (= Ivan der Schreckliche) (1530-1584)

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Iwan_IV._(Russland) 

schuf zum Zweck terroristischer Herrschaftsausübung die Garde der Opritschniki, die am 06.01.1570 die Bevölkerung der Stadtrepublik Nowgorod massakrierte. Das Ende der Stadtrepublik Nowgorod ist ein markantes Beispiel für den Niedergang der selbstständigen und freien Städte am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, der sich im gesamten Europa ereignete, und des Aufstiegs des absolutistischen Staates, hier: in Gestalt des zaristischen Imperiums. Die Kaiser Peter I. (1672-1725), Elisabeth I. (1709-1762), Peter III. (1728-1762), Katharina II. (1729-1796), Alexander I. (1777-1825) und Alexander II (1818-1881) bemühten sich letztlich erfolglos um Reformen in diesem entstandenen Imperium. Bis heute haben die Städte ihre frühere Bedeutung und Unabhängigkeit nicht wieder erlangt. Die von Zar Ivan IV. (= Ivan der Schreckliche) begründete despotische und terroristische Herrschaftspraxis kulminiert letztendlich in der Herrschaft Stalins. 

 

51) Die Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1453 gilt als ein Markstein der Epochenwende vom Mittelalter zur Neuzeit, und die Folgen waren weitreichend. Sie unterbrach weitgehend die seit der Antike bestehenden Fernhandelsverbindungen zwischen Europa und Asien, die durch das Mittelmeer und das Schwarze Meer verliefen und die mit den transkontinentalen Fernhandelsrouten in Asien, wie insbesondere der Seidenstraße verbunden waren:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Seidenstraße 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Indienhandel 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Römisch-indische_Beziehungen 

 

Diese Unterbrechung der transkontinentalen Fernhandelsverbindungen in Eurasien förderte die Suche nach alternativen Seehandelsrouten nach Südasien und Südost-Asien über den Atlantischen und den Indischen Ozean, wobei u.a. der Kontinent Amerika entdeckt wurde. Der Handel über das Mittelmeer verlor an Bedeutung, und ebenso die bislang dominierenden Fernhandelszentren in der Mittelmeerregion, wie z.B. Venedig und Genua. Diese wurden von neuen Fernhandelszentren in der südlichen Nordseeregion abgelöst, wie Amsterdam, Antwerpen und London, in denen der Fernhandel über Handelskompanien

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Handelskompanie 

betrieben wurde, die von den absolutistisch regierenden Fürsten mit weitgehenden Privilegien und Vollmachten ausgestattet waren, einschließlich des Rechts zur Eroberung und quasi-staatlichen Verwaltung von Kolonien in Übersee. Die Fürsten im Zeitalter des Absolutismus waren zum Zweck ihrer Machtentfaltung und Machtausweitung nach innen und außen bestrebt, ihre Einnahmen mithilfe einer merkantilistischen Wirtschaftspolitik 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Merkantilismus 

zu steigern, deren Bestandteil die Gründung von Fernhandelskompanien war. Die Fernhandelskompanien waren Aktiengesellschften, womit sich diese von den Fahrtgemeinschaften der Hansen grundsätzlich unterscheiden, die nach dem Prinzip der Gilde organisiert waren. Herausragende Beispiele dieser Handelskompanien sind die Britische Ostindien-Kompanie (EIC) 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Britische_Ostindien-Kompanie 

die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Niederländische_Ostindien-Kompanie 

und die französische Ostindien-Kompanie 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Französische_Ostindienkompanie 

 

52) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hansestadt 

 

53) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Åland

 

54) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_II._(Russland) 

Kaiser Alexander II. leitete im Kaiserreich Rußland umfangreiche Reformen ein:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Große_Reformen 

Diese Reformpolitik fand mit dem tödlichen Attentat im Jahre 1881 einen Abbruch. Von seinen Nachfolgern wurden fortan Reformen gemieden, sodaß sich die Verhältnisse in Rußland zuspitzten, wodurch die Revolutionen in den Jahren 1905 und 1917 möglich wurden, die bei einer Fortsetzung der Reformpolitik nicht erfolgt wären. 

 

Dies ist eine Frage kontrafaktischer Geschichte: 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kontrafaktische_Geschichte 

Kontrafaktische Geschichte ist notwendiger Bestandteil von Geschichtswissenschaft, die mehr sein will als Geschichtsschreibung, die den gegenwärtigen Zustand als das determinierte und alternativlose Ergebnis des historischen Prozesses darstellt. Es gilt, die im historischen Prozeß angelegten möglichen Entwicklungspfade herauszupräparieren, und zu analysieren und gut und umfassend zu begründen, warum der eine Entwicklungspfad zur Ausprägung gelangte, und nicht andere, ebenso im historischen Prozeß angelegte und gleichermaßen mögliche Entwicklungspfade. Dieses bildet eine Grundlage, um die Methode des Vergleichs in der Geschichtswissenschaft erfolgreich anwenden zu können. Die Methode des Vergleichs ersetzt sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in der Geographie sowie weiteren Geistes- und Gesellschaftswissenschaften die Methode des Experiments in den Naturwissenschaften. 

 

Mit Attentaten wird Weltpolitik gemacht, wie auch das Beispiel des tödlichen Attentats von Sarajewo 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Attentat_von_Sarajevo 

am 28.06.1914 auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand von Österreich-Este zeigt, das den Ersten Weltkrieg auslöste. Von den feststellbaren Folgen muß man auf die Absichten der Auftraggeber der Täter schließen, denn nichts in der Geschichte geschieht zufällig. 

 

55) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Autonomie_(Politikwissenschaft) 

 

56) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Åland#Selbstverwaltung 

 

57) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großfürstentum_Finnland 

 

58) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_I._(Russland) 

 

59) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Russisches_Kaiserreich 

 

60) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kongresspolen 

 

61) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bomarsund 

 

62) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Krimkrieg 

 

63) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Napoleonische_Kriege 

 

64) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Siebenjähriger_Krieg 

 

65) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Imperialismus 

 

66) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pentarchie_(Europa) 

 

67) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Allianz 

 

68) Dies verweist auf die Rolle, die Bedeutung und den Erfolg von Geheimdiplomatie:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheimdiplomatie 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheimvertrag 

 

69)Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schärenringstraße 

 

70) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ålandstrafiken 

Sowie: https://www.alandstrafiken.ax/ 

 

71) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schärenmeer 

 

72) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Postglaziale_Landhebung 

 

73) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Turku 

 

74) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Borealer_Nadelwald 

 

75) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Külgemäßigte_Klimazone#Laubmischwaldklimate


76) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Limes_norrlandicus 

 

77) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Ukraine_(seit_1991) 

 

78) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaukasuskrieg_2008 

 

79) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Warschauer_Pakt#Auflösung

 

80) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-plus-Vier-Vertrag

sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufenthalts-_und_Abzugsvertrag

 

81) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Osterweiterung#Kontroversen 

 

82) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geopolitik 

 

83) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Erweiterung 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Osterweiterung 

 

84) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erweiterung_der_Europäischen_Union 

 

85) Siehe: Thomas Kunze, Thomas Vogel: Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde. Bonn, 2016. S. 109. 

 

86) Siehe: Matthias Platzeck: Wir brauchen eine neue Ostpolitik. Russland als Partner. Berlin, 2020. S. 46-47. 

 

87) Siehe: Thomas Kunze, Thomas Vogel: Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde. Bonn, 2016. S. 80. 

 

88) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalstaat

 

89) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalismus

 

90) Vgl. hierzu meinen Text: Der moderne Nationalismus als eine politische Religion – Über die Konstruktion der Nation im Zeitalter des modernen Nationalismus. 

 

91) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Identität

 

92) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Minderheitenrechte 

 

93) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte 

 

94) Siehe: Dieter Senghaas: Friedensprojekt Europa. Frankfurt am Main, 1992. S. 116. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und der Blockkonfrontation fragt Senghaas nach einer neuen konstruktiven Politik der aktiven Friedensgestaltung, die die Perspektive einer gesamteuropäischen Friedensordnung entfaltet. Diskutiert werden neue, jetzt erforderliche Instrumentarien der Konfliktregelung und erforderliche Änderungen in der internationalen Politik mit Blick auf die weitere Zivilisierung von Politik.

 

95) Siehe: Ingrid Oswald: Nationalitätenkonflikte im östlichen Teil Europas. Berlin, 1993. S. 8. Die Autorin stellt die Vielfalt der ethnonationalistischen Konflikte in den einzelnen Ländern des östlichen Europas dar, die infolge der Auflösungsprozesse ab 1990 entstanden sind. Während die Staaten in der westlichen Hälfte Europas zusammenstreben und Souveränitätsrechte abgeben, ist mit der Rückkehr des Nationalismus in der östlichen Hälfte Europas der entgegengesetzte Prozeß in Gang gekommen.

 

96) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Minderheitenschutz

 

97) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ukrainisierung

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_Sprache_in_der_Ukraine

 

98) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Dreißigjähriger_Krieg#Bewaffnete_Auseinandersetzungen_der_Zwischenkriegszeit

sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwischenkriegszeit#Bewaffnete_Auseinandersetzungen

 

99) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jugoslawienkriege

 

100) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Johan_Galtung 

 

101) Siehe: Johan Galtung: Die andere Globalisierung. Perspektiven für eine zivilisierte Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert. Münster, 1998. S. 80.

 

102) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zerfall_der_Sowjetunion 

 

103) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachpolitik 

 

104) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Staatenloser#Auflösung_der_Sowjetunion 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Nichtbürger_(Lettland) 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Estland#Russische_Minderheit 

 

105) Siehe: Thomas Kunze, Thomas Vogel: Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde. Bonn, 2016. S. 66. 

 

106) Siehe: Ebenda. S. 107. 

 

107) Siehe: Ebenda. S. 96. 

 

108) Siehe: Ebenda. S. 107. 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Charta_der_Regional-_oder_Minderheitensprachen 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Minderheitenschutz#Europäische_Charta_der_regionalen_oder_Minderheitensprachen 

 

109) Siehe: Dirk Jörke: Die Größe der Demokratie. Über die räumliche Dimension von Herrschaft und Partizipation. Berlin, 2019. S. 20. 

 

110) Siehe: Ulrich Beck, Edgar Grande: Das kosmopolitische Europa. Frankfurt am Main, 2004. S. 23. 

 

111) Siehe: Jürgen Habermas: Der gespaltene Westen. 2004, Frankfurt am Main. S. 134. 

 

112) Als charakteristische Elemente, die das 20. Jahrhundert in seiner gesamten historischen Tiefe und geografischen Breite als ein extremes Jahrhundert mit Alleinstellungsmerkmal charakterisieren und prägen können aufgeführt werden: Die Ethnische Säuberung, die Totale Institution des Lagers als die Totale Institution zur zweckrationalen Verwaltung von Menschenmassen in ihren verschiedenen Erscheinungsformen, der Ausnahmezustand, der Doppelstaat, die totale Mobilmachung, der totale industrielle Krieg, und weitere. Als charakteristische und prägende Elemente haben sie den Gehalt von analytischen Kategorien, die deshalb im Zentrum einer jeden Analyse zum extremen 20. Jahrhundert stehen müssen. 

 

113) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großmacht

 

114) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltmacht

 

115) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Supermacht

 

116) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wettlauf_um_Afrika 

 

117) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Revisionismus

 

118) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Agenda_Setting

 

119) Siehe: Johan Galtung: Geopolitik nach dem Kalten Krieg: ein Essay zur Agendatheorie. S. 143 und 145. In: Derselbe: Die andere Globalisierung. Perspektiven für eine zivilisierte Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert. Münster, 1998. S. 125-145. 

 

120) Vgl.: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München, 1995.

 

121) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tallinn 

 

122) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Universität_Tartu 

 

123) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Valga_(Valga) 

 

124) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Valka 

 

125) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Walk_(Stadt) 

 

126) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_geteilter_Orte 

 

127) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Riga 

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------Fahrradreise mittlere Ostseeregion. Ein Reiseerlebnisbericht. Textversion 02. 

Mein Reiseerlebnisbericht kann mit zahlreichen Fotos auf meiner Internetseite aufgerufen und gelesen werden:
https://manfredsuchan.net/fahrradreise-mittlere-ostseeregion
Dort kann zudem mein Reiseerlebnisbericht im PDF-Format herunter geladen werden.
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Manfred SUCHAN
Geograf
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Über meine Reisen berichte ich auf meinen Internetseiten:
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Am Rathausplatz der Universitätsstadt Tartu/Dorpat am 28.06.2014 während meiner Fahrradreise durch die mittlere Ostseeregion im Frühsommer 2014.

Reiseerlebnisberichte

Vor Beginn einer Schneeschuhtour mit einer Tourengruppe auf das Fulufjell am 01.04.2015


Aufstieg zum Fulufjell beim gefrorenen Wasserfall Njupeskär (im Hintergrund) mit einer Tourengruppe während einer Schneeschuhtour am 19.02.2018. 

Ein Winter im Skandinavischen Gebirge

 

Erlebnisse an der nördlichen Periferie Europas 

im Winter 2013/14


Ein Erlebnisbericht von Manfred Suchan

  

1. Einleitung 

 Im Winter 2013/2014 war ich seit Mitte Dezember 2013 erneut als Saisonmitarbeiter des Reise- und Tourenveranstalters "Rucksack Reisen" (1) tätig gewesen. „Rucksack-Reisen“ veranstaltet in Schweden im Sommer mehrtägige Kanutouren, Fjellwanderungen und Fahrradtouren, sowie im Winter Touren mit Schneeschuhen und Skiern durch die tief verschneiten Landschaften des skandinavischen Fjells (2) im Skandinavischen Gebirge (3). Zusätzlich zu den Veranstaltungen in Schweden betreibt „Rucksack-Reisen“ im Sommer ein Sommercamp am naturbelassenen Mittellauf der Loire in Frankreich, von wo aus mehrtägige Kanutouren auf der Loire veranstaltet werden. Der Reiseveranstalter “Rucksack Reisen” ist Mitglied im Tourismus-Dachverband “Forum Anders Reisen” (4), dessen rd. 150 Mitglieder sich dem Leitbild eines nachhaltigen und naturverträglichen Tourismus verpflichtet haben. 

 

Mein Kontakt zum Touren- und Reiseveranstalter „Rucksack-Reisen“ war im Frühjahr 2006 auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) (5) in Berlin zustande gekommen. Die ITB gilt als die Leitmesse der weltweiten Tourismusbranche. Nach meinem Studienabschluß im Diplomstudiengang Geographie an der Freien Universität Berlin im Jahre 2004 hatte ich einen Job gesucht, und in diesem Rahmen hatte ich auch wiederholt die ITB besucht, da diese auch eine Vermittlungsbörse für Jobs im Bereich des Tourismus ist. Schon kurz darauf konnte ich bei „Rucksack-Reisen“ in Schweden mitarbeiten. Mehrtägige Outdoor-Touren in der freien Natur sind für mich nichts neues, denn seit meiner Schulzeit unternehme ich u.a. Fahrradreisen mit Zelt sowie Hochtouren in den Alpen. Für die Tourenbegleiter und Outdoor-Guides, die das umfangreiche Tourenprogramm des Touren- und Reiseveranstalters „Rucksack-Reisen“ durchführen und die mit Tourengruppen auf Tour gehen, bietet „Rucksack-Reisen“ ein umfangreiches Schulungsprogramm an, das Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt, die für eine erfolgreiche Durchführung von Outdoor-Touren benötigt werden. In diesem Rahmen hatte ich u.a. vom 04. bis zum 12.01.2008 an einer Winterschulung teilgenommen, die für eine Mitarbeit in der Wintersaison in Schweden vorbereitet. Da der Angebotsschwerpunkt von „Rucksack-Reisen“ Kanutouren sind, habe ich zudem vom 18. bis zum 28.10.2007 eine Lizenzausbildung zum Kanutouristiker der Bundesvereinigung Kanutouristik e.V. (BKT) (6) absolviert. 

 

In Schweden unterhält der Touren- und Reiseveranstalter “Rucksack Reisen” mehrere touristische Destinationen, darunter das „Aktivcamp Idre“ mit dem „Rucksack Idre Stugor“ (7) bei der kleinen Stadt Idre (8) im Nordwesten der Provinz Dalarna (9) in Mittelschweden, des Weiteren die Ferienanlage „Gammelbyns Stugby“ (10) in der südlich angrenzenden Provinz Värmland bei Rattsjöberg (11) in der Nähe der Stadt Torsby, und das „Aktivcenter Stömne“ im Dorf Stömne ebenfalls in der Provinz Värmland in der Nähe der Stadt Arvika, sowie ein Sommercamp am See Laxsjön in der Nähe der Stadt Bengtsfors in der Provinz Västra Götaland (Dalsland) und zudem den Kanuverleih „Kanucenter Arvica“ (12). Ein Wintersaisonbetrieb findet an zwei Standorten in Idre (Rucksack Idre Stugor), sowie in der Ferienanlage Gammelbyns Stugby bei Rattsjöberg statt. In der näheren Nachbarschaft dieser beiden Destinationen befinden sich jeweils Skigebiete mit Abfahrtpisten, Liftanlagen und gespurten Langlaufloipen: Ca. 9 km nördlich von Idre befindet sich zum Einen das in einer Höhe von 600 m bis 890 m gelegen Skigebiet Idre Fjäll (13), sowie das in einer Höhe von 680 m bis 990 m gelegene Skigebiet Fjätervålen (14). Bei Rattsjöberg liegt in ca. 10 km Entfernung das Skigebiet Hovfjället (15), das sich in einer Höhenlage von 400 m bis 542 m befindet. 

 

2. Inhalt 

  1. Einleitung 

  2. Inhalt 

  3. Am Rande des Skandinavischen Gebirges 

  4. Forschungsreisen mutiger Wissenschaftler erweitern unser Weltbild 

  5. Die Vegetations- und Klimagrenze des „Limes norrlandicus“ 

  6. „Friluftsliv“, Erlebnispädagogik und Naturschutz 

  7. Monokulturen und Biodiversitätskrise im Anthropozän 

  8. Rewilding Europe 

  9. Naturschutz und Tourismus als Bestandteile von Entspannungspolitik 

10. Pulka selber bauen 

11. Anmerkungen 

 

3. Am Rande des Skandinavischen Gebirges 

 Die kleine Stadt Idre im Nordwesten der Provinz Dalarna hat ca. 800 Einwohner, und sie liegt am Rande des Skandinavischen Gebirges auf einer Höhe von 450 m am See Idresjön, der vom Fluß Österdalälven durchflossen wird. Idre ist ein bedeutendes Touristen- und Sportzentrum und Ausgangsort für Outdoor-Touren und Trekking-Touren (16) sowohl im Sommer als auch im Winter. Unter anderem gibt es in Idre eine Touristeninformation (17) mit umfangreichen Informationsangeboten auch in deutscher und englischer Sprache, deren Besuch sehr lohnend ist, zwei größere Lebensmittelgeschäfte, einen Bankautomaten, eine Tankstelle, ein Sportgeschäft mit Skiverleih, einen Campingplatz, mehrere Hotels, Restaurants und Souvenierläden, des weiteren Bushaltestellen mit Busverbindungen u.a. nach Älfdalen, Mora und Grövelsjön, sowie mehrere täglich gelehrte Postbriefkästen. 

 

Für die Reisegäste bieten wir im Winter täglich geführte Schneeschuh- und Skitouren zu Ausflugszielen in der Umgebung von Idre an. Beliebt sind Touren auf den Berg Städjan (1131 m ü. NN) und zum Nipfjäll, nach Grövelsjön (18), zum Fulufjäll (19) und dort zum im Winter gefrorenen Wasserfall Njupeskär, der mit einer Fallhöhe von 93 m der höchste Wasserfall in Schweden ist. Im Winter ragen dort gewaltige Eiskaskaden in Blau- und Grüntönen schimmernd die steile Felswand hinab. In Zusammenarbeit mit Anbietern vor Ort finden zudem Hundeschlittentouren durch die verschneite Winterlandschaft statt. Das benachbarte Skigebiet Idre Fjäll bietet ausgedehnte gespurte Loipen in einer Gesamtlänge von 60 km sowie 40 Abfahrtpisten in allen Schwierigkeitsgraden und zahlreiche Liftanlagen. 

 

Auf unseren Fjellwanderungen gelangen wir mit Verlassen des schützenden Bergwaldes oberhalb der Baumgrenze in eine andere, subpolare Klimazone. Hier auf dem kahlen Fjell kann sich der Wind ungehindert entfalten, und Schneestürme mit eisigen Temperaturen und dem gefürchteten "White Out" sind keine Seltenheit. Dennoch fasziniert diese raue, insbesondere im Winter lebensfeindliche Schnee- und Eislandschaft mit bizarrer Schönheit und herrlicher Fernsicht bei klarem Wetter bis zu den verschneiten Berglandschaften im nahegelegenen Norwegen. Auf unseren mehrtägigen Wintertouren (20) über das Fulufjell mit Schneeschuhen und Langlaufski durchqueren wir diese faszinierenden Winterlandschaften, wobei die dortigen Fjellhütten für Übernachtungen genutzt werden. Für die Meisten dieser Hütten im Skandinavischen Gebirge in Schweden ist der schwedische Tourismusverband „Svenska Turistföreningen“ (STF) (21) zuständig. Der schwedische Tourismusverband und der norwegische Tourismusverband (22) erfüllen im Skandinavischen Gebirge die Aufgaben, die in den Alpen den Alpenvereinen (23) zukommen. Daher empfiehlt sich für Fjällwanderungen in Schweden eine Mitgliedschaft im schwedischen Tourismusverband, in der zudem eine Mitgliedschaft im internationalen Jugendherbergsverband enthalten ist. 

 

Nach einer bis ins südliche Schweden reichenden Frostperiode mit Schneefällen Ende November 2013 war hingegen das Wetter (24) im Dezember des Jahres 2013 und auch noch der Jahreswechsel 2013/14 in Idre mit Temperaturen um 0 °C sehr mild, doch es gab immerhin durchgehend Schnee, sodaß in der Umgebung von Idre sämtliche Wintersportarten und Tourenangebote durchgeführt werden konnten. 

 

Aufgrund von Schneemangel wurden im Dezember 2013 und im Januar 2014 mehrere Skisportveranstaltungen und Wettkämpfe aus südlicher gelegenen Skigebieten nach Idre Fjäll verlegt. Erst gegen Mitte Januar 2014 hat der Winter mit Temperaturen unter -10 °C und anhaltenden Schneefällen auch das südlichere Schweden erreicht, sodaß auch dort, wie z.B. im Skigebiet Hovfjället, wenn auch mit Verspätung, die Wintersaison beginnen konnte. In den vergangenen Jahren war im Skigebiet Hovfjället schon mehrmals über Weihnachten und den Jahreswechsel hinweg der Schnee ausgeblieben. Der Winter 2013/14 soll in Schweden der wärmste Winter seit 1956 sein, wie uns Einheimische berichteten. Lediglich Ende Januar 2014 wurde es in Idre bei Temperaturen um – 30 °C für ein paar Tage richtig kalt. Auch in Skandinavien ist wie im mittleren Europa die zweite Januarhälfte die kälteste Zeit im Jahr. Ende Februar 2014 und in der ersten Märzhälfte gab es in Idre wiederholt leichtes Tauwetter bei Temperaturen um 0°C, sodaß ein Teil des bis dahin über den Winter hinweg gefallenen Schnees, der eine Höhe von mehr als einem Meter erreicht hatte, wieder abtaute. Immerhin erwies sich der März im Gegensatz zu den Monaten Dezember bis Februar als ein überaus sonniger und trockener Monat. 

 

In Skandinavien ist der Spätwinter der beliebteste Zeitraum im Winter für Wintersport und Wintertouren, da es im Vergleich zum Frühwinter am Tage erheblich länger hell ist und die Temperaturen tagsüber schon wärmer sind. Zudem hat sich der Schnee des gesamten Winters angesammelt. Die Schneedecke hat sich gesetzt und verfestigt, sodaß man im Spätwinter die tiefverschneite Winterlandschaft vergleichsweise mühelos per Ski und mit Schneeschuhen durchqueren kann, ohne wie im Frühwinter im lockeren Schnee tief einzusinken. 

 

Am Beispiel des Winters 2023/2024 wird deutlich, daß erst nördlich der Vegetations- und Klimagrenze des “Limes norrlandicus” (25) gelegene Wintersportgebiete auch in milden Wintern eine ausreichende Schneesicherheit bieten. Die Region um Idre gilt als schneesicher, da sie nördlich der Klima- und Vegetationsgrenze des “Limes norrlandicus” liegt. Der Begriff des "Limes norrlandicus" wurde vom Naturforscher Carl von Linné (1707-1787) (26) auf Grundlage seiner Forschungsreisen in Skandinavien geprägt, darunter seine Lappland-Expedition (27) im Jahre 1732 und seine Reise durch Dalarna im Jahre 1734. Die Klima- und Vegetationsgrenze des "Limes norrlandicus" erstreckt sich etwa entlang des 61. Breitengrades durch das nördliche Europa, und sie trennt die Vegetationszone (28) des Laubmischwalds (29) des mittleren Europas von der nördlich angrenzenden, zirkumpolaren Vegetationszone des Borealen Nadelwaldes (30). Der "Limes norrlandicus" ist zugleich auch eine kulturgeografische Grenze. So bildet er die Nordgrenze des Ackerbaus und die Südgrenze der Almwirtschaft in Skandinavien. 


4. Forschungsreisen mutiger Wissenschaftler erweitern unser Weltbild 

 Insbesondere die Forschungsreisen und Expeditionen mutiger Wissenschaftler und ihre unkonventionellen Erkenntnisleistungen tragen zur Erweiterung unseres Weltbildes und zu Paradigmenwechseln (31) bei. Naturforscher, wie z.B. Carl von Linné, der in Nordeuropa ausgedehnte Forschungsreisen durchgeführt hatte, darunter seine Expedition durch Lappland im Jahre 1732, seine Reise durch Dalarna 1734 und seine Gotland-Reise 1741, und auf dessen Spuren ich mich während meiner Reisen im nördlichen Europa oft bewegte, schufen mit ihren Erkenntnissen das Fundament, auf dem die Erkenntnisse späterer Naturforscher, wie Humboldt, Darwin und vielen weiteren erst möglich wurden. Auf den Forschungsreisen Linnés standen neben botanischen und zoologischen Beobachtungen vor allem auch geologische, mineralogische und klimatologische Studien im Mittelpunkt. Carl von Linné erkannte, daß sich die verschiedenen Pflanzenarten, die er ausführlich mithilfe der von ihm entwickelten binären Nomenklatur klassifiziert hatte, nicht beliebig auf der Erdoberfläche verteilen, sondern daß sie in Abhängigkeit vom jeweiligen Klima Vegetationszonen bilden, und er prägte den Begriff des „Limes norrlandicus“, einer markanten Klima- und Vegetationsgrenze, die sich etwa entlang des 61. Breitengrades durch Nordeuropa erstreckt und die die mitteleuropäische Laubmischwaldzone von der nördlich gelegenen Zone des Borealen Nadelwaldes trennt. 

 

 Auf dieser Erkenntnisgrundlage konnte der Naturforscher und Geograf Alexander von Humboldt (1769–1859) (32) die Grundregel der Vegetationsgeographie (33) formulieren, die besagt, daß die Zusammensetzung der (potentiellen) natürlichen Pflanzengesellschaften (Klimaxvegetation) (34) an einem bestimmten Ort auf der Erde die exakte Widerspiegelung der jeweiligen klimatischen Verhältnisse an diesem Ort ist. Auf dieser Grundlage ließen sich nun auf der gesamten Welt Vegetationszonen und Klimazonen (35) bestimmen und unterscheiden. Die systematische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Pflanzenstandorten, ihrer Höhe über dem Meeresspiegel und ihrer geographischen Lage ließ Humboldt zum Begründer der Vegetationsgeographie werden. Zudem gilt Humboldt als Begründer der vergleichenden Klimatologie (36). Alexander von Humboldt hatte damit begonnen, die Natur und auch den Menschen mit seinem Einwirken auf die Natur in einem ökologischen Zusammenhang mit ihren lokalen und globalen Wechselwirkungen im Rahmen einer dynamischen Forschungsperspektive zu betrachten, zu studieren und zu erforschen, und dies macht bis heute die Aktualität von Humboldt aus. Eine wesentliche Erkenntnisleistung Humboldts ist, daß sich Vegetation und Klima wechselseitig beeinflussen und bedingen, und daß sie im Zusammenhang betrachtet, studiert und analysiert werden müssen. 

 

 Das moderne geodynamisch fundierte evolutions-ökologische Weltbild ist das Ergebnis der bedeutendsten wissenschaftlichen Revolution (37) weniger zurückliegender Jahrzehnte. Es entstand in mehreren Erkenntnisschritten in Form einer interdisziplinären wissenschaftlichen Synthese seit dem Zeitalter der Aufklärung in Abgrenzung zum statischen und mechanistischen Weltbild. Insbesondere die Forschungsreisen und Expeditionen mutiger Wissenschaftler und ihre unkonventionellen Erkenntnisleistungen haben dazu beigetragen, wie diejenigen von Carl von Linné, Alexander von Humboldt und weiterer (38). 

 

5. Die Vegetations- und Klimagrenze des „Limes norrlandicus“ 

 Die geografische Lage der Destinationen von Rucksack-Reisen in Schweden ist ideal, um die verschiedenen Landschafts-, Vegetations- und Klimazonen kennenlernen zu können, die das nördliche Europa prägen. Diese Destinationen bei Bengtsfors in Dalsland, Stömne und Rattsjöberget bei Torsby in Värmland, sowie Idre in Dalarna liegen nicht allzuweit voneinander entfernt. Interessant ist der Umstand, daß diese Orte in unmittelbarer Nähe zu der vom Naturforscher Carl von Linné beschriebenen Klima- und Vegetationsgrenze des "Limes norrlandicus" liegen, die sich etwa entlang des 61. Breitengrades durch Nordeuropa erstreckt. Wie dargestellt trennt der "Limes norrlandicus" die Laubmischwaldzone von der nördlich angrenzenden, zirkumpolaren Zone des Borealen Nadelwaldes, und er ist zugleich auch eine kulturgeografische Grenze. So bildet er die Nordgrenze des Ackerbaus und die Südgrenze der Almwirtschaft in Skandinavien. 

 

Dies wird im Vergleich der die Landschaften prägenden Vegetation an den genannten Lokalitäten deutlich. In den See Laxsjön bei Bengtsfors ragt die Halbinsel Baldersnäs hinein, die von einer Parklandschaft mit altem Baumbestand geprägt ist. Man trifft hier auf mächtige Eichen, Linden, Ulmen, Eschen, Roßkastanien und Rotbuchen, zudem Bergahorn, Schwarzerlen, Mehlbeere u.a.. Wir befinden uns hier eindeutig innerhalb der mitteleuropäischen Laubmischwaldzone. Ganz anders hingegen präsentiert sich die Vegetation um Idre. Fichten, Kiefern und Birken prägen dort die ausgedehnten Wälder, und wir befinden uns dort innerhalb der Zone des Borealen Nadelwaldes. Während Stömne mit seinem Bestand an großen, alten Eichen noch der mitteleuropäischen Laubmischwaldzone zugeordnet werden kann, präsentiert die Landschaft bei Rattsjöberget einen hochgradig differenzierten Übergangsbereich. Auf kurzen Distanzen gibt es dort einen häufigen Wechsel unterschiedlicher Höhenlagen und dementsprechend ein kleinräumiges Mosaik von Vegetations- und Klimazonen. Jeder der zahlreichen Seen in der Umgebung hat eine andere Höhenlage, die von 86 m bis über 400 m reicht. So z.B. die Seen: Kilen 86 m, Kläggen 88 m, Broken 127 m, Rattsjön 196 m, Mangen 199 m, Boviggen 326 m, Kroksjön 385 m, Hällsjön 402 m, Lövtjärnet 433 m. Es handelt sich auf engem Raum um ein Mosaik von Niveauunterschieden im Bereich von ca. 350 Höhenmetern. Da mit steigender Höhe die Temperatur pro 100 m um durchschnittlich 0,6 °C abnimmt, entspricht dieser Höhenunterschied immerhin einer Differenz der Jahresdurchschnittstemperatur von ca. 2,1 °C. Dem entsprechend hat jeder See ein eigenes Lokalklima und eine unterschiedliche Zusammensetzung der natürlichen Vegetation. Während das Tal des Flusses Röjdan noch der Zone des Laubmischwaldes zugeordnet werden kann, da dort überall Ackerbau betrieben wird und unter anderem Hafer angebaut wird, befinden sich die höheren Lagen zunehmend in der Zone des Borealen Nadelwaldes. Aufgrund dieser landschaftlichen Verhältnisse wird sich eine Vegetations- und Klimagrenze nicht als klar bestimmbare Linie im Gelände feststellen lassen, vielmehr gibt es ein hochgradig differenziertes Mosaik mit Übergangsbereichen, Buchten und Inseln je nach Höhenlage, Geländeniveau und Geländeexposition – soweit es sich um die jeweilige natürliche Pflanzenbedeckung (Klimaxvegetation) handelt, die nach Humboldt die exakte Widerspiegelung der klimatischen Verhältnisse ist. 

 

Ein Klimawandel müßte sich insbesondere hier in dieser Region an einer Veränderung der Zusammensetzung der natürlichen Vegetation an den unterschiedlichen Lokalitäten studieren lassen, denn die Klima- Und Vegetationsgrenze des „Limes norrlandicus“ ist keine statische Grenze, sondern vielmehr eine hochdynamische Grenze, die sich im Postglazial (39) erheblich verändert hatte. So verlief während des postglazialen Klimaoptimums vor ca. 8.000 bis 6.000 Jahren die Klima- und Vegetationsgrenze des „Limes norrlandicus“ viel weiter nördlich durch Nord-Europa, etwa auf der Höhe der Stadt Tromsø, und auch die klimatische Waldgrenze (40) lag damals deutlich höher als heute. Die Waldgrenze ist die Grenze des geschlossenen Waldes, und sie wird unterschieden von der höher gelegenen Baumgrenze, die die Grenze des Vorkommens einzelner Bäume ist. 

 

 Die Stadt Tromsø (41) im nördlichen Norwegen ist ein bedeutendes Zentrum der Polarforschung (42). Geprägt wurde die Polarforschung insbesondere durch den Polarforscher Fridtjof Nansen (1861-1930) (43), dessen berühmte Nordpolarexpedition mit dem Polarschiff „Fram“ in den Jahren 1893 bis 1896 (44) in Tromsø endete. Das Tromsø Museum (45), das ich während einer Fahrradreise durch Skandinavien am 13.06.2015 besucht habe, ist Bestandteil der Universität Tromsø. Der naturkundliche Teil dieses Museums hat die postglaziale Klimageschichte Nord-Skandinaviens zum Thema. U.a. wird dargestellt, daß während des postglazialen Klimaoptimums vor ca. 8.000 bis 6.000 Jahren das Skandinavische Gebirge, die Alpen und auch die Insel Island, die heute zu 9% von Gletschern bedeckt ist, ohne Vergletscherungen gewesen sind. Die rezenten Vergletscherungen in Europa sind erst nach dem postglazialen Klimaoptimum wieder neu entstanden, sodaß diese kein unmittelbares Relikt aus der letzten Eiszeit (= Weichsel-Kaltzeit) (46) sind, die vor ca. 12.000 Jahren endete. 

 

 In der Umgebung von Idre treffen wir zusätzlich zum „Limes norrlandicus“ im Skandinavischen Gebirge auf eine weitere Klima- und Vegetationsgrenze. Diese trennt die Vegetationszone des Borealen Nadelwaldes von der Vegetationszone der subarktischen Tundra (47) der subpolaren Klimazone (48), und sie ist ein Teil der Arktis (49). Die Arktis läßt sich nicht auf das Gebiet nördlich des Polarkreises (66°33′ N) beschränken, vielmehr wird die Arktis als eine geografische Region nach vegetationsgeografischen und klimageografischen Kriterien bestimmt. Demnach wird zur Abgrenzung der Arktis von der südlichen subarktischen Region die Baumgrenze verwendet. Nach dieser Definition ist die Arktis die Region, in der es keine Wälder gibt, sondern allenfalls niedrige Büsche und kriechwüchsige Bäume wachsen. Höhenlagenbedingt reicht diese Vegetationszone der subarktischen Tundra entlang des Skandinavischen Gebirges weit nach Süden bis zur Hardangervidda (50). Dort im Süden des Skandinavischen Gebirges liegt die Waldgrenze auf einer Höhe von ca. 1100 m. In den Fjellgebieten bei Idre liegt die Waldgrenze je nach Geländeexposition bei 750 bis 900 m, und sie fällt nach Norden weiter ab, wobei sie in der Umgebung des Nordkaps (71° 10‘21‘‘ N) Meeresspiegelniveau erreicht. Zum Vergleich liegt die Waldgrenze in den Zentralalpen bei ca. 2000 m, in den nördlichen Randalpen bei ca. 1800 m, im Riesengebirge (51) bei ca. 1250 m und im Harz bei ca. 1000 m Höhe. 

 

Die klimatische Waldgrenze ist eine sensible und dynamische Grenze, an der schon geringe klimatische Veränderungen erhebliche Veränderungen im Erscheinungsbild der Vegetation zur Folge haben, und daher eignet sich die klimatische Waldgrenze insbesondere zum Studium des Klimawandels. Damit Wald wachsen kann, ist eine Vegetationsperiode (52) von mindestens zehn Wochen mit Durchschnittstemperaturen von mindestens +10 °C erforderlich. Wie kalt es im Winter wird, ist hingegen nicht wesentlich. So befindet sich z.B. ein Kältepol (53) der Nordhalbkugel bei Werchojansk in Ost-Sibirien, wo Temperaturen bis -67,8 °C gemessen wurden, im Bereich des Borealen Nadelwaldes (= Taiga). Die kälteste Temperatur in Schweden von -53 °C wurde im Jahre 1941 in der Gemeinde Vilhelmina in der Provinz Västerbottens län in Lappland gemessen, ebenfalls im Bereich des Borealen Nadelwaldes. Im obersten Teil des Waldes an der Waldgrenze befindet sich eine Krummholzzone (54). Im Skandinavischen Gebirge wird dieser oberste Teil des Waldes an der Waldgrenze über eine Höhendistanz von etwa 150 m von Fjellbirken (55) gebildet, die vom Wind und den winterlichen Schneemassen oft bizarr geformt wurden. In den Alpen hingegen wird der Bergwald an der Waldgrenze von Legföhren an besonnten Hängen und Grünerlen an schattigen Standorten gebildet. 

 

 Damit eine Pflanzengesellschaft (56) mit Holzgewächsen „Wald“ (57) genannt werden kann, ist ein Mindestabstand der Holzgewächse erforderlich, sodaß diese einen weitgehend geschlossenen Bestand bilden, und es ist eine Mindesthöhe dieser die Pflanzengesellschaft prägenden Holzgewächse erforderlich, wobei im Allgemeinen eine Mindesthöhe von ca. 3-5 m gefordert wird. Dieser die Erdoberfläche bedeckende Wald bildet einen dreidimensionalen Raum, in dem er die dortigen klimatischen Verhältnisse gestaltet und prägt. So ist es im Wald fast stets annähernd windstill, es ist stets schattig, es herrschen stets ausgeglichene Temperaturen sowohl im Tagesverlauf, als auch im Verlauf der Jahreszeiten, und es gibt stets eine hohe Luftfeuchtigkeit. Ebenso ist der vom Wald geschaffene Boden stets feucht und kühl. Dieser vom Wald geschaffene Klimaraum ist Lebensraum der meisten Pflanzen- und Tierarten. Somit ist die Biosphäre (58) weitgehend mit dem vom Wald geschaffenen Klimaraum identisch, und dieser Klimaraum enthält im Wesentlichen die Biodiversität (59). Entfernt man den Wald, verschwindet mit ihm dieser vom Wald geschaffene Klimaraum, und es verschwinden sämtliche in diesem Klimaraum lebenden und von diesem abhängigen Pflanzen- und Tierarten, womit wir beim Thema des aktuellen Massenaussterbens (60) angelangt sind. Mit der großflächigen Entfernung von Wald verändern sich mit den Vegetationszonen die Klimazonen. Eine globale Folge großflächiger Entwaldung ist, daß es im Inneren der Kontinente trockener wird, und wo vormals Wälder waren, bilden sich Wüsten (61). Da Wald aktiv sein eigenes Klima in dem von ihm geschaffenen Klimaraum gestaltet, kann sich Wald bei Verschlechterung der klimatischen Bedingungen an den Trockengrenzen und Kältegrenzen erstmal noch halten und bildet dort Reliktwälder. Werden diese Reliktwälder durch den Menschen entfernt, können diese dort unter den verschlechterten klimatischen Bedingungen nicht wieder neu entstehen. Insbesondere an den Trockengrenzen und Kältegrenzen erfolgt dann ein schneller Bodenverlust. 

 

Entwaldung hat die Zerstörung der Böden zur Folge, da Böden mit fruchtbarem Humus nur unter der natürlichen Pflanzenbedeckung entstehen können (62). Die Folge von Entwaldung ist die Zerstörung des Bodens durch Bodenerosion (63) und Bodendegradation (64). Jährlich gehen weltweit infolge zerstörerischer Landbewirtschaftungsmethoden ca. 24 Mio. Tonnen Boden verloren, sodaß weltweit die landwirtschaftlich nutzbare Fläche permanent abnimmt, während gleichzeitig die Weltbevölkerung rasant weiter zunimmt. Die rasant voranschreitende globale Zerstörung der Böden ist eins der größten ökologischen Probleme, noch vor dem sogenannten „Klimawandel“. Bodenschutz ist für das Leben der Menschen wichtiger als Klimaschutz. Boden ist eine nicht erneuerbare Ressource, die nicht künstlich hergestellt werden kann. Boden kann nur in langen Zeiträumen von vielen tausend Jahren mithilfe einer natürlichen Pflanzenbedeckung neu entstehen. 

 

Die waldfreie subarktische Tundra der subpolaren Klimazone wird im Skandinavischen Gebirge “Kahles Fjell” genannt, doch auch hier wachsen Bäume wie z.B. Zwergbirken (65) und Weiden (66), die Bestandteile der Pflanzengesellschaften der subarktischen Tundra sind. Diese Bäume werden jedoch kaum höher als knöchelhoch, und sie schmiegen sich kriechwüchsig dem Boden an, weswegen sie nicht „Wald“ genannt werden, obwohl sie oft große Flächen bedecken und dichte und geschlossene Bestände bilden. Ihre Laubblätter sind winzig und meist kleiner als 1 cm. Hebt man die kriechwüchsigen Stämmchen dieser Bonsaiformen etwas vom Boden an, wird deutlich, daß diese durchaus Längen von mehr als einem Meter erreichen können. Mithilfe des Kriechwuchses können diese Bäume die extremen winterlichen Klimabedingungen im langen Winter der subarktischen Tundra unter der schützenden Schneedecke überdauern, während oberhalb der Schneebedeckung sich in der kahlen subpolaren Landschaft Schneestürme ungehindert entfalten können, wobei jegliche Vegetation oberhalb der schützenden Schneedecke der Abrasion durch die vom Wind mitgeführten Schneekristalle ausgesetzt ist, deren Wirkung ähnlich der eines Sandstrahlgebläses ist. 

 

Bei einer geringfügigen Erhöhung der Jahresdurchschnittstemperaturen beginnen diese kriechwüchsigen Bonsaiformen insbesondere in der Nähe der Baumgrenze wieder höhere Stämme auszubilden, die die winterliche Schneedecke überragen. Faktisch ist die Vegetation der subpolaren Klimazone der subarktischen Tundra zu großen Teilen ein Pionierwald (67) im Wartezustand, der bei geeigneten Klimabedingungen sofort in die Höhe wachsen kann, um einen hohen Wald zu bilden. Tatsächlich gab es schon während des postglazialen Klimaoptimums in Skandinavien überall dort, wo heute Tundra ist, borealen Nadelwald. Einige Reliktbestände dieses ehemaligen borealen Nadelwaldes des postglazialen Klimaoptimums haben sich sogar in der rezenten Tundra des kahlen Fjells über Jahrtausende hinweg bis heute erhalten. Ein bekanntes Beispiel ist die Fichte „Old Tjikko“ (68) auf dem Fulufjell. 

 

 Bei unseren Touren über das Fjell kann man diese faszinierende subarktische Landschaft kennenlernen. Ein besonderes Erlebnis sind solche Touren im Winter, die auf dem kahlen Fjell den Charakter von Polarexpeditionen haben können. Mit einem Pulka (69) kann man dort in diesen einsamen Winterlandschaften wochenlang unterwegs sein. 

 

6. „Friluftsliv“, Erlebnispädagogik und Naturschutz 

Solche Themen sind stets Thema meiner Touren, die den Charakter von naturkundlichen Exkursionen haben. Insbesondere die Touren des Tourenveranstalters „Rucksack-Reisen“ sind für die Umsetzung naturerlebnispädagogischer und umweltpädagogischer Konzepte ideal und prädestiniert. Die Tourenteilnehmer sollen nicht nur eine erlebnisreiche Tour haben, sondern zugleich soll ihnen die Möglichkeit gegeben werden, etwas über die faszinierende Natur und die abwechslungsreichen Naturlandschaften lernen zu können. 

 

Wir leben heute zunehmend naturentfremdet in künstlichen, urbanen Umwelten und virtuellen Realitäten des digitaltechnischen Zeitalters, die unsere Wahrnehmungen, Erlebnisse und Erfahrungen prädisponieren, prägen und formen. Die urbane Lebensweise ist gleichermaßen von Naturentfremdung, Körperentfremdung und Bewegungsmangel geprägt. Durch jahrzehntelange autogerechte Planung (70) sind unsere Städte heute unwirtlich, laut, hektisch, aggressiv und häßlich. Die architektonische Gewalt der urbanen Planungslandschaften präformiert die urbane Gesellschaft. In den urbanen Ghettos werden die Menschen verwaltet, überwacht und kontrolliert. Die Konsumkultur produziert und vermarktet Ablenkungen, Zerstreuungen und seichte Vergnügungen, und permanent unterliegen wir der Beeinflussung und der Manipulation durch Massenmedien einer Massengesellschaft. Die Fähigkeit und Bereitschaft zum Alleinsein und zur Einsamkeit, zur Ruhe und Stille, zur Selbstfindung, zur Reflektion und zum Nachdenken ist verloren gegangen. In einer permanent beschleunigten Gesellschaft durchhasten wir automobil die Landschaften, die abgeschirmt von unseren sinnlichen Wahrnehmungen lediglich durch die Windschutzscheibe flüchtig zur Kenntnis genommen werden. Jegliche Intensität und Authentizität der Wahrnehmung und Erfahrung von „Welt, „Natur“ und „Wirklichkeit“ ist in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft verloren gegangen, und dies erreicht nun im angebrochenen digitaltechnischen Zeitalter gänzlich neue Ausmaße, Intensitäten und Qualitäten der Entfremdung des Menschen. 

 

Uns wird erzählt, das Zeitalter der Entdeckungen sei vorbei, alle Berge seien bestiegen, alle Kontinente, Ozeane, Polargebiete, Wüsten und Wälder seien durchquert, alle Flüsse befahren, und es gäbe nichts Unbekanntes mehr zu erforschen, wir könnten uns nur noch auf schon vielfach begangenen Pfaden bewegen und uns ein Bild der Welt standardisiert und vorgefertigt von den Medien, insbesondere dem Fernsehen, bequem im Sessel präsentieren lassen. Doch der Drang, zu entdecken, zu erforschen, zu hinterfragen, Herausforderungen zu suchen, selbst zu sehen und zu begreifen, eigene Erfahrungen zu sammeln, Erkenntnisse zu erlangen und diese zu kommunizieren, das ist alles unmittelbarer und integraler Bestandteil unseres Menschseins, sodaß wir uns immer wieder neu auf Entdeckungsreisen begeben und Herausforderungen in der Natur suchen. 

 

In einer Zeit, in der technisch alles machbar und erzwingbar erscheint, in der die Natur und auch die Natur des Menschen und die Gesellschaft als technisch beherrschbar, als kontrollier- und steuerbar gelten, in der wir gewohnt sind, zum Erreichen von Zielen die Gewalt der technischen Mittel zu steigern, als ein Denken und Handeln in Alternativen zuzulassen, in der wir energieressourcenaufwendig bequem und klimatisiert in Rekordzeit in alle entlegenen Winkel der Welt reisen können und uns in T-Shirt, Shorts und Flipflops in atemberaubende und schwindelerregende Höhen der Berge liften lassen können, eröffnet ein Zurück zum menschlichen Maß, zu selbstgesetzten Herausforderungen "by fair means", aus eigener Kraft möglichst ohne technische Hilfsmittel neue Möglichkeitsräume für das persönliche Abenteuer. 

 

Für den geo- und biowissenschaftlich sowie historisch-anthropologisch Kundigen ist die Landschaft ein aufgeschlagenes und zu lesendes Geschichtsbuch, und der Boden ein Archiv der Geschichte der Erde und des Lebens, der Natur und der Menschheit. Doch die Landschaft zu „lesen“ vermag nur der, der sich darum bemüht und diese nicht mit Ignoranz durchhastet. Eine geeignete, entschleunigte Form des Reisens und ein angemessener, durch Unmittelbarkeit bestimmter Reisestil ist eine Voraussetzung, wie es z.B. Wandern und Trekking, Fahrradreisen und Reisen mit dem Kanu ermöglichen. Die Reiseart und die Fortbewegungsform sind ebenso wie der Aufenthalt in der Natur zu allen Tages- und Jahreszeiten zugleich wesentliches Wahrnehmungsmittel sowie Erfahrungs- und Erkenntnismethode. Diese methodische Praxis hebt zugleich ein Stück weit die Entfremdung des modernen Menschen von der Natur auf. 

In wesentlichen Teilen kann diese methodische Praxis auf Fridtjof Nansen und das durch ihn populär gewordene Konzept des „Friluftsliv“ (Freiluftleben) zurückgeführt werden. Vor dem Hintergrund der soeben erfolgten Zivilisationskatastrophe des Ersten Weltkrieges, der zur “Urkatastrophe” des (extremen) 20. Jahrhunderts wurde, stellt der Polarforscher und Diplomat Fridtjof Nansen in seinem Buch „Friluftsliv“ (Freiluftleben) (71) in Anlehnung an den Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) mit „Friluftsliv“ sein Konzept eines einfachen, naturverbundenen Lebens vor, das dazu beitragen soll, die geistigen Grundlagen und Werte der europäischen Kultur zu erneuern. 

 

„Friluftsliv“ (72), das Leben in und mit der Natur zu jeder Jahreszeit, ist mit Konzepten von Outdoor und Natursport (73), Trekking (74) und Expedition (75), Bushcrafting (76) und Survival (77) nicht in Gänze identisch. „Friluftsliv“ ist mit Erlebnispädagogik und mit Wildnispädagogik kompatibel. Erlebnispädagogik (78) beinhaltet Aktivitäten in der Natur mit hohen Anforderungen an die Persönlichkeit, wobei die unmittelbare persönliche Erfahrung mit Abenteuer (79) und Wagnis (80) verbunden sind. Dabei wecken Aktivität, Unmittelbarkeit, Spannung, Emotionalität, Abwechslung und Authentizität außergewöhnliche Emotionen. Im Gegensatz zu Ereignissen ergeben sich Erlebnisse nur aus dem subjektiven Erleben und der individuellen Ansicht des einzelnen Menschen. Einzelne Situationen werden erst zu Erlebnissen, wenn sie vom Betrachter als etwas Besonderes und Außeralltägliches wahrgenommen werden. Ziele von Erlebnispädagogik sind Persönlichkeitsbildung (81), Charakterschulung, die Entwicklung von Verantwortungsbewußtsein, Wagnisbereitschaft und Mut (82), einschließlich des Mutes, sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung anderer zu bedienen (83). 

 

Wildnispädagogik (84) bezweckt die Förderung von Erkenntnissen (85) und Verhaltensweisen im Umgang mit Natur. Es geht darum, den Sinn des schonenden Umgangs mit den Ressourcen der natürlichen Umwelt zu verstehen und ihre Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen. Anliegen der Wildnispädagogik ist es, den Zugang zur ursprünglichen Natur wieder zu eröffnen. Ziel ist die Förderung der Achtsamkeit gegenüber dem Leben, die Schaffung von Verständnis für die komplexen Zusammenhänge in ökologischen Systemen und die Entwicklung einer Verbundenheit von Mensch und Natur. Wildnispädagogik vermittelt Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Techniken, die einen Aufenthalt in der Natur, in Naturlandschaften und in der Wildnis ermöglichen. Wildnispädagogik ist Bestandteil von Umweltbildung (86) und fördert die Entwicklung von Umweltbewußtsein (87). Im Erleben und im Eingebundensein in die Natur wächst das Gefühl der Verbundenheit mit der Natur. So kann intensives Naturerleben einen nachhaltigen, naturverträglichen Lebensstil fördern. 

 

„Friluftsliv“ ist das Leben in und mit der freien Natur, das Leben und Lernen in, von und mit der Natur sowie durch die Natur mittels Naturerlebnis, unmittelbarer Naturerfahrung, der Bewältigung selbstgesetzter Herausforderungen alleine oder gemeinsam mit anderen jenseits des Konkurrenzprinzips, „by fair means“ aus eigener Kraft und weitestgehend ohne technische Hilfsmittel. Im Zentrum steht das einfache Leben, die Harmonie mit der Natur und das Bemühen, Verständnis für die Natur zu entwickeln, was nur in der Natur gelingen kann, sodaß Verantwortungsbewußtsein für die Natur entstehen kann. 

 

Der Polarforscher Fridtjof Nansen trug zur Popularität von Skifahren und „Friluftsliv“ bei, und er nannte „Friluftsliv“ das „freie, einfache Leben, in frischer Luft, das uns das Privileg wiedergibt, das zu tun, was die ursprüngliche Bestimmung des Menschen ist.“ Doch „Friluftsliv“ entzieht sich einer einheitlichen, allgemeinverbindlichen Definition, seine kulturgeschichtlichen Grundlagen sind überaus vielschichtig und heterogen und sie verweisen unter anderem auf Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) (88), Henry David Thoreau (1817-1862) (89) und Arne Næss (1912-2009) (deep ecology) (90). 

 

Es werden ein Stück weit die Grenzen aufgehoben und überschritten, die unsere Kultur durchdringen und bestimmen: Die Grenzen des Dualismus einer einerseits vom Menschen geschaffenen technischen Zivilisation und ihrer künstlichen, nach 

monofunktionaler Zweckrationalität und „instrumenteller Vernunft“ (91) gestalteten Umwelt, sowie einer zurückgedrängten, dem Menschen nur noch äußerlichen, ihn nicht mehr unmittelbar berührenden, ihm zunehmend fremden Natur, die nur noch als auszubeutendes Rohstofflager wahrgenommen und begriffen wird, die einer fortschreitenden technischen Durchdringung der Welt immer mehr weichen muß und die in Reservate abgedrängt wird. In unserer technischen Zivilisation, in der technisch alles machbar und erzwingbar erscheint, in der die Natur und auch die Natur des Menschen und die Gesellschaft als technisch beherrschbar, als kontrollier- und steuerbar gelten, in der sich die Beherrschung und Ausbeutung der Natur in der Beherrschung und Ausbeutung des Menschen fortsetzt, in der wir gewohnt sind, zum Erreichen von Zielen die Gewalt der technischen Mittel zu steigern, als ein Denken und Handeln in Alternativen zuzulassen, eröffnen sich in der Einsamkeit der Natur Räume der Freiheit. 

 

Die Entfremdung von der Natur ist eine Entfremdung von unserem blauen Planeten als einem lebenden dynamischen System, mit dem der Mensch über einen gemeinsamen evolutions-ökologischen Prozeß aufs Engste verbunden ist, und was von unserem modernen, geodynamisch fundierten evolutions-ökologischen Weltbild zum Ausdruck gebracht wird. 

 

Die meisten Menschen leben heute naturentfremdet in künstlichen, urbanen Umwelten und virtuellen Realitäten, sodaß unsere Touren ein unmittelbares Naturerlebnis bieten und Naturerfahrung ermöglichen. Ich bin davon überzeugt, daß Naturschutz (92) nur dann gelingen kann und Erfolg haben kann, wenn die Menschen die Schönheiten (93) der Natur selbst kennenlernen können und die Erhabenheit (94) der Landschaften unmittelbar selbst erleben können und auf dieser Grundlage die Zusammenhänge und Interdependenzen in der Natur zu begreifen und zu verstehen lernen. Dafür sind abenteuerliche Outdoortouren mit Expeditionscharakter sowohl ein exzellentes natur- und umweltpädagogisches Konzept, als auch ein exzellentes erlebnispädagogisches Konzept, und sie sind zudem ein Bestandteil eines demokratischen Naturschutzkonzeptes. 

 

Naturschutz kann nicht gelingen, wenn die Menschen aus der Natur ausgegrenzt werden und sie keine Möglichkeit zum Naturerlebnis haben und sie stattdessen genötigt werden, sich ausschließlich in künstlichen Umwelten unwirtlicher und häßlicher urbaner Ghettos aufzuhalten, wo sie verwaltet, überwacht und kontrolliert werden und dort von unserer Konsumkultur mit Ablenkungen, Zerstreuungen und seichten Vergnügungen beschäftigt und ruhig gestellt werden. Die Landschaften werden zunehmend nach den Interessen der industriellen Land- und Forstwirtschaft umgestaltet, deren sterile und gleichförmige Monokulturen sich weltweit rasant ausweiten, und Naturschutz kann nur in kleinen verbleibenden Nischen und Reservaten stattfinden. Der Ökologe und Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf stellt in seinem Buch: „Naturschutz – Krise und Zukunft“ fest: „Naturschützerische Einschränkungen halten die Menschen heute eher von der Natur fern, anstatt sie dazu einzuladen, sich ihr interessiert zuzuwenden. (…) Der Mensch gilt (…) als Belastung für die Umwelt, er stört die natürliche Harmonie. Deshalb müssen wir von ‚der Natur‘ getrennt werden. (…) Wie brauchen einen Naturschutz, der ein Miteinander von Menschen und Natur zum Ziel hat“ (95). Beim Naturschutz konkurrieren autoritäre Konzepte, die Mensch und Natur als unvereinbare Gegensätze begreifen und die die Menschen aus der Natur ausgrenzen wollen, mit demokratischen Konzepten, die die Menschen einbeziehen wollen. Während überall die Natur auf den Begriff einer „Res extensa“ reduziert (96) wird, Natur zweckrational umgestaltet, reguliert, planiert, verbaut und zerstört wird und sich sterile und gleichförmige Monokulturen rasant ausweiten, errichtet autoritäre Naturschutzpraxis in wenigen kleinen Naturschutzgebieten ein Regime, das die Menschen als Bedrohung gängelt, einschränkt und ausgrenzt, sodaß Natur zu einem dem Menschen entfremdeten musealen Ausstellungsstück von Seltenheitswert wird. 

 

Demokratische Naturschutzkonzepte setzen hingegen den allgemeinen und weitgehend uneingeschränkten Zugang zur Landschaft und zur Natur voraus, aus der die Menschen nicht ausgesperrt werden dürfen. Der Zugang zur Landschaft und der Aufenthalt in der Natur sind ein Menschenrecht. In Skandinavien wird der Zugang zur Landschaft und der Aufenthalt in der Natur durch das Jedermannsrecht (97), einem alten Gewohnheitsrecht gewährleistet. Naturerlebnispädagogik ist dabei eine Methode, den naturentfremdeten Menschen unserer Konsumkultur der fortgeschrittenen Industriegesellschaft einen Zugang und Kontakt zur Natur mit persönlicher Naturerfahrung und einem unmittelbaren und unverfremdeten Naturerlebnis zu ermöglichen. Der Gegensatz Mensch – Natur wird damit ein Stück weit aufgehoben, sodaß ein Naturverständnis und eine Einsicht in Zusammenhänge und Interdependenzen erlangt werden kann. Ich bin davon überzeugt, daß nur derjenige, der die Natur selbst kennen gelernt hat und ihre Zusammenhänge und Interdependenzen verstehen gelernt hat, diese auch wirksam schützen kann. Nur mithilfe demokratischer Naturschutzkonzepte besteht die Chance und die Möglichkeit, daß sich die Idee des Naturschutzes ausweitet, diese die gesamte Gesellschaft durchdringt und als Leitbild sämtliche gesellschaftlichen Bereiche gestaltet: Unsere Städte, Gärten und Parkanlagen, die Landwirtschaft, die Wälder und die Gewässer. 

 

7. Monokulturen und Biodiversitätskrise im Anthropozän 

Das schwedisch-norwegische Grenzland im Bereich des Skandinavischen Gebirges ist aufgrund des rauen Klimas mit kurzen und kühlen Sommern und langen Wintern, der bergigen Höhenlagen und der kargen, oft steinigen Böden nur sehr dünn besiedelt. So beträgt die Bevölkerungsdichte auf dem Gebiet der Gemeinde Älvdalen (98), auf dem sich der Ort Idre befindet, ein Einwohner pro Quadratkilometer. Zum Vergleich beträgt die durchschnittliche Einwohnerzahl der Provinz Dalarnas län (99) 9,5 Einwohner pro qkm, die vom gesamten Schweden 21 Einwohner pro qkm und die von Deutschland 226 Einwohner pro qkm. In den kleinen, verstreut in den einsamen Wäldern liegenden Dörfern wurde früher Almwirtschaft betrieben, doch heute ist hier kaum mehr eine konkurrenzfähige Landwirtschaft möglich, zumal in den kurzen, kühlen und feuchten Sommern häufig die Heuernte schlecht ausfiel. So verbleibt die Forstwirtschaft. Auch in Skandinavien prägen heute große, sterile und gleichförmige Kiefern- und Fichtenmonokulturen das Erscheinungsbild des Waldes. 

 

Es stellt sich die Frage, warum in Europa großflächige und gleichförmige Kiefern- und Fichtenmonokulturen dominieren und nicht natürliche, standortgerechte Mischwälder, die sich dort im Zuge einer natürlichen Sukzessionsfolge (100) als Klimaxvegetation etablieren würden. Das Erscheinungsbild des Waldes änderte sich durch die Einwirkungen des Menschen erheblich im Laufe der Zeit, was die Geschichte des Waldes aufzeigt (101). Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im Zuge der Entstehung der modernen Forstwirtschaft (102) aus forstwirtschaftlichen Erwägungen heraus großflächige Kiefern- und Fichtenmonokulturen angelegt, die auch heute noch überwiegend das Erscheinungsbild des Waldes prägen. Anstatt auf natürlichen Wald als einer artenreichen Biozönose (103) treffen wir somit heute überall auf artenarme Monokulturen (104) forstwirtschaftlicher Nutzholzplantagen (105), die sich durch sehr geringe Biodiversität auszeichnen. Mit Ausnahme einiger Naturschutzgebiete besteht auch im Skandinavischen Gebirge heute der Wald nahezu vollständig aus gleichförmigen Kiefern- und Fichtenmonokulturen. Die sich weltweit permanent ausdehnenden Monokulturen der industriellen Land- und Forstwirtschaft sind die Hauptursache des globalen Verlustes an Biodiversität und des aktuellen rasanten Artensterbens (106). Im gegenwärtigen Erdzeitalter des Anthropozän (107) ereignet sich derzeit das sechste Massenaussterben (108) der Erdgeschichte; dieses Massenaussterben ist irreversibel, und es ist anders als der sogenannte „Klimawandel“ das größte ökologische Problem. 

 

 Wie dargestellt ist das Klimageschehen hochgradig komplex mit einer kaum zu überblickenden Vielzahl von Interdependenzen und mikroklimatischen landschaftlichen Differenzierungen, und diese wandeln sich auf unserem dynamischen Planeten permanent, wie auch die Klimageschichte (109) aufzeigt. Insbesondere besteht eine wechselseitige Interdependenz zwischen Klima und Vegetation, wie Alexander von Humboldt hervorgehoben hat. Die gegenwärtige Debatte um das Thema des sogenannten „Klimawandels“ vollzieht jedoch eine doppelte Reduktion des komplexen Themenzusammenhangs: Zum Einen wird die komplexe Vielfalt der ökologischen Krisen auf ein einziges Thema reduziert: den sogenannten Klimawandel. Zum Anderen wird die hochgradige Komplexität und Interdependenz des Klimageschehens auf einen einzigen Faktor reduziert: den sogenannten Treibhauseffekt. Zweifellos war die Ökologiedebatte und die Ökologiebewegung vor dem Einsetzen der Kampagne (110) um den sogenannten Klimawandel in Analyse und Praxis erheblich weiter fortgeschritten. 

 

Die Kritik an der industriellen Forstwirtschaft und der durch sie bewirkten Umwandlung der Wälder in monotone, gleichförmige und artenarme Nutzholzplantagen mit sehr geringer Biodiversität ist erforderlich, denn die forstindustrielle Umwandlung artenreicher natürlicher Wälder in gleichförmige und monotone Nutzholzplantagen schreitet weltweit weiter voran, wobei die industrielle Forstwirtschaft „Wald“ als eine Ansammlung von Holzgewächsen begreift, die sich zweckrational ausschließlich über den Nutzholzertrag in Kubikmeter pro Hektar und Jahr bemessen und quantifizieren läßt, und dem Wald als Ökosystem keinerlei Bedeutung und Wert zukommt. So sind die sogenannten „Waldschäden“ wie Borkenkäferplagen, großflächiger Windbruch und Waldbrandgefahr überhaupt erst ein Produkt der Bewirtschaftungsmethoden der modernen industriellen Forstwirtschaft und der durch sie geschaffenen gleichförmigen und sterilen Nadelholz-Monokulturen, doch die industrielle Forstwirtschaft leugnet einen Kausalzusammenhang, was auch beim Wikipedia-Artikel zum Thema „Waldschäden“ (111) deutlich wird. 

 

Warum expandieren weltweit die gleichförmigen und sterilen Monokulturen der industriellen Forstwirtschaft auf Kosten naturnaher artenreicher Wälder? In der Industriegesellschaft werden sowohl die Natur, als auch die Gesellschaft gemäß instrumenteller Vernunft zweckrational zugerichtet und in sterile, gleichförmige Monokulturen umgewandelt, und jegliche Vielfalt geht dabei verloren (112). Die fortgeschrittene Industriegesellschaft hat das Ziel, permanentes Wirtschaftswachstum zu erzwingen, wofür sämtliche Bereiche der Gesellschaft zugerichtet und gleichgeschaltet werden. Mit der permanenten Ausweitung des Konsums verbunden ist ein permanent wachsender Verbrauch von Rohstoffen und eine permanent wachsende Verschwendung von Energieressourcen mit der Folge sich ausweitender Naturzerstörungen. Ebenso wird im auf Hochtouren laufenden industriellen Produktionsprozeß die menschliche Arbeits- und Lebenszeit verschwendet. Immer weitere gesellschaftliche Bereiche werden ökonomischem Kalkül unterworfen, zweckrational zugerichtet und gemäß instrumenteller Vernunft gleichgeschaltet und industrialisiert. 

 

Die alternativlose Notwenigkeit permanenten Wirtschaftswachstums ist nicht nur Produkt einer Medienkampagne, es ist vielmehr die Grundlage nahezu jeglicher wirtschaftlicher und politischer Theorie und Praxis (113). Nur durch permanentes Wirtschaftswachstum, das im Allgemeinen in Form des Bruttosozialprodukts (BSP) gemessen wird, entsteht nach allgemeiner Auffassung Wohlstand und Lebensqualität, und diese messen sich in der Menge der konsumierbaren Industrie-Produkte und Waren. In der Konsumgesellschaft (114), die zugleich eine Wegwerfgesellschaft ist, werden die Menschen auf die Rolle und Funktion von Konsumenten standardisierter Industriefertigprodukte reduziert, und es verkümmert ihre Kreativität und Initiative. Folge ist eine Konsumkultur, die durch Passivität und Bequemlichkeit, durch Ablenkungen, Zerstreuungen und seichte Vergnügungen, durch Besinnungs- und Reflektionslosigkeit geprägt ist. Die Konsumkultur verhindert, daß die Menschen nach dem Modell der Maslowschen Bedürfnishierarchie (115) die Ebene der Transzendenz erreichen. In der Konsumkultur bleiben sie Gefangene nicht reflektierter Leidenschaften und manipulierter Wünsche. Die Konsumkultur ist nach der Analyse des Sozialpsychologen Erich Fromm (1900-1980) (116) in seinem Buch: „Haben oder Sein“, das zu einem Klassiker der Konsumkritik geworden ist, vom Haben und nicht vom Sein bestimmt: „Wenn die Menschen jemals frei werden, das heißt dem Zwang entrinnen sollen, die Industrie durch pathologisch übersteigerten Konsum auf Touren zu halten, dann ist eine radikale Änderung des Wirtschaftssystems vonnöten“ (117). 

 

Der Umgang mit dem Rohstoff Holz in unserer Konsumgesellschaft entwertet diesen zu einem Wegwerfprodukt, und immer größere Mengen an Holz, die zu immer kurzlebigeren Produkten verarbeitet werden, müssen den Wirtschaftsprozeß passieren, um weiteres Wirtschaftswachstum der mit dem Rohstoff Holz verbundenen Branchen zu gewährleisten. Während früher überwiegend langlebige Holzprodukte hergestellt wurden, die über mehrere Generationen hinweg Bestand hatten, werden heute in unserer mobilen und mobilisierten, permanent beschleunigten Gesellschaft immer mehr und immer kurzlebigere Nutzungs- und Verwendungszwecke für den Rohstoff Holz entwickelt und erschlossen, überwiegend werden Wegwerfprodukte produziert, sodaß Massendurchsatz Qualität ersetzt. So führt die maschinisierte industrielle Forstwirtschaft neben der Zerstörung der Wälder als eines Ökosystems zu einer Entwertung des Rohstoffs Holz, und ein allgemeiner Bewußtseinswandel im Umgang mit dem Rohstoff Holz ist nicht erkennbar. 

 

Es besteht also auch hier ein Wachstumszwang (118), da sich in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft scheinbar sämtliche wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme durch permanentes Wirtschaftswachstum lösen lassen. Die ökologische Krise bildet hingegen eine Ausnahme, sodaß es seit Anfang der 70er Jahre eine Wachstumskritik (119) gibt. Das Konzept eines sogenannten „Grünen Wachstums“ (120) ist jedoch der Versuch, der Wachstumskritik auszuweichen und das Dogma des Wirtschaftswachstums zu retten. Erforderlich ist eine stationäre Wirtschaft (121) im Sinne von Subsistenzwirtschaft (122). Wenn wir zukünftig naturnahe artenreiche Wälder mit hoher Biodiversität haben wollen, ist somit ein Abschied vom Dogma des Wirtschaftswachstums und ein anderer gesellschaftlicher Umgang mit dem Rohstoff Holz erforderlich. 

 

In den Naturschutzgebieten (123) im Skandinavischen Gebirge wird keine Forstwirtschaft betrieben, sodaß die natürliche Vegetation dort erhalten ist. Hier kann man einen Eindruck davon gewinnen, wie naturbelassene Wälder mit mehrhundertjährigen Bäumen im Gegensatz zu den gleichförmigen Monokulturen der industriellen Forstwirtschaft aussehen. 

 

8. Rewilding Europe

Freilebende Wildtiere sind nahezu überall auf der Welt eine Seltenheit geworden. 97% des Gesamtgewichts der auf dem Lande lebenden Wirbeltiere sind heute domestizierte Haus- und Nutztiere des Menschen (67%) und die Menschen selber (30%); freilebende Wildtiere bilden lediglich nur noch 3% der lebenden Wirbeltier-Biomasse auf dem Land (124). Hauptgrund sind die sich permanent ausweitenden Monokulturen in der Land- und Forstwirtschaft sowie die industrielle Massentierhaltung. Die im Prozeß der Domestikation (125) domestizierten Tiere und Pflanzen sind Kunstprodukte des Menschen, sie sind nicht Bestandteil des evolutions-ökologischen Prozesses, und innerhalb der Geschichte des Lebens auf dem Planeten Erde sind sie ortlos (126). Innerhalb der Menschheitsgeschichte (127) ist der Prozeß der Domestikation eine erst sehr junge Erscheinung, und er ist mit der Neolithischen Revolution (128) verbunden. Der Prozeß der Domestikation erfaßte nicht nur Tiere und Pflanzen, ganze Landschaften und Ökosysteme wurden domestiziert und umgestaltet. Auch der Mensch selber wurde vom Prozeß der Domestikation erfaßt und verändert (129). 

 

Aufgrund der Reliefunterschiede der bergigen Landschaft im Bereich des Skandinavischen Gebirges und der über die Baumgrenze, die in norra Dalarna je nach Geländeexposition bei 750 bis 900 m Höhe liegt, reichenden Fjellgebiete bietet die Landschaft vielfältige Lebensräume in verschiedenen Klima- und Vegetationszonen. Zahlreiche freilebende Tierarten, die woanders in Europa verdrängt oder ausgestorben sind, finden hier noch weitgehend ungestörte Lebensräume. Sehr zahlreich sind die omnipräsenten Elche (130) und auch Rentiere (131), deren südliche Verbreitungsgrenze in Schweden bis nach Idre reicht. Sehr gering ist hingegen die Anzahl von Bären (132), Luchsen (133), Wölfen (134), Vielfraßen (135), Steinadlern (136) und Auerhühnern (137), und auch die Anzahl der wenigen Moschusochsen (138) ist sehr gering, die vor einigen Jahren vom Dovre Fjell in Norwegen abwanderten. Diese Population der Moschusochsen scheint zu gering zu sein, um dort dauerhaft Bestand haben zu können. Bei schrumpfenden Populationen geht genetische Vielfalt verloren (139), und bei sehr kleinen Populationen besteht die akute Gefahr des Aussterbens (140). 

 

In der Industriegesellschaft werden sämtliche Landschaften, die Natur und ebenso die Menschen und die Gesellschaft gemäß instrumenteller Vernunft zweckrational zugerichtet und in sterile, gleichförmige Monokulturen umgewandelt, und jegliche Vielfalt geht dabei verloren. Folge dieser zweckrationalen gleichförmigen Uniformierung und sterilen Gleichschaltung ist der feststellbare Verlust an Biodiversität, die Zerstörung der Biosphäre und das rasante Artensterben. In Europa gibt es heute nur noch wenige Gebiete, die als Wildnis (141) bezeichnet werden können, und einige von diesen befinden sich an der nördlichen Periferie Europas. Europaweit setzt sich die European Wilderness Society (142) für den Schutz von Wildnisgebieten und Naturlandschaften ein. Rewilding (143) ist ein ökologisches Konzept, das darauf abzielt, Naturlandschaften mit ihrer natürlichen Flora und Fauna zu erhalten und diese durch Renaturierung (144) wieder herzustellen und natürliche ökologische Prozesse im Sinne von Prozeßschutz (145) wieder herzustellen. 

 

Es reicht jedoch nicht aus, lediglich Naturschutzgebiete auszuweiten, selbst wenn diese 50% der Erdoberfläche umfassen sollten, wie es der Biologe Edward O. Wilson vorschlägt (146). Erforderlich ist vielmehr eine umfassende Renaturierung der gemäß instrumenteller Vernunft zweckrational zugerichteten und zunehmend monotonen und gleichförmigen Landschaften und eine Änderung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise, die damit einher gehen muß. Diese zukünftige Lebens- und Wirtschaftsweise muß so gestaltet sein, daß diese von dem primären Ziel, die natürliche Vielfalt und Biodiversität zu fördern, in Gänze durchdrungen ist. Dies bedeutet nichts anderes als eine entgegengesetzte Richtung der heutigen Entwicklungstrends, die auf eine Zerstörung jeglicher Vielfalt abzielen und gleichförmige und monotone Monokulturen schaffen. 

 

Renaturierungen verstanden als Prozeßschutz müssen nicht aufwändig und teuer sein, wenn sie von dem Konzept „Natur Natur sein lassen“ getragen werden. Das Konzept „Natur Natur sein lassen“ ist ein Leitbild des Naturschutzes, das im Nationalpark Bayerischer Wald entwickelt worden ist (147). Eingriffe in die Natur sollen zukünftig unterbleiben, und diese soll sich gemäß der natürlichen Sukzession zu einer Wildnis entwickeln. Das Konzept „Natur Natur sein lassen“ wird ebenfalls in den Nationalpark-Informationseinrichtungen des Biosphärenreservates (148) Wattenmeer (149) vorgestellt und vermittelt, wie z.B. im Nationalparkhaus „Wattwelten“ auf der Nordseeinsel Norderney. Den natürlichen Prozessen, der Dynamik, die jegliche Formen in der Natur schafft und erhält, soll der erforderliche Raum belassen werden, sodaß nicht versucht wird, die Natur zweckrational zuzurichten und dafür ihre Prozeßdynamiken zu unterdrücken, wie es ingenieurtechnische Maßnahmen der Landschaftsverbauung und Regulierung praktizieren, sondern vielmehr sollen diese natürlichen Prozeßdynamiken verstanden und erhalten werden, sodaß der Mensch sich diesen mit seiner Lebens- und Wirtschaftsweise anpaßt. 

 

Die Individuenzahl vieler Wildtierpopulationen ist geringer, als die einsamen Naturlandschaften an der nördlichen Periferie Europas und im skandinavischen Bergland es erwarten lassen, obwohl sich Schweden in den Darstellungen der Tourismuswerbung als ein Naturparadies präsentiert. So beträgt in Schweden die Zahl der Bären ca. 3200, der Luchse ca. 1500 und der Wölfe ca. 250 Individuen. Dagegen tummeln sich in schwedischen Wäldern annähernd 500.000 Elche, sodaß statistisch betrachtet etwa ein Elch auf 20 Schweden kommt. Einen nicht unwesentlichen Einfluß auf diese Bestandszahlen hat die zahlreiche Lobby der Jäger. Die Jagd ist in Schweden populär, und jährlich erlegen die Jäger in der zweiwöchigen Jagdsaison im September ca. 100.000 Elche, doch die Zahl der Elche nimmt trotzdem weiter zu. Wölfe, Luchse und Bären sind die natürlichen Konkurrenten der gefüllten Kühltruhen der Jäger, sodaß deren Anzahl klein gehalten wird. Doch auch die traditionell von Rentierhaltung lebenden Samen (150) haben ein Interesse an geringen Bestandszahlen der Raubtiere. Immerhin leben in Lappland (151) bzw. Sápmi (152) – ein Gebiet, das sich im Norden Europas über die Territorien von Norwegen, Schweden, Finnland und Rußland (Karelien) erstreckt – etwa 500.000 Rentiere. So besteht in Europa die anachronistische Situation, daß es in mehreren dichtbesiedelten Ländern, wie z.B. Italien und Spanien, aber auch kleineren Nachbarländern wie Estland, Lettland und Litauen, oder ärmeren Ländern wie Rumänien, Bulgarien, Serbien und Albanien z.B. für Wölfe mehr Lebensraum gibt, als in Schweden. 

 

Die südliche Verbreitungsgrenze der Rentiere reicht in Schweden bis in die Region von Idre. Auf den benachbarten Fjellgebieten des Nipfjäll und am Städjan, sowie den angrenzenden Wäldern und oft auch entlang der Landstraßen lassen sich häufig größere Herden von z.T. mehr als 100 Rentieren beobachten. Während die Sommerweidegebiete der Rentiere oberhalb der Waldgrenze auf dem kahlen Fjell liegen, wandern die Rentierherden zum Winter hinab in die geschützten und bewaldeten Tallagen. Entsprechend der Verbreitung der Rentiere reichen die Siedlungsgebiete der Samen, deren Lebens- und Wirtschaftsweise traditionell eng mit der Nutzung der Rentiere verbundenen ist, ebenfalls bis nach Idre (153). 

 

Die Samen sind ein indigenes Volk (154), das im Norden von Fennoskandinavien (155) am Rande der Arktis in Lappland bzw. Sápmi lebt. Ursprünglich waren die Samen ein nomadisch lebendes Jägervolk, das vor allem von der Jagd auf das Wildren lebte. Heute gibt es im gesamten Lappland (Sápmi) keine Wildrene mehr. Freilebende, wilde Rentiere gibt es in Europa heute nur noch etwa 25.000 im südlichen Norwegen, davon ca. 10.000 auf der Hardangervidda. Daß es heute im gesamten Lappland (Sápmi) keine Wildrene mehr gibt, ist eine Folge der Kolonisierung und Aufteilung von Lappland (Sápmi) durch die Staaten Norwegen, Schweden und Rußland (156). Diese Staaten erhoben von den Samen Steuern und Zwangsdienste, und die Samen gingen in der frühen Neuzeit von der vormaligen Rentierjagd zur bis heute praktizierten Rentierhaltung über, wobei die Rentiere individueller und besteuerbarer Besitz der einzelnen Samen sind. Bis ins 18 Jahrhundert waren diese Rentierherden kleiner als heute, sodaß die Gefahr einer Überweidung der Fjellgebiete durch die praktizierte Rentierwirtschaft (157) besteht. 

 

Das weiter südwestlich gelegene Fulufjäll als südlichstes schwedisches Fjellgebiet liegt südlich der Verbreitungsgrenze der Rentiere. Die Frage, warum auf dem Fulufjäll keine Rentiere vorkommen, obwohl offenkundig die naturräumlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind, wird kontrovers diskutiert, blieb jedoch bislang ohne zufriedenstellende Antwort. Das Fehlen der Rentiere ist sicherlich ein Grund dafür, daß auf dem Fulufjäll eine besonders artenreiche Moos- und Flechtenvegetation vorkommt. Im Jahre 2002 wurde der Nationalpark Fulufjäll (158) eingerichtet, der ein Areal von 40.000 ha umfaßt. Ein Naturpark-Informationszentrum (Naturum) in der Nähe des Wasserfalls Njupeskär bringt den Besuchern in museumspädagogisch exellent aufbereiteten Ausstellungen die Tier- und Pflanzenwelt des Fulufjälls nahe (159). 

 

Diese faszinierende Naturlandschaft bietet mit ihren schier endlosen Wäldern, einsamen Seen, Flüssen, Mooren und Fjellgebieten vielfältige, inbesondere auch touristische Potentiale. Bekannt wurde die Region Dalarna insbesondere durch die Reise des Naturforschers Carl von Linné durch Dalarna im Jahre 1734, der zuvor im Jahre 1732 das damals weitgehend unbekannte Lappland im Rahmen seiner Lappland-Expedition bereist hatte. 

 

9. Naturschutz und Tourismus als Bestandteile von Entspannungspolitik 

Noch im Mittelalter (160) gab es in Europa zwischen den Staaten keine Grenzlinien, wie wir sie heute kennen, sondern Grenzsäume und Grenzländer, die als „Mark“ (161) bezeichnet wurden. Diese Grenzregionen waren in der Vergangenheit häufig abgelegene, dünn besiedelte und strukturschwache Regionen mit Naturlandschaften und Wildnisgebieten, die oft den Charakter eines Niemandslandes (Terra nullius) (162) hatten. Im Mittelalter waren stehende Heere (163) weitgehend unbekannt, und in der Feudalgesellschaft (164) mußte der jeweilige Landesfürst und Lehnsherr (165) im Kriegsfall seine Vasallen (166) auffordern, ihrer Dienstpflicht nachzukommen. Im späteren Mittelalter waren Söldnerheere (167) mit Landsknechten (168) üblich. Der Personenverbandsstaat (169) der mittelalterlichen Feudalgesellschaft wandelte sich zur frühen Neuzeit (170) hin zum Territorialstaat (171). 

 

Der Saumcharakter der Grenzen des Mittelalters verschwand insbesondere im Zeitalter des Absolutismus (172) in der frühen Neuzeit. Der absolutistisch regierte Staat war bestrebt, seine politische Herrschaft nach innen und nach außen auszuweiten, und zu diesem Zweck war er bemüht, durch merkantilistische Wirtschaftspolitik (173) einschließlich der Gründung von Fernhandelskompanien (174) seine Steuereinnahmen (175) zu steigern, um den Staat effizient bürokratisch zu verwalten und insbesondere, um stehende Heere zu unterhalten. Es entstanden Grenzlinien, die vermessen, markiert und militärisch gesichert wurden, oft durch die Errichtung umfangreicher Fortifikationen (176). 

 

Im Zeitalter des Nationalismus (177) führte der Nationalstaat (178) zum Zweck der Machtbehauptung die Totale Institution der Allgemeinen Wehrpflicht (179) ein, die den Krieg zum Volkskrieg der mobilisierten Nation radikalisierte und die die totale und totalitäre Verfügung des Staates über die Bürger zur Folge hat. Zudem radikalisierte sich im Zeitalter des Nationalismus der trennende Charakter der in der frühen Neuzeit geschaffenen Grenzlinien des Territorialstaates, wobei durch Ethnische Säuberungen (180) das Ideal eines homogenen Nationalstaates realisiert werden sollte und die unerwünschten Bevölkerungsanteile und Minderheiten (181) denaturalisiert, d.h. unter Entzug der Staatsangehörigkeit (182) ausgebürgert und über die Grenzen abgeschoben wurden (183). 

 

In diesem neuzeitlichen Zeitalter der Staatenkonkurrenz grenzen sich die miteinander konkurrierenden Territorialstaaten gegeneinander ab und sie bedrohten sich gegenseitig militärisch. Die gegensätzlichen und konfligierenden Gebietsansprüche (184) der Territorialstaaten sind bis heute Ursache einer unübersehbaren Vielzahl von Territorialstreitigkeiten (185). 

 

Im Zeitalter des Imperialismus (186), das in zwei Weltkriegen kulminierte, entwarfen die Geografen Friedrich Ratzel (1844-1904) (187), Karl Haushofer (1869-1946) (188) und Otto Maull (1887-1957) (189) die Theorie des Staates als eines politischen “Raumorganismus”. Der Geograph Otto Maull beschreibt in seinem Buch: „Politische Grenzen“ im Jahre 1928 die „Grenze als ein in der Entwicklung begriffenes, sich im Grunde dauernd umbildendes Organ des Staatsorganismus, als eine Raumform des staatlichen Lebens (…). Es ist eine Zone, in der die Kräfte des Staates dauernd wirken, in der sie wechselnder Abschwächung und Verstärkung unterliegen, in der die Umbildung der Kraftverhältnisse schon einzusetzen vermögen, wenn eben etwa eine neue Grenze auf dem Papier festgelegt ist und noch ihrer Fixierung in der Landschaft harrt. Es ist so eine Zone des Kampfes in friedlichem, aber auch in blutigem Ringen, weil es eine Form des Lebens ist, und weil alles Leben Kampf ist, weil es – anders ausgedrückt - Werden und Vergehen, aber nicht Stillstand ist, wie Garantiepakte und Rechtsauffassungen wollen. Die Grenze ist geradezu der ‚Ausdruck der Bewegung‘ meint an anderer Stelle Ratzel. Nur zeitweise Perioden des künstlichen Stillstands der Linie gaukeln eine Konstanz, eine Kontinuität vor, die immer wieder aufgehen wird, denn in der Grenze spiegeln sich die Lebensregungen der Staaten, die in Beziehung zur Umwelt treten, wachsen, abnehmen, auch dahinsterben. Es sind die Lebensäußerungen eines Raumorganismus, der dementsprechend aber auch raumorganische, lebensfähige Grenzen verlangt, die als Glieder dem Ganzen dienen vermögen und keine starren Mauern oder gar nur fixe Linien sind, die den Staat in seinem Wachstum beengen, ihn in seinen Lebensregungen stören und ihm gar die Lebensfähigkeit rauben. Wer die Grenze darum als geographisches Wesen begreifen will, darf sie nicht loslösen vom Staate, aus ihrer Vereinzelung begreifen zu wollen, sondern muß sie aus den geographischen Forderungen des Staatsorganismus, aus seiner genetischen Entwicklung und seinen Landschaftsbedingungen und seinen Landschaftsansprüchen verstehen, als peripherisches Organ eines politischen Raumorganismus werten“ (190). 

 

Diese Theorie des Staates als eines politischen “Raumorganismus” ist Ausdruck des sozialdarwinistischen (191) Mainstreams, der das Denken im Zeitalter des Imperialismus in den unterschiedlichsten Bereichen prägte, und sie wurde zur Grundlage von Geopolitik (192). Die Theorie des Staates als eines politischen “Raumorganismus” kann als ein Beispiel für eine solche, mittlerweile glücklicherweise weitgehend überwundene geopolitische Staatenkonkurrenz aufgeführt werden. Allerdings blieben durch die Staatenkonkurrenz Naturpotentiale in Grenzregionen oft erhalten, da die Grenzregionen dünn besiedelt und strukturschwach blieben. Heute, im Zeitalter einer beginnenden Staatenkooperation, versuchen Länder vielfach gemeinsam, diese grenznahen Naturlandschaften durch Schutzprogramme zu erhalten und gleichzeitig einen naturverträglichen Tourismus zu fördern, der die Grenzregionen zu einem gemeinsamen und verbindenden Raum der Begegnung, der Mehrsprachigkeit, des kulturellen Austausches und der Völkerverständigung (193) werden läßt. Die insbesondere in der Neuzeit entstandenen Grenzlinien, an denen sich die Staaten gegenseitig abgrenzten und militärisch bedrohten, entwickeln sich so wieder zu Grenzräumen, aus denen sich die Staaten weitestgehend zurückziehen, in denen sie ihre Hoheitsrechte (194) zurückfahren und ihre Gebietsansprüche ruhen lassen. Hiermit gelangt der Wandel des Völkerrechts (195) weg von einem Recht souveräner Staaten und ihrer Interessen hin zu einem Recht der Menschen und der Menschheit zu einer manifesten Ausprägung. 

 

In Europa gibt es mittlerweile zahlreiche Beispiele für derartige gelungene und erfolgreiche Konzeptionen grenzübergreifender Kooperation in den Bereichen Naturschutz und Tourismus. Schon als Schüler hatte ich bei meinen zahlreichen Fahrradexkursionen von meinem damaligen Wohnort Mönchengladbach aus den Naturpark Maas-Schwalm-Nette (196) im Dreiländereck Deutschland, Niederlande und Belgien ausgiebig kennengelernt, und dieser ist Bestandteil einer Europaregion (197). Es ist eine der ersten Regionen in Europa, die vollständig durch ein ausgeschildertes Fahrradweg-Knotenpunktsystem erschlossen war. Die Anfänge dieses Naturparks gehen auf das Jahr 1965 zurück. Heute läßt sich dort nahezu nicht mehr erkennen, daß es hier früher einmal eine Grenze gegeben hat und daß es sich hier um ein ehemaliges Grenzgebiet handelt. Die gemeinsame Grenze der Niederlande und der Bundesrepublik Deutschland hat heute einen Charakter wie eine Grenze zwischen den Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland, die in der Landschaft nicht erkennbar ist. Die gemeinsame Grenzregion der Niederlande und der Bundesrepublik Deutschland kann sowohl als eine der ersten, als auch als eine der erfolgreichsten Konzeptionen grenzübergreifender Kooperation in den Bereichen Naturschutz und Tourismus in Europa gelten, und sie hat das Potential einer Modellregion für erfolgreiche Kooperation und Integration in Europa, von der sowohl Europa als auch andere Weltregionen lernen können. 

 

Mittlerweile gibt es weitere Beispiele grenzübergreifender Kooperation in den Bereichen Naturschutz und Tourismus in Europa. U.a. können aufgeführt werden der Nationalpark Bayerischer Wald/Sumava/Mühlviertel (198) als größtem zusammenhängendem Waldgebiet Mitteleuropas im gemeinsamen Dreiländereck von Bayern, Tschechien und Österreich, der Nationalpark Sächsische Schweiz/Ceské Svýcarsko (199) in der Grenzregion von Sachsen und Tschechien, der Naturpark Unteres Odertal (200) in der gemeinsamen Grenzregion der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland, der Karkonoski Park Narodowy in den Sudeten im polnisch-tschechischen Grenzgebiet, und der Naturpark Baltisches Seengebiet im Dreiländereck von Lettland, Litauen und Belarus, neben weiteren. 

 

Da die zunehmende Verinselung und Zerschneidung der naturnahen Bereiche in der Landschaft einen bedeutsamen Gefährdungsfaktor für viele Arten darstellt, ist es Ziel, die grenzübergreifenden Naturschutzgebiete zu einem länderübergreifenden Biotopverbund (201) als Bestandteilen eines europäischen Naturschutzgebietsnetzes zusammenzuführen, wobei Biotopverbundachsen von europäischer Dimension entstehen (202). Ein Austausch zwischen Populationen und eine Wanderung von Tieren zwischen den einzelnen Habitaten soll so ermöglicht werden. Ein Beispiel einer derartigen grenzübergreifenden Biotopverbundachse von europäischen Dimensionen ist das „Grüne Band Europa“ (203), das entlang des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ verläuft und an dem 24 Staaten in Europa beteiligt sind. Bestandteil des „Grünen Band Europa“ ist das „Grüne Band Deutschland“ (204). 

 

Die schwedisch-norwegische Grenzregion im skandinavischen Gebirge kann als ein weiteres gelungenes Beispiel für eine derartige grenzübergreifende Kooperation in den Bereichen Naturschutz und Tourismus hervorgehoben werden (205), die auch vom schwedischen Tourismusverband Svenska Turistföreningen (206) und vom norwegischen Tourismusverband Den Norske Turistforening (207) gefördert wird. Doch so friedlich, wie diese Region heute erscheint, war es auch hier im schwedisch-norwegischen Grenzgebiet nicht immer gewesen. 1905 drohte bei der Auflösung der schwedisch-norwegischen Union (208) ein bewaffneter Konflikt, der Dank des diplomatischen Engagements des Polarforschers und Diplomaten Fridtjof Nansen verhindert werden konnte (209). 

 

Die Geschichte der Ostseeregion (210), deren Bestandteil Skandinavien ist, ist geprägt von einer mehr als tausendjährigen Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in der Ostseeregion, und für diese wurde der Begriff „Domininum maris baltici“ (211) geprägt. Im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges (212) erlangte das Königreich Schweden (213) als Großmacht im nördlichen Europa das Domininum maris baltici. In diesem Zeitraum erweiterte das Königreich Schweden seinen Territorialbesitz in der Ostseeregion erheblich. Auch das damalige Königreich Dänemark-Norwegen (214) mußte im Frieden von Brömsebro (215) im Jahre 1645 Territorien an Schweden abtreten, darunter Jämtland, Härjedalen und auch den heutigen Nordwesten der Provinz Dalarna mit den kleinen Städten Idre und Särna. Im Finnskogszentrum in Lekvattnet in der Nähe der Stadt Torsby in Värmland, das Bestandteil des Värmlandsmuseum (216) ist, und das wir regelmäßig im Rahmen unserer mehrtägigen Kanutour „Abenteuer im Norden“ besuchen, ist dargestellt, daß im 17. Jahrhundert aufgrund der zahlreichen Kriege, die die schwedischen Könige damals führten, ca. ein Drittel der männlichen Bevölkerung eines jeden Jahrgangs ums Leben gekommen ist. Die schwedische Vorherrschaft in der Ostseeregion wurde im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) (217) durch das Kaiserreich Rußland (218) abgelöst. Aus dem Zeitraum des Zweiten Weltkrieges lassen sich noch heute vielerorts im schwedisch-norwegischen Grenzgebiet bauliche Relikte von Militäranlagen und Fortifikationen finden, u.a. beim Skogsmuseum "Lomkällan" bei Särna im Nordwesten von Dalarna. 

 

Es gilt zu hoffen, daß auch in anderen Weltregionen diese vielversprechenden grenzübergreifenden kooperativen Konzepte in den Bereichen Naturschutz und Tourismus aufgegriffen und umgesetzt werden, denn diese Konzepte grenzüberschreitender Kooperation in den Bereichen Naturschutz und Tourismus können über diese Aspekte hinaus als ein gelungenes und erfolgreiches Praxismodell für Peacekeeping (219) und angewandte Entspannungspolitik gelten, denn sie ersetzen die strukturelle Gewalt (220) des Territorialstaates durch einen strukturellen Frieden. Zu diesem Zweck sollten diese kooperativen grenzübergreifenden Konzepte ergänzt und erweitert werden durch die Einrichtung von entmilitarisierten Zonen (221), in denen die kooperierenden Staaten ihre Hoheitsrechte zurückfahren, ihre Gebietsansprüche ruhen lassen und auf eine militärische Nutzung sowie die wirtschaftliche Ausbeutung verzichten, wofür der Antarktis-Vertrag von 1959 (222) und der politische Status der Antarktis (223) ein Modell bieten. 

 

Der Antarktis-Vertrag trat 1961 in Kraft, und er verhinderte die drohende Zerstückelung des antarktischen Kontinents in nationale Einflußsphären. Im Antarktis-Vertrag stellten die Vertragsstaaten Gebietsansprüche zurück, und sie erklärten, daß es „im Interesse der ganzen Menschheit liegt, die Antarktis für alle Zeiten ausschließlich für friedliche Zwecke zu nutzen“ und auf eine militärische Nutzung sowie die wirtschaftliche Ausbeutung zu verzichten, um die Anktarktis stattdessen gemeinsam wissenschaftlich zu erforschen. Die Initiative zum Antarktis-Vertrag ging vom Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/58 (IGJ) (224) aus. Das IGJ war eine Fortsetzung der beiden internationalen Polarjahre (225) 1882/83 und 1932/33; es war aber nicht auf die Polargebiete beschränkt, sondern hatte die weltweite Forschung auf allen Gebieten der Geophysik zum Ziel. Zudem war das Internationale Geophysikalische Jahr 1957/58 ein Versuch von Seiten der Wissenschaft, den Wettlauf (scramble) um die nationalstaatliche Inbesitznahme der Antarktis zu unterbinden. 

 

Der Antarktis-Vertrag ist in der Geschichte der Staaten ein Novum, denn erstmals seit der Entstehung von Staaten (226) im Zeitalter der Frühen Hochkulturen (227) verzichten Staaten darauf, ihren Machtbereich und Hoheitsbereich überall dorthin auszudehnen, wo es irgendwie möglich und erzwingbar erscheint. Es ist nun möglich, im gemeinsamen Interesse der Menschheit an einer friedlichen Zukunft die im historischen Prozeß erfolgte Machtausdehnung der Staaten wieder zurückzuführen. Die insbesondere in der Neuzeit entstandenen Grenzlinien, an denen sich die Staaten gegenseitig abgrenzten und militärisch bedrohten, entwickeln sich so wieder zu Grenzräumen, aus denen sich die Staaten weitestgehend zurückziehen, in denen sie ihre Hoheitsrechte zurückfahren und ihre Gebietsansprüche ruhen lassen, die bis heute Ursache einer unübersehbaren Vielzahl von Territorialstreitigkeiten sind. 

 

Ein Vergleich der beiden Polarregionen (228) läßt jedoch in der Nordpolarregion entgegengesetzte Entwicklungen erkennen. In der Nordpolarregion, der Arktis entwickeln sich derzeit die geopolitischen Verhältnisse leider anders als in der Antarktis, und die Anrainerstaaten der Arktis sind bestrebt, dort ihre Hoheitsgebiete auszudehnen und gegeneinander abzugrenzen, insbesondere, um Zugriff auf die Rohstoffvorkommen der Arktis zu erhalten und diese durch Militärpräsens abzusichern. Diese Entwicklung wird dadurch begünstigt, daß die Arktis durch einen Rückgang der Meereisbedeckung in Folge der globalen Erwärmung in der Arktis (229) insbesondere für die Schifffahrt besser zugänglich ist. Die fünf Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans, Norwegen, Rußland, die USA, Kanada und Dänemark, sehen sich als allein zuständig für die Nordpolarregion an. Zur Koordination ihrer Interessen haben die fünf arktischen Anrainerstaaten 1996 den Arktischen Rat (230) gegründet, an dem die in der Region lebenden indigenen Völker beteiligt werden. Diese erklärte Alleinzuständigkeit der fünf arktischen Anrainerstaaten stellt der Politikwissenschaftler Gerd Braune in seinem Buch: „Die Arktis - Portrait einer Weltregion“ dar als eine „Absage insbesondere an europäische Staaten (…), die unter Beteiligung eines größeren Kreises von Akteuren ein neues Rechtsregime für den Arktischen Ozean zu schaffen gedachten, ähnlich den Antarktischen Verträgen, die die Antarktis quasi zu einem internationalen Territorium erklärten“ (231). 

 

So ist der politische Status der Arktis (232) bis heute weitgehend ungeklärt, und ein Arktis-Vertrag analog zum Antarktis-Vertrag ist nicht in Sicht, der über die Nordpolarregion hinaus ein Modell für weitere Regionen in verschiedenen Weltgegenden bieten könnte. Statt dessen bietet die Arktis heute ein Beispiel für den derzeit stattfindenden neuen geopolitischen Wettlauf (scramble) (233) um eine Neuaufteilung globaler Interessenzonen nach der Epochenwende von 1989/90. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace (234) hat den Vorschlag gemacht, ein Meeresschutzgebiet mit dem Namen „Arctic sanctuary“ (235) um den Nordpol herum zu errichten. Dieses Meeresschutzgebiet soll jedoch lediglich eine Fläche von 2,8 Mio. km² des gesamten arktischen Ozeans umfassen, der eine Fläche von 14 Mio. km² hat. Die gesamte Region der Arktis mit ihren Festlandgebieten ist noch erheblich größer, und u.a. umfaßt sie als eine vegetationsgeografisch und klimageografisch bestimmte Region, wie dargestellt, auch die Hochlagen des Skandinavischen Gebirges bis zur Hardangervidda, womit sie bis an den Rand des mittleren Europas reicht. Um die gesamte Region der Arktis wirksam zu schützen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung, sie als Ganzes zu einem Biosphärenreservat (236) und einem Erbe der Menschheit (237) zu erklären. 

 

Die heutige Reisefreiheit (238) und Kooperation in Europa sind ein wesentliches Ergebnis des KSZE-Prozesses (239). Der KSZE-Prozeß war der zentrale Bestandteil der Entspannungspolitik (240), und er hatte entscheidend dazu beigetragen, daß der Ost-West-Konflikt und das Zeitalter der Bipolarität und der Blockkonfrontation ein Ende finden konnten. Getragen war die Entspannungspolitik von dem Konzept „Wandel durch Annäherung“ (241), und der gesamte KSZE-Prozeß war von diesem Konzept geprägt und durchdrungen. Wie in der Schlußakte von Helsinki der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) vom 01.08.1975 über die Grenzen des „Eisernen Vorhangs“ hinweg vereinbart wurde, war Ziel des KSZE-Prozesses u.a. „die Stärkung freundschaftlicher Beziehungen und des Vertrauens zwischen den Völkern“, was u.a. erfolgen sollte durch die „Entwicklung von Kontakten“ zwischen den Menschen, dies auch durch Förderung von „Möglichkeiten für umfassendes Reisen“, sodaß „der Tourismus zu einer vollständigen Kenntnis des Lebens, der Kultur und der Geschichte anderer Länder, zu wachsendem Verständnis zwischen den Völkern, zur Verbesserung der Kontakte (…) beiträgt“ wofür „die Entwicklung des Tourismus auf individueller und kollektiver Grundlage zu fördern“ ist. Des Weiteren war Ziel „eine Steigerung des Austausches (...) von Informationen“, und eine „wirksame Ausübung“ von „Menschenrechten und Grundfreiheiten“ zu „fördern und ermutigen“. Mit der Charta von Paris (242) vom 21.11.1990 erklärte die KSZE den Ost-West-Konflikt für beendet, und es bestand die Hoffnung auf ein neues Zeitalter des Friedens und der Kooperation. 

 

In Europa wird jedoch heute die Reisefreiheit, der Austausch und die Entwicklung von Kontakten zwischen den Menschen wieder zunehmend eingeschränkt. Insbesondere in der östlichen Hälfte Europas nehmen ethnonationalistische Konflikte zu, und sie sind seit 1989/90 die größte Herausforderung für europäische Politik. Während in der westlichen Hälfte Europas die Länder zunehmend miteinander kooperieren, vollzieht sich in der östlichen Hälfte Europas seit 1989/90 der entgegengesetzte Prozeß: Die Länder streben auseinander und grenzen sich gegeneinander ab. In der östlichen Hälfte Europas ist seit 1989/90 die Entwicklung einer nationalen Identität oberstes Ziel der Politik, und der homogene Nationalstaat gilt als das Ideal der Politik. Daher sind insbesondere heute derartige grenzübergreifende Konzepte aktuell, die Naturschutz und einen umweltverträglichen Tourismus verbinden und die Grenzregionen zu einem gemeinsamen und verbindenden Raum der Begegnung, der Mehrsprachigkeit, des kulturellen Austausches und der Völkerverständigung machen. 

 

10. Pulka selber bauen 

Die vielfältigen landschaftlichen Potentiale des schwedisch-norwegischen Grenzlandes bieten eine Vielzahl von Möglichkeiten für touristische Aktivitäten, sowohl im Sommer, wie auch im Winter. Die zahlreichen Flüsse und Seen locken im Sommer zahlreiche Angler in die Region und auch Kanuten schätzen die einsamen Gewässer. Berge und Fjellgebiete, wie Nipfjäll, Städjan, das Langfjället bei Grövelsjön und das Fulufjäll mit seinen botanischen und geologischen Besonderheiten, sowie die Femundsmarka (243) und das Gebiet um den See Rogen, das bei Quartärforschern insbesondere als Typlokalität von Staffelmoränen bekannt ist, eignen sich sowohl im Sommer als auch im Winter für tagelange Wanderungen, auf denen man außerhalb der Hauptsaison kaum einem Menschen begegnet. Verkehrsarme Straßen bieten sich für ausgedehnte Fahrradtouren an. Der Winter dauert, wie schon weiter oben ausgeführt, hier im mittelschwedischen Bergland im schwedisch-norwegischen Grenzland nördlich des “Limes norrlandicus” mit großer Schneesicherheit annähernd ein halbes Jahr an - einem Zeitraum, in dem nahezu sämtliche Wintersportarten ausgeübt werden können. Sämtliche Infrastruktureinrichtungen, wie Liftanlagen, Abfahrtpisten (Idre Fjäll und Fjätervålen) und gespurte Loipen (Idre Fjäll und Grövelsjön) sind vorhanden. Doch die großartigsten landschaftlichen Eindrücke gewinnt man bei möglichst mehrtägigen Ski-, Schneeschuh- oder Hundeschlittenexkursionen, z.T. mit Expeditionscharakter, in die Einsamkeit der tiefverschneiten Wald-, Berg- und Fjelllandschaften. Für derartige mehrtägige Wintertouren ist ein Pulka das ideale Transportgerät. 

 

Für eine Wintertour (244) mit Ski oder Schneeschuhen ist ein Pulka ideal: Weit müheloser als mit einem Rucksack lassen sich auch größere Lasten für längere Touren über größere Distanzen vergleichsweise mühelos mit eigener Kraft durch die verschneite Winterlandschaft transportieren, sei es eine Wochenendtour oder eine Grönlanddurchquerung auf den Spuren von Fridtjof Nansen. Die im Handel erhältlichen Pulkas haben hohe Preise, sodaß sich ein Selbstbau anbietet. Im Internet lassen sich einige gute Bauanleitungen finden: 

 

http://www.fjaellwanderung.de/ausruestung/selber-machen/pulka/ 

https://www.outdoorseiten.net/wiki/Pulka 

http://www.gooutdoor.de/index-Dateien/Page622.htm 

http://www.bushcraft-deutschland.de/thread/12206-zuggestell-fuer-eine-pulka/ 

http://www.instant-trout-company.de/Eigenbau%20einer%20Pulka.html 

https://roald.jimdo.com/wintersport/pulka-zugschlitten/pulkabau/ 

http://www.krabach.info/snow_sled/snow_sled.htm 

https://www.skipulk.com/wp-content/uploads/2016/03/pulkbook.pdf 

http://www.wolfgang-reinelt.de/Outdoor/PulkaHowTo/index.html 


11. Anmerkungen: 

 1) Vgl.: https://www.rucksack-reisen.de 

 

2) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fjell 

 

3) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Skandinavisches_Gebirge

 

4) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Forum_Anders_Reisen

Sowie: https://www.forumandersreisen.de 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Ökotourismus

 

5) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Tourismus-Börse_Berlin 

 

6) Vgl.: https://bvkanu.de 

 

7) Vgl.: https://idre-stugor.se/

 

8) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Idre

Sowie: https://www.visitidre.se 

 

9) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dalarna 

Sowie: https://www.dalarna.se 

 

10) Vgl.: https://www.gammelbyn.se 

 

11) Vgl.: https://www.welcome-scandinavia.com 

 

12) Vgl.: https://www.kanuverleih-schweden.de/

 

 13) Vgl.: https://www.idrefjall.se 

 

14) Vgl.: https://www.fjatervalen.se 

 

15) Vgl.: https://www.hovfjallet.se 

 

16) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Trekking 

 

17) Vgl.: https://visitsweden.de/

Sowie: https://treffpunkt-schweden.com/tourist-information-bueros-in-schweden

Vgl. auch: https://www.norrmagazin.de 

 

18) Vgl.: https://www.grovelsjon.com 

 

19) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fulufjäll 

Sowie: https://www.fulufjallet.se 

Und: https://www.dalarna.se/fulufjallet 

 

20) Vgl.: https://www.rucksack-reisen.de/winterurlaub/schneeschuhwandern/unendliche-weiten-schneeschuh-huettenwanderung/ 

Sowie: https://www.rucksack-reisen.de/winterurlaub/langlauf-skitour/back-country-skiwandern-im-fulufjaell/ 

 

21) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Svenska_Turistföreningen 

 

22) Vgl.: http://deutsch.turistforeningen.no/ 

 

23) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alpiner_Verein 

 

24) Einen exzellenten auch weltweiten Wetterbericht bieten die folgenden Internetportale: 

https://www.klart.se/ 

https://www.yr.no/en 

 

25) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Limes_norrlandicus 

 

26) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Linné 

 

27) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Expedition_nach_Lappland 

 

28) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vegetationszone 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Vegetation

 

29) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Külgemäßigte_Klimazone#Laubmischwaldklimate

 

30) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Borealer_Nadelwald 

 

31) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Paradigmenwechsel 

 

32) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt

 

33) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vegetationsgeographie

 

34) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Potenzielle_natürliche_Vegetation

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimaxvegetation

 

35) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimazone

 

36) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimatologie

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimageschichte

 

37) Vgl.: Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt am Main, 1967. Kuhn vertritt die These, daß sich Fortschritt in der Wissenschaft nicht durch kontinuierliche Veränderung, sondern durch revolutionäre Prozesse vollzieht, wobei ein bisher geltendes Erklärungsmodell verworfen und durch ein anderes ersetzt wird. Dieser Vorgang vollzieht sich im Rahmen eines “Paradigmenwechsels”. 

 

38) Vgl. Kapitel 7: „Forschungsreisen mutiger Wissenschaftler erweitern unser Weltbild“ in meinem Text: „Impressionen in Zeiten der ‚Corona-Krise‘ – Ein Reisebericht aus Südamerika“. 

 

39) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Postglazial 

 

40) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wald-_und_Baumgrenze 

 

41) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tromsø

 

42) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Polarforschung

 

43) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fridtjof_Nansen 

 

44) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nansens_Fram-Expedition

 

45) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tromsø_Museum 

 

46) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weichsel-Kaltzeit

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Letzte_Kaltzeit

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Känozoisches_Eiszeitalter

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Eiszeitalter

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Quartärforschung

 

47) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tundra 

 

48) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Subpolare_Klimazone 

 

49) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Arktis

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Arktische_Fauna

 

50) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hardangervidda 

 

51) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Riesengebirge 

 

52) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vegetationsperiode

 

53) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kältepol

 

54) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Krummholz

 

55) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Moor-Birke#Die_Fjell-Birke 

 

56) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pflanzengesellschaft 

 

57) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wald 

 

58) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biosphäre 

 

59) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biodiversität 

 

60) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aussterben#Aktuelle_Situation 

 

61) Zum Zusammenhang von Wald und Klima vgl.: Charles Eisenstein: Klima. Eine neue Perspektive. Berlin, 2019. S. 128-130. Der Philosoph und Mathematiker Charles Eisenstein stellt fest: „Da Winde im Allgemeinen aus Hochdruck- in Tiefdruckgebiete wehen, werden feuchte Winde von den Meeren in Richtung bewaldeter Landmassen gezogen und bringen die Niederschläge, die wiederum die Wälder aufrechterhalten. Das ist der Grund, warum bewaldete Kontinente tief bis ins Innere verlässliche und reichliche Niederschläge genießen; und das ist auch der Grund, warum diese Niederschläge begonnen haben auszubleiben, da die Abholzung sich in Amazonien, Süd-Ost-Asien, Afrika und Sibirien einem kritischen Niveau nähert.“ Siehe S. 129. 

Sowie: 

https://news.mongabay.com/2012/02/new-meteorological-theory-argues-that-the-worlds-forests-are-rainmakers/ 

 

62) Vgl.: Wolfgang Huber: Naturgut Boden – Nutzung, Zerstörung, Erhaltung. In: Heike Leitschuh u.a. (Hg.): Jahrbuch Ökologie 2015. Re-Naturierung. Gesellschaft im Einklang mit der Natur. 2014, Stuttgart. S. 158-164. 

 

63) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bodenerosion

 

64) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bodendegradation 

 

65) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwerg-Birke

 

66) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weidengewächse

 

67) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierwald

 

68) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Old_Tjikko

 

69) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pulka 

 

70) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Autogerechte_Stadt 

 

71) Vgl.: Fridtjof Nansen: Freiluftleben. 1920, Leipzig. 

 

72) Vgl.: https://www.freiluftleben.at/berichte/friluftsliv-norw-freiluftleben/ 

Sowie: https://www.researchgate.net/publication/234057667_Friluftsliv_-_ein_skandinavischer_Ansatz_schulischer_und_ausserschulischer_Outdoor-Bildung 

Und: https://www.bergundsteigen.com/wp-content/uploads/2021/08/76-81-friluftsliv.pdf 

 

73) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Naturport 

 

74) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Trekking 

 

75) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Expedition 

 

76) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bushcrafting 

 

77) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Survival 

Das Konzept des „Survival“ ist deutschsprachigen Lesern insbesondere durch die Bücher und die abenteuerlichen Expeditionen des Expeditionsreisenden und Menschenrechtsaktivisten Rüdiger Nehberg bekannt gemacht worden. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rüdiger_Nehberg 

 

78) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erlebnispädagogik 

 

79) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Abenteuer 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Abenteuerreise 

 

80) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wagnis_(Begriff) 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Wagnis_(Pädagogik) 

 

81) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Persönlichkeit 

 

82) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mut 

 

83) Der Philosoph Immanuel Kant beantwortete die Frage „Was ist Aufklärung?“ mit seiner Definition, die Berühmtheit erlangt hat: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe den Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufklärung 

 

84) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wildnispädagogik 

 

85) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnis 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnis_für_freie_Menschen 

 

86) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Umweltbildung 

 

87) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Umweltbewusstsein 

 

88) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_Rousseau 

 

89) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_David_Thoreau 

 

90) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Arne_Næss#Deep_Ecology_-_Die_Tiefenökologie

 

91) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Instrumentelle_Vernunft

Sowie: Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. 1974, Frankfurt am Main. Die instrumentelle Vernunft und ihre Kritik bildet die analytische Schlüsselkategorie der Kritischen Theorie der vom Sozialphilosophen Max Horkheimer (1895-1973) begründeten Frankfurter Schule, die auf Grundlage interdisziplinärer geistes- und gesellschaftswissenschaftlicher Analysen eine Synthese von Gesellschafts- und Kulturkritik leistet. 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Horkheimer#Kritik_der_instrumentellen_Vernunft 

Die Kritik der instrumentellen Vernunft ist eine Kritik der Naturbeherrschung, wobei die Beherrschung der Natur in der Beherrschung der inneren und äußeren Natur des Menschen, der Beherrschung der Individuen und der Beherrschung der Gesellschaft ihre Fortsetzung findet, und dieser Gewaltzusammenhang bildet ein transhistorisches Kontinuum. 

 

92) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Naturschutz 

 

93) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Naturschöne 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Ästhetik 

 

94) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Erhabene 

 

95) Siehe: Josef H. Reichholf: Naturschutz. Krise und Zukunft. 2010, Berlin. S. 11-12. 

 

96) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reduktionismus 

 

97) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jedermannsrecht 

Das Jedermannsrecht ist ein uraltes Gewohnheitsrecht, das sich aus der Zeit vor der Neolithischen Revolution und der Entstehung von Staaten an der nördlichen Periferie Europas bis heute erhalten hat. Als Gewohnheitsrecht besteht ein derartiges Jedermannsrecht nicht nur in Skandinavien, sondern nahezu der gesamten Ostseeregion einschließlich Rußland. In einer eingeschränkten Form in Gestalt eines Landschaftsbetretungsrechts 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Betretungsrecht_(Erholung,_Sport) 

existiert es auch in der Bundesrepublik Deutschland und weiteren Ländern. 

 

98) Vgl.: https://www.alvdalen.se 

 

99) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dalarnas_län 

 

100) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sukzession_(Biologie

 

101) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Waldes_in_Mitteleuropa 

 

102) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Forstwirtschaft 

 

103) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biozönose 

 

104) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Monokultur 

 

105) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Forst 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswald 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Plantage 

 

106) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aussterben#Aktuelle_Situation 

 

107) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Anthropozän 

 

108) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Massenaussterben#Das_gegenwärtige_Massenaussterben 

 

109) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimageschichte 

 

110) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kampagne 

 

111) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldschäden 

 

112) Vgl.: Zur Geschichte der weltweiten Ausweitung der Monokulturen vgl.: Florian Hurtig: Paradise Lost. Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur. 2020, München. 

 

113) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswachstum 

 

114) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konsumgesellschaft 

 

115) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bedürfnishierarchie 

 

116) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Fromm 

 

117) Siehe: Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 1979, München. S. 168-169. In seiner Analyse der Konsumgesellschaft, die zu einem Klassiker der Konsumkritik geworden ist, entwirft Erich Fromm das Modell einer neuen Gesellschaft, die auf die Erfordernisse des nicht-entfremdeten, am Sein orientierten Individuums ausgerichtet ist. 

 

118) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wachstumszwang 

 

119) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wachstumskritik 

 

120) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grünes_Wachstum 

 

121) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stationäre_Wirtschaft 

 

122) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Subsistenzwirtschaft 

 

123) Vgl.: https://www.sverigesnationalparker.se/de/ 

Sowie: https://www.naturvardsverket.se 

Und: https://www.naturensar.se 

 

124) Vgl.: Ernst Ulrich von Weizsäcker, Anders Wiekmann: Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. 2019, München. S. 46-47. 

Sowie: Ernst Ulrich von Weizsäcker: Neue Aufklärung für die Volle Welt. Die Zukunftsagenda des Club of Rome. S. 138. In: Maja Göpel u.a. (Hg.): Jahrbuch Ökologie 2017/18. „Leitkultur“ Ökologie? Was war, was ist, was kommt? 2018, Stuttgart. S. 182-186. 

 

125) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Domestizierung 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Pflanzenzüchtung 

 

126) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Evolutionsgeschichte 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Erdgeschichte 

 

127) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Menschheitsgeschichte 

Die Menschheitsgeschichte kann als die Geschichte der Ausbreitung und Ausdifferenzierung des anatomisch modernen Menschen Homo sapiens vor ca. 70.000 Jahren von seinem Ursprung im östlichen Afrika über den gesamten Planeten Erde bis zur Gegenwart aufgefaßt werden. Hierbei hatten mehrere technologische Revolutionen weitreichende gesellschaftliche Folgewirkungen, insbesondere die Prometheische Revolution, die Neolithische Revolution, die Industrielle Revolution und aktuell die Digitaltechnische Revolution. Die Menschheitsgeschichte endet mit dem Ende der Menschheit: 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Menschheit

Das Ende der Menschheit ist unvermeidbar. Das Einzige, was wir beeinflussen können, ist der Zeitpunkt, an dem das Ende der Menschheit eintritt. Wenn die Menschheit so weiter macht, wie bisher, wird dieses Ende in sehr naher Zukunft eintreten. Auf Grundlage der natürlichen Verhältnisse auf dem Planeten Erde könnten Menschen hingegen potentiell noch etwa eine Milliarde Jahre existieren. 

 

128) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Neolithische_Revolution 

 

129) In seinem Buch: „Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten“ zeigt der Politologe und Anthropologe James C. Scott auf, in welchem Umfang der Mensch selber vom Prozeß der Domestikation erfaßt und verändert wurde: Im Zuge des Prozesses der Domestikation traten wie bei domestizierten Tieren auch beim Menschen sowohl anatomische Veränderungen, als auch Verhaltensänderungen auf, darunter ein neuartiges Herdenverhalten, das die Entstehung und das Leben in Massengesellschaften ermöglichte. Zudem entstanden zahlreiche neuartige Krankheiten, die es in der Menschheitsgeschichte zuvor nicht gab. Es änderte sich das Reproduktionsverhalten des Menschen mit der Folge stark erhöhter Fruchtbarkeitsraten, die die erhöhte Mortalitätsrate durch die zahlreichen neuentstandenen Krankheiten mehr als ausglichen und die ein Bevölkerungswachstum zur Folge hatten. Von den neu entstandenen Staaten wurde dieses Bevölkerungswachstum aus machpolitischen Gründen gefördert, um die Anzahl der den Macheliten der frühen Staaten unterworfenen Arbeitskräfte, Steuerzahler und Soldaten zu erhöhen. Vgl.: James c. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten. 2022, Berlin. 

 

130) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Elch 

 

131) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ren 

 

132) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Braunbär 

 

133) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eurasischer_Luchs 

 

134) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolf#Skandinavische_Population 

 

135) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vielfraß 

 

136) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Steinadler 

 

137) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Auerhuhn 

 

138) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Moschusochse

 

139) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Genetische_Vielfalt 

 

140) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kleinste_überlebensfähige_Population 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Genetischer_Flaschenhals 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Populationsdynamik 

 

141) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wildnis 

 

142) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/European_Wilderness_Society 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/PAN_Parks_Foundation 

 

143) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Rewilding

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Rewilding_Europe

 

144) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Renaturierung 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Renaturierungsökologie 

Renaturierung war ein von mir insbesondere in den Jahren 1981 bis 1984 bearbeitetes Projekt. Die Ortsgruppen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und des Deutschen Bundes für Vogelschutz (DBV) (heute: Naturschutzbund Deutschland NABU) in Mönchengladbach, wo ich während meiner Schulzeit wohnte, hatten die Renaturierung insbesondere von Kleingewässern und Feuchtgebieten zu ihrem Arbeitsschwerpunkt gemacht und arbeiteten eng zusammen. An diesem Projekt hatte ich mich über einen Zeitraum von mehreren Jahren beteiligt. 

 

145) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Prozessschutz 

 

146) Vgl.: Edward O. Wilson: Die Hälfte der Erde. Ein Planet kämpft um sein Leben. 2016, München. 

Sowie: Edward O. Wilson: Der Wert der Vielfalt. Die Bedrohung des Artenreichtums und das Überleben des Menschen. 1995, München. 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_O._Wilson 

 

147) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalpark_Bayerischer_Wald 

Sowie: https://www.nationalpark-bayerischer-wald.bayern.de/ueber_uns/steckbrief/index.htm 

 

148) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biospärenreservat 

 

149) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wattenmeer_(Nordsee) 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalpark_Niedersächsisches_Wattenmeer 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalpark_Schleswig-Holsteinisches_Wattenmeer 

Des Weiteren: https://www.nationalparkhaus-wattenmeer.de/liste-der-nationalparkhaeuser 

 

150) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk

Sowie: https://www.samer.se 

 

151) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lappland 

 

152) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sápmi 

 

153) Vgl.: https://www.idresameby.se 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Siida

 

154) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Indigene_Völker 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Indigene_Völker_Europas 

 

155) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fennoskandinavien 

 

156) Vgl.: John Trygve Solbakk: Colonisation and division of Sápmi. In: Derselbe: The Sámi People – A Handbook. 2006, Karasjok. S. 35-39. 

 

157) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)#Rentierwirtschaft 

 

158) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalpark_Fulufjället 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Fulufjellet-Nationalpark 

Vgl. auch: https://www.alltrails.com/de/parks/sweden/dalarna/fulufjallet-nationalpark/wildlife 

 

159) Vgl.: https://www.naturumfulufjallet.se 

 

160) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelalter 

 

161) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mark_(Territorium) 

 

162) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Niemandsland 

 

163) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stehendes_Heer 

 

164) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Feudalismus 

 

165) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lehnswesen 

 

166) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vasall 

 

167) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Söldner_in_der_europäischen_Geschichte 

 

168) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Landsknecht 

 

169) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Personenverbandsstaat 

 

170) vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Neuzeit 

 

171) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Territorialstaat 

 

172) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Absolutismus 

 

173) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Merkantilismus 

 

174) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Handelskompanie 

 

175) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Steuer 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Steueraufkommen_(Deutschland) 

 

176) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Festung#Geschichte_der_neuzeitlichen_Festung 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Bastion 

 

177) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalismus 

 

178) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalstaat 

 

179) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wehrpflicht 

 

180) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnische_Säuberung 

 

181) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Minderheit 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnische_Minderheit 

 

182) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsangehörigkeit 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Ausbürgerung 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Staatenloser 

 

183) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Flüchtling 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwangsmigration 

Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Deportation 

Des Weiteren: https://de.wikipedia.org/wiki/Vertreibung 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Abschiebung_(Recht) 

Für die zahlreichen staatenlosen Flüchtlinge in der Zwischenkriegszeit 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwischenkriegszeit 

führte der Polarforscher und Diplomat Fridtjof Nansen als Hochkommissar des Völkerbundes 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkerbund 

für Flüchtlingsfragen den sogenannten „Nansen-Paß“ ein: 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nansen-Pass 

 

184) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gebietsanspruch 

 

185) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Territorialstreitigkeiten 

 

186) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Imperialismus 

 

187) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ratzel 

 

188) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Haushofer 

 

189) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Maull 

 

190) Siehe: Otto Maull: Politische Grenzen. (= Dr. A. Grabowsky (Hg.): Weltpolitische Bücherei Band 3). 1928, Berlin. S. 18-19. 

 

191) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialdarwinismus 

 

192) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geopolitik 

 

193) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkerverständigung 

 

194) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheit_(Staatsrecht) 

 

195) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkerrecht 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Souveränität#Souveränität_im_Völkerrecht 

 

196) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Naturpark_Maas-Schwalm-Nette 

Sowie: https://www.naturpark-msn.de 

 

197) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Europaregion 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Euregio_Maas-Rhein 

 

198) Vgl.: https://www.waldwildnis.de 

Sowie: https://www.npsumava.cz 

 

199) Vgl.: https://www.cheskesvycarsko.cz 

 

200) Vgl.: https://www.nationalpark-unteres-odertal.de 

 

201) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biotopverbund 

 

202) Vgl.: Peter Fink, Uwe Rieken: Biotopverbund über Grenzen hinweg! In: Heike Leitschuh u.a. (Hg.): Jahrbuch Ökologie 2015. Re-Naturierung. Gesellschaft im Einklang mit der Natur. 2014, Stuttgart. S. 62-68. 

 

203) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grünes_Band_Europa 

 

204) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grünes_Band_Deutschland 

 

205) Vgl.: https://www.graenslandet.se 

Sowie: https://femundsmarkanasjonalpark.no/en/ 

 

206) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Svenska_Turistföreningen 

Sowie: https://www.svenskaturistforeningen.se 

 

207) Vgl.: https://www.dnt.no/

Sowie: http://deutsch.turistforeningen.no/ 

 

208) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Union_zwischen_Schweden_und_Norwegen 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Norwegens#Union_mit_Schweden_(1814-1905) 

 

209) Vgl.: Fridtjof Nansen: Norwegen und die Union mit Schweden. 1905, Leipzig. 

 

210) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ostsee 

 

211) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dominium_maris_baltici 

 

212) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dreißigjähriger_Krieg 

 

213) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Schwedens#Schweden_als_Großmacht_(1611-1719) 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwedisches_Reich 

 

214) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Norwegens#Union_mit_Dänemark_(1523-1814) 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Dänemark-Norwegen 

 

215) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Frieden_von_Brömsebro 

 

216) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Värmlands_Museum 

 

217) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großer_Nordischer_Krieg 

 

218) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Russisches_Kaiserreich 

 

219) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Peacekeeping 

 

220) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturelle_Gewalt 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Johan_Galtung 

 

221) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Entmilitarisierte_Zone 

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Atomwaffenfreie_Zone 

 

222) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Antarktis-Vertrag 

 

223) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Politischer_Status_der_Antarktis 

 

224) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Internationales_Geophysikalisches_Jahr 

 

225) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Internationales_Polarjahr 

 

226) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsentstehung 

Vgl. insbesondere: James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten. 2022, Berlin. 

 

227) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hochkultur_(Geschichtswissenschaft) 

 

228) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Polargebiet 

 

229) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Folgen_der_globalen_Erwärmung_in_der_Arktis 

 

230) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Arktischer_Rat 

 

231) Siehe: Gerd Braune: Die Arktis. Portrait einer Weltregion. 2016, Bonn. S. 132. 

 

232) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Politischer_Status_der_Arktis 

 

233) Ein bekanntes Beispiel für einen geopolitisch, machtpolitisch und wirtschaftspolitisch motivierten „Wettlauf“ (scramble) von Großmächten 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großmacht 

und Weltmächten 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltmacht 

ist der sogenannte „Wettlauf um Afrika“ (Scramble for Africa): 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wettlauf_um_Afrika 

im Zeitalter des Imperialismus 

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Imperialismus#Zeitalter_des_Imperialismus_(ca._1870-1914) 

Das Zeitalter des Imperialismus kulminierte in zwei Weltkriegen. 

 

234) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Greenpeace 

 

235) Vgl.: https://www.greenpeace.de/publikationen/arctic-sanctuary-arktis-schutzgebiet 

Sowie: https://en.wikipedia.org/wiki/Arctic_sanctuary 

 

236) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biosphärenreservat 

 

237) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erbe der Menschheit 

 

238) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reisefreiheit 

Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Freizügigkeit 

 

239) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/KSZE 

Der KSZE-Prozeß ist dokumentiert in: Europäische Menschenrechtsdokumente und der KSZE-Prozeß. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Menschenrechte. Dokumente und Deklarationen. 1995, Bonn. S. 219-457. Wenn man heute die Dokumente des gesamten KSZE-Prozesses noch einmal liest, wird deutlich, wie erheblich die heutige Politik in Europa vom KSZE-Prozeß und dessen Intentionen abgewichen ist. Die Beendigung des KSZE-Prozesses Mitte der 90er Jahre korreliert signifikant mit der Zunahme von Krisen, Konflikten und Kriegen in Europa, die wir seither feststellen müssen. 

 

240) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Entspannungspolitik 

Sowie: Gottfried Niedhart: Entspannung in Europa. Die Bundesrepublik Deutschland und der Warschauer Pakt 1966 bis 1975. Bonn, 2014. 

 

241) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wandel_durch_Annäherung 

 

242) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Charta_von_Paris 

 

243) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Femundsmarka-Nationalpark 

Sowie: https://femundsmarkanasjonalpark.no/en/ 

 

244) Vgl.: https://www.graenslandet.se 

 

245) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pulka 

 

246) Grundlegende Kenntnisse für die erfolgreiche Planung und Durchführung von mehrtägigen Wintertouren bieten die folgenden Bücher: 

Rainer Höh: Winterwandern. 2006, Bielefeld. 

Lars Fält: Outdoor im Winter. Ausrüstung, Sicherheit und Know-how für Wintertouren. 2013, Stuttgart. 

Dietmar Heim, Dirk Klawatzki: Wintertrekking. 2013, Welver. 

 

Nachfolgend einige weitere, für Wintertouren nützliche Informationen: 

http://www.sarekmaniac.de/03_Ausruestung/Ausrustung.htm 

http://www.sarekmaniac.de/07_Links/Links.htm 

http://www.rgs.org/NR/rdonlyres/6F643E3F-3167-466F-ABED-95F6915FDE2C/0/PolarManual.pdf 

http://www.instant-trout-company.de/tipsundtricks.html 


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Ein Winter im Skandinavischen Gebirge. Erlebnisse an der nördlichen Periferie Europas 
im Winter 2013/14. Ein Erlebnisbericht. Textversion 09. 

Mein Erlebnisbericht kann mit zahlreichen Fotos auf meiner Internetseite aufgerufen und gelesen werden:
https://manfredsuchan.net/ein-winter-in-schweden
Dort kann zudem mein Erlebnisbericht im PDF-Format herunter geladen werden.
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Manfred SUCHAN
Geograf und Outdoorguide
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D-10961 BERLIN
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Über meine Reisen berichte ich auf meinen Internetseiten:
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Bild oben: Vor Beginn einer Skitour mit einer Tourengruppe auf das Langfjell bei der STF-Fjellstation Grövelsjön am 03.04.2015. Das Langfjell ist Bestandteil des "Gränslandet", einem Biotopverbund von 13 Naturschutzgebieten in Schweden und in Norwegen im Gebiet um den See Rogen. 
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Bild Unten: Mit einer Tourengruppe erreiche ich während einer Schneeschuhtour auf dem Fulufjell 

 die Schutzhütte bei der kleinen Hüttensiedlung Rörsjöstuga am 01.04.2015.

Bild oben: Lavawüste im Hochland der Insel Island in der Nähe des Ortes Mödrudalur am 18.07.2012 während meiner Fahrradreise im Sommer 2012.  
Bild darüber: Blick hinab in das Nypsan-Tal beim Ort Vopnafjördur im Nordosten der Insel Island  

am 19.07.2012 während meiner Fahrradreise im Sommer 2012. 


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Fahrradreise Island 

 
Erlebnisse einer Nordeuropa-Reise im Jahre 2012 

 
von Manfred Suchan 

 
 Vom 01.07.2012 bis zum 02.10.2012 unternahm ich eine Fahrradreise mit Zelt durch Teile des nordwestlichen Europas. Im Rahmen dieser Fahrradreise besuchte ich die Insel Island, die Färöer-Inseln, Teile des südlichen Norwegens, einen kleinen Teil des südwestlichen Schwedens, sowie Jütland in Dänemark. 
 
Im Zentrum meiner Fahrradreise stand die im Nordatlantik gelegene Insel Island (1). Island hat eine Gesamtfläche von rd. 103.100 qkm. Die Geografie Islands (2) weist eine Vielzahl von Besonderheiten auf, und insbesondere deswegen ist Island ein beliebtes Reiseziel. Durch die Lage der Insel Island auf dem Mittelatlantischen Rücken (3) sind die Landschaften Islands insbesondere durch Vulkanismus (4) geprägt, und es gibt zahlreiche Geothermalgebiete (5). Aufgrund des weitverbreiten Vulkanismus hat die Geothermalenergie (6) und deren Nutzung auf der Insel Island eine große Bedeutung. Zudem prägen Gletscher (7), die 9 % der Inselfläche bedecken, deren Gletscherdynamik (8) und der glaziomorphologische Formenschatz der Glazialen Serie (9) große Teile der Landschaften Islands. In ihrer Mehrzahl sind die Gletscher Islands Plateaugletscher (10). 
 
Die klimatische Waldgrenze (11) auf der Insel Island liegt je nach Geländeexposition auf einer Höhe von 300 m bis 600 m (im Durchschnitt bei 500 m), sodaß ca. 25 % bis 30 % der Fläche der Insel Island bewaldet sein könnte, was vor der “Landnahme” (12) vor rd. 1.100 Jahren auch tatsächlich der Fall gewesen ist. Die Frage, wie die Pflanzengesellschaften einer potentiellen natürlichen Vegetation (13) auf der Insel Island beschaffen und zusammengesetzt sind, kann nicht beantwortet werden, da aufgrund der extremen Abgelegenheit Islands im Nordatlantik im Postglazial (14) eine nacheiszeitliche Wiederbesiedlung durch Pflanzen und Tiere gemäß einer natürlichen Sukzessionsfolge (15) bislang nur höchst unvollständig erfolgen konnte. 
 
Island hat eine Bevölkerungszahl von ca. 340.000 Einwohnern (Ew), von denen in der Metropolregion der Hauptstadt Reykyavík (16) ca. 200.000 Einwohner leben, d.h. ca. 37 % der Bevölkerung der Insel Island. Somit verteilt sich die Bevölkerung sehr ungleichmäßig über die Insel, und es bestehen große regionale Disparitäten. Die Gesamteinwohnerdichte der Insel Island ist mit 3,0 Ew/qkm im Vergleich mit anderen europäischen Ländern sehr gering (Deutschland: 226 Ew/qkm, Dänemark: 130 Ew/qkm, Schweden: 21 Ew/qkm). 
 
Am 01. Juli 2012 flog ich mit dem Flugzeug nach Keflavik, einem ca. 40 km westlich der isländischen Haupsstadt Reykjavík gelegenen internationalen Großflughafen. Mein für meine Fahrradreise ausgerüstetes Fahrrad – ein Mountainbike mit Gepäckträgern des Herstellers Tubus (17) und wasserdichten Packtaschen der Hersteller VauDe (18) und Ortlieb (19) - konnte für eine Zusatzgebühr in Höhe von 40 Euro zerlegt und verpackt mitbefördert werden. Das Fugzeug landete nach ca. 3 ½ Stunden Flug gegen 1: 15 h Ortszeit am frühen Morgen des 02. Juli 2012 auf dem Flughafen Keflavik in der Morgendämmerung bei Nieselregen und Temperaturen um 10°C. Eine gut ausgestattete Touristeninformation – nach meiner Einschätzung die materialienreichste von ganz Island - versorgt dort die ankommenden Touristen umfassend mit jeder gewünschten Information. 
 
Durch eine karge, wolkenverhangene Landschaft radel ich entlang der Küste zur Stadt Reykjavik, wo ich zwei Tage auf dem zentral neben einer goßen Jugendherberge (20) gelegenen Campingplatz (21) campiere und mir die Hauptstadt Reykjavík ansehe (22). Sehenswert ist u.a. das Isländische Nationalmuseum (23), das museumspädagogisch gut aufbereitet die isländische Geschichte (24) seit der Landnahmezeit vor nun mehr als 1.100 Jahren zweisprachig in Isländisch und Englisch darstellt. Im Foyer der Stadthalle von Reykjavik befindet sich eine riesige Reliefkarte von Island mit ca. 10 m Durchmesser. Im Park Laugardalur liegt ein großer Botanischer Garten (25). Auf einer Fläche von 2,5 Hektar beeindruckt dieser Botanischer Garten mit einer großen Fülle von mehr als 5.000 verschiedenen Pflanzenarten, darunter auch viele hohe Bäume, und er zeigt auf, was auf der heute oft überaus kargen und in weiten Teilen wüstenhaften Insel Island bei den bestehenden naturräumlichen und klimatischen Bedingungen alles wachsen und gedeihen könnte. Die Frage, warum die Insel Island heute nicht gemäß ihren naturräumlichen und klimatischen Potentialen eine grüne, zu großen Teilen von artenreichen Mischwäldern mit großer Biodiversität (26) bedeckte Insel ist, sondern sich stattdessen heute als eine überaus karge, zu großen Teilen wüßtenhafte Insel präsentiert, wird zur Leitfrage meiner Fahrradreise. 
 
Mein Reiseplan sieht vor, nach Möglichkeit innerhalb des kurzen isländischen Sommers die gesamte Insel Island mit ihrer landschaftlichen Vielfalt kennenzulernen. Hierzu werde ich die Insel entgegen des Uhrzeigersinns umrunden und sie auf Hochlandrouten durchqueren. Insbesondere im Hochland (27) der Insel Island haben Fahrradreisen den Charakter einer Expedition (28). 
 
Die Hauptstadtregion Reykjavík verlasse ich über die zuerst vierspurige und stark befahrene Ringstraße 1 (29) Richtung südosten. Diese Ringstraße umrundet mit einer Gesamtlänge von ca. 1400 km die gesamte Insel. Sie ist größtenteils asphaltiert, während Nebenstrecken meistens Schotterstaßen sind. Die das Hochland durchquerenden Strecken sind hingegen zu großen Teilen automobil kaum passierbare Pisten. Überregionale Radwege fehlen, sodaß Fahrradradreisende die Landstraße mit PKWs, Wohnwagengespannen, riesigen Geländewagen und LKWs teilen müssen. Schnell gelange ich vorbei an den Orten Selfoss und Hella und durchfahre die von den Flüssen Hvita und Pjorsa durchflossene Schwemmlandebene im Südwesten von Island, einer Region intensiver landwirtschaftzlicher Nutzung. 
 
Die Südküste Islands ist geprägt von großen Plateaugletschern, dem Eyafallajökull, Myrdalsjökull und dem Vatnajökull (30), dem größten Gletscher in Europa. Die Gletscherzungen dieser Plateaugletscher reichen weit in die hier schmale Küstenebene hinab. Große, monotone, von Gletscherflüssen aufgeschüttete Sanderflächen (31) wie der Myrdalssandur und der Skeidararsandur müssen durchquert werden. Der gesamte glaziomorphologische Formenschatz der glazialen Serie läßt sich in Europa nirgendwo besser studieren, als auf der Insel Island. Dazwischen liegt die Lavawüste Eldhraun, die infolge eines katastrophalen Lavaausbruchs aus der nördlich gelegenen Laki-Spalte (32) in den Jahren 1783 bis 1784 entstand. Die Laki-Spalte ist Teil eines Island entlang des Mittelatlantischen Rückens durchziehenden tektonischen Grabensystems, einer Zone mit intensivem Vulkanismus, der die Insel Island ihre Entstehung verdankt. 
 
Nach der Duchquerung des schier endlosen Skeidararsandur, auf dem häufig Sandstürme toben, erreiche ich den Birkenbuschwald bei Skaftafell am Fuße des mächtigen, 2110 m hohen Hvannadalshnúkur (33) am Südende des Vatnajökuls. Neben dem Informationszentrum des Skaftafell-Nationalparks (34) befindet sich ein großer Campingplatz, der im Sommer gut besuchter Ausgangspunkt für Bergwanderungen und Gletschertouren (35) ist. Bergführer und Trekking-Agenturen bieten hier Exkursionen auf und über den Gletscher Vatnajökull an (36). Weiter östlich treiben Eisberge in Gletscherzungenendseen der Geltscher Kviarjökull, Fjallsjökull und Breidarmerkurjökull (37). Im Ort Höfn beeindruckt eine umfangreiche und informative Gletscherausstellung. 
 
Mit der Umquerung des Kap Hvalnes beginnt die beeindruckende Fjordlandschaft Ost-Islands (38). Die den Süden Islands prägenden Sander, Alluvialebenen und Ausgleichsküsten weichen hier weit ins Land hineinreichenden, von mehr als 1000 m hohen, schneebedeckten Bergen umgebenen Fjorden (39). Im Schutz der Fjordküste liegen zahlreiche kleine Hafen- und Fischereiorte. 
 
Danach fuhr ich vorbei an den Orten Vopnafjördur, Porshöfn und Raufarhöfn in den abseits der Touristenrouten gelegenen Nordosten Islands. Hier gelangt man im Norden der Halbinsel Melrakkasletta bis auf drei Kilometer an den Polarkreis heran. Auf dem weiteren Weg zum Ort Kopasker war aufgrund starken Sturms nur ein Schieben des Fahrrads möglich. 
 
Auf holprigen Pisten durchradelte ich die Schluchten des Jökulsárgljúfur-Nationalparks (40), in dem noch Reliktbestände des Island einst zu weiten Teilen bedeckenden Birkenwaldes existieren. Hier kann man eine Vorstellung davon gewinnen, wie große Teile der Insel Island vor der “Landnahme” vor ca. 1.100 Jahren ausgesehen haben müssen, als große Teile der Insel Island noch waldbedeckt gewesen sind. 
 
Danach gelangte ich in das von rezentem Vulkanismus geprägte Gebiet um den See Myvatn (41). Auf dem Weg zum Vulkan Krafla (818 m) (42) gelange ich am Krafla-Kraftwerk (43) vorbei. Dieses ist das größte Thermalenergiekraftwerk auf der Insel Island. Ich umwanderte den Kraterrand des Vulkans Krafla und durchquerte noch dampfende, erst wenige Jahre alte Lavaströme. An vielen Stellen trifft man auf postmagmatische Exhalationen, wie Solfataren (44) und Fumarolen (45), und auch auf blubbernde Schlammlöcher (46), wie sie z.B. auch im Yellowstone-Nationalpark (47) vorkommen, den ich im Jahre 1990 im Rahmen einer Fahrradreise durch Nordamerika besucht hatte (48). 
 
Weiter im Osten gelangte ich in die am Südende des ca. 60 km langen Eyjafjördur gelegenen Stadt Akureyri (49). Mit ca. 17.000 Einwohnern ist Akureyri die zweitgrößte Stadt Islands und Oberzentrum des Nordteils der Insel (50). In Akueyri besuchte ich den Botanischen Garten (51). Dieser beeindruckt mit einer großen Fülle von rd. 7.000 verschiedenen Pflanzenarten, darunter auch viele hohe Bäume, und ebenso wie der Botalische Garten im Park Laugardalur in Reykjavik zeigt der Botanischen Garten in Akureyri auf, was auf der heute oft überaus kargen und in weiten Teilen wüstenhaften Insel Island bei den bestehenden naturräumlichen und klimatischen Bedingungen alles wachsen und gedeihen könnte. 
 
Die an der Fjordküste der Halbinsel Tröllaskagi weiter nördlich gelegenen Hafenorte Dalvik, Olafsfjörður und Siglufjörður drängen sich auf dem schmalen Küstenstreifen vor steil aufragenden Bergen. In Siglufjörður (52) stellt ein sehenswertes Hering Museum (53) den Alltag in den Fischereihäfen dar, bevor die Populationen des Atlantischen Herings (54) aufgrund von Überfischung (55) in den 60er Jahren dauerhaft zusammenbrachen und sich bis heute nicht erholt haben. Das Beispiel des Atlantischen Herings bei Island zeigt, daß Meeresfischpopulationen aufgrund von Überfischung dauerhaft und nachhaltig zusammenbrechen können und sich auch über lange Zeiträume nicht wieder regenerieren, sodaß die Meeresfischerei aufgegeben werden muß, da sie sich durch Überfischung der Bestände selbst die Grundlagen entzogen hat. Durch die Methoden der industriellen Fischerei findet derzeit weltweit eine rücksichtslose Ausplünderung der Fischbestände sämtlicher Meere und Ozeane statt, sodaß in Kürze nahezu sämtliche Meeresfischpopulationen zusammengebrochen sein werden und erst dann die Ausplünderung der Meere durch die industrielle Fischerei ihr “natürliches” Ende finden wird. 
 
Nun durchquerte ich die Halbinsel Skagi und gelangte vorbei an den Orten Blönduos und Hvammstangi in den Westen Islands, von wo aus ich über die Kaldidalur-Route (56) eine kurze, aber steile Tour durch das Hochland fuhr. Nun erreichte ich die bekannten isländischen Touristenattraktionen (57) des Þingvellir-Nationalparks (58), der Springquellen bei Geysir (59) sowie dem Wasserfall Gullfoss (60). Von dort aus durchfuhr ich ein zweites Mal das isländische Hochland auf der Kjölur-Piste (61). Auf dieser miserablen Piste durchquerte ich die von den Plateaugletschern Langjökull und Hofsjökull eingerahmte edaphische dunkle Lavawüste Kjalhraun (62) und gelangte zu den Geothermalgebieten (63) bei Kerlingarfjöll (64) und Hveravellir (65). 
 
Im Verlauf meiner Fahrradreise setzte sich bei mir zunehmend die Erkenntnis durch, daß sich die gesamte Insel Island mit allen ihren Regionen und ihrer landschaftlichen Vielfalt kaum im Rahmen einer Fahrradreise innerhalb eines kurzen Sommers vollständig bereisen läßt sodaß gegenenenfalls eine weitere Island-Reise erforderlich ist. So ließ ich vorerst die Region der Westfjorde (66) aus und umrundete die Halbinsel Snaefellsnes (67) mit dem markanten, 1446 m hohen vergletscherten Vulkan Snaefellsjökull an ihrem Westende, wobei starker Sturm z.T. kaum ein Schieben des Fahrrads ermöglichte. 
 
Über Reykjavík fuhr ich dann wieder Richtung Osten, um – nun schon immerhin in der zweiten Augusthälfte am Ende des isländischen Sommers – gegebenenfalls noch die anspruchsvolle Sprengisandur-Route (68) durch das Hochland zu befahren. Doch aufgrund mehrerer Regentage disponierte ich um und und fuhr statt dessen – immer noch bei Regenwetter – die Fjallabak-Route (69) durch das zwischen den Plateaugletschern Myrdalsjökull und Vatnajökull gelegene Hochland, wobei zahlreiche, ca. 40 cm tiefe Gletscherflüsse gefurtet werden mußten. Hierbei gelangte ich zum Geothermalgebiet Landmannalaugar (70) und zur Eldgiá-Spalte (71) die Teil eines Island entlang des mittelatlantischen Rückens durchziehenden tektonischen Grabensystems ist (72). 
 
Auf meiner Weiterfahrt querte ich bei stürmischem Gegenwind den schier endlosen Seidararsandur und erreichte endlich den Schutz des Birkenbuschwaldes bei Skaftafell am Südrend des Gletschers Vatnajökull – nun zum zweiten Mal auf meiner Reise. Entlang der Südküste radelte ich weiter in den Osten Islands zum Hafenort Seydisfjördur (73). Von Seydisfjördur fuhr ich am 05.09.2012 mit der Fähre Norönna (74) mit einem Zwischenaufenthalt am 06.09.2012 in Tórshavn (75) auf den Färöer-Inseln (76) nach Hirtshals in Dänemark, wo die Fähre am 08.09.2012 angelangte. 
 
Island beeindruckt mit einer ungeahnten landschaftlichen Vielfalt und einer Fülle von Sehenswürdigkeiten, doch es überrascht das zuerst unverständliche, nahezu vollständige Fehlen von Wald. 15 Mio. Jahre alte Braunkohlevorkommen in den geologisch ältesten Landesteilen zeigen auf, daß Island im Tertiär – also vor den mehrmaligen eiszeitlichen Totalvergletscherungen Islands – eine weitgehend von artenreichen Mischwäldern bedeckte Insel gewesen war. Nur aufgrund der extremen Abgelegenheit Islands im Nordatlantik konnte eine postglaziale Wiederbesiedlung durch Pflanzen und Tiere gemäß einer natürlichen Sukzessionsfolge nur höchst unvollständig erfolgen. Immerhin war Island zur Landnahmezeit vor nun mehr als 1.100 Jahren zu 25-30% bewaldet. Nahezu vollständige Entwaldung Islands in historischer Zeit und jahrhundertelanger Viehverbiß insbesondere durch die omnipräsenten Schafe führten zur Desertifikation. Heute ist nur ca. 1% der Fläche Islands waldbedeckt. Die artenreichen botanischen Gärten in Reykjayik und Akureyri sowie kleinere, aber erfolgreiche Waldanpflanzungen in verschiedenen Landesteilen zeigen auf, daß Island sehr wohl das naturräumliche und klimatische Potential für ausgedehnte, artenreiche Wälder hat und eine weitgehend (wieder-)bewaldete Insel sein könnte. 1992 forderte in Rio de Janeiro die Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCED) mit dem Leitbild eines sustainable development im Rahmen der Agenda 21 (77) insbesondere Zivilgesellschaft und Kommunen auf, die Biodiversität zu fördern – für Island in besonderem Maße eine langfristige Herausforderung. 
 

Anmerkungen: 

1) Vgl.: https://www.wikipedia.org/wiki/Island

2) Vgl.: https://www.wikipedia.org/wiki/Geographie_Islands

3) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelatlantischer_Rücken
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelozeanischer_Rücken
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Plattentektonik

4) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vulkanismus
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Vulkane_in_Island

5) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geothermalgebiet

6) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geothermie
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geothermale_Energie_in_Island

7) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gletscher
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Gletscher_Islands

8) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gletscherdynamik

9) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Glaziale_Serie

10) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Plateaugletscher

11) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wald-_und_Baumgrenze

12) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Islands#Landnahmezeit_(874_bis_930)

13) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Potenzielle_natürliche_Vegetation

14) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Postglazial

15) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sukzession_(Biologie)
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimaxvegetation

16) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reykjavík

17) Vgl.: https://www.tubus.com/produkte

18) Vgl.: https://www.vaude.com/de/de/ausruestung/fahrradtaschen.html

19) Vgl.: https://www.ortlieb.com/de_de/produkte/radfahren

20) Vgl.: https://www.hostel.is

21) Vgl.: https://www.reykjavikcampsite.is

22) Vgl.: https://www.visitreykjavik.is

23) Vgl.: https://www.nationalmuseum.is

24) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Islands

25) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Botanischer_Garten_Reykjavík
Sowie: https://www.grasagardur.is

26) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Biodiversität

27) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Isländisches_Hochland

28) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Expedition

29) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hringvegur

30) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vatnajökull

31) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sander

32) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Laki-Krater

33) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hvannadalshnúkur

34) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Skaftafell-Nationalpark
Sowie: https://www.vjp.is
Und: https://www.visitvatnajokull.is

35) Vgl.: https://www.mountaineers.is
Sowie: https://www.isalp.is

36) Vgl.: https://www.mountainguides.is

37) Vgl.: https://www.icelagoon.com

38) Vgl.: https://www.east.is

39) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fjord

40) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jökulsárgljúfur-Nationalpark

41) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mývatn
Sowie: https://www.visitmyvatn.is

42) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Krafla

43) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Krafla-Kraftwerk

44) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Solfatare

45) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fumarole

46) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlammtopf

47) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Yellowstone-Nationalpark
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Größeres_Yellowstone-Ökosystem
Der im Jahre 1872 gegründete Yellostone-Nationalpark ist der älteste Nationalpark der Welt. Die vulkanogene Landschaft ist insbesondere für Geowissenschaftler eine Attraktion.

48) Fahrradreisen mit Zelt unternehme ich seit meiner Schulzeit. Darunter ist eine Fahrradreise durch Nordamerika über eine Gesamtdistanz von rd. 7.500 km, die ich vom 19.07.1990 bis zum 10.10.1990 gemeinsam mit meinem Bruder Rainald durchführte. Bei dieser Fahrradreise fuhren wir entlang des Hudsonriver nach Kanada, folgten dort dem Fluß Ottawa und fuhren nördlich der Großen Seen weiter zum Yellowstone-Nationalpark in den Rockey-Mountains. Unsere Fahrradreise durch Nordamerika endete in Los Angeles.

49) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Akureyri
Sowie: https://www.visitakureyri.is

50) Vgl.: https://www.nordurland.is

51) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Botanischer_Garten_Akureyri

52) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Siglufjörður

53) Vgl.: https://www.sild.is

54) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Atlantischer_Hering

55) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Überfischung

56) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaldidalur
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaldadalsvegur

57) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gullni_hringurinn

58) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Þingvellir

59) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großer_Geysir
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geysir

60) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gullfoss

61) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kjölur

62) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kjalhraun

63) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kerlingarfjöll
Sowie: https://www.kerlingarfjoll.is

64) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hveravellir
Sowie: https://www.hveravellir.is

66) Vgl.: https://www.westfjords.is

67) Vgl.: https://www.snaefellsnes.is

68) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sprengisandur

69) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fjallabaksleið_nyrðri

70) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Landmannalaugar
Sowie: https://www.landmannalaugar.info

71) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eldgjá

72) Vgl.: https://www.katlageopark.is

73) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Seyðisfjörður
Sowie: https://www.seydisfjordur.is

74) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Norröna
Sowie: https://www.smyrilline.com

75) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tórshavn
Sowie: https://www.visittorshavn.fo

76) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Färöer
Sowie: https://www.faroeislands.com
Und: https://www.visitfaroeislands.com

77) Vgl.: https://www.wikipedia.org/wiki/Agenda21 

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Fahrradreise Island. Erlebnisse einer Nordeuropa-Reise im Jahre 2012. Textversion 04.

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 Manfred SUCHAN
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Bild unten: Mit dem Fahrrad unterwegs auf der Kaldidalur-Piste im Hochland der Insel Island am 03.08.2012 während meiner Fahrradreise im Sommer 2012. 
Bild darunter: Der Vulkan Hekla im Südwesten der Insel Island am 04.07.2012 während meiner Fahrradreise im Sommer 2012. 

Rucksackreise Kleinasien

Ein Reiseerlebnisbericht 


von Manfred Suchan


1.  Einleitung

 
Vom 10.05.2012 bis zum 08.06.2012 habe ich eine Reise durch Kleinasien (1) und in die Kaukasus-Region (2) unternommen (3). Diese Reise begann ich auf der im Zentrum der östlichen Mittelmeerregion (4) gelegenen Insel Zypern (5). Auf die Insel Zypern gelangte ich mit einem Billigflug. Nach einem Aufenthalt auf der Insel Zypern, um diese und die dortigen Verhältnisse näher kennenzulernen, reiste ich von dort per Fähre an die Küste Kleinasiens weiter. Meine Reise setzte ich mit Linienbussen durch das östliche Kleinasien fort. Vorbei am Van-See und dem Berg Ararat (5137 m) gelangte ich in die Kaukasus-Region. 
 
Sowohl die östliche Mittelmeerregion, als auch die Kaukasus-Region sind durch zahlreiche langjährige endemische und chronische Konflikte geprägt. Diese Konflikte sind Bestandteil des Konfliktgeschehens des extremen 20. Jahrhunderts (6) in Europa, sodaß diese Regionen Bestandteil einer katastrophalen europäische Geschichte sind. Ebenso wie in Europa war in Kleinasien und in der Kaukasusregion der Erste Weltkrieg die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, und der Vertrag von Lausanne vom 24.07.1923 (7) schuf mit dem griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch (8), einer Ethnischen Säuberung (9), als „Modell Lausanne“ einen Präzedenzfall für nachfolgende Ethnische Säuberungen, Zwangsmigrationen, Deportationen und Vertreibungen im 20. Jahrhundert. 
 
Die Konflikte in der östlichen Mittelmeerregion und der Kaukasusregion sind abhängig von den Konjunkturen des Konfliktgeschehens oft Thema der Massenmedien, doch meist werden den Zeitungslesern und Fernsehzuschauern von den Massenmedien Zusammenhänge und Hintergründe vorenthalten. Eine Reise ist geeignet, um sich selbst unabhängig vom Mainstream der Massenmedien eine eigene unabhängige Meinung zu bilden. 
 

2.  Inhalt

 
1.  Einleitung
2.  Inhalt
3.  Zypern, geteilte Insel im Zentrum der östlichen Mittelmeerregion
4.  Durch das östliche Kleinasien
5.  In der Kaukasus-Region
6.  Anmerkungen

 
3.  Zypern, geteilte Insel im Zentrum der östlichen Mittelmeerregion

 
Meine Reise auf der Insel Zypern begann ich in der Stadt Larnaka (10). Auf der Insel Zypern unternahm ich von der Stadt Larnaca aus verschiedene Ausflüge, um die Insel Zypern näher kennenzulernen. Hierbei besuchte ich die Städte Limassol (11), Pafos (12) und Polis im Südwesten der Insel. Von der Stadt Pafos aus fuhr ich am 14.05.2012 mit einem ausgeliehenen Mountainbike ins Troodos-Gebirge (13), wobei ich u.a. zum Kloster Kykkos (14) auf einer Höhe von 1140 m gelangte. Die Fresken und Mosaike dieses Klosters gelten als eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten auf der Insel Zypern. Mein besonderes Interesse galt der Hauptstadt der Insel Zypern, Nikosia/Lefkoşa (15) und der dortigen Teilungsverhältnisse.
 
Bis heute ist die Insel Zypern vom Zypernkonflikt (16) geprägt. 1960 lebten auf der Insel Zypern 556.660 Menschen, davon waren 79,5% griechische und 18,85% türkische Zyprer (17). Bis Anfang der 60er Jahre verteilten sich beide Volksgruppen über die gesamte Insel und lebten oft in den selben Dörfern. Dies änderte sich, als ab 1963 gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen beiden Volksgruppen eskalierten. Infolgedessen separierten sich beide Volksgruppen stärker und türkische Zyprer zogen in den Norden und griechische Zyprer in den Süden der Insel. Die Landung türkischen Militärs auf Zypern im Juli 1974, das 36% der Insel besetzte, forcierte diesen Prozeß.
 
Aufgrund des Zypernkonflikts ist die Insel Zypern und auch die Hauptstadt Nikosia/Lefkoşa in zwei Hälften geteilt, zwischen denen ein von den Vereinten Nationen (UN) eingerichteter und von UN-Friedenstruppen (18) bewachter Korridor liegt, die sogenannte „Greenline“, eine Pufferzone (19), die ca. 3% der Inselfläche ausmacht. Die UN-Friedenstruppe „United Nations Force in Cyprus“ (UNFICYP) war vom UN-Sicherheitsrat mit Resolution 186 am 04.03.1964 eingerichtet worden (20), und seit 1974 überwacht diese die „Green Line“. Folge des Zypernkonflikts war ein Bevölkerungsaustausch, der ein Drittel der Bevölkerung Zyperns zu Flüchtlingen werden ließ, und in seinem Buch „Geschichte der Türkei“ stellt der Islamwissenschaftler Maurus Reinkowski die Auswirkungen dieses Bevölkerungsaustausches dar: „Rund 160.000 griechische und 45.000 türkische Zyprioten mussten ihre Heimatdörfer und -städte verlassen. Die Entmischung der beiden Volksgruppen ist heute nahezu vollständig. Zugleich siedelte die Türkei in den folgenden Jahrzehnten systematisch – und damit in der Tradition der osmanischen Siedlungspolitik stehend – mehrere Zehntausend Anatolier nach Nordzypern um. (…) Heute ist Nord-Zypern faktisch Teil des Herrschaftsbereiches des türkischen Staates. Deutlichstes Zeichen dafür ist die Anwesenheit von türkischen Truppen in einer Stärke von rund dreißig- bis vierzigtausend Mann“ (21). Der Zypernkonflikt ist heute ein Beispiel für einen eingefrorenen Konflikt (22).
 
Diese auf der Insel Zypern und insbesondere in der Hauptstadt Nikosia/Lefkoşa angetroffenen Verhältnisse erinnerten mich an die Situation der geteilten Stadt Berlin (23) vor 1989 im Zeitalter des „Ost-West-Konflikts“ (24). Die Teilung Berlins in eine westliche und eine östliche Hälfte setzte sich fort in der Spaltung Europas in eine westliche und eine östliche, „real-sozialistische“ Hälfte durch den sogenannten „Eisernen Vorhang“ (25), dessen Bestandteil die Berliner Mauer war. Durch diese Teilungssituation wurde insbesondere die Reisefreiheit (26) in Europa erheblich eingeschränkt.
 
Vor 1989 und danach hatte ich in Berlin an der Freien Universität Berlin Geografie studiert, und ich hatte verschiedene Reisen unternommen. Im Sommer 1989 hatte ich eine Reise per Interrail (27) nach West-Europa und dort unter anderem auf die Britischen Inseln durchgeführt, und ich konnte damals mit Belfast (28) eine Stadt kennenlernen, die ebenfalls aufgrund eines Konflikts, des Nordirlandkonflikts (29) mit Mauern und Zäunen geteilt war, eine Situation, die mich an die geteilte Stadt Berlin, und nun wieder an die geteilte Stadt Nikosia/Lefkoşa erinnerte, denn ich fand hier erneut vergleichbare Verhältnisse vor: Die gesamte Insel Zypern und auch die Hauptstadt Nicosia/Lefkoşa sind geteilt in zwei Hälften.
 
Derartige Teilungen von Städten (30) sind ein weit verbreitetes Phänomen der Neuzeit (31), und sie ereigneten sich insbesondere im Zeitalter des Nationalismus (32) und der Herausbildung von Nationalstaaten (33). Immer wieder gelangte ich bei meinen Reisen durch zahlreiche dieser eigenartigen geteilten „Doppelstädte“, die es insbesondere im heutigen Europa in großer Zahl gibt. Insbesondere interessiert mich die jeweilige Teilungssituation, sodaß ich stets beide Teile einer „Doppelstadt“ besuche. Diese geteilten Städte können auch als Ausdruck des Niedergangs der Städte seit dem Übergang vom Mittelalter (34) zur Neuzeit angesehen werden, und sie sind somit ein Ausdruck der in der Neuzeit erlangten Dominanz des zentralistischen absolutistischen (35) Staates über die zuvor weitgehend selbstständigen und freien Städte (36). Bis heute haben die Städte ihre frühere Bedeutung und Selbstständigkeit nicht wieder erlangt, und sie sind weiterhin ein Spielball der von Nationalstaaten zur Machtbehauptung der Nation betriebenen Machtpolitik.
 
Auch in der geteilten Stadt Nikosia/Lefkoşa besuchte ich beide Hälften dieser “Doppelstadt”, um die Teilungssituation näher kennenzulernen. Das historische Stadtzentrum der Stadt Nikosia/Lefkoşa wird von einer ca. fünf Kilometer langen, 1567/1568 errichteten Venezianischen Festungsmauer mit elf Bastionen sternförmig umschlossen. Mitten hindurch verläuft die „Green Line“, eine Demarkationslinie, die die Stadt in eine südliche und eine nördliche Hälfte teilt. Entlang dieser quer durch die Stadt verlaufenden Demarkationslinie sind sämtliche Straßen durch Mauern und Zäune unterbrochen und unpassierbar. Im Zentrum gibt es einen „Checkpoint“, eine Übergangsstelle, an der die Demarkationslinie passiert werden kann. Hier erfolgte beim Passieren eine Paßkontrolle, und die Passanten erhielten ein Visum auf einem separaten Blatt. Sowohl im Südteil, als auch im Nordteil der geteilten Stadt Nikosia/Lefkoşa bot sich in den an die „Greenline“ angrenzenden Stadtteilen das gleiche Bild: Je mehr man sich der „Greenline“ annähert, umso mehr waren die Stadtteile von Gebäudeverfall und Verwahrlosung geprägt. In diesen teilungsbedingten zentralen Periferien der Urbanität waren überwiegend kleine Handwerksbetriebe angesiedelt. 
 
Im Nordteil der Insel Zypern besuchte ich die Hafenstädte Famagusta (37) und Kyrenia/Girne (38). Die Hafenstadt Famagusta grenzt unmittelbar an die „Greenline“ an. An der „Greenline“ prägen Stacheldraht, Zäune, Militärposten und dem Verfall überlassene Gebäude die Landschaft. In den Hafenstädten Famagusta und Kyrenia/Girne verkehren Fähren an die Küste Kleinasiens. Dort mußte ich allerdings feststellen, daß die Angaben in meinen Reiseführern bezüglich der Fährlinien, der angefahrenen Häfen und der Fahrzeiten allesamt unzutreffend waren. Offensichtlich ändern sich in kurzer Zeit die Fährlinien und deren Betreiber, sodaß Touristen auf aktuelle Recherchen vor Ort angewiesen sind. Doch derartige kurzfristige und häufige Änderungen von Fährverbindungen sind in vielen Fährhäfen weltweit verbreitet, wie ich während meiner Reisen immer wieder feststellen mußte. Letztlich gelangte ich mit einer Fähre von Kyrenia/Girne zum Hafen Taşucu bei der Stadt Silifke an der Südküste Kleinasiens. Nach Angaben meiner Reiseführer soll es auf der Insel Zypern auch Fährverbindungen nach Tripoli und Beirut im Libanon geben, doch Fähren dorthin habe ich auf der gesamten Insel Zypern nicht antreffen können. Erst im Hafen der Stadt Mersin an der Südküste Kleinasiens fand ich eine Fährverbindung nach Tripoli mit drei wöchentlichen Verbindungen, doch aufgrund des begrenzten Zeitrahmen meiner Reise war ein Besuch des Libanon im Rahmen meiner Reise nicht realisierbar, ohne mein Reiseprogramm an anderer Stelle einschränken zu müssen. 
 
Das historische Stadtzentrum von Famagusta ist geprägt durch zahlreiche große Kirchenruinen, die dem Verfall überlassen sind. Der im Frühmittelalter im Zuge der sogenannten „Islamischen Expansion“ (39) einsetzende Prozeß der Verdrängung der christlichen Religion aus der östlichen Mittelmeerregion, in der die christlichen Religion entstanden ist, setzt sich in der Gegenwart fort, wie am Beispiel der Stadt Famagusta manifest wird. In der Spätantike hatte sich das Christentum in weiten Teilen Asiens ausgeweitet, und noch im Mittelalter gab es in Asien weit mehr Christen als in Europa. Ebenso wie der Buddhismus (40) weitete sich das Christentum, insbesondere die Nestorianische Konfession (41), insbesondere über die Seidenstraße (42) bis ins östliche Asien aus. In seinem Buch: „Die Seidenstraße - Antike Weltkultur zwischen China und Rom“ stellt der Kulturwissenschaftler Helmut Uhlig (43) fest: „Der Islam war (…) die religiöse und zugleich auch politische Kraft, die nicht nur den Buddhismus, sondern auch das inzwischen an Teilen der Seidenstraße heimisch gewordene Christentum und den vor allem im chinesischen und uigurischen Machtbereich zu höchstem Ansehen gelangten Manichäismus verdrängten. Die Moslems beendeten die Zeit der religiösen Toleranz, die zur Kulturentfaltung an der Seidenstraße so entscheidend und nachhaltig beigetragen hatte“ (44). 
 
Wirtschafts- und verkehrsgeografisch liegt die klimatisch begünstigte Insel Zypern in einer ausgezeichneten Lage. Sie könnte eine Drehscheibe im Austausch mit den sie umgebenden Mittelmeeranrainerstaaten in Europa, Asien und Afrika sein – wenn es nicht den langjährigen Zypernkonflikt gäbe, der verhindert, daß diese Insel ihre Potentiale entfaltet. Die Europäische Union (EU) hat es versäumt, die Aufnahme der Republik Zypern im Zuge der großen EU-Erweiterung im Jahre 2004 (45) von einer Beendigung des Zypernkonflikts abhängig zu machen. So gab es auch den Vorschlag, die gesamte Insel Zypern als Föderation in die EU aufzunehmen. So hatte UN-Generalsekretär Kofi Annan am 11.11.2002 den beiden Volksgruppen auf der Insel Zypern einen umfassenden Friedens- und Verständigungsplan vorgelegt, der von der EU unterstützt wurde. Dieser Annan-Plan sah vor, daß ein vereinigtes Zypern 2004 der EU beitreten sollte. Er scheiterte jedoch an seiner mehrheitlichen Ablehnung durch die Zyperngriechen. Nun kann sich neben den UN auch noch die EU am Zypernkonflikt abarbeiten, dessen anachronistische Absurditäten Touristen von beiden Seiten der „Greenline“ aus betrachten können. 
 

4.  Durch das östliche Kleinasien

 
Von der Insel Zypern aus reiste ich am 17.05.2025 per Fähre von der Hafenstadt Kyrenia/Girne zum Hafen Taşucu bei der Stadt Silifke an der Südküste Kleinasiens. Per Bus fuhr ich von Silifke weiter zur Hafenstadt Mersin. Dort setzte ich nach einem Tag Aufenthalt mit der Eisenbahn meine Reise zur Stadt Adana fort, von wo aus ich am 19.05.2012 per Bus zur Stadt Antakya (46) weiterfuhr, dem früheren Antiochia am Orontes (47). Den Namen Antiochia erhielt die Stadt durch den Diadochen (48) Seleukos I. (49), der sie zur Hauptstadt seines Reiches machte. Im Jahre 64 vor Christus wurde Antiochia ein Teil des Imperium Romanum und entwickelte sich zu einer kosmopolitischen Metropole mit bis zu 500.000 Einwohnern. In der Antike war Antiochia neben Alexandria (50) und (später) Konstantinopel (51), dem früheren Byzantion (52), die größte und bedeutendste Stadt im östlichen Mittelmeerraum und zeitweise die drittgrößte Stadt der Welt (53), und ebenso war Antiochia ein Zentrum des Hellenismus (54). Bei der Entstehung und Verbreitung des Christentums hatte Antiochia eine bedeutende Rolle. Die Stadt Antakya bietet eine Fülle an historischer Bausubstanz vor dem Hintergrund einer gebirgigen Landschaft, die vom Fluß Asi durchflossen wird. Im Rahmen meiner Stadtexkursion durch das historische Stadtzentrum besuchte ich das Archäologische Museum, in dem überwiegend Artefakte, Statuen und Mosaike aus der römischen Antike der Region zu sehen sind. 
 
In der Stadt Antakya wurde mir berichtet, daß aufgrund des Konflikts im Nachbarland Syrien (55) nun deutlich weniger Touristen die Stadt Antakya besuchen, und auch der kleine Grenzverkehr zwischen Antakya und Syrien sei nahezu völlig zum Erliegen gekommen, obwohl die Einwohner der Türkei und auch Syrer zum Besuch des jeweils anderen Landes kein Visum benötigen würden. Der seit März 2011 in Syrien bestehende Bürgerkrieg ist eine Folge des sogenannten „Arabischen Frühlings“ (56), einer Serie von Protesten, Aufständen und Revolutionen, die um den Jahreswechsel 2010/2011 nahezu zeitgleich in mehreren Ländern in Nordafrika und Westasien einsetzte. 
 
Am 20.05.2012 setzte ich meine Reise per Reisebus von Antakya durch Kleinasien fort. Die Busfahrt verlief zuerst wie auf der Hinfahrt nach Antakya durch das Gebirge Nur Dağlari zur Stadt Iskenderun und dann weiter über die Autobahnen E91 und E90 nach Osmanye und Gaziantep durch eine Gegend mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung, z.T. mit beregnetem Anbau. Bei der Stadt Birecik wurde der Fluß Euphrat (57) überquert. Danach wird die Landschaft trockener mit steppen- bis halbwüstenartigem Charakter. Die Landschaft zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris (58) ist Projektgebiet des Südostanatolienprojekts (GAP) (59), einem regionalen Entwicklungsprojekt, das das Wasser des Euphrat und Tigris zur wirtschaftlichen Nutzung erschließen soll. Die Auswirkungen und Folgen dieses Projektes haben zu zahlreichen Problemen (60) insbesondere mit den Nachbarstaaten Syrien und Irak geführt, die auf die Wasserversorgung durch die Flüsse Euphrat und Tigris angewiesen sind, die der Friedens- und Konfliktforscher Stephan Libiszewski in seinem Text „Wasser als Konfliktstoff – Internationale und geostrategische Aspekte des Südostanatolienprojekts (GAP) darstellt: „Im Nahen Osten fallen objektive Konkurrenzsituationen zwischen Ober- und Unteranrainern grenzüberschreitender Flüsse mit ohnehin prekären klimatischen Bedingungen und mit einer aus anderen Gründen äußerst gespannten politischen Situation zusammen. (...) Die Unteranrainer von Euphrat und Tigris, Syrien und Irak, gehören zu denjenigen Staaten mit der höchsten Abhängigkeit von ausländischem Flußwasser. Fast 80% der verfügbaren Süßwasserressourcen in Syrien haben ihre Quellen in der Türkei, beim Irak beträgt die Abhängigkeit 66%. (…) Die Fähigkeit, den Abfluß von Euphrat und Tigris zu regulieren, gibt der Türkei (…) ein nicht zu unterschätzendes Machtmittel zumindest gegenüber den beiden unmittelbaren Nachbarn im Süden in die Hand“ (61). 
 
Die Flüsse Euphrat und Tigris bilden das Zweitstromland oder Mesopotamien (62). Innerhalb der Menschheitsgeschichte (63) hat Mesopotamien eine besondere Bedeutung, denn hier begann die Neolithische Revolution (64), und zudem entstanden hier die ersten staatlich organisierten Gesellschaften der Frühen Hochkulturen (65). Im Zuge der Neolithischen Revolution erfolgte der Prozeß der Domestikation. Der Prozeß der Domestikation erfaßte nicht nur Tiere und Pflanzen, ganze Landschaften und Ökosysteme wurden domestiziert und umgestaltet. Auch der Mensch selber wurde vom Prozeß der Domestikation erfaßt und verändert (66).
 
Gemäß dem Modell der „hydraulischen Gesellschaft“ (67), das der Soziologe Karl August Wittfogel (1896-1988) in seinem Werk: „Die Orientalische Despotie. Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht“ (68) darstellt, führte die Neolithische Revolution zur Entstehung von despotischer Herrschaft (69) und cephalen, hierarchischen, arbeitsteiligen, bürokratischen, zentralverwalteten, staatlich organisierten Gesellschaften, ein historischer Prozeß, der ausgelöst durch postglazialen Klimawandel (70) insbesondere in großen Flußlandschaften, wie z.B. des Nil, Euphrat und Tigris, Indus, Ganges, Mekong und Huang He in mehreren Regionen der Welt stattfand. Diese ersten Zivilisationen der Frühen Hochkulturen entwickelten ein auf Ritual, Kosmologie und Religion sowie auf Zwang, Furcht und Strafe begründetes Herrschaftsmodell, das die Gesellschaft zum Zweck zentral organisierter Arbeitsleistung gleichschaltete und das mit Kriegen nach außen expandierte. Hierbei wurde die Schrift (71) als bürokratische (72) Verwaltungstechnik erfunden. Die Erfindung der Schrift ist Voraussetzung für die Entstehung dogmatischer (73) Lehrsysteme, wie Rechtsordnungen (74) und Buchreligionen (75), die es zuvor nicht gab, und als Handlungsvorschriften haben sie den Charakter eines Algorithmus (76), der das Denken der Menschen, deren zahlreiche unterschiedliche Weltanschauungen, und das vielfältige menschliche Sozialverhalten in der Massengesellschaft im Sinne und Interesse der Herrschaft und deren Expansion nach innen und außen gleichschaltet und auf wenige vorgegebene und determinierte Handlungsoptionen einengt.
 
Am 20.05.2012 erreichte ich die Stadt Şanlıurfa (Urfa) (77), das antike Edessa. Die Stadt Urfa, die heute rund zwei Millionen Einwohner hat, hat eine mehrtausendjährige Geschichte. Den makedonischen Namen Edessa hatte die vormalige Stadt Orhoi von Seleukos I. Nikator (78) erhalten, der die Stadt im Jahre 303 vor Christus neu gründete. Im 2. Jahrhundert vor Christus gelang es den Aramäern, die seleukidische Oberherrschaft abzuschütteln und bei Edessa ein eigenes Königreich zu errichten. Dieses Königreich wurde eins der ersten christlichen Reiche noch vor Armenien (301 n. Chr.), Georgien (337 n. Chr.), dem Römischen Reich (380 n. Chr.), und es war nach der Eroberung der Stadt Nisibis (Nusaybin) durch die Perser Zufluchtsort der Schule von Edessa (79). Im Jahre 214 endete die Unabhängigkeit der aramäischen Könige, und die Stadt kam unter die Herrschaft des Imperium Romanum. In den folgenden Jahrhunderten war sie zwischen Oströmern, Sassaniden, Arabern, Merwaniden (80) und Armeniern umkämpft. Im 11. Jahrhundert entstand in Folge des Ersten Kreuzzuges (81), zu dem Papst Urban II. (82) im Jahre 1095 in Clermont aufgerufen hatte, mit dem Ziel, Pilgern den ungehinderten Zugang nach Jerusalem zu ermöglichen und das bedrängte Byzantinische Reich zu unterstützen, unter Balduin von Boulonge (83) die Grafschaft Edessa (84), einem von mehreren Kreuzfahrerstaaten (85). Mitte des 12. Jahrhunderts zerstörten die Seldschuken die Stadt. Es folgten Ayyubiden, Mamluken und Mongolen. Im 17. Jahrhundert eroberten die Osmanen die Stadt, die nun Urfa hieß.  
 
Die Stadt Şanlıurfa gilt als der Geburtsort des Abraham (86) des Alten Testamentes. In der Parkanlage Dergah im Süden des Stadtzentrums ist die Geburtsgrotte Abrahams eine Pilgerstätte. Der Legende nach soll Abraham während der Regierungszeit des tyrannischen babylonischen Herrschers Nimrod (87) in der Grotte geboren sein. Überragt wird Şanlıurfa von einem Zitadellenhügel, von dem sich ein Panoramablick über die Stadt bietet. 
 
Von Şanlıurfa aus unternahm ich eine Exkursion in die ca. 40 Kilometer südöstlich gelegene Stadt Harran (88). Die Stadt Harran liegt inmitten eines Baumwollanbaugebietes, das Bestandteil des Südostanatolienprojekts (GAP) ist. 40% der Baumwollproduktion der Türkei stammt aus dieser Region. Bei Harran können die Ruinen einer 5000jährigen Siedlungskontinuität besichtigt werden. Es gibt einen vier Kilometer langen, stark zerfallenen Stadtmauerring aus dem 6. Jahrhundert, doch von den einst rund 200 Wachtürmen und sieben Stadttoren ist nur das Aleppo-Tor (Haleb Kapi) erhalten geblieben. Eine Besonderheit sind dort die Trullihäuser, in Ziegelbauweise errichtete kegelförmige Wohngebäude, die wie große Bienenkörbe aussehen. Eine noch weit längere Siedlungskontinuität von ca. 12.000 Jahren haben Archäologen in der archäologischen Stätte Göbeki Tepe (89) 15 Kilometer nordöstlich von Şanlıurfa nachgewiesen, die ich jedoch nicht besucht habe. 
 
Per Reisebus fuhr ich am 22.05.2012 weiter zur Stadt Diyarbakır (90), die am rechten Ufer des Flusses Tigris liegt. Die Stadt Diyarbakır ist überwiegend von Kurden bewohnt. Die bedeutendste Sehenswürdigkeit in Diyarbakır ist die knapp sechs Kilometer lange römische Stadtmauer (91) von Diyarbakır, die im Jahre 349 n. Chr. auf Veranlassung von Kaiser Constantius II., Sohn von Konstantin dem Großen erbaut worden ist. Die aus dunklem Basalt errichtete Befestigungsanlage hat 82 Türme und vier Haupttore, sie ist zwischen zehn und zwölf Meter hoch und bis zu fünf Meter breit. Die Belagerung und Eroberung durch die Sassaniden im Jahre 359 hat sie allerdings nicht verhindert. Diese Mauer ist seit 2015 Unesco-Weltkulturerbe. Bekannt ist, daß bereits im 4. Jahrhundert verschiedene christliche Konfessionen in der Stadt ansässig waren. Bei meiner Stadtexkursion möchte ich das Archäologische Museum besuchen, doch dieses hatte geschlossen. Die Burganlage Iç Kale im Nordosten des Stadtzentrums auf einem steilen Basaltfelsen ist der älteste Bezirk der Stadt, und beinahe alle Herrscher haben diesen Ort zum Zentrum ihrer Machtrepräsentation gewählt. Von dieser Burganlage bietet sich ein Panoramablick über das Tal des Flusses Tigris. 
 
Nordöstlich der Stadt Diyarbakır beginnt das Armenische Hochland (92), das den größten Teil des östlichen Kleinasiens einnimmt. Das Armenische Hochland ist das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Armenier (93), in dem diese bis zum Völkermord an den Armeniern (94) in den Jahren 1915/1916 über einen Zeitraum von ca. 3500 Jahren gelebt haben. Dieses Siedlungsgebiet der Armenier im Armenischen Hochland war von den regionalen Großmächten wiederholt aufgeteilt worden in einen westlichen Teil, Westarmenien (95), und in einen östlichen Teil, Ostarmenien (96). So war es in der Spätantike zwischen dem Imperium Romanum (97) und dem Sassanidenreich (98) aufgeteilt worden. Im Jahre 1639 wurde Armenien im Vertrag Diyarbakir zwischen dem Osmanischen Reich und dem Reich der Safawiden (99) aufgeteilt. Durch den auf dem Berliner Kongress vom 13.06. bis zum 13.07.1878 (100) beschlossenen Berliner Vertrag erfolgte eine weitere Aufteilung Armeniens zwischen dem Osmanischen Reich und dem Kaiserreich Rußland (101). Die jüngste Aufteilung Armeniens erfolgte durch die Aufteilung des Territoriums der Demokratischen Republik Armenien (102) zwischen den Staaten Türkei und Sowjetunion im Zuge des Vertrages von Alexandropol vom 02.12.1920 (103) und des Vertrages von Kars vom 13.10.1921 (104). Im Vertrag von Sèvres vom 10.08.1920 waren die Armenier in Westarmenien noch berücksichtigt worden, während sie und weitere Minderheiten wie insbesondere die Griechen und die Kurden dann die großen Verlierer des Vertrags von Lausanne vom 24.07.1923 wurden (105). Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte aufgrund der Forderungen Josef W. Stalins nach Abtretung der in Jahre 1921 der Türkei überlassenen Gebiete Westarmeniens an die Sowjetunion eine Neuausrichtung der Außenpolitik der Türkei, und das Prinzip der „Vollständigen Ungebundenheit“ wich der Doktrin der sicherheits- und verteidigungspolitischen Einbindung der Türkei in das sich unter der Führung der USA ausbildende westliche Sicherheitssystem (106). 
 
Im Osmanischen Reich war die Bevölkerung im Rahmen des Millet-Systems (107) nach Kriterien der Religionszugehörigkeit unterteilt. Wie der Kulturwissenschaftler Gerhard Schweizer in seinem Buch „Türkei verstehen“ darstellt, verstanden sich die Untertanen des Osmanischen Reiches „zuallererst als Angehörige von Religionsgemeinschaften, als Sunniten, Schiiten, Aleviten, Christen, Juden, und in zweiter Linie als Angehörige einer Großfamilie, eines Stammes, Bewohner einer Region, einer Stadt, eines Dorfes – nicht aber als Türken, Griechen, Armenier, Kurden. Sie waren jeweils in einem millet organisiert“ (108). Im Rahmen des Millet-Systems verwaltete sich die nicht-muslimischen Religionsgemeinschaften selbst, sie mußten aber gegenüber der Mehrheit der Muslime soziale und rechtliche Einschränkungen und Benachteiligungen hinnehmen. Die Angehörigen einer Buchreligion, und damit auch die Armenier, hatten im Rahmen dieses Millet-Systems einen gewissen Schutzstatus, wenngleich alle Nicht-Mohammedaner im Osmanischen Reich systematisch benachteiligt wurden. Im 19. Jahrhundert löste sich das Millet-System zunehmend auf, und Idee des modernen Nationalismus gewann zunehmend an Einfluß. Bei Diyarbakır hatten im November 1895 Pogrome (109) an Armeniern stattgefunden, die Bestandteil der Massaker an den Armeniern von 1894 bis 1896 (110) im Osmanischen Reich waren. 
 
Meine Fahrt setzte ich zur Stadt Mardin (111) fort. Die Stadt Mardin liegt an einem Hang eines steil abfallenden Felsplateaus mit Höhen von 1300 Metern und sie wird von einem Burgberg überragt. Vom Burgberg hat man einen Ausblick auf die Ebene Mesopotamiens. Die Landschaft südlich der Stadt Mardin hat den Charakter einer Steppe und Halbwüste. Als östlicher Außenposten des Römischen Reiches wurde die Stadt Mardin im 4. Jahrhundert befestigt. Um 640 wurde Mardin von Arabern erobert. Im Jahre 1516 wurde Mardin ein Teil des Osmanischen Reiches. 
 
Während des Völkermords an den Armeniern in den Jahren 1915 und 1916 verlief eine der Deportationrouten vorbei an der Stadt Mardin in die syrische Wüste und zum Konzentrationslager Deir ez-Zor (112). Die Armenier erhielten während des Ersten Weltkriegs keine wirksame Hilfe aus dem Ausland, und auch der Kanzler des Kaiserreiches Deutschland, Theobald von Bethmann Hollweg, lehnte am 17.12.1915 eine Verurteilung der jungtürkischen Verfolgungspolitik, wie sie der deutschen Botschafter in Istanbul, Paul Graf Wolff-Metternich vorgeschlagen hatte, ab: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht“ (113). Bezüglich der heutigen Situation der Armenier in der Türkei stellt der Kulturwissenschaftler Gerhard Schweizer in seinem Buch „Türkei verstehen“ fest: „Einstmals lebten auf dem Staatsgebiet der heutigen Türkei etwa zwei Millionen Armenier, Mitte der 2010er-Jahre sind es nur noch 100.000, allein 60.000 davon in Istanbul. Wie weit die ‚Türkisierung‘ bei ihnen fortgeschritten ist, zeigt folgender Tatbestand: Etwa 80 Prozent beherrschen nicht mehr oder nur noch sehr unzureichend ihre ursprüngliche Muttersprache, denn im Alltag dominiert das Türkische, und Armenisch ist als Unterrichtssprache ebenso verboten wie das Kurdische“ (114). Grundlage der diskriminierenden Sprachpolitik (115) in der Türkei ist die Sonnensprachtheorie (116). 
 
Von Mardin aus verlief meine Reise am 23.05.2012 per Reisebus weiter auf der vierspurigen Landstraße 400 (E90) in der Nähe der Grenze zu Syrien und einer parallel verlaufenden Eisenbahnlinie durch eine monotone Agrarlandschaft mit Getreideanbau. Nördlich erstreckt sich zwischen Mardin und Cizre das Kalksteingebirge Tur Abdin mit durchschnittlichen Höhen von 990 bis 1200 Metern. Dieses Gebirge war früher das wichtigste Zentrum einer syro-aramäischen Kultur. Seit dem 4. Jahrhundert entstanden hier rund 80 Klöster und Bistümer, und beinahe jedes Dorf besaß eine eigene Kirche. Diese syrische Christen (117) bilden eine ethnisch-religiöse Gruppe (118), und sie werden auch als Assyrer (119) und Aramäer (120) bezeichnet. Assyrer leben heute im Irak, im Iran, in Syrien und in der Türkei, aber auch in Europa und Amerika. In den Jahren 1915 bis 1917 gab es zeitgleich zum Völkermord an den Armeniern einen Völkermord an den Syrischen Christen (121). Heute leben nur noch 2500 Syrische Christen am Tur Abdin.  
 
Ein Zwischenstop erfolgte am Busbahnhof der Stadt Nusaybin. Hier bieten Buslinienbetreiber auch Busfahrten in den Nord-Irak an. Bei der Weiterfahrt Richtung Cizre wird die Landschaft abwechslungsreicher und hügeliger, der Getreideanbau geht zurück und Buschwälder und Graslandschaften treten an dessen Stelle. Nach Angaben meines Reiseführes soll die Stadt Cizre (122) ein guter Ausgangsort für Reisen in die Autonome Region Kurdistan (123) im Nord-Irak sein. Bei der Einreise in den Nord-Irak erhalten Bürger der Europäischen Union an der Grenze von der kurdischen Regionalverwaltung ein kostenloses Touristenvisum für eine Dauer von 10 Tagen (Stand 2012). Dieser Teil Kurdistans war auf Beschluß des Rates des Völkerbundes (124) vom 16.12.1925 auf Verlangen des Britischen Imperiums, das Mandatsträger für den Irak war, aufgrund seines Erdölreichtums dem Staat Irak eingegliedert worden. 
 
Das Siedlungsgebiet der Kurden (125) liegt zwischen dem östlichen Anatolien und dem Zweistromland, wo die Kurden seit ca. 3000 Jahren ansässig sind. Die Zahl der Kurden wird auf ca. 25 bis 30 Millionen geschätzt. Von ihnen leben auf dem Gebiet der heutigen Türkei etwa 13 Millionen, rund 8 Millionen im Irak, etwa 6 Millionen im Iran und rund 2 Millionen in Syrien (126). Damit sind die Kurden das größte Volk der Welt ohne eigenen Staat. In der Türkei sind die Kurden (127) mit ca. 19 % der Gesamtbevölkerung aktuell die größte von zahlreichen weiteren Minderheiten (128). Dennoch sind die Kurden in der Türkei nicht als Minderheit (129) anerkannt und haben keinen Minderheitenschutz (130). Gemäß der Definition des Vertrages von Lausanne von 1923, der Minderheiten auf Religionszugehörigkeit und nicht auf Ethnien bezieht, gelten in der Türkei bis heute lediglich die griechisch-orthodoxe, die jüdische und die armenisch-apostolische Bevölkerungsgruppe offiziell als Minderheiten. 
 
Gemäß der von türkischen Historikern um 1930 entwickelten Geschichtstheorie sollen die heutigen Kurden Anatoliens eigentlich Türken sein, wie die Autoren Michaela Wimmer u.a. in dem Buch „Brennpunkt: Die Kurden“ erläutern: „Ihr zufolge sollen die heutigen Kurden Anatoliens eigentlich Türken sein: Nachkommen der ersten urtürkischen Bevölkerung Zentral- und Vorderasiens, die im Laufe der Zeit ihre ursprüngliche Turksprache aufgegeben haben und das Kurdische übernommen haben. Dementsprechend betrachtet Ankara die ‚Zurückführung‘ der Kurden ins Türkentum als eine Art ‚kulturelle Mission‘. Der Grund für die türkische Haltung liegt in der Angst vor einem kurdischen Nationalismus“ (131). 
 
Im Vertrag von Sèvres (132) vom 10.08.1920 waren die Kurden noch berücksichtigt worden, während sie und weitere Minderheiten dann die großen Verlierer des Vertrags von Lausanne (133) vom 24.07.1923 wurden. In seinem Text „‘Um zu überleben, müssen wir für und selbst kämpfen‘ - Die Kurden in der Türkei“ stellt der Journalist Harald Weiss fest: „Schon kurz nach dem Lausanner Vertrag begann die Unterdrückung der Kurden: Ihre Existenz wurde schlichtweg geleugnet, Kurdisch als Amtssprache verboten“ (134). Obwohl die Türkei heute wie zuvor das Osmanische Reich (135) faktisch ein Vielvölkerstaat (136) ist, sieht sich die Türkei als ein Nationalstaat von und für Türken, obwohl die Türken erst im Mittelalter aus Zentralasien in Kleinasien eingewandert sind (137) und sich mit Duldung durch das Byzantinische Reich (138) im Hochland von Anatolien angesiedelt haben. Damit sind die Türken die jüngste der zahlreichen Bevölkerungsgruppen Kleinasiens. Von den zahlreichen Bevölkerungsgruppen Kleinasiens können viele auf eine Siedlungskontinuität von mehreren Tausend Jahren zurückblicken, und wer länger anwesend ist, kann die älteren Rechte gelten machen. 
 
Diesen historischen Tatsachen widerspricht die staatsoffizielle Doktrin der sogenannten „Türkischen Geschichtsthese“ (139), deren Grundlage die Sonnensprachtheorie ist. Die Journalistin Inga Rogg erläutert in ihrem Buch „Türkei, die unfertige Nation“ diese „Türkische Geschichtsthese“, „der zufolge die Türken bereits in Urzeiten Anatolien besiedelten und die Hochkulturen der Hethiter und Sumerer schufen. Wer immer jetzt in Anatolien lebt, hätte entweder seine Wurzeln vergessen oder sich zu Unrecht Land angeeignet, das den Türken gehört“ (140). Die „Türkische Geschichtsthese“ ist ein Beispiel für die Tendenz des modernen Nationalismus zu dessen „Selbstverewigung“, wobei er bestrebt ist, die Existenz der von ihm konstruierten Nation durch alle Zeitalter und Epochen hinweg als apriori gegeben zu setzen. Im Zeitalter des modernen Nationalismus gründen und fördern die Nationalstaaten Wissenschaftsbereiche, insbesondere die Geschichtswissenschaft einschließlich der Archäologie und der Sprachwissenschaften, damit diese die Existenz der jeweiligen Nation seit den frühesten Zeiten der Geschichte und der Vorgeschichte wissenschaftlich belegen, um damit politische Ansprüche begründen und durchsetzen zu können. 
 
Von der Stadt Cizre fuhr ich zur Stadt Şirnak weiter. Die Landschaft wird nun zunehmend bergig. Die von Bergen umgebene Stadt Şirnak bietet keine besonderen Sehenswürdigkeiten, eignet sich aber als Zwischenstop auf der Fahrt zur Stadt Van. Von Şirnak setzte ich am 24.05.2012 meine Reise per Reisebus auf Landstraße 400 zur Stadt Hakkâri fort. Die Provinz Hakari gilt als die unterentwickeltste Region der Türkei (141). Die Fahrt verlief durch eine imposante Berglandschaft mit einigen kleinen Ortschaften. Es ist unübersehbar, daß ich hier eine perifere Randzone der Türkei durchreiste, die von der Entwicklung im Land abgekoppelt ist. Hier leben die Menschen unter deutlich ärmeren Verhältnissen, als es sonst in der Türkei üblich ist. Die Infrastruktur ist schlechter und die Müllentsorgung funktioniert offensichtlich nicht mit den Folgen, die u.a. aus afrikanischen Entwicklungsländern bekannt sind, d.h. Zivilisationsmüll liegt überall in der Landschaft herum, ganz anders als in der übrigen Türkei, wo die Müllentsorgung offensichtlich effizient funktioniert und auch in den Städten eine Straßenreinigung ständig präsent ist. In der Stadt Diyarbakır war mir berichtet worden, daß die überwiegend von Kurden besiedelten Landesteile in der Türkei vernachlässigt würden und es würde weniger in Entwicklungen investiert, als in anderen Teilen der Türkei. Gefördert werde diese Region hauptsächlich aus dem Ausland, unter anderem von der Europäischen Union. 
 
Des Weiteren besteht auf dieser Strecke von Şirnak nach Hakkâri eine erhöhte Militärpräsens mit Kontrollposten, Ausweiskontrollen, bewaffneten Soldaten, gepanzerten Fahrzeugen und befestigten Militäreinrichtungen. Vermutlich ist der Grund dafür, daß die Straße in der Nähe der Grenze zum Irak verläuft, und zudem war diese Gegend ein Zentrum der militärisch ausgetragenen Auseinandersetzungen mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) (142). Der Politologe Günter Behrendt analysiert in seinem Text „“Der kurdische Nationalismus in der Türkei“ die Lage in den kurdischen Gebieten in der Türkei: „Die türkische Armee mit ihren ‚Antiterror-Spezialteams‘ ist es, die die Menschen in Kurdistan wortwörtlich ‚mobilisiert‘, indem sie seit Jahren eine gewaltsame Vertreibung der dortigen Landbevölkerung vornimmt und bereits ganze Landstriche menschenleer gefegt hat. Um jedem Rückkehrversuch von vornherein einen Riegel vorzuschieben, wurden nicht nur hunderte von Dörfern dem Erdboden gleichgemacht, sondern auch systematisch die ökologischen Grundlagen für das wirtschaftliche Überlebendort vernichtet. Das heißt, es wurden Wälder und Obstkulturen abgeholzt, Bewässerungssysteme und Brunnen zerstört, Vieherden getötet etc. In Städten wie Cizre, Nusaybin und anderen Kreiszentren leben seither Zehntausende von mittellosen Flüchtlingen - ohne viel Obdach, fast alle ohne Zukunftsperspektive, denn Arbeit gab es früher hier schon kaum. Statt also die Guerillabewegung in einer menschenleeren Ödnis zu isolieren und ihr so das Wasser abzugraben, hat der türkische Staat durch die Tätigkeit seiner Spezialteams ein in den hoffnungslos unterentwickelten Städten Kurdistans unter keinen Umständen mehr zu integrierendes Potential an sozialem Elend geschaffen. Erst diese Situation der völligen Aussichtslosigkeit hat der PKK den Durchbruch zur Massenwirksamkeit verschafft“ (143). Eine Folge der Kurdenpolitik der Türkei ist die umfangreiche Abwanderung von Kurden in die westlichen Landesteile der Türkei, sodaß heute bereits die Hälfte der Kurden in den westlichen Landesteilen der Türkei lebt, in Istanbul sind es 2,5 Millionen (144). 
 
Schon im Jahre 1934 war ein Siedlungsgesetz verabschiedet worden, was unter anderem die Zwangsumsiedlung von Kurden in die Westtürkei ermöglicht, worauf der Soziologe Günter Seufert in seinem Text „Die Kurden und andere Minderheiten“ hinweist, und er führt weiter aus: „Im gleichen Jahr verbietet ein Gesetz zur Einführung der Familiennamen, die Verwendung von Wörtern ‚fremder Nationen und Rassen‘ sowie Namen von kurdischen Stämmen als Nachnamen. Das Provinzialverwaltungsgesetz von 1949 führt dazu, dass Tausende von Dorf- und Landschaftsnamen türkisiert werden, und 1972 wird mit Hilfe einer Änderung im Einwohnermeldegesetz die Verwendung kurdischer Personennamen untersagt. (…) Nach der Niederschlagung des Aufstands rund um den Ararat sagte Ismet Unönü, der damalige Ministerpräsident und engste Weggefährte Mustafa Kemals: ‚In diesem Land darf nur die Türkische Nation nach Rechten, die auf Ethnie und Rasse gründen, verlangen.‘ Und Justizminister Mahmut Esad Bozkurt erklärte: ‚Der Türke allein ist Herr in diesem Land, sein einziger Besitzer. Wer nicht rein türkischer Abstammung ist, der hat in diesem Land nur das Recht, Diener zu sein, Sklave zu sein‘“ (145).  
 
Zwischen den Orten Andaç und Çiğli erreicht die Straße eine Paßhöhe von 2080 Metern, und man gelangt hier an einem festungsartig ausgebauten Gebäude vorbei. Große Transporthubschrauber kreisten über der umgebenden Berglandschaft, und mehrere heftige Detonationen waren beim Vorbeifahren zu hören. An mehreren Stellen war der Asphalt der Straße verbrannt. Nach Angaben meines Reiseführers war die Straße von Şirnak nach Hakkâri aufgrund von Militäreinsätzen im Jahre 2009 nicht passierbar gewesen, und offensichtlich ist die gesamte Region bislang nur erschwert zu bereisen. 
 
Die Berglandschaft ist allerdings faszinierend. Es dominiert lichter Buschwald, doch vielfach sind die Berge baumlos. Es stellt sich die Frage, ob es sich dabei um einen natürlichen Zustand handelt oder um eine Folge einer Degeneration der Vegetation in Verbindung mit einer Bodendegradation (146) z.B. durch langzeitige Überweidung (147). Durch Erosion gehen in der Türkei jährlich 500 Millionen Tonnen Erde verloren 148). Die Stadt Hakkâri (149) liegt auf einer Höhe von 1750 Metern und sie ist von schneebedeckten Bergen mit Höhen über 4000 Metern umgeben. Hakkâri war bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein unabhängiges Fürstentum unter der erblichen Herrschaft kurdischer Emire. Sicherlich hätte die Stadt Hakkâri in Anbetracht der umgebenden Hochgebirgslandschaft das Potential zu einem Bergtourismuszentrum, doch die gegenwärtigen Verhältnisse im Südosten der Türkei verhindern noch eine entsprechende Entwicklung. 
 
Von Hakkâri setzte ich meine Fahrt zur Stadt Van fort. Die Fahrt verlief weiter durch Schluchten und Täler einer faszinierenden Berglandschaft, und die Straßen waren nun wieder in einem besser ausgebauten Zustand. An der Straßenabzweigung zur Stadt Yüksekova erfolgte eine weitere Paßkontrolle. Die Straße führt nun hinauf in die Alpine Höhenstufe (150) und überwindet den Paß Güzeldere Geçidi mit einer Höhe von 2710 Metern und danach den Paß Zernek Boğazi mit einer Höhe von 1930 Metern. Es bietet sich ein weitreichender Panoramablick in die meist großflächig baum- und strauchlose Landschaft, die von schneebedeckten Bergen eingerahmt wird. 
 
Die Stadt Van (151) liegt am Ufer des Van-Sees (152) im Armenischen Hochland auf einer Höhe von 1775 Metern. Das Armenische Hochland ist das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Armenier, in dem diese bis zum Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/1916 über einen Zeitraum von ca. 3500 Jahren gelebt haben. Der Van-See liegt auf einer Höhe von 1648 Metern, er ist der größte See Kleinasiens, und er weist mehrere limnologische (153) Besonderheiten auf. Der Van-See ist ein abflußloser endorheischer (154) Steppensee (155) und er ist der weltgrößte Natron-See (156). 
 
Der Grundriß der Stadt Van ist weitgehend rechtwinklig angelegt, was eine Orientierung erleichtert. Die Stadt Van präsentiert sich als ein überregional bedeutendes und expandierendes Geschäfts- und Wirtschaftszentrum. Gemäß der Theorie der Zentralen Orte (157) des Geografen Walter Christaller (1893–1969) ist die Stadt Van faktisch das Oberzentrum des südöstlichen Kleinasiens, wozu zweifellos die gute verkehrsgeografische Lage der Stadt beiträgt. Das Museum der Stadt Van, das ich besuchen wollte, war aufgrund des Erdbebens vom 23.10.2011 geschlossen und wurde gerade instand gesetzt. Überall in der Stadt gab es beschädigte Häuser infolge dieses Erdbebens, und es waren auf Freiflächen Container- und Zeltsiedlungen entstanden, z.T. mit Zelten der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR (158). Das gesamte Kleinasien liegt in einem erdbebengefährdeten Gebiet, und es muß immer wieder mit stärkeren Erdbeben gerechnet werden. Ebenso wie in Diyarbakir haben auch in Van die Flüchtlingsströme aus den umliegenden Dörfern, insbesondere aus der Region Şirnak und Hakkâri, dafür gesorgt, daß die Stadt Van innerhalb weniger Jahre auf ein Mehrfaches ihrer Einwohnerzahl angewachsen ist. 
 
Die Burg der Stadt Van wurde ab dem 9. Jahrhundert vor Christus durch den König Sarduri I. (840-825 v. Chr.) des Königreichs Urartu (159) auf einem Kalksteinmassiv errichtet, das fünf Kilometer westlich vom Stadtzentrum aus der ansonsten flachen Landschaft am Seeufer des Van-Sees herausragt. Aus osmanischer Zeit stammt die Befestigungsmauer, die sich über das gesamte Kalksteinmassiv erstreckt. Von der Burg bietet sich ein Panoramablick in alle Himmelsrichtungen: Nach Westen über den Van-See, nach Osten über die Stadt Van, die teilweise von schneebedeckten Bergen eingerahmt wird. Nach Nordwesten reicht der Blick zum schneebedeckten Berg Süphan Daği, der mit einer Höhe von 4434 Metern die Landschaft überragt. Nach Südwesten begrenzt die schneebedeckte Bergkette des Kavuşşahap Dağlari mit Höhen bis 3634 Metern den Blick. Beim Burgberg traf ich vier Motoradfahrer aus der Schweiz, die mir berichteten, daß sie sich auf einer fünfmonatigen Überlandreise (160) zum Baikalsee befinden und nun durch den Iran weiter fahren wollen. 
 
Von der Stadt Van aus setzte ich meine Fahrt am 26.05.2012 von einem der in den Städten Kleinasiens häufigen Kleinbusbahnhöfe in einem Kleinbus (Dolmuş) auf Landstraße 975 (E99) Richtung Norden fort. Die Straße führt zuerst am türkisblauen Vansee vorbei und dann nach Nordosten hinauf ins Gebirge bis auf eine Paßhöhe von 2644 Metern am Paß Tendürek Ceçidi. Die Fahrt führte an Dörfern vorbei, in denen die Menschen überwiegend von Viehzucht leben. Die gesamte Gebirgslandschaft ist Weideland und nahezu vollständig baum- und strauchlos, obwohl die klimatische Waldgrenze (161) nicht erreicht ist, wie einzelne größere Bäume in den Dörfern erkennen lassen. Wohl aufgrund der Nähe zur Grenze zum Iran bestand auf diesem Streckenabschnitt wieder eine erhöhte Militärpräsens auch mit befestigten Stellungen, und zwei Mal erfolgte eine Paßkontrolle, die zweite wenige Kilometer vor Erreichen der Stadt Doğubayazit. Diese Paßkontrollen erfolgten nicht durch das Militär, sondern durch die Jandarma (162), die im Unterschied zur kommunalen Polizei (Polis) (163) einen stärkeren militärischen Charakter hat, was sich unter anderem durch die Verwendung gepanzerter Fahrzeuge und vollautomatischer Schnellfeuerwaffen zeigt.  
 
Nach drei Stunden Fahrt erreichte ich die auf einer Höhe von 1625 Metern gelegene Stadt Doğubeyazıt (164). Die Stadt Doğubeyazıt war nach dem Ersten Weltkrieg als Grenzstadt neu gegründet worden. Heute ist die Stadt Doğubeyazıt ein Haupt-Durchgangsort für Reisen in den Iran. Nach einer Stadtexkursion besuchte ich den in sechs Kilometern Entfernung in einer Höhe von 2220 Metern gelegenen Ishak-Pascha-Palast (165), der zwischen 1685 und 1784 erbaut worden ist. Der Palast ist nicht nur eine architektonische Sehenswürdigkeit, überaus lohnend ist hier aus der Berghöhe der Panoramablick nach Norden über die Stadt Doğubeyazıt und den sich dahinter im Nordosten erhebenden Berg Ararat (5137 m) (166), dessen Gipfel schneebedeckt und aufgrund der bewölkten Wetterlage wolkenverhangen war. Dort traf ich zwei Reiseradler aus der Schweiz, die gerade eine einjährige Fahrradreise (167) unternahmen, die bis Singapur führen sollte. Von Doğubeyazıt aus wollten sie nun durch den Iran, und dann weiter durch die vier zentralasiatischen Länder und dann durch China radeln, ein beachtliches Reisevorhaben. 
 
Meine Reise setzte ich am 27.05.2012 auf Landstraße 975 in einem Kleinbus (Dolmuş) fort. Mit diesen Kleinbussen kann man in Kleinasien überall hingelangen, doch sie haben im Gegensatz zu Reisebussen keinen festen Fahrplan, denn sie fahren ab, sobald der Kleinbus voll ist. Die Fahrt führte westlich am Berg Ararat (5137 m) vorbei, wobei eine Paßhöhe von 1680 Metern erreicht wird. Nach 45 Minuten Fahrt war die Stadt Iğdir erreicht, wo ich einen direkten Anschluß zur Weiterfahrt zur Stadt Kars hatte. Auf dem Weg nach Kars durchfuhr der Bus eine kahle Berglandschaft mit Hochebenen und weiten Grasflächen, die von Vieh extensiv beweidet werden. Der Blick fällt nach Nordosten auf das gewaltige Bergmassiv des Gora Aragnac (4090 m), dessen breiter schneebedeckter Gipfel den Horizont begrenzt und auf dem Territorium der Republik Armenien liegt, wobei die Straße stellenweise nahe an der Grenze zur Republik Armenien verläuft. Bis wenige Kilometer vor der Stadt Kars steigt die Straße bis auf eine Höhe von 2250 Meter an. Auch hier überrascht die konsequente Baumlosigkeit der gesamten Gebirgslandschaft. Aufgrund des fehlenden Brennholzes wird in den Bergdörfern der Dung der Rinder getrocknet, und dieser bildet bei den Gehöften große Stapel. Offensichtlich befindet sich das gesamte östliche Kleinasien in einem Endzustand jahrtausendelanger chronischer Entwaldung (168). 
 
Nach drei Stunden Fahrt war die Stadt Kars (169) erreicht, die auf einer Höhe von 1768 Metern liegt. Kars ist die Endstation einer Eisenbahnlinie, die durch das gesamte Kleinasien nach Istanbul führt. Täglich verkehren zwei Züge auf dieser Strecke. Die Stadt Kars hat eine wechselvolle Geschichte. Sie war die Hauptstadt des armenischen Bagratiden-Reiches (170), bevor König Aschot III. die Hauptstadt im Jahre 961 nach Ani verlegte. Im Jahre 1044 wurde Kars Bestandteil des Byzantinischen Reiches, doch schon im Jahr 1064 wurde Kars an die Seldschuken abgetreten. Ab dem Jahre 1205 war Kars Bestandteil Georgiens, und ab 1580 herrschten die Osmanen in Kars. Zwischen 1877 und 1918 war Kars ein Teil des Kaiserreichs Rußland. Ab 1918 gehörte Kars zur Demokratischen Republik Armenien, bevor die Stadt 1921 an die Türkei fiel. Bei meiner Stadtexkursion besuchte ich das Museum und erstieg den im Norden der Stadt gelegenen Burgberg, einer Anhöhe von 1800 Metern, auf dem sich die Zitadelle Kars Kalesi befindet. Von dort aus bietet sich ein Panoramablick über die Stadt Kars und die weitere Umgebung. Zurück geht diese Festung auf eine armenische Burganlage, die im 14. Jahrhundert durch Timur (1336-1405) (171) zerstört worden war. Die Neustadt von Kars hat einen schachbrettförmigen Grundriß, und sie entstand im Jahre 1878, als Kars Garnisonsstadt des Kaiserreichs Rußland war.  
 
Von Kars aus unternahm ich am 28.05.2012 eine Exkursion zu der in ca. 45 Kilometer Entfernung östlich gelegenen Ruinenstadt Ani (172). Die Fahrt dorthin verlief durch die übliche baumlose Gebirgslandschaft des östlichen Kleinasiens, die von weiten Grasflächen geprägt ist, die extensiv beweidet werden. Aufgrund der naturräumlichen Begebenheiten müßte dennoch ein großräumiges Potential zur Waldentwicklung bestehen. Immerhin wurden aktuell entlang der nach Osten zur Ruinenstadt Ani verlaufenden Straße am Straßenrand einige Bäume gepflanzt, wodurch deutlich wird, daß hier auch Wald wachsen könnte. 
 
Die Ruinenstadt Ani liegt in einer Höhe von 1338 Metern auf einem Plateau, das an drei Seiten von tiefen Schluchten und dem Fluß Achurjan/Arpaçay (173) begrenzt wird, der heute die Grenze zwischen der Türkei und Armenien bildet. Die Stadt Ani lag an der nördlichen Seidenstraße, und im Mittelalter war die Stadt Ani ab dem Jahr 961 n.Chr. die Hauptstadt des armenischen Bagratiden-Reiches (174). Im 10. Jahrhundert wurde eine 1,5 Kilometer lange doppelreihige Stadtmauer errichtet, und den Haupteingang zur Stadt bildet das Löwentor, das am besten erhaltene der drei Haupttore. Anfang des 11. Jahrhunderts hatte die Stadt Ani ca. 100.000 Einwohner. In der Folgezeit wurde die Stadt Ani wiederholt erobert, und Anfang des 14. Jahrhunderts zerstörte ein Erdbeben die Stadt. Seit 2016 ist die Ruinenstadt Ani Unesco-Weltkulturerbe. 
 
Die am 28.05.2018 entstandene Demokratische Republik Armenien hatte den Anspruch auf sieben Provinzen des Osmanischen Reiches in Westarmenien erhoben. Jedoch wurde im Zuge des Vertrages von Alexandropol vom 02.12.1920 und des Vertrages von Kars vom 13.10.2021 der Fluß Achurian/Arpaçay zum Grenzfluß, sodaß die Ruinenstadt Ani heute auf dem Territorium der Türkei liegt. Im Vertrag von Sèvres vom 10.08.1920 waren die Armenier in Westarmenien noch berücksichtigt worden, während sie und weitere Minderheiten dann die großen Verlierer des Vertrags von Lausanne vom 24.07.1923 wurden. Die Folgen in Westarmenien stellt die Politikwissenschaftlerin Sibylle Thelen in ihrem Buch „Die Armenierfrage in der Türkei“ dar: „Die Spuren der armenischen Geschichte sind wie vom Erdboden verschwunden: Die Köster und Kirchen wurden geplündert, niedergebrannt, dem Verfall preisgegeben oder zu Ställen, Waffenlagern oder Turnhallen umfunktioniert. Von den 210 Klöstern, 700 Klosterkirchen und 1639 Gemeindekirchen, die das Patriarchat noch 1914 aufgelistet hatte, ist heute kaum noch etwas übrig. (…) Neben den religiösen Stätten verschwanden auch die Namen: Die armenischen Ortschaften, in denen nach 1915 neue Einwohner eingesiedelt wurden, heißen anders“ (175). Die Türkisierung geographischer Namen in der Türkei erfolgt insbesondere in den Siedlungsgebieten der Minderheiten in den östlichen Landesteilen (176). 
 
Nach Erlangung ihrer Unabhängigkeit am 21.09.1991 hat die Republik Armenien den Vertrag von Kars vom 13.10.2021 für ungültig erklärt, weil er damals ohne Zustimmung Armeniens einseitig unterschrieben worden sei. Aus Sicht der Armenier symbolisiert der Vertrag von Kars den Verlust von Westarmenien an die Türkei. Auch heute erkennt die Republik Armenien die Grenze zwischen Armenien und der Türkei gemäß dem Vertrag von Kars nicht an. Aufgrunddessen und dem in der Region Bergkarabach (177) bestehenden Bergkarabachkonflikt (178) hält die Türkei seit 1993 die Grenze zu Armenien geschlossen. 
 
Bei meiner Reise vom Westen in den Osten der Türkei ließ sich ein deutliches Entwicklungsgefälle von den Zentren im Westen des Landes hin zu den Periferien in den östlichen Landesteilen erkennen, was sich u.a. in den Bereichen Verkehrsinfrastruktur, Gebäudezustand, Stadtentwicklung und auch der Müllentsorgung manifestiert. Daß der Osten der Türkei „immer noch das Armenhaus des Landes“ ist, bestätigt der Journalist Jürgen Gottschlich in seinem Buch „Türkei“: „Der jahrelange Krieg gegen die kurdische PKK-Guerilla hat noch dazu beigetragen, dass in der Region praktisch kaum eine wirtschaftliche Entwicklung stattgefunden hat. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt höchstens ein Drittel von dem, über das die Einwohner im Westen verfügen. Es bleibt der Eindruck eines dreigeteilten Landes: der reiche Westen, mit den touristisch erschlossenen Küsten an der Ägäis und dem Mittelmeer, das karge und von aller Welt vergessene, bäuerlich-konservative Zentralanatolien, und der kurdisch besiedelte wilde Osten“ (179). 
 
Personen, mit denen ich sprach, äußerten die Auffassung, daß der türkische Staat die Regionen mit kurdischen, armenischen und weiteren Minderheiten in der Landesentwicklung vernachlässigen würde. In besonderem Maße trifft dies auf die unmittelbaren Grenzgebiete an den Landesgrenzen zu. Hier zeigt sich die Türkei heute noch als der Militär- und Polizeistaat, als der er nach dem Militärputsch vom 12.09.1980 (180) noch in den 80er Jahren auch in den Zentren im Westen Kleinasiens präsent war. Hier offenbart sich eins der Hauptprobleme des modernen türkischen Staates, dem es nicht gelingt, die Verhältnisse zu seinen Nachbarstaaten dauerhaft zu normalisieren, und dessen Minderheitenpolitik nimmer noch von Repression und Zwangsassimilisation bestimmt ist. 
 
Bezüglich der Entstehung des modernen Nationalismus in der Türkei führt die Politikwissenschaftlerin Sibylle Thelen in ihrem Buch „Die Armenierfrage in der Türkei“ aus: „Der Nationalismus hatte sich aber längst in den Köpfen festgesetzt. Hüseyin Cahit, einer der Wortführer der ‚Gesellschaft für Einheit und Fortschritt‘ erklärte, (…) ‚dieses Land wird das Land der Türken sein. Dieses Land haben die Türken erobert (…), in diesem Land sind die Türken die beherrschende Nation und werden es bleiben.‘ Ziya Gökalp, Begründer der türkisch-nationalen Ideologie, führte diese Gedanken weiter: ‚An die Stelle des Glaubens an Gott tritt der Glaube an die Nation, und der Nationalismus wird zu einer Religion‘“ (181). Am Beispiel des türkischen Staates zeigt sich exemplarisch die inhärente Aggressivität und Friedlosigkeit, mit der die Idee des modernen Nationalismus und des Nationalstaates gemäß dessen Ideal, dem homogenen Nationalstaat, verbunden ist (182). Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach stellt in seinem Text „Vom Osmanischen Reich zum EU-Kandidaten“ fest: „Der türkische Nationalismus war Ausdruck jener allgemeinen Verabsolutierung der Nation und des Nationalen, die in Europa gang und gäbe war. Die Unterdrückung ethnischer und religiöser Minderheiten sowie die gegebenenfalls auch gewaltsame Durchsetzung nationaler Homogenität reflektierten ein Verständnis von Staatsräson, wie es auch anderweitig vorherrschte“ (183). 
 
Menschenrechte, Minderheitenschutz und Außenbeziehungen sind auch die Hauptproblemfelder, die einem Beitritt der Türkei zur Europäischen Union entgegenstehen (184). In der wirtschaftlichen Entwicklung hingegen hat die Türkei weit mehr Fortschritte zu verzeichnen, als einige perifere Mitgliedsstaaten der Europäischen Union insbesondere in der östlichen Hälfte Europas, die im Zuge der großen EU-Osterweiterung der Jahre 2004 und 2007 hinzugekommen sind (185). 
 
Das West-Ost-Entwicklungsgefälle innerhalb der Türkei zeigt sich nicht nur in strukturellen Aspekten, sondern dieses findet auch im Lebensalltag der Menschen seine Entsprechung. Traditionelle Lebensweisen haben einen größeren Stellenwert, je weiter man nach Osten gelangt, und die Menschen sind dort konservativer. In Gesprächen wurde ich fast immer zuerst nach meinem Beruf gefragt und auch, ob ich verheiratet bin und wie viele Kinder ich habe. Dies West-Ost-Gefälle findet auch, wie ich feststellen konnte, in nach Osten zunehmend dunkler Kleidung der Menschen einen Ausdruck. Offensichtlich gibt es auch ein West-Ost-Gefälle im Gesundheitsbewußtsein; so wird im Osten der Türkei noch mehr geraucht, als es sonst im Land eh schon üblich ist. Wenn man von der nach Osten hin zunehmenden Zahl der Hustenden oder an anderen Symptomen des COPD-Syndroms (186) leidenden Menschen auf die Zahl der Betroffenen zurückschließt, ergibt sich ein signifikantes West-Ost-Gefälle. 
 
In der Türkei begegneten mir viele freundliche und hilfsbereite Menschen, doch im Gegensatz dazu scheinen bei einigen Wenigen, Touristen Mißtrauen auszulösen, insbesondere, wenn diese Touristen außerhalb der üblichen Touristenzentren unterwegs sind. Es macht sich verdächtig, wer in entlegene Landesteile, in Siedlungsgebiete von Minderheiten, in Konfliktgebiete und Grenzregionen reist. Als Tourist kann man sich nicht dem Eindruck entziehen, beobachtet, überwacht und kontrolliert zu werden. Dieser Eindruck ergab sich nicht nur unterwegs auf Straßen, in Bussen, in Museen, in Geschäften u.a., sondern auch in Hotels und Hostels, wo sich mein Verdacht zunehmend verfestigte, daß die Unterkünfte, so bescheiden sie auch sein mögen, nahezu allesamt „verwanzt“ sind. Ob es sich hier überwiegend um die Billigunterkünfte handelt, die in meinem Lonely Planet Türkei-Reiseführer aufgeführt sind, kann ich mangels Vergleich nicht beurteilen. Diese Beobachtungen passen jedoch in ein Gesamtbild eines Landes, in dem Menschenrechte verletzt, die Pressefreiheit eingeschränkt und Minderheiten unterdrückt werden, sowie Grenzkonflikte bestehen, die auch militärisch ausgetragen werden – vom Modell einer Entwicklung von Grenzräumen wie es beispielhaft im Grenzgebiet der Niederlande, Deutschlands und Belgiens realisiert ist (187), ist die Türkei noch weit entfernt. So wuchert der Bedarf an Überwachung in einem Staat, der von struktureller Gewalt und einer Unfähigkeit zu Frieden nach innen und außen geprägt ist. 
 
Dies ist die Grundlage, auf der ein sogenannter „Tiefer Staat“ (188) auf Ebenen jenseits der Legalität agiert. Der Politikwissenschaftler Dietrich Jung analysiert in seinem Text „Das politische Leben: Institutionen, Organisationen und politische Kultur“ das Phänomen des „Tiefen Staates“ in der Türkei: „Seit Beginn der 70er Jahre ist in der Türkei die Rede von einem zweiten Staat, der hinter dem offiziellen demokratischen System im Verborgenen wirkt. In diesem ‚tiefen Staat‘ verbindet sich die autoritäre Traditionslinie des türkischen Modernisierungsprozesses mit den Interessen eines Netzwerks, das von anti-demokratischen Kräften in Militär, Geheimdienst, Justizapparat, paramilitärischen Milizen und dem organisierten Verbrechen gebildet wird; dieses Netzwerk war während des Kalten Krieges und im Kampf gegen die separatistische PKK für die Einschüchterung und Ermordung von politischen Gegnern verantwortlich. (…) In den 1990er Jahren war es vor allem dieses informelle Netzwerk des ‚tiefen Staates‘, das eine freie öffentliche Debatte über zentrale politische Themen wie das Erbe Atatürks, die Rolle des Militärs, die Massaker an den Armeniern, die Kurdenfrage oder Nord-Zypern mit illegalen Mitteln bekämpfte“ (189).  
 

5.  In der Kaukasus-Region

 
Am 29.05.2012 setzte ich meine Reise von der Stadt Kars in einem Kleinbus auf Landstraße 965 zur Stadt Ardahan fort, um von dort nach Tiflis/Tbilissi in Georgien weiter zu reisen. Von Ardahan reiste ich per Reisebus weiter auf Landstraße 955 in Richtung der Stadt Ahalcihe. Ab Ardahan führte die Fahrt nun durch eine abwechslungsreichere und waldreichere Landschaft, die nun endlich die endlosen monotonen Bergweideflächen Ostanatoliens ablösen. Kurz vor Erreichen der Grenze zu Georgien überquert die Straße den Paß Ilgardaği Geçidi (2540 m), und der Motor des Busses bekam Probleme mit den Steigungen, sodaß mehrere Pausen erforderlich wurden. 
 
In Georgien führte die Fahrt weiter durch eine nun abwechslungsreiche, bewaldete Berglandschaft und durch das enge Tal des Flusses Mtkvari, das sich erst bei dem Ort Akhaldaba weitet und in eine Ebene übergeht. Die Dörfer wirkten ärmlich mit sanierungsbedürftiger Bausubstanz, und die Fahrt führte immer wieder vorbei an verfallenden Ruinen der Industrialisierung in der Sowjetunion (UDSSR) (190) vor 1990. Am 16.02.1921 war Georgien von der Roten Armee besetzt und in die Sowjetunion eingegliedert worden. Die insbesondere von Josef W. Stalin (191) brutal vorangetriebene Industrialisierung machte die Sowjetunion zu einer Weltmacht, und zeitgleich erfolgte eine umfangreiche militärische Aufrüstung. Diese verfallenden Ruinen der industriellen Modernisierung erscheinen insbesondere dort, wo sie noch funktionieren und in Betrieb sind, als ein großes Freilichtmuseum. Auch fuhren hier noch viele Automodelle herum, die in der westlichen Hälfte Europas als Oldtimer gelten und aus dem Straßenbild verschwunden sind. So ähnlich hatte es unmittelbar nach 1989/90 auch in der DDR ausgesehen, und hier in Georgien ist dieser Zustand jetzt noch erhalten.  
 
Die Stadt Tiflis/Tbilissi (192) liegt im Tal des Flusses Mtkvari auf einer Höhe von 380 Metern und hat ca. 1,3 Millionen Einwohner. Durch Tbilissi führte früher die Fernhandelsroute der Seidenstraße. Bereits im 4. Jahrhundert n. Chr. war Tbilissi auf einer Landkarte verzeichnet, die der römische Kartograf Castorius von den wichtigsten Fernhandelsstraßen seiner Zeit erstellt hatte. Der Ort trug den Namen Pilado (Tpilado) und war als einer der bedeutendsten Kreuzungspunkte der Karawanenwege vom Schwarzen Meer nach Persien, Indien und China vermerkt. Aus dieser Zeit sind in Tbilissi alten Karawansereien erhalten. Die Stadt Tbilissi wird von einem Burgberg mit der Festung Nariqala aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. überragt. Von hier bietet sich ein Panoramablick über die Stadt. Im Laufe ihrer Geschichte ist die Stadt Tbilissi 40 Mal erobert und dabei in weiten Teilen zerstört und danach wieder aufgebaut worden. Im Rahmen meiner Stadtexkursion in Tbilissi besuchte ich das Nationalmuseum, die Nationalgalerie und das Geldmuseum, in dem Geld aus nahezu allen Ländern ausgestellt ist. Die Stadt Tbilissi bietet eine große Fülle an historischer Bausubstanz und möchte sich zu einer europäischen Kulturhauptstadt entwickeln. In seinem Buch „Georgien – Ein Länderportrait“ stellt der Diplomat Dieter Boden fest: „Tbilissi ist – auch im Verständnis seiner 1,3 Millionen Einwohner – eine europäische Metropole“ (193). 
 
Von Tiflis/Tbilissi aus unternahm ich am 31.05.2012 mit einem Kleinbus (Marschrutka) entlang der Georgischen Heerstraße (194) eine Tagesexkursion in das Kaukasus-Gebirge. Die Georgische Heerstraße folgt einem schon in der Antike bekannten Karawanenweg. Die Georgische Heerstraße durchquert von Jerewan aus und vorbei an Tbilissi das gesamte Kaukasus-Gebirge bis zur Stadt Wladikawkas (195), wobei sie den 2379 Meter hohen Kreuzpaß (Dschwaripaß) überquert. Nördlich des Kreuzpasses verläuft die Georgische Heerstraße im Tal des Flusses Terek, das sich nördlich vom Ort Stepanzminda zur Daryalschlucht verengt. Die Fahrt folgte dem Fluß Aragvi zum Stausee Zhinvali, der die Stadt Tbilissi mit Trinkwasser versorgt. Am Ende des Stausees befindet sich die Kirchenburg Ananuri, und bei der Anlage des Stausees im Jahre 1985 ist das unterhalb der Burg gelegene Dorf Ananuri im Stausee versunken. Nun verengt sich das Tal zunehmend und die Straße windet sich kurvenreich steile Hänge hinauf. Der Straßenbelag wird zunehmend schlechter, bis sich der Fahrbahnbelag nahezu vollständig auflöst und die Fahrt nur noch im Schritttempo voranging. Die Straße passiert auf einer Höhe von 2196 Metern das Skigebiet beim Ort Gudauri, und kurz vor Erreichen des Kreuzpasses auf einer Höhe von 2379 Metern gab es eine Pause an einer Aussichtsplattform beim Denkmal der Georgisch-Russischen Freundschaft. In der Umgebung des Kreuzpasses (2379 m) gibt es Lawinengalerien, und seitlich der Straße erstreckten sich Firnfelder. Gesteinsschutt von Hangrutschungen türmte sich am Straßenrand und zwang zu Ausweichmanövern. 
 
Nach ca. drei Stunden Fahrt war das Fahrtziel, der Ort Stepanzminda (Kasbergi) (196) erreicht, der inmitten des Kaukasus-Gebirges auf einer Höhe von 1700 Metern liegt und von schneebedeckten Bergen eingerahmt wird. Neben Stepanzminda ragt der 5047 Meter hohe Berg Kasbek (197) gletscherüberzogen herauf, an dem der Sage nach Prometheus angekettet gewesen sein soll. Oberhalb von Stepanzminda befindet sich auf einer Höhe von 2170 Metern auf dem Berg Kvemi Mta die Gergeti-Dreifaltigkeitskirche (198), die vom Tal aus deutlich erkennbar ist. Ich erklomm den Weg hinauf zu dieser Kirche, die auf einem Berg knapp oberhalb der Waldgrenze liegt. Von dort hat man einen Panoramablick auf den Berg Kasbek, der mit einer Höhe von 5047 Metern einer der höchsten Berge im Kaukasus ist. Bedauerlicherweise war das Wetter in den Hochlagen des Kaukasus stark bewölkt, sodaß der Berg Kasbek in dichte Wolken eingehüllt war.  
 
Für zwei weitere Tage fuhr ich am 01.06.2012 von Tbilissi aus mit einem Kleinbus (Marschrutka) nach Armenien und besuchte die Hauptstadt Yerevan. Die Fahrt verlief durch eine intensiv genutzte Agrarlandschaft zum Grenzübergang Sadachlo. Hier erhielt ich ein Visum für eine Aufenthaltsdauer in Armenien von 21 Tagen. Mittlerweile benötigen Bürger der Europäischen Union für die Einreise von Georgien nach Armenien und umgekehrt kein Visum mehr. In Armenien sind lediglich die Grenzen nach Georgien und zum Iran passierbar, während die Grenzen zur Türkei und nach Aserbaidschan geschlossen sind. 
 
Die Fahrt verlief nun durch eine Schlucht innerhalb einer Gebirgslandschaft, wobei auch hier wie schon in Georgien immer wieder Ruinen der Industrialisierung in der Sowjetunion passiert werden. Am 06.12.1920 war die Demokratische Republik Armenien (199) durch die Rote Armee besetzt worden, und am 30.12.1922 wurde Armenien in die Sowjetunion eingegliedert. Die Fahrt verlief nun über die Orte Vanadzor und Spitak und östlich vorbei am Aragats-Gebirge mit Höhen bis zu 4090 Metern nach Aschtarak und weiter nach Jerevan. 
 
Die Stadt Jerevan (200) liegt auf einer Höhe von 989 Metern und hat rund 1.100.000 Einwohner. Bei meiner Stadtexkursion in Jerevan gelangte ich durch den aus schachbrettförmigen und konzentrischen Straßen aufgebauten Stadtkern und besuchte das Historische Museum, in dem unter anderem ein Exemplar des „Nansen-Passes“ (201) ausgestellt ist. Auch erstieg ich die monumentale „Kaskade“ im nördlichen Stadtzentrum, die zu einer Aussichtsplattform führt. Hier bietet sich ein Panoramablick über die Stadt Jerewan und den die gesamte Landschaft überragenden Berg Ararat (5137 m) im Hintergrund, jetzt von Osten aus. Ich war überrascht, wie viele große moderne Gebäude in Jerevan zu finden sind, ein Stadtbild, das sich vom ärmlichen Zustand des übrigen Armenien deutlich abhebt. Während das beschaulichere Tbilissi durch historische Bausubstanz beeindruckt, präsentiert sich Jerewan als überregionales Geschäftszentrum mit Monumentalbauten. Zahlreiche dieser Monumentalbauten sind ein Relikt aus der Zeit der Sowjetunion und im Stil des Sozialistischen Klassizismus (202) erbaut. In Jerewan traf ich auf zahlreiche Touristen aus den unterschiedlichsten Ländern, darunter auch viele Touristen aus dem Iran, für die es offensichtlich ein vereinfachtes Einreiseverfahren nach Armenien gibt. 
 
Bei meiner Stadtexkursion in Jerewan überquerte ich den das historische Stadtzentrum nach Westen begrenzenden Fluß Hrazdan und ging hinauf auf den Hügel Zizernakaberd, wo ich die Gedenkstätte und Museum zum Völkermord an den Armeniern 1915/1916 besuchte (203). In dem Genozid-Museum sind insbesondere schriftliche Belege, Berichte, Dokumentationen und weitere Materialien ausgestellt, die von Zeitzeugen in einem internationalen Kontext erstellt wurden und die das tatsächliche Ausmaß des Genozids an den Armeniern belegen. Viele Dokumente und Unterlagen sind verloren gegangen und gelten als verschollen, jedoch ist ein beträchtlicher Teil der Dokumente des Kaiserreichs Deutschland erhalten, die sich im Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin befinden. Weiterhin mangelt es an geschichtswissenschaftlichen Arbeiten, die dieses historische Ereignis mit wissenschaftlichem Anspruch aufarbeiten. Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916 wird in der Türkei offiziell weiterhin geleugnet (204). Wer in der Türkei die Massenmorde an Armeniern und anderen ethnischen Minderheiten thematisiert, kann auf Grundlage von Artikel 301 des Strafgesetzbuches wegen „Herabwürdigung des Türkentums“ zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden. In ihrem Buch: „Die Armenierfrage in der Türkei“ stellt die Politikwissenschaftlerin Sibylle Thelen dar, daß im Rahmen der staatsoffiziellen Geschichtspolitik (205) der Türkei staatlich geförderte Historiker das Geschichtsbild (206) propagieren, daß „in Wirklichkeit die muslimische Bevölkerung von Armeniern massakriert worden sei.“ (…) „Seit Anfang der achtziger Jahre hat sich in der Türkei ein produktiver, staatlich protegierter Wissenschaftsbetrieb etabliert, der sich einer einzigen Aufgabe verschrieben hat: die ‚offizielle These‘, als die nationale Sicht der Vorgänge von 1915, zu untermauern“ (207). Gemäß diesem staatsoffiziellen Geschichtsbild erscheinen die Deportationen der Armenier als legitime Notwehr eines Staates, der sich existenziellen Gefahren ausgesetzt sah, und der Vorwurf des Völkermords wird ausdrücklich zurückgewiesen. 
 
Nach meiner Rückkehr von meiner kurzen Exkursion nach Jerewan in Armenien unternahm ich am 03.06.2012 von Tiflis/Tbilissi aus eine Exkursion zur ca. 85 Kilometer nordwestlich gelegenen Stadt Gori (208). Die Stadt Gori liegt an der Einmündung des Flusses Liakhvi in den Fluß Mtkvari und sie hat ca. 65.000 Einwohner. Gori ist die Geburtsstadt von Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili alias Koba alias Stalin, und die Hauptattraktion der Stadt Gori ist das Stalin-Museum (209), das ich besuchte. Nach Angaben des Stalin-Museums ging die Initiative zur Einrichtung dieses Stalin-Museums in Gori von Lawrenti Beria (210) im Jahre 1937 aus, zur Zeit der Stalinschen Säuberungen (211) während des „Großen Terrors“ (212) der Jahre 1936 bis 1938, bevor Beria am 25.11.1938 Chef des NKWD (213) wurde. Bestandteile des Stalin-Museums sind der persönliche Eisenbahnwaggon Stalins, der auf dem Platz vor dem Museum ausgestellt ist und das Geburtshaus Stalins. Das Stalin-Museum in der Stadt Gori ist in zweifacher Hinsicht ein Museum. Zu Einen ist es ein materialreiches Museum zum Thema Josef W. Stalin, und zum Anderen ist das Stalin-Museum ein Museum über den staatsoffiziellen Personenkult (214), der in der Sowjetunion um Josef W. Stalin betrieben wurde, und das Stalin-Museum muß daher als ein historisches Dokument dieser Ära unverändert erhalten bleiben und unter Denkmalschutz gestellt werden. Zum Thema der Verbrechen in der Stalin-Ära sollte ein separates Museum eingerichtet werden. 
 
Anschließend setzte ich meine Exkursion zur nahegelegenen Burgruine Goristsikhe fort, von wo aus man einen Panoramablick über die Stadt Gori und die umgebende Landschaft hat. Dann besuchte ich die 12 Kilometer östlich von Gori gelegene verlassene Höhlenstadt Uplistsikhe (215), die zu den Hauptsehenswürdigkeiten Georgiens zählt. Diese Festungsstadt wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. gegründet, und sie entwickelte sich zu einem Handelszentrum an der Seidenstraße mit rund 5.000 Einwohnern. Der Verfall begann mit dem Abbruch der Handelsbeziehungen zu Europa nach dem Untergang des Byzantinischen Reiches. 
 
Am Abend des 03.06.2012 trat ich meine Rückreise an und fuhr mit dem Nachtzug von Tbilissi zur Hafenstadt Batumi (216) am Schwarzen Meer (217). Batumi hat heute 152.000 Einwohner und ist die zweitgrößte Stadt in Georgien. Batumi erhielt im Jahre 1883 Anschluß an das transkaukasische Eisenbahnnetz, und wenige Jahre später wurde eine Erdölpipeline von Baku hierhin verlegt. Die Brüder Ludvig und Robert Nobel (218) waren zusammen mit den Rothschilds die wichtigsten Protagonisten dieses gewaltigen Projekts, das 1906 in die Gründung der Europäischen Petroleum Union (219) mündete, des Vorgängers der British Petroleum (BP). Heute verarbeitet eine Erdölraffinerie in Hafennähe das aus Aserbaidschan kommende Rohöl. 
 
Von Batumi ist die Grenze zur Türkei nur 15 Kilometer entfernt, doch eine Busverbindung, die über die Grenze hinweg in die Türkei fährt, gab es nicht. Mit einem Kleinbus (Marschrutka, Dolmuş) konnte man zur Grenze gelangen, um diese zu Fuß zu überqueren. Auch in der Türkei gab es entlang der Küste des Schwarzen Meeres keine durchgehende Busverbindung zur Stadt Trabzon, sodaß ich in mehreren Etappen weiterreiste, zuerst nach Kemalpaşa, dann nach Hopa, und von dort fuhr ein Kleinbus (Dolmuş) zur Stadt Rize, von wo aus ich dann zur Stadt Trabzon weiter fuhr. Die Fahrt führte auf der Küstenautobahn entlang, die meist in unmittelbarer Meeresnähe verläuft, auch, weil die Küstenebene oft sehr schmal ist und von hohen küstenparallelen, oft schneebedeckten Bergen des Kaçkar-Gebirges begrenzt wird, das Höhen bis 3932 Metern erreicht. 
 
Die Stadt Trabzon (220) unterscheidet sich nicht nur kulturell, sondern auch klimatisch und landschaftlich von den Städten Ost-Anatoliens, von denen die Stadt Trabzon durch das hohe Kaçkar-Gebirge getrennt wird. Im 7. Jahrhundert vor Christus hatten griechische Siedler hier die Handelsniederlassung Sinop gegründet, die später den Namen Trapezunt erhielt. Über eine Karawanenstraße, die über einen Gebirgspaß führte, war die Stadt Trapezunt an ein Fernhandelsnetz angeschlossen, das bis nach Persien und Mesopotamien reichte. Seit dem späten 4. Jahrhundert vor Christus gehörte Trapezunt zum Königreich Pontos (221). Im Jahre 64 vor Christus wurde dieses in das Imperium Romanum eingegliedert. In Folge der Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1204 (222) während des vierten Kreuzzuges (223) war die Stadt Trapezunt von 1204 bis 1461 Hauptstadt des Kaiserreiches Trapezunt (224) gewesen. Im Jahre 1461 wurde die Stadt Trapezunt vom Osmanischen Reich erobert. Von 1917 bis 1920 bestand hier die von Pontos-Griechen (225) gegründete Republik Pontos (226). Auch die Pontos-Griechen mußten Kleinasien im Zuge der Ethnischen Säuberungen im Rahmen des Griechisch-Türkischen Bevölkerungsaustausches verlassen, der Bestandteil des Vertrags von Lausanne vom 24.07.1923 war (227). 
 
In der Zeit des Kaiserreiches Trapezunt entstanden die zahlreichen historischen Gebäude der Stadt Trabzon, darunter im 13. Jahrhundert die byzantinische Kirche Hagia Sophia (228), die nach dem Vorbild der großen Kathedrale Hagia Sophia in Konstantinopel errichtet worden war. Die Fresken dieser Kirche in Trabzon gelten als eine herausragende Sehenswürdigkeit. Allerdings wird die Kirche, die zuvor als Museum genutzt wurde, seit 2013 als Moschee genutzt. Aufgrund der kulturhistorischen Bedeutung der Stadt Trabzon wollte ich hier einen Besichtigungstag einlegen, auch für einen Besuch des Klosters Sumela (229), das als eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten im östlichen Kleinasien gilt, doch da ich für die weitere Rückreise eventuell noch eine Zeitreserve benötigte, setzte ich meine Reise bis zur Stadt Ünye fort, von wo aus ich zur Stadt Samsun weiter fuhr. 
 
Von Samsun setze ich meine Reise per Reisebus nach Istanbul fort. Der Bus verließ nun die Küstenautobahn und fuhr auf den Landstraßen E95 und E80 über die Orte Merzifon, Toysa, Gerede und Izmit (Kocaeli) nach Istanbul. Die Straße ist meist vierspurig und autobahnähnlich ausgebaut oder wurde gerade von zwei auf vier Spuren erweitert, sodaß in Kürze eine durchgehende vierspurige Autobahnverbindung von Istanbul über Samsun und Trabzon nach Georgien führen wird und dort entlang der Küste des Schwarzen Meeres nach Rußland weiter verläuft. Die Fahrt verlief nun durch eine abwechslungsreiche, bergige und meist grüne, oft waldreiche Landschaft. Im Tal des Flusses Kizilimak zwischen den Orten Osmancik und Toysa wird offensichtlich in großem Umfang Naßreisanbau betrieben, wie die vielen gefluteten Parzellen erkennen ließen. 
 
Mein Aufenthalt in der Megacity (230) Istanbul (231) war diesmal nur kurz. Zuletzt hatte ich Istanbul im April 1990 im Rahmen einer Interrail-Reise durch das südöstliche Europa besucht. In den zurückliegenden wenigen Jahrzehnten ist die Einwohnerzahl der Megacity Istanbul insbesondere durch Zuzug aus dem östlichen Kleinasien rasant angestiegen. Alleine zwischen 2000 und 2018 hat sich die Bevölkerung von Istanbul fast verdoppelt von 8,5 auf 15 Millionen Einwohner (232). Die Einwohnerzahl der Megacity Istanbul beträgt heute etwa 15 bis 18 Millionen - die genaue Zahl ist nicht bekannt, da viele Zuwanderer in der Provinz gemeldet bleiben und viele ausländische Migranten und Flüchtlinge nicht registriert sind (233). Die suburbane Metropolregion dieser Megacity wuchert ungeregelt und planlos in alle Richtungen und insbesondere entlang der Küsten des Marmarameeres. Mittlerweile ist die Siedlungsfläche der Megacity Istanbul mit der Siedlungsfläche der Dreimillionenstadt Bursa zu einer riesigen suburbanen Agglomeration zusammengewachsen. Mit dem rasanten Bevölkerungswachstum verbunden ist ein starker Wandel der Einwohnerstruktur. Noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren die Mehrheit der Einwohner Istanbuls Nichtmuslime, doch diese bilden heute nur noch kleine Minderheiten. 
 
Meine Unterkunft in Istanbul befand sich im Stadtteil Sultanahmet im historischen Stadtzentrum nur wenige Meter von der Kathedrale Hagia Sophia (234) entfernt. Diese Kathedrale Hagia Sophia war in den Jahren 532 bis 537 durch Kaiser Justinian I. (482-564) (235) in Konstantinopel erbaut worden. Ab 1934 war sie ein Museum, doch seit 2020 wird das Gebäude erneut als Moschee genutzt. Die beeindruckenden Mosaike in der Hagia Sophia sind mittlerweile nicht mehr zu sehen, wie ich bei meinem Besuch dieser Kathedrale am 30.08.2023 im Rahmen meiner Fahrradreise durch das südöstliche Europa im Jahre 2023 (236) feststellen mußte. Istanbul bietet eine Vielzahl kulturhistorisch bedeutsamer Sehenswürdigkeiten aus verschiedenen historischen Epochen, die von zahlreichen Touristen als aller Welt besucht werden. Bedauerlicherweise gestattete der eng bemessene Zeitrahmen meiner Reise keinen längeren Aufenthalt in Istanbul (Diesen längeren Aufenthalt habe ich später im Jahre 2023 nachgeholt). 
 
Im Nordwesten Istanbuls gibt es einen riesigen Fernbusbahnhof, von dem aus ich am 06.06.2012 meine Rückreise fortsetzte. Etwa 160 Busunternehmen haben hier ihre Büros. Es werden alle erdenklichen Ziele im In- und Ausland angefahren, darunter auch Georgien, Iran, Irak, Syrien, Griechenland, Bulgarien, Makedonien. Eine direkte Busverbindung nach Belgrad, Bukarest oder gar Budapest fand ich allerdings nicht, sodaß ich mich mit einer Busverbindung nach Sofia begnügen mußte. Die Busfahrt verlief im vollbesetzten Bus auf einer zum Teil sechsspurigen Autobahn nach Edirne und zur Grenze nach Bulgarien. Der Grenzübergang nach Bulgarien erwies sich als unerwartet zeitaufwändig, und bis alle Passagiere die verschiedenen Stationen der Paß- und Zollkontrollen sowie einen Besuch des Duty-Free-Shops absolviert hatten, waren ca. zwei Stunden verstrichen. 
 
In Bulgarien verlief die Fahrt über die Städte Haskovo und Plovdiv. Die Straße war nun nicht mehr mehrspurig ausgebaut, auf längeren Strecken war sie lediglich eine holprige Landstraße, die durch Dörfer mit halbverfallener Bausubstenz verläuft. Im Vergleich sind viele Gegenden in der Türkei in einem besseren Zustand. Ab der Stadt Plovdiv wird die Landschaft zunehmend bergig und Wald nimmt zu. Die Stadt Sofia erreichte der Reisebus am Abend, und eine Anschlußverbindung zur Weiterfahrt fand ich sowohl am Busbahnhof, als auch am benachbarten Hauptbahnhof nicht mehr, sodaß eine Übernachtung in Sofia erforderlich wurde. Am 07.06.2012 setzte ich meine Reise per Reisebus von Sofia nach Belgrad fort. In Belgrad fuhr ich nach einer kurzen Exkursion durch das Stadtzentrum mit dem Nachtzug weiter nach Budapest. Von dort fuhr ich mit einem weiteren Zug durch Österreich nach Deutschland, wo meine Reise am 08.06.2012 endete, um bald wieder zu einer weiteren Reise aufzubrechen. 
 

6.  Anmerkungen: 

 
1) Vergleiche (Vgl.).: https://de.wikipedia.org/wiki/Kleinasien

2) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaukasus
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaukasien
Vgl. auch: Marie-Carin von Gumppenberg, Udo Steinbach (Hg.): Der Kaukasus. Geschichte – Kultur – Politik. 2008, München.
Und: Manfred Quiering: Pulverfass Kaukasus. Nationale Konflikte und islamistische Gefahren am Rande Europas. 2016, Bonn.
Des Weiteren: Lutz Klevemann: Der Kampf um das heilige Feuer. Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer. 2002, Berlin.

3) Bei meiner Reise habe ich die folgenden Reiseführer verwendet, die sich als informativ und nützlich erwiesen haben:
Ralph-Raymond Braun: Zypern. 3. Auflage 2009, Erlangen (Michael Müller Verlag).
James Bainbridge: Türkei. Lonely Planet, 2. deutschsprachige Auflage 4/2010, Ostfildern (Mairdumont Verlag) (Übersetzung der 11. Auflage 4/2009 der englischen Ausgabe „Turkey“).
Marlis Kriegenhardt: Georgien. 2. Auflage 2011, Bielefeld (Reise Know-How Verlag).

4) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelmeerraum
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Mittelmeerraumes
Vgl. auch: Thomas Seibert: Machtkampf am Mittelmeer. Neue Kriege um Gas, Einfluss und Migration. 2021, Bonn.

5) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zypern

6) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Larnaka

7) Der Historiker Eric Hobsbawm unterscheidet ein langes 19. Jahrhundert von einem kurzen und extremen 20. Jahrhundert, das mit dem Ersten Weltkrieg als der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts beginnt und das mit den Ereignissen 1989/90 endet.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/19._Jahrhundert
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Langes_19._Jahrhundert
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/20._Jahrhundert
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurzes_20._Jahrhundert
Vgl. des Weiteren: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München, 1995.

Das extreme 20. Jahrhundert ist sowohl Folge, als auch Bestandteil des Zeitalters des Imperialismus, das in zwei Weltkriegen kulminiert. Heute ist das gesamte Zeitalter der Moderne und insbesondere das Industriezeitalter in Verdacht geraten, im extremen 20. Jahrhundert zu kulminieren. Weltweit ist ein großer Teil der Kriege, Ethnischen Säuberungen, Genozide und weiteren Gewaltverbrechen noch unzureichend wissenschaftlich erforscht, sodaß bis heute keine genauen Zahlen bezüglich der Gesamtzahl der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im extremen 20. Jahrhundert vorliegen. Je weiter der Tatort von Europa entfernt ist, umso unzulänglicher ist der Forschungsstand. Eine globale Gesamtzahl von 250 Millionen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft im extremen 20. Jahrhundert halte ich für wahrscheinlich. Dies entspricht einem von zehn Menschen der gesamten Weltbevölkerung von 1945.

Die Gesamtzahl der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im extremen 20. Jahrhundert schätzt Uwe Friesen auf insgesamt mehr als 150 Millionen Tote.
Vgl.: Uwe Friesen: Der Krieg als Mittel für den Frieden, oder: Mit Gewalt gegen Gewalt? S. 5. In: Der Chacokrieg. Reflexionen zum 80. Jubiläum des Friedensschlusses, 1935 – 2015 (= Jahrbuch für Geschichte und Kultur der Mennoniten in Paraguay, Jahrgang 16, Oktober 2015). S. 5-10.
Der Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski schätzt die Gesamtzahl der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im extremen 20. Jahrhundert auf 187 Millionen.
Zitiert nach: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München, 1995. S. 26.

Diese ca. 250 Millionen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im extremen 20. Jahrhundert sind allesamt erklärungsbedürftig, und jedes dieser ca. 250 Millionen Einzelschicksale muß aufgeklärt werden. Dazu merkt der Historiker Habbo Knoch in seinem Buch „Geschichte in Gedenkstätten“ an: „Ein gravierendes Problem jeder historischen Rekonstruktion des Tatgeschehens ist nicht nur die Ermittlung der einzelnen Namen von Verfolgten und Ermordeten, sondern die darauf beruhende Bestimmung von Gesamtzahlen und Zahlenangaben zu bestimmten Zeitpunkten – zumal es sich hier um ein geschichtspolitisch immer wieder umstrittenes Thema handelt. (…) Recherche und Forschung erstrecken sich im Kern auf alle Dimensionen des historischen Gewaltgeschehens und sollen dazu dienen, die Einzelschicksale in möglichst umfassende Kenntnisse über den historischen Ort einzubetten“. Siehe: Habbo Knoch: Geschichte in Gedenkstätten. Theorie-Praxis-Berufsfelder. Tübingen, 2020. S. 190 und 196.

Als charakteristische Elemente, die das 20. Jahrhundert in seiner gesamten historischen Tiefe und geografischen Breite als ein extremes Jahrhundert mit Alleinstellungsmerkmal charakterisieren und prägen können aufgeführt werden: a) Die Ethnische Säuberung, b) die Totale Institution des Lagers als die Totale Institution zur zweckrationalen Verwaltung von Menschenmassen in ihren verschiedenen Erscheinungsformen, c) der Ausnahmezustand, d) der Doppelstaat, e) die totale Mobilmachung, f) der totale industrielle Krieg, und weitere. Als charakteristische und prägende Elemente haben sie den Gehalt von analytischen Kategorien, die deshalb im Zentrum einer jeden Analyse zum extremen 20. Jahrhundert stehen müssen.

8) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Lausanne

9) Vgl.: Bestandteil des Vertrags von Lausanne war der griechisch-türkische Bevölkerungsaustausch.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bevölkerungsaustausch_zwischen_Griechenland_und_der_Türkei
Der griechisch-türkische Bevölkerungsaustausch war eine Ethnische Säuberung.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnische_Säuberung
Der griechisch-türkische Bevölkerungsaustausch schuf als „Modell Lausanne“ einen Präzedenzfall für nachfolgende Ethnische Säuberungen, Zwangsmigrationen, Deportationen und Vertreibungen im 20. Jahrhundert. Auf internationaler Ebene traten insbesondere westeuropäische Politiker und Wissenschaftler für ethnische Säuberungen ein, und dies zeigt, wie wichtig es ist, die Ebene der internationalen Politik und den dort bestehenden Konsens zu einem System homogener Nationalstaaten zu betrachten. In der internationalen Politik schuf die während der Konferenz von Lausanne am 30.01.1923 vereinbarte Konvention zum Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, die Bestandteil des Vertrags von Lausanne vom 24.07.1923 war, als „Modell Lausanne“ einen Präzedenzfall für nachfolgende Vertreibungen, was der Historiker Philipp Ther in seinem Buch: „Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“ hervorhebt: „Während das Leid der Flüchtlinge rasch in Vergessenheit geriet, priesen Politiker aus ganz Europa das Abkommen von Lausanne als Modell zur Beilegung von Konflikten zwischen verfeindeten Nationen. Das Stichwort ‚Lausanne‘ diente von 1937 bis 1947 als Referenzpunkt für ein knappes Dutzend internationaler Abkommen, in denen massenhafte Bevölkerungsverschiebungen vereinbart und geregelt wurden. Ein näherer Blick auf das türkisch-griechische Verhältnis zeigt, dass die Konflikte mitnichten gelöst waren“. Siehe: Philipp Ther: Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. 2017, Berlin. S. 90.

Der Experte für Völkerrecht Alfred-Maurice de Zayas bestätigt in seinem Buch: „Die Nemesis von Potsdam. Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen“, daß das „Modell Lausanne“ einen Präzedenzfall für nachfolgende Vertreibungen im 20. Jahrhundert schuf: „Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich dann die gewaltsame Umsiedlung als politisches Prinzip (…) allgemein durch. Der Vertrag über den Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, von dem etwa zwei Millionen Menschen betroffen waren, wurde zum historischen Markstein, weil ihm der Völkerbund zustimmte und seine Durchführung überwachte – ein unheilvolles Vorzeichen dessen, was später kam“. Siehe: Alfred Maurice de Zayas: Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen. 1981, München. S. 19.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Nemesis_von_Potsdam

Von den Zwangsmigrationen im Rahmen des Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei waren ca. 1,6 Mio. Personen betroffen, darunter ca. 1,2 Mio. Griechen in Kleinasien sowie ca. 400.000 Muslime in Griechenland. Der gewaltsame Bevölkerungsaustausch führte zu einem abrupten Ende der seit der Antike über einen Zeitraum von 2.500 Jahren bestehenden Siedlungskontinuität von Griechen in Kleinasien sowie zu einem Ende der seit fast 500 Jahren bestehenden muslimischen Gemeinden in Griechenland. Das „Modell Lausanne“ wurde in der internationalen Politik zum Präzedenzfall für nachfolgende Vertreibungen und Ethnische Säuberungen im extremen 20. Jahrhundert, sodaß das 20. Jahrhundert zu einem extremen Jahrhundert werden konnte, dessen Alleinstellungsmerkmal als einem extremen Jahrhundert insbesondere Ethnische Säuberungen sind. Ethnische Säuberungen wurden zu einem international akzeptablen Mittel, das versprach, innen- und außenpolitische Probleme wirksam und nachhaltig zu lösen, und immer häufiger und in wachsendem Umfang wurde darauf zurückgegriffen.

Dies bestätigt der Historiker Karl Schlögel in seinem Text: „Bugwelle des Krieges“: „Seit Lausanne 1923 galt es den Zeitgenossen als erwiesen, dass unauflösbare und lange schwärende Volkstumskonflikte aufgelöst werden könnten durch eine präzise, wenn auch allseits als schmerzlich empfundene Operation, deren segensreiche Folgen aber schon zu Lebzeiten der Betroffenen abzusehen seien. Das Beispiel von Lausanne machte Schule, es war ein fester Bezugspunkt für so verschiedene Politiker wie Fridtjof Nansen, den Völkerbundskommissar für Flüchtlingsfragen, die ‚großen Drei‘ Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt, Josef Stalin, die in Jalta Bevölkerungstransfers als unabweislich angesehen hatten, für Edvard Beneš, der ein Anhänger des Bevölkerungstransfers war – und Adolf Hitler, den Erfinder der ‚ethnografischen Flurbereinigung‘, die im Völkermord endete. Das Hauptargument lautete immer: Der Frieden der Welt sei zu kostbar, als dass er von kleinen Grenz- und Minderheitenkonflikten abhängig gemacht werden dürfe. Nur die rasche, vollständige und präzise ‚chirurgische Operation‘, nichts Halbes, sei die angemessene Reaktion der Gemeinschaft der friedliebenden Völker“. Karl Schlögel ergänzt: „Das 20. Jahrhundert hat die Völkerverschiebung im besten Fall als ‚heroisches Heilmittel‘ (Herbert Hoover), als ‚kleineres Übel‘, im schlimmsten Fall als Großprojekt des Social Engineering, als soziale Plastik bei der Schaffung des idealen Volkes oder der idealen Rasse propagiert“. Siehe: Karl Schlögel: Bugwelle des Krieges. S. 190. In: Stefan Aust, Stephan Burgdorff (Hg.): Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. 2003, Bonn. S. 179-196.

Das „Modell Lausanne“ wurde zum Planungsleitbild des 20. Jahrhunderts, wie der Historiker Holm Sundhaussen in seinem Text: „Staatsbildung und ethnisch-nationale Gegensätze in Südosteuropa“ darstellt, doch die „Abkehr der internationalen Gemeinschaft vom ‚Modell Lausanne‘ hat die Rekonstruktion multiethnischer Gemeinschaften nicht nachhaltig gefördert. (…) Die Tendenz zur ethnischen Homogenisierung immer kleinerer Räume hält somit an. (…) Die Transformation vom ethnonationalen Staat zu einer multiethnischen und ethnisch neutralen Staatsbürgergemeinschaft, die nur den Menschenrechten verpflichtet ist, muß bei der Titularnation ansetzen. Wo sonst? Erst danach kann auf ethnische Minderheitenrechte oder Territorialautonomien verzichtet werden. Der umgekehrte Weg ist weder praktikabel noch akzeptabel“. Siehe: Holm Sundhaussen: Staatsbildung und ethnisch-nationale Gegensätze in Südosteuropa. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 53. Jahrgang, B 10-11/2003, 03. März 2003. S. 9.

Im Gegensatz zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die internationale Staatengemeinschaft massenhafte Bevölkerungsverschiebungen veranlaßte oder daran mitwirkte, sind Ethnische Säuberungen heute geächtet, obwohl sie sich weiterhin bis in die Gegenwart ereignen, wie u.a. das Beispiel des ehemaligen Jugoslawien zeigt. Die Ächtung beruht vor allem auf der UN-Genozidkonvention vom 09.12.1948. Der Historiker Hans Rothfels kommentiert in seinem Text: “Die Bewältigung der Gegenwart und die Geschichte“ die Geschichte der Vertreibungen: „Wenn eine Lehre im Sinne des Leitbildes aus der Geschichte der Vertreibungen zu ziehen ist, so doch wohl die, daß nichts Derartiges wieder geschehen darf, wenn Europa noch eine Zukunft haben soll“. Siehe: Hans Rothfels: Die Bewältigung der Gegenwart und die Geschichte. S. 144. In: Carl J. Burckhardt: Geschichte zwischen Gestern und Morgen. 1974, München. S. 130-148.

Das Beispiel der Griechen und weiterer Minderheiten Kleinasiens, wie insbesondere der Armenier zeigt, daß der Übergang von Ethnischen Säuberungen zum Genozid fließend ist, daß beide Phänomene nicht voneinander getrennt werden können, sondern gemeinsam betrachtet und analysiert werden müssen.

10) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnische_Säuberung
Sowie: Detlef Brandes, Holm Sundhaussen, Stefan Troebst (Hg.): Lexikon der Vertreibungen. Deportationen, Zwangsaussiedlungen und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts. 2010, Wien.

In einer mittlerweile schon vollständig von Staaten okkupierten und aufgeteilten Welt schafft die Ethnische Säuberung das Faktum einer Terra Nullius,
https://de.wikipedia.org/wiki/Terra_Nullius
die nun in Besitz genommen, kolonisiert und besiedelt werden kann.

11) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Larnaka

12) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Limassol

13) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Paphos

14) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Troodos-Gebirge

15) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Kykkos

16) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nikosia
Vgl. insbesondere: https://de.wikipedia.org/wiki/Nikosia#Völkerrechtlicher_Status

17) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zypernkonflikt

18) Vgl.: Heinz-Jürgen Axt: Griechenland und Zypern. S. 421. In: Udo Steinbach (Hg.): Länderbericht Türkei. 2012, Bonn. S. 413-430.

19) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/United_Nations_Peacekeeping_Force_in_Cyprus

20) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Pufferzone_(Zypern)
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Pufferzone

21) Siehe: Maurus Reinkowski: Geschichte der Türkei. Von Attatürk bis zur Gegenwart. 2022, Bonn. S. 207-208.

22) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eingefrorener_Konflikt

23) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin#Geteilte_Stadt
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Mauer

24) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ost-West-Konflikt
Unzulässigerweise wird der Begriff „Ost-West-Konflikt“ und der Begriff „Kalter Krieg“ bei Wikipedia synonym gebraucht. Dies ist Ausdruck eines weitverbreiteten eingeschränkten Geschichtsbewußtseins
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsbewusstsein
und eines eingeschränkten Geschichtsbildes,
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsbild
das insbesondere eine piefige Berliner Mauergesellschaft prägt, bei der der Horizont des Geschichtsraumes
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsraum
und des Weltbildes
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltbild
an der Berliner Mauer endet, und der es nicht gelingt, den begrenzten Blick und die beschränkte Perspektive über Berlin im „Kalten Krieg“ hinaus zu erweitern.

Während der Begriff „Kalter Krieg“ auf den historischen Zeitabschnitt der Blockkonfrontation und der Bipolarität des Staatensystems zwischen der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs und den Ereignissen 1989/90 beschränkt und begrenzt ist, ist der Begriff „Ost-West- Konflikt“ hingegen weit umfassender: Der „Ost-West-Konflikt“ ist in Form des „Ost-West-Gegensatzes“ ein Narrativ, das die gesamte europäische Geschichte seit ihren Anfängen bestimmt und gestaltet; dieses Narrativ wird immer wieder neu reproduziert, und es erscheint in immer wieder neuer Gestalt. Schon bei den alten Griechen gab es einen Ost-West-Gegensatz zwischen der Welt des antiken Griechenlands
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Antikes_Griechenland
und dem Persischen Imperium
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Perserreich
als der Orientalischen Despotie. Der Ost-West Gegensatz in Europa fand eine Neuauflage mit der Aufteilung des Imperium Romanum
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsteilung_von_395
in einen lateinischen weströmischen Teil und einen von griechischer Kultur dominierten oströmischen Teil, der in der Aufteilung der christlichen Kirche in einen lateinischen römisch-katholischen und einen griechisch-orthodoxen Teil seine Entsprechung fand:
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Morgenländisches_Schisma
Aus diesem Gegensatz wurde der Gegensatz zwischen Abendland
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Abendland
und Morgenland. Diese Spaltung wurde durch die Eroberungen der Mongolen und der Osmanen vertieft. Der Historiker Dittmar Dahlmann stellt fest: „Was einst als der Norden Europas verstanden wurde, wandelte sich mit der Aufklärung und verstärkt im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Osten Europas, wobei der Osten mit der Barbarei identifiziert wurde, während der Westen sich im Selbstverständnis als Hort der Zivilisation begriff. Die Grundlage dafür ist in einer Verschiebung des europäischen Zentrums vom Süden zum Westen hin zu sehen. Der Osten löste den bis dahin barbarischen Norden ab.“ Siehe: Dittmar Dahlmann: Osteuropäische Geschichte. S. 211. In: Christoph Cornelißen (Hg.): Geschichtswissenschaften. Eine Einführung. Frankfurt am Main, 2000. S. 206-220.

Dieses Narrativ des „Ost-West-Gegensatzes“ ist offensichtlich mittlerweile durch jahrtausendelange Einübung so mächtig geworden, sodaß seine Überwindung und Ablösung nicht gelingt, was am Beispiel der Entwicklungen seit 1989/90 aufgezeigt werden kann, denn entgegen ersten Hoffnungen auf ein endgültiges Ende des Ost-West-Konflikts und ein neues Zeitalter des Friedens und der Kooperation befindet sich Europa heute faktisch wieder in einem neuen „Kalten Krieg“ und ist durch einen neuen „Eisernen Vorhang“ gespalten, und die Welt ist von neuen geopolitisch motivierten Konflikten und Kriegen geprägt. Die USA und China zeichnen sich als die Hauptakteure eines neuen globalen Ost-West-Konflikts der Zukunft ab.

25) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eiserner_Vorhang

26) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Reisefreiheit

27) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Interrail
Interrail entstand im Rahmen des KSZE-Prozesses.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/KSZE
Der KSZE-Prozeß war der zentrale Bestandteil der Entspannungspolitik
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Entspannungspolitik
Der KSZE-Prozeß hatte entscheidend dazu beigetragen, daß der Ost-West-Konflikt und das Zeitalter der Bipolarität und der Blockkonfrontation ein Ende finden konnten. Getragen war die Entspannungspolitik von dem Konzept „Wandel durch Annäherung“
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wandel_durch_Annäherung
Der gesamte KSZE-Prozeß war von diesem Konzept geprägt und durchdrungen. Wie in der Schlußakte von Helsinki der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) vom 01.08.1975 über die Grenzen des „Eisernen Vorhangs“ hinweg vereinbart wurde, war Ziel des KSZE-Prozesses u.a. „die Stärkung freundschaftlicher Beziehungen und des Vertrauens zwischen den Völkern“, was u.a. erfolgen sollte durch die „Entwicklung von Kontakten“ zwischen den Menschen, dies auch durch Förderung von „Möglichkeiten für umfassendes Reisen“, sodaß „der Tourismus zu einer vollständigen Kenntnis des Lebens, der Kultur und der Geschichte anderer Länder, zu wachsendem Verständnis zwischen den Völkern, zur Verbesserung der Kontakte (…) beiträgt“ wofür „die Entwicklung des Tourismus auf individueller und kollektiver Grundlage zu fördern“ ist. Des Weiteren war Ziel „eine Steigerung des Austausches (...) von Informationen“, und eine „wirksame Ausübung“ von „Menschenrechten und Grundfreiheiten“ zu „fördern und ermutigen“.

Ein weiteres Ziel der KSZE-Schlußakte von Helsinki vom 01.08.1975 war die Förderung der „Begegnung der Jugend“: „Die Teilnehmerstaaten beabsichtigen, die Entwicklung von Kontakten und des Austausches unter der Jugend zu fördern, indem sie ermutigen (…) zur weiteren Entwicklung des Jugendtourismus und der Gewährung geeigneter Erleichterungen zu diesem Zweck; (…) das Bewußtsein unter der Jugend der Bedeutung einer Entwicklung des gegenseitigen Verständnisses sowie der Stärkung freundschaftlicher Beziehungen und des Vertrauens unter den Völkern.“

Der KSZE-Prozeß ist dokumentiert in: Europäische Menschenrechtsdokumente und der KSZE-Prozeß. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Menschenrechte. Dokumente und Deklarationen. Bonn, 1995. S. 219-457. Wenn man heute die Dokumente des gesamten KSZE-Prozesses noch einmal liest, wird deutlich, wie erheblich die heutige Politik in Europa vom KSZE-Prozeß und dessen Intentionen abgewichen ist. Die Beendigung des KSZE-Prozesses Mitte der 90er Jahre korreliert signifikant mit der Zunahme von Krisen, Konflikten und Kriegen in Europa, die wir seither feststellen müssen.

28) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Belfast

29) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nordirlandkonflikt

30) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_geteilter_Orte

31) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Neuzeit

32) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalismus
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Nation

33) https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalstaat

34) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelalter

35) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Absolutismus

36) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Stadt
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Freie_und_Reichsstädte

37) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Famagusta

38) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kyrenia

39) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Expansion

40) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Buddhismus#Ausbreitung_in_Südasien_und_Ostasien
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Buddhismus

41) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nestorianismus#Ausbreitung

42) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Seidenstraße

43) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Uhlig_(Autor)

44) Siehe: Helmut Uhlig: Die Seidenstraße. Antike Weltkultur zwischen China und Rom. 1986, Bergisch Gladbach. S. 234-235.

45) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/EU-Erweiterung_2004
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Erweiterung_der_Europäischen_Union
Die große EU-Osterweiterung der Jahre 2004 und 2007 ist bis heute in Europa nicht aufgearbeitet worden, und ihre gravierenden Folgen werden nicht ausreichend reflektiert. Die große EU-Osterweiterung der Jahre 2004 und 2007 veränderte sowohl die EU, als auch das gesamte Europa radikal und nachhaltig, und in der Geschichte Europas ist sie eine Zäsur.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zäsur_(Geschichte)

Die große EU-Osterweiterung der Jahre 2004 und 2007 ist ein Bestandteil der Geopolitik
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geopolitik
der USA. Die EU-Beitrittsländer der großen EU-Osterweiterung der Jahre 2004 und 2007 sind im Wesentlichen die Länder der „Koalition der Willigen“
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Koalition_der_Willigen
die in Folge der Ereignisse des 11.09.2001 mit US-Präsident George W. Busch im Jahre 2003 in den Irak-Krieg
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Irakkrieg
gezogen sind.

In Folge der Ereignisse des 11.09.2001 wurde in den USA am 14.09.2001 der Ausnahmezustand verhängt, es erfolgte eine vorher nicht dagewesene Ausweitung der präsidentiellen Macht und eine faktische Aufhebung der Gewaltenteilung, am 26.10.2001 wurden mit dem „USA Patriot Act“
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/USA_PATRIOT_Act
die Bürgerrechte eingeschränkt, erstmals seit ihrem Bestehen rief die NATO den Bündnisfall aus, und am 07.10.2001 begann der Krieg in Afghanistan
https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_in_Afghanistan_2001-2021
sowie am 20.03.2003 der Irakkrieg mit einer „Koalition der Willigen“.
Dies erfolgte auf Grundlage der „Busch-Doktrin“
https://de.wikipedia.org/wiki/Bush-Doktrin
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Sicherheitsstrategie_der_Vereinigten_Staaten
und im Zuge einer Politik des Unilateralismus.
https://de.wikipedia.org/wiki/Unilateralität

Folge dieser Politik der Bush-Administration war ein „gespaltener Westen“, und der Philosoph Jürgen Habermas
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Habermas
stellte in seinem Buch „Der gespaltene Westen“ im Jahre 2004 fest: „Nicht die Gefahr des internationalen Terrorismus hat den Westen gespalten, sondern eine Politik der gegenwärtigen US-Regierung, die das Völkerrecht ignoriert, die Vereinten Nationen an den Rand drängt und den Bruch mit Europa in Kauf nimmt.“ Dieser Entwicklung stellt Habermas das „Kantsche Projekt der Abschaffung des Naturzustandes zwischen den Staaten“ entgegen, das der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804)
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant
in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zum_ewigen_Frieden
im Jahre 1795 vorentworfen hatte, und Habermas führt aus: „Mit dem Entwurf eines ‚weltbürgerlichen Zustands‘ hat Kant den entscheidenden Schritt über das allein auf Staaten bezogene Völkerrecht hinaus getan. Inzwischen hat sich das Völkerrecht nicht nur als juristische Fachdisziplin ausdifferenziert; nach zwei Weltkriegen hat die Konstitutionalisierung des Völkerrechts auf dem von Kant zugewiesenen Wege zum Weltbürgerrecht Fortschritte gemacht und in internationalen Verfassungen, Organisationen, Verfahren institutionelle Gestalt angenommen“. Habermas skizziert ein Mehrebenensystem einer „Weltinnenpolitik ohne Weltregierung“: „Im Lichte der Kantschen Idee kann man sich eine politische Verfassung einer dezentrierten Weltgesellschaft, ausgehend von den heute bestehenden Strukturen, als ein Mehrebenensystem vorstellen, dem im Ganzen der staatliche Charakter aus guten Gründen fehlt“. Dabei wird der Weg vom Staatenrecht zum Weltbürgerrecht beschritten, und die individuellen Bürger werden als unmittelbare Subjekte des Völkerrechts anerkannt, womit die Transformation des Völkerrechts in ein Weltverfassungsrecht eingeleitet wird. Auf dieser Grundlage mahnt Habermas Reformen der UNO an.
Vgl.: Jürgen Habermas: Der gespaltene Westen. Frankfurt am Main, 2004. S. 7, S. 114, S. 134.

Diese Spaltung des Westens findet in dem vom US-amerikanischen Kriegsminister Donald Rumsfeld
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Rumsfeld#Verteidigungsminister_unter_Präsident_George_W._Bush
bezeichneten „Alten Europa“
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_alte_Europa
und dem „Neuen Europa“ ihre Entsprechung. Die Länder des „Neuen Europa“ bildeten die „Koalition der Willigen“, den Vasallen, mit denen die USA im Zentrum Eurasiens in den Krieg gezogen sind, womit die USA unübersehbar der geopolitischen „Heartland-Theorie“ folgen:
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Heartland-Theorie

Die Länder der „Koalition der Willigen“ des „Neuen Europas“ bilden im Wesentlichen die EU-Beitrittsländer der großen EU-Osterweiterung der Jahre 2004 und 2007, doch faktisch sind diese neuen EU-Beitrittsländer in der östlichen Hälfte Europas mehr den USA, als der EU, dem vom US-amerikanischen Kriegsminister Donald Rumsfeld bezeichneten „Alten Europa“ beigetreten. Die EU-Beitrittsländer des „Neuen Europa“ sind seither in der erweiterten Europäischen Union Empfänger von Leistungen, die das „Alte Europa“ leisten muß. Die EU-Osterweiterung erfolgte zeitgleich und parallel zur NATO-Osterweiterung, und faktisch ist eine Mitgliedschaft in der NATO eine Voraussetzung für eine Mitgliedschaft in der EU.

Im Falle des aktuellen Krieges in der Ukraine, der im Wesentlichen ein Produkt der Geopolitik der USA ist, bilden heute allerdings sowohl das „Neue Europa“ als auch das „Alte Europa“ gemeinsam eine „Koalition der Willigen“.

46) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Antakya

47) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Antiochia_am_Orontes

48) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Diadochen
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexanderreich

49) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Seleukos_I.

50) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandria_in_der_Antike
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandria#Geschichte

51) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantinopel
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Istanbuls#Spätantike_und_byzantinische_Zeit

52) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Byzantion

53) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_größten_Städte_der_Welt_(historisch)

54) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hellenismus
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Hellenisierung

55) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Syrien#Bürgerkrieg_seit_2011
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Syrischer_Bürgerkrieg

56) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Arabischer_Frühling

57) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Euphrat

58) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Euphrat

59) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Südostanatolien-Projekt

60) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Südostanatolien-Projekt#Auswirkungen_und_Probleme
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Euphrat#Zustand_im_21._Jahrhundert
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Tigris#Tigris_im_21._Jahrhundert

61) Siehe: Stephan Libiszewski: Wasser als Konfliktstoff. Internationale und geostrategische Aspekte des Südostanatolienprojekts (GAP). S. 185,186, 191. In: Kurdistan-AG AStA-FU Berlin; Kurdologie-AG der Uni Hamburg (Hg.): Kurdologie. Studien zu Sprache, Geschichte, Gesellschaft und Politik Kurdistans und der Kurdinnen und Kurden. 1994, Berlin. S. 185-194.

62) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mesopotamien

63) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Menschheitsgeschichte
Die Menschheitsgeschichte ist Bestandteil der Erdgeschichte und der Geschichte des Lebens auf dem Planeten Erde. Bedingung des Lebens auf dem Planeten Erde ist der geodynamisch fundierte evolutions-ökologische Prozeß, dessen Bestandteil das Leben auf dem Planeten Erde ist. Die Menschheitsgeschichte kann als die Geschichte der Ausbreitung und Ausdifferenzierung des anatomisch modernen Menschen Homo sapiens vor ca. 70.000 Jahren von seinem beim gegenwärtigen paläoanthropologischen Forschungsstand angenommenen Ursprung im östlichen Afrika über den gesamten Planeten Erde bis zur Gegenwart aufgefaßt werden. Hierbei hatten mehrere technologische Revolutionen weitreichende gesellschaftliche und ökologische Folgewirkungen, insbesondere die Prometheische Revolution, die Neolithische Revolution, die Industrielle Revolution und aktuell die Digitaltechnische Revolution. Die Menschheitsgeschichte endet mit dem Ende der Menschheit:
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Menschheit
Aufgrund des weiteren Verlaufs der Erdgeschichte und der zukünftigen Geschichte des Lebens auf dem Planeten Erde auf Grundlage des geodynamisch fundierten evolutions-ökologischen Prozesses ist das Ende der Menschheit unvermeidbar. Das Einzige, was wir beeinflussen können, ist der Zeitpunkt, an dem das Ende der Menschheit eintritt. Wenn die Menschheit so weiter macht, wie bisher auf Grundlage ihrer technologischen Revolutionen, wird dieses Ende in sehr naher Zukunft eintreten. Auf Grundlage der natürlichen Verhältnisse auf dem Planeten Erde könnte die Menschheit hingegen potentiell noch etwa eine Milliarde Jahre fortexistieren.

64) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Neolithische_Revolution

65) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hochkultur_(Geschichtswissenschaft)

66) In seinem Buch: „Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten“ zeigt der Politologe und Anthropologe James C. Scott auf, in welchem Umfang der Mensch selber vom Prozeß der Domestikation erfaßt und verändert wurde: Im Zuge des Prozesses der Domestikation traten wie bei domestizierten Tieren auch beim Menschen sowohl anatomische Veränderungen, als auch Verhaltensänderungen auf, darunter ein neuartiges Herdenverhalten, das die Entstehung und das Leben in Massengesellschaften ermöglichte. Zudem entstanden zahlreiche neuartige Krankheiten, die es in der Menschheitsgeschichte zuvor nicht gab. Es änderte sich das Reproduktionsverhalten des Menschen mit der Folge stark erhöhter Fruchtbarkeitsraten, die die erhöhte Mortalitätsrate durch die zahlreichen neuentstandenen Krankheiten mehr als ausglichen und die ein Bevölkerungswachstum zur Folge hatten. Von den neu entstandenen Staaten wurde dieses Bevölkerungswachstum aus machpolitischen Gründen gefördert, um die Anzahl der den Macheliten der frühen Staaten unterworfenen Arbeitskräfte, Steuerzahler und Soldaten zu erhöhen. Vgl.: James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten. 2022, Berlin.

67) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hydraulische_Gesellschaft

68) Vgl.: Karl August Wittfogel: Die Orientalische Despotie. Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht. Frankfurt am Main, 1981. In seinem Werk „Die Orientalische Despotie“ entwickelt der Soziologe Karl August Wittfogel (1896-1988) mit dem Begriff der „Hydraulischen Gesellschaft“ ein Modell der Entstehung von Herrschaft und cephaler, hierarchischer, arbeitsteiliger, bürokratischer, zentralverwalteter, staatlich organisierter Gesellschaften als eine Folge postglazialen Klimawandels.

69) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Despotie

70) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Postglazial
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimawandel

71) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schrift
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Schriften_der_Welt

72) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bürokratie

73) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dogma

74) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Keilschriftrecht

75) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Buchreligion

76) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Algorithmus

77) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Şanlıurfa

78) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Seleukos_I.

79) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schule_von_Edessa

80) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Marwaniden

81) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Kreuzzug
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzzug

82) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Urban_II.#Kreuzzugsaufruf
Entgegen den von Papst Urban II. im Jahre 1095 verkündeten Intentionen, Pilgern den ungehinderten Zugang nach Jerusalem zu ermöglichen und das bedrängte Byzantinische Reich zu unterstützen, wurden die Kreuzzüge von den europäischen Fürsten dazu genutzt, um untereinander um territoriale und wirtschaftliche Vorteile zu konkurrieren, sodaß Folge und Ergebnis der Kreuzzüge der Untergang des Byzantinischen Reiches war und sich das Osmanische Reich bis nach Mitteleuropa vor die Tore der Stadt Wien ausdehnen konnte. 

83) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Balduin_I._(Jerusalem)

84) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Grafschaft_Edessa

85) Vgl: https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzfahrerstaaten

86) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham

87) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nimrod#Islam

88) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Harran

89) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Göbekli_Tepe

90) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Diyarbakır

91) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtmauer_von_ Diyarbakır

92) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Armenisches_Hochland

93) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Armenier
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Armenier_in_der_Türkei

94) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkermord_an_den_Armeniern
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Turanismus#Erster_Weltkrieg

95) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Westarmenien

96) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ostarmenien

97) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Imperium_Romanum

98) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sassanidenreich

99) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Safawiden

100) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Kongress

101) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Russisches_Kaiserreich

102) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratische_Republik_Armenien

103) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Alexandropol

104) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Kars

105) Vgl. Anmerkungen 8 und 9.

106) Vgl.: Udo Steinbach: Vom Osmanischen Reich zum EU-Kandidaten: Ein historischer Bogen. S. 53. In: Udo Steinbach (Hg.): Länderbericht Türkei. 2012, Bonn. S. 12-83.

107) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Millet-System

108) Siehe: Gerhard Schweizer: Türkei verstehen. Von Atatürk bis Erdoğan. 2016, Stuttgart. S. 85.

109) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Diyarbakır
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Diyarbakır#Vernichtung_der_religiösen_Minderheiten

110) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_an_den_Armeniern_1894-1896
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Armenierfeindlichkeit

111) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mardin

112) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konzentrationslager_Deir_ez-Zor

113) Zitiert nach: Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei. 2011, Bonn. S. 23.

114) Siehe: Gerhard Schweizer: Türkei verstehen. Von Atatürk bis Erdoğan. 2016, Stuttgart. S. 100.

115) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachpolitik
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachimperialismus

116) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnensprachtheorie

117) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Syrisches_Christentum

118) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnisch-religiöse_Gruppe

119) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Assyrer_(Gegenwart)

120) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Aramäer_(Gegenwart)

121) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkermord_an_den_syrischen_Christen

122) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Cizre

123) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Autonome_Region_Kurdistan

124) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkerbund

125) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurden

126) Vgl.: Gerhard Schweizer: Türkei verstehen. Von Atatürk bis Erdoğan. 2016, Stuttgart. S. 126.

127) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurden_in_der_Türkei

128) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Minderheiten_der_Türkei

129) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Minderheit

130) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Minderheitenschutz
Der nach dem Ersten Weltkrieg im Versailler Vertragssystem
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensvertrag_von_Versailles
eingerichtete Minderheitenschutz funktionierte nicht. Der im Versailler Vertrag vorgesehene Minderheitenschutz und dessen Scheitern in der Zwischenkriegszeit wird von diesem Wikipedia-Artikel verschwiegen.

Die Folge war, daß die Zwischenkriegszeit geprägt war durch eine Vielzahl von bewaffneten Auseinandersetzungen:
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwischenkriegszeit#Bewaffnete_Auseinandersetzungen
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Dreißigjähriger_Krieg#Bewaffnete_Auseinandersetzungen_der_Zwischenkriegszeit
Diese bewaffneten Auseinandersetzungen in der Zwischenkriegszeit waren eine wesentliche Voraussetzung dafür, daß ein neuer großer Krieg in Europa entstehen konnte. Während nahezu sämtliche Akteure sich bemühten, die Konflikte und Krisen der Zwischenkriegszeit zu vermehren und zu forcieren, war der Völkerbund mit der Bearbeitung und Moderation dieser immer weiter anwachsenden und sich zuspitzenden Probleme letztlich überfordert.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Minderheitenschutz#Minderheitenschutz_des_Völkerbunds

131) Siehe: Michaela Wimmer, Joachim Spiering, Berhard Michalowski: Brennpunkt: Die Kurden. Ein Volk kämpft um das Überleben. Hintergründe, Geschichte, Analysen. 1991, München. S. 53.

132) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Sèvres_(Osmanisches_Reich)
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Sèvres-Syndrom

133) Vgl. Anmerkung 8 und 9.

134) Siehe: Harald Weiss: „Um zu überleben, müssen wir für uns selbst kämpfen“. Die Kurden in der Türkei. S. 142. In: Bahman Nirumand (Hg.): Die kurdische Tragödie. Die Kurden – verfolgt im eigenen Land. 1991, Reinbek bei Hamburg. S. 140-155.

135) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Osmanisches_Reich#Politische_Geschichte
Das Osmanische Reich und weitere islamische Imperien des Mittelalters
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kalifat
Und: https://de.wikipedia.org/wiki/Mogulreich#Geschichte
waren Sklavenhaltergesellschaften
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sklaverei_im_Islam
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Sklaverei#Sklaverei_im_arabischen_Raum
und Militärimperien. Der gesamte Staatsapparat und das Militär basierten auf dem Prinzip der Sklaverei. Als Tributleistung wurden von den eroberten und unterworfenen Bevölkerungen, überwiegend Christen, ein Teil von deren Kindern gefordert und eingezogen, die sogenannten „Knabenlese“.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Knabenlese
Diese verschleppten Kinder wurden zum Islam zwangsbekehrt, indoktriniert und zu treu ergebenen Dienern des Herrschers erzogen. Sie fanden nun Verwendung im Staatsapparat, wo sie die dem Herrscher untergebene Bevölkerung verwalteten, und im Militärapparat, dessen Grundlage Sklavenarmeen waren
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Knabenlese#Herkunft_und_Funktion_der_Dev şirme:_die_Institution_der_„Sklavenarmeen“
Diese Militärsklaven wurden Mamluken genannt
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Mamluken
und Janitscharen
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Janitscharen
Während das Christentum, das in der östlichen Mittelmeerregion vergleichbar mit dem Buddhismus ebenfalls durch einen synkretistischen Kulturaustausch mit dem Hellenismus entstanden war, und das im Imperium Romanum anfänglich als eine sozialrevolutionäre Bewegung wirkte, bis es dort Staatsreligion wurde, die Sklaverei der Antike in seinem Einflußbereich überwand und abschaffte, bildet der Islam dazu eine radikale Gegenbewegung, indem er als eine Religion der Eroberer und der Herrscher die Sklaverei der Antike ausweitet und zum staatstragenden Prinzip der Herrschaft und deren Expansion macht. Damit wird die Sklaverei der Antike intensiviert, räumlich ausgeweitet und über das Mittelalter hinweg in die Neuzeit tradiert und transportiert.

136) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vielvölkerstaat

137) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Türken#Geschichte

138) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Byzantinisches_Reich
Die Duldung der Ansiedlung der Türken im Hochland von Anatolien hat sich für das Byzantinische Reich als fatal erwiesen. Die Türken begannen, die Karawanen der Seidenstraße zu plündern, deren bedeutendster westlicher Endpunkt die Weltmetropole Konstantinopel war, und die von ihnen gegründeten Staaten, das Sultanat der Rum-Seldschuken
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sultanat_der_Rum-Seldschuken 
und dessen Nachfolger, das Osmanische Reich, eroberten dann nacheinander sämtliche Städte und Territorien des Byzantinischen Reiches, bis das Osmanische Reich letztlich gänzlich den Raum des Byzantinischen Reiches eingenommen hatte und an dessen Stelle getreten war. Der kulturhistorische Prozeß der Hellenisierung
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hellenisierung
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Hellenismus
wurde nun durch eine gegenläufigen Prozeß der Türkisierung abgelöst, der bis in die Gegenwart anhält:
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Türkisierung_der_Türkei#Türkisierung_im_Osmanischen_Reich

139) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Türkische_Geschichtsthese

140) Siehe: Inga Rogg: Türkei, die unfertige Nation. Erdoğans Traum vom Osmanischen Reich. 2018, Bonn. S. 197.

141) Vgl.: Jürgen Roth u.a.: Geographie der Unterdrückten. Die Kurden: Bilder und Texte über Geschichte, Kultur, Lebensverhältnisse und Freiheitskämpfe einer Minderheit. 1978, Reinbek bei Hamburg. S. 198.

142) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeiterpartei_Kurdistans

143) Siehe: Günter Behrendt: Der kurdische Nationalismus in der Türkei. S. 95-96. In: Kurdistan-AG AStA-FU Berlin; Kurdologie-AG der Uni Hamburg (Hg.): Kurdologie. Studien zu Sprache, Geschichte, Gesellschaft und Politik Kurdistans und der Kurdinnen und Kurden. 1994, Berlin. S. 83-99.

144) Vgl.: Nezan Kendal: Die Kurden: Geschichte und Gegenwart. Zur Einführung. S. 30. In: Kurdistan-AG AStA-FU Berlin; Kurdologie-AG der Uni Hamburg (Hg.): Kurdologie. Studien zu Sprache, Geschichte, Gesellschaft und Politik Kurdistans und der Kurdinnen und Kurden. 1994, Berlin. S. 29-42.

145) Siehe: Günter Seufert: Ethnien und Ethnizität: Die Kurden und andere Minderheiten. S. 241. In: Udo Steinbach (Hg.): Länderbericht Türkei. 2012, Bonn. S. 232-263.

146) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bodendegradation

147) Vgl.: Jürgen Roth u.a.: Geographie der Unterdrückten. Die Kurden: Bilder und Texte über Geschichte, Kultur, Lebensverhältnisse und Freiheitskämpfe einer Minderheit. 1978, Reinbek bei Hamburg. S. 191.

148) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Überweidung

149) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hakkâri

150) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alpine_Höhenstufe

151) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Van_(Türkei)

152) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vansee

153) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Limnologie

154) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Endorheisch

155) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Steppensee

156) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Natronsee

157) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/System_der_zentralen_Orte

158) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hoher_Flüchtlingskommissar_der_Vereinten_Nationen

159) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Urartäisches_Reich

160) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Abenteuerreise#Überlandreisen

161) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wald-_und_Baumgrenze

162) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jandarma

163) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Polizei_(Türkei)

164) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Doğubeyazıt

165) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ishak-Pascha-Palast

166) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ararat

167) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrradreise
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Reiserad
Eine gute Planungsgrundlage für Fahrradreisen bieten die folgenden Fahrrad-Reiseführer:
Herbert Lindenberg: Europa per Rad. 8. Auflage 2022, Markgröningen (Reise Know-How Verlag).
Thomas Schröder, Helmut Hermann: Fahrrad Weltführer. 4. Auflage 2016. Markgröningen (Reise Know-How Verlag).
Neil Pike, Harriet Pike: Adventure Cycle-Touring Handbook. Worldwide Cycling Route & Planning Guide. 3. Auflage 2015, Hindhead (Surrey) (Trailblater Publications).

168) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Entwaldung

169) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kars

170) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Armenische_Bagratiden

171) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Timur

172) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ani_(historische_Stadt)

173) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Achurjan

174) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Armenien#Armenisches_Königreich_von_Bagratiden
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Armeniens

175) Siehe: Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei. 2011, Bonn. S. 55.

176) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Türkisierung_geographischer_Namen_in_der_Türkei

177) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bergkarabach

178) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bergkarabachkonflikt

179) Siehe: Jürgen Gottschlich: Türkei. Erdoğans Griff nach der Alleinherrschaft. 2016, Bonn. S. 18-19.

180) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Militärputsch_in_der_Türkei_1980

181) Siehe: Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei. 2011, Bonn. S. 26-27.

182) Vgl. hierzu meinen Text: „Der moderne Nationalismus als eine politische Religion – Über die Konstruktion der Nation im Zeitalter des modernen Nationalismus“. Dieser Text kann auf meiner Internetseite aufgerufen und gelesen werden:
https://manfred-suchan.jimdosite.com/geschichtspolitik/

183) Siehe: Udo Steinbach: Vom Osmanischen Reich zum EU-Kandidaten: Ein historischer Bogen. S. 38. In: Udo Steinbach (Hg.): Länderbericht Türkei. 2012, Bonn. S. 12-83.

184) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Beitrittsverhandlungen_der_Türkei_mit_der_Europäischen_Union
Vgl. auch: Claus Leggewie (Hg.): Die Türkei und Europa. Die Positionen. 2004, Frankfurt am Main.

185) Vgl. Anmerkung 45.

186) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Chronisch_obstruktive_Lungenerkrankung

187) Vgl. hierzu Kapitel 9 „Naturschutz und Tourismus als Bestandteile von Entspannungspolitik“ meines Textes „Ein Winter im Skandinavischen Gebirge - Erlebnisse an der nördlichen Periferie Europas im Winter 2013/2014“. Dieser Text kann auf meiner Internetseite aufgerufen und gelesen werden:
https://manfredsuchan.net/ein-winter-in-schweden-09

188) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tiefer_Staat_in_der_Türkei
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Gladio

189) Siehe: Dietrich Jung: Das politische Leben: Institutionen, Organisationen und politische Kultur. S. 93-94. In: Udo Steinbach (Hg.): Länderbericht Türkei. 2012, Bonn. S. 86-120.

190) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Industrialisierung_der_Sowjetunion
Ermöglicht wurde die forcierte Industrialisierung und Modernisierung der Sowjetunion auf Grundlage der Unterdrückung der Bauern und deren Ausbeutung als einer „Inneren Kolonie“ während der Zwangskollektivierung
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwangskollektivierung_in_der_Sowjetunion
die im Rahmen des ersten Fünfjahresplans
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Industrialisierung_der_Sowjetunion#Der_erste_Fünfjahresplan
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Fünfjahresplan#Sowjetunion
im Zuge der Industrialisierung der Sowjetunion durchgeführt wurde, was eine schwere Hungersnot
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot_in_der_Sowjetunion_in_den_1930er_Jahren
zur Folge hatte. Hierbei erfolgte im Zeitraum von 1929 bis 1933 eine sogenannte „Entkulakisierung“.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Entkulakisierung
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Tragödie_von_Nasino
Diese „Entkulakisierung fand ihre Fortsetzung in der sogenannten „Kulaken-Operation“ des NKWD, die auf Grundlage des NKWD-Befehls Nr. 00447 vom 30. Juli 1937 erfolgte.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NKWD-Befehl_Nr._00447
Von August 1937 bis November 1938 wurden dabei 800.000 bis 820.000 Personen verhaftet, davon mindestens 350.000 – eventuell bis zu 445.000 – erschossen, die übrigen in Straflager des Gulags eingewiesen.
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gulag
Im Modernisierungsterror erweist sich der „Große Terror“ Stalins als Bestandteil des Terrors des Zeitalters der industriellen Moderne.

191) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Stalin

192) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tiflis

193) Siehe: Dieter Boden: Georgien. Ein Länderportrait. 2018, Bonn. S. 84.

194) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Georgische_Heerstraße

195) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wladikawkas

196) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stepanzminda

197) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kasbek

198) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gergetier_Dreifaltigkeitskirche

199) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratische_Republik_Armenien
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Armenien#Erster_Weltkrieg_und_Unabhängigkeit

200) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Jerewan

201) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Nansen-Pass
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Fridtjof_Nansen#Humanitäre_Leistungen_als_Diplomat

202) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialistischer_Klassizismus

203) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Zizernakaberd

204) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Leugnung_des_Völkermords_an_den_Armeniern
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Völkermord_an_den_Armeniern#Bewertung_in_der_Türkei

205) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtspolitik

206) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsbild

207) Siehe: Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei. 2011, Bonn. S. 38-39.

208) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Gori

209) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Josef-Stalin-Museum

210) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lawrenti_Beria

211) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stalinsche_Säuberungen

212) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Großer_Terror_(Sowjetunion)

213) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/NKWD

214) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Stalinismus#Personenkult
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Personenkult#Realsozialismus

215) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Uplisziche

216) vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Batumi

217) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzes_Meer

218) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Nobel#Ölgeschäft

219) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Petroleum-Union

220) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Trabzon

221) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Königreich_Pontos

222) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eroberung_von_Konstantinopel_(1204)
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerungen_und_Eroberungen_von_Konstantinopel

Die Eroberung und Plünderung der Weltmetropole Konstantinopel
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantinopel
im Jahre 1204 n. Chr. während des Vierten Kreuzzuges
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eroberung_von_Konstantinopel_(1204)
sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Vierter_Kreuzzug
wobei insbesondere der Republik Venedig
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Republik_Venedig#Kreuzzugsflotte_(1123),_offener_Konflikt_mit_Byzanz_(1124,_ab_1171),_Vierter_Kreuzzug_(1201-1204)

Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Seerepubliken
eine entscheidende Rolle zukommt, und die Errichtung des Lateinischen Kaiserreiches
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Lateinisches_Kaiserreich
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Rückeroberung_von_Konstantinopel_1261
leiteten den Untergang des Byzantinischen Reiches ein, und dieser Untergang fand mit der Eroberung Konstantinopels durch das expandierende Militärimperium des Osmanischen Reiches im Jahre 1453
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Eroberung_von_Konstantinopel_(1453)
seinen Abschluß. Die Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1453 gilt als ein Markstein der Epochenwende vom Mittelalter zur Neuzeit.

223) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Vierter_Kreuzzug#Wendung_gegen_Byzanz

224) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserreich_Trapezunt

225) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pontosgriechen
Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Osmanische_Griechen
Sowie: https://de.wikipedia.org/wiki/Griechenverfolgungen_im_Osmanischen_Reich_1914-1923

226) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Republik_Pontos

227) Vgl. Anmerkungen 8 und 9.

228) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hagia_Sophia_(Trapezunt)

229) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Sumela

230) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Megastadt

231) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Istanbul

232) Vgl.: Malte Fuhrmann: Konstantinopel – Istanbul. Stadt der Sultane und Rebellen. 2019, Frankfurt am Main. S. 359.

233) Vgl. ebenda. S. 351-352.

234) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Hagia_Sophia

235) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Justinian_I.#Bautätigkeit

236) Mein Reiseerlebnisbericht meiner Fahrradreise durch das südöstliche Europa im Jahre 2023 kann mit zahlreichen Fotos auf meiner Internetseite aufgerufen und gelesen werden:
https://manfredsuchan.net/fahrradreise-suedoestliches-europa

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Rucksackreise Kleinasien 2012 – Ein Reiseerlebnisbericht. Textversion 03
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Manfred SUCHAN
Geograf
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Über meine Reisen berichte ich auf meinen Internetseiten:
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Grenzen überschreiten, 

Horizonte erweitern


In der modernen Massengesellschaft bestimmen die Massenmedien die öffentliche Meinung und das, was wir als unhinterfragte Tatsachen akzeptieren und hinnehmen sollen und das, was wir als Wahrheit glauben sollen. In allen Bereichen werden wir heute durch Spezialisten und Experten entmündigt, und eigene Forschungen und Recherchen sind unerläßlich, um sich selbstständig ohne Anleitung durch Andere eine unabhängige und kompetente eigene, fundierte und begründete Meinung bilden zu können. Wir sind aufgefordert, uns selbst darüber zu informieren, was in der Welt der Fall ist, und selbst herauszufinden, wie die Welt beschaffen ist.  

Denke selbst, 

glaube nichts, 

überprüfe alles. 

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Bild nebenan: Am Beginn einer Schneeschuhtour mit einer Tourengruppe auf das Fulufjell am 01.04.2015 

Reisen, Expeditionen


Grenzen überschreiten, Horizonte erweitern. 
Selbst sehen, was in der Welt der Fall ist.
Selbst herausfinden, wie die Welt beschaffen ist.

Über meine Reisen berichte ich auf meinen Internetseiten:

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Bild nebenan: Unterwegs auf dem Mindelheimer Klettersteig in den Allgäuer Alpen am 21.07.2021

Auf dem Kahlen Fjell in Jotunheimen beim Paß Valdesflya (1389 m) am 23.08.2011 während meiner Fahrradreise in südwestlichen Skandinavien im Sommer 2011.